Die Werteforschung von heute nutzt einem interdisziplinaren Ansatz, um Antworten auf die soziokulturellen Herausforderungen moderner Gesellschaften zu finden, indem sie Einstellungs- und Wertveränderungen von Menschen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen transparent macht. Dabei lässt sich der Wertewandel grundsätzlich anhand plötzlicher Geschehnisse und tiefgreifender Ereignissen sowie an kontinuierlichen Veränderungsprozessen ablesen, die bis heute zu keinem Stillstand geführt haben.
Vor dem Hintergrund zunehmend enttäuschender Berichte durch die Medien über die Nichteinhaltung universell geltender Werte, wie Ehrlichkeit, Anstand und Gerechtigkeit seitens gieriger Politiker und schamloser Wirtschaftsbosse, erlebt die Wertforschung aktuell ein großes Interesse.
Von der Nachkriegszeit bis Mitte der sechziger Jahre standen traditionelle Werte und das Pflichtbewusstsein gegenüber der Familie, dem Arbeitgeber und dem Staat im Vordergrund des deutschen Bürgers. Weiterhin stand primär die Befriedigung existenzieller Bedürfnisse, wie die der Geselligkeit, des Wohnens und der Nahrungsaufnahme im Mittelpunkt des Interesses.
Im Jahrzehnt zwischen 1962 und 1975 kam es zu einem „Wertewandelsschub“, der die bisherige Pflichtkultur ablöste, und Raum für eine Kultur der Selbstverwirklichung schuf. Vor allem die Entflechtung des Bürgers von der Institutionen-Verbundenheit, führte zu einer Stärkung des Individuums, das von nun an immer mehr nach politischer, geistiger und vor allem, persönlicher Selbstverwirklichung strebte, wobei sich dieser Anspruch, mit Beginn der 1980er-Jahre, zunehmend verstärkte.
Die 1980er-Jahre standen im Zeichen des bürgerlichen Wunsches nach mehr Freizeit und dessen “Erleben“, und Realisierung in Form eines anspruchsvollen und individualisierten Lebensstils. Diese Epoche, die mit dem Stichwort „Erlebnisgesellschaft“- oder kritisch auch „Spaßgesellschaft“- Eingang in die Geschichtsbücher fand, stieß einen Trend an, der in Verbindung mit Individualisierungs- und Selbstverwirklichungstendenzen noch immer nicht abgeschlossen ist und sich über die Gegenwart hinaus fortsetzt.
Es ist dem Wertewandel in Deutschland zu verdanken, dass Gesundheit zu einem der bedeutendsten individuellen Themen avancieren konnte und somit zahlreiche gesellschaftliche Bewegungen initiiert hat, von denen eine der Wichtigsten die der individuellen Selbstverantwortung darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Wertewandel innerhalb der deutschen Gesellschaft
1.1. Die Bedeutung allgemeingültiger Werte in der Gegenwart
1.2. Die historische Entwicklung des Wertewandels in Deutschland
1.3. „Lebensqualität“ als Leitwort des 21. Jahrhunderts
2. Vom Gesundheitswesen zum Gesundheitsmarkt
2.1. Treiber der Veränderung
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den gesellschaftlichen Wertewandel in Deutschland und dessen tiefgreifende Auswirkungen auf die Strukturen des Gesundheitswesens. Das primäre Ziel ist es, die Treiber dieses Wandels zu identifizieren und aufzuzeigen, wie sich das Gesundheitswesen infolgedessen von einem anbieterorientierten System hin zu einem modernen, nachfrageorientierten Gesundheitsmarkt transformiert.
- Historische Analyse des Wertewandels in der deutschen Gesellschaft.
- Die Rolle der "Lebensqualität" als zentrales Leitmotiv des 21. Jahrhunderts.
- Der Wandel vom Gesundheitswesen zum Gesundheitsmarkt als Konsequenz veränderter Patientenbedürfnisse.
- Einfluss der drei Säulen Individualisierung, Bildung und Gesundheit auf das Patientenverhalten.
- Die Notwendigkeit einer neuen Strategie für Leistungserbringer im Gesundheitssektor.
Auszug aus dem Buch
2.1 Treiber der Veränderung
Die drei wesentlichen Triebkräfte, die vom Patienten ausgehen und das Gesundheitswesen zu einem Gesundheitsmarkt transformieren sind: Ein neues Verhältnis zum eigenen Körper, die Einnahme einer kritischen Grundhaltung gegenüber der Schulmedizin und die Ansammlung medizinischen Wissens.
Vom Gesundheitswesen nahezu unbemerkt, hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte eine neue Sichtweise des Menschen auf seinen Körper entwickelt, die heute eine vollkommen andere ist, als sie es einmal war: So galt der Körper früher als reine fleischliche Hülle, die keinen hohen Stellenwert besaß, sondern vielmehr ein Mittel zum Zweck war und daher seine ihm zugewiesenen Funktionen zu erfüllen hatte. Einmal erkrankt, vertraute der Patient vollkommen auf das Urteilsvermögen seines Arztes und dessen Therapie. Er hoffte zwar auf eine Besserung seines Zustandes, nahm jedoch an, dass dieser außerhalb seines Einflussbereiches lag: Das Schicksal des Menschen, so der damalige Konsens, liegt nur in der Hand Gottes und seinem menschlichen Erfüllungsgehilfen, in Person des Arztes.
Die heutige Sichtweise steht in vollkommenem Gegensatz zur der soeben skizzierten, traditionellen Denkweise: Sie wird dominiert von dem Wunsch, sich in seinem Körper wohl zu fühlen und offenbart die Erkenntnis, dass der Ausgangspunkt jeglicher Lebensqualität, von einem gesunden Körper abhängig ist.
Der Anspruch nur gesund zu sein, reicht dabei jedoch nicht mehr aus: Der Mensch des 21. Jahrhunderts möchte gesund sein, sich wohlfühlen und gut aussehen, d.h. seiner Umwelt auch zeigen, dass er gesund ist. Gesundheit besitzt somit in unseren Tagen auch eine ästhetische Komponente, die zunehmend auch medial in Erscheinung tritt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Wertewandel innerhalb der deutschen Gesellschaft: Dieses Kapitel analysiert die historische Entwicklung gesellschaftlicher Werte in Deutschland, von der Pflichtkultur der Nachkriegszeit bis hin zur modernen Kultur der Selbstverwirklichung und der damit einhergehenden Priorisierung von Lebensqualität.
2. Vom Gesundheitswesen zum Gesundheitsmarkt: Hier wird der Prozess beschrieben, in dem sich das Gesundheitswesen aufgrund veränderter Patientenanforderungen und neuer individueller Ansprüche in einen nachfrageorientierten Markt transformiert.
3. Zusammenfassung: Dieses Kapitel rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über den Wertewandel und dessen Auswirkungen auf das Gesundheitswesen sowie die identifizierten Haupttreiber dieser Entwicklung.
Schlüsselwörter
Wertewandel, Gesundheitswesen, Gesundheitsmarkt, Lebensqualität, Individualisierung, Selbstverwirklichung, Patientenverhalten, Prävention, Schulmedizin, Eigenverantwortung, Wissensgesellschaft, Kulturkompetenz, Gesundheitskultur, Konsumgut, Arzt-Patienten-Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des gesellschaftlichen Wertewandels in Deutschland und untersucht, wie dieser Prozess die Struktur und die Akteure des deutschen Gesundheitswesens fundamental verändert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung gesellschaftlicher Normen, die Bedeutung der Lebensqualität, der Trend zur Individualisierung sowie die Veränderung des Gesundheitswesens hin zu einem kundenorientierten Markt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Transformationsprozesse im Gesundheitswesen aufzuzeigen, die durch ein neues Patientenbewusstsein, den Wunsch nach Selbstverantwortung und eine kritische Haltung gegenüber traditionellen medizinischen Strukturen entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine interdisziplinäre Analyse und wertet empirische Daten sowie soziologische Erkenntnisse aus, um den Zusammenhang zwischen Wertewandel und Marktentwicklung im Gesundheitssektor zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Wertewandel-Tendenzen (Individualisierung, Bildung, Gesundheit) und die daraus resultierende Notwendigkeit für das Gesundheitswesen, auf die geänderten Bedürfnisse des "mündigen Patienten" zu reagieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören Wertewandel, Gesundheitsmarkt, Lebensqualität, Individualisierung und die veränderte Arzt-Patienten-Kommunikation.
Wie hat sich das Patientenbild in den letzten Jahrzehnten verändert?
Vom passiven Empfänger medizinischer Leistungen, der dem Arzt blind vertraute, hat sich der Patient zu einem aktiven, selbstverantwortlichen Kunden entwickelt, der Informationen einholt und Therapieoptionen kritisch hinterfragt.
Welche Rolle spielt das Internet bei diesem Wandel?
Das World Wide Web dient als Informationsquelle, die den Patienten befähigt, medizinisches Wissen anzusammeln und so sein Selbstbewusstsein gegenüber Leistungserbringern im Gesundheitswesen zu stärken.
Was bedeutet der Begriff "Lebensqualität" im Kontext dieser Arbeit?
Lebensqualität ist das zentrale Leitwort des 21. Jahrhunderts, welches materielle Aspekte übersteigt und heute maßgeblich auf den Säulen Individualisierung, Bildung und Gesundheit basiert.
- Citation du texte
- Ahmed Abdelmoumene (Auteur), 2011, Gesellschaftlicher Wertewandel in Deutschland – Historie und Treiber eines sich verändernden Gesundheitswesens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199726