Frametheorien: Ein nützliches Konzept auch für die Lexikologie?


Hausarbeit, 2010

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Frametheorien
2.1 Allgemeine Definition von Frames
2.2 Die gegenwärtige Forschungsdiskussion
2.2.1 Die Theorie von Klaus-Peter Konerding
2.2.2 Die Theorie von Alexander Ziem
2.3 Der Nutzen von Frametheorien für die Lexikologie

3. Fazit und Ausblick

4. Bibliographie

1. Einleitung

Der Mensch kann zu Ereignissen, Informationen und Sachverhalten, die in Texten nicht explizit erläutert werden, bestimmte Zusammenhänge und Vorstellungen abrufen, wie etwas zu sein oder abzulaufen hat1. Die Erkenntnis, dass diese stereotypen Rahmen der Wissensadaption großen Teilen unseres Alltagsdenkens und -handelns zu Grunde liegen, führte zu den Rahmentheorien, kurzum den Frames.

In dieser Arbeit möchte ich mich eingehender mit der Idee der sogenannten Frames beschäftigen: Wie werden Frames in der Linguistik definiert, welche Frametheorien gibt es und wie finden diese Theorien ihre Anwendung im Gebrauch? Ist es auch möglich sich diese Theoriekonzepte in der Lexikologie zum Nutzen zu machen?

In der nachfolgen Untersuchung werde ich eingangs erst einmal Grundsätzliches zum Fra- mebegriff vorstellen und darüber hinaus kursierende Ideen zum Umgang sowie zur Be- stimmung der Frames erläutern. Dabei gehe ich auch der Frage nach, inwiefern die Prob- lematik der empirischen Belegung von Frametheorien bzw. von Theoriebildungen, die mit einem Framebegriff arbeiten, behoben werden kann. Denn wie sind Frames empirisch nachweisbar, da sie doch auf Welt- und Handlungswissen fußen, das individuell angeeig- net wird und zudem auch noch kulturell abhängig ist? Demnach dürfte es theoretisch gar nicht möglich sein, universal anwendbare Framekonzepte zu entwerfen. Dennoch aber hat sich die Forschung bereits seit Mitte der siebziger Jahre wiederholt an Frametheorien ver- sucht - sowohl in Bereichen der Linguistik, der Psychologie als auch der Künstlichen Intel- ligenz2. Der Anspruch einen kompletten Abriss der Frameforschungsgeschichte darzustel- len würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen und daher beschränke ich mich auf die gegenwärtigen Debatten in der sprachwissenschaftlichen Forschung. Hierbei werde ich mich insbesonders den Frametheorien und Anwendungskonzepten von Klaus-Peter Konerding sowie Alexander Ziem zuwenden, diese gegeneinander abwägen und versuchen deren Plausibilität zuüberprüfen.

Letztendlich möchte ich noch den Nutzen von Frames für die Lexikologie betrachten und abschätzen, ob jene in diesem Bereich der Linguistiküberhaupt eine Erkenntnisgenerierung oder eine Hilfestellung mit sich bringen können.

2. Frametheorien

An der Bedeutung und der Funktion der sogenannten Frames scheiden sich in der linguistischen Forschung die Geister. Die Differenz beginnt bereits bei der einfachen Definition und zieht sich weiter durch die gesamten Versuche der Theoriebildung.

2.1 Allgemeine Definition von Frames

Der Framebegriff als stereotypische Wissensrepräsentation wurde erstmals 1975 durch den amerikanischen Forscher Marvin Minsky in die Linguistik eingeführt. Ihren Ursprung ha- ben Frames im Schemabegriff der Kognitionspsychologie und sie wurden für die kognitive Linguistik weiterentwickelt3. Darüber hinaus gibt es die sogenannten semantischen Fra- mes, die Charles J. Fillmore4 ebenfalls 1975/‘76 zuerst vorstellte und welche die linguisti- sche Semantik mit dem Weltwissen verbinden. Basis dafür ist, dass um die Bedeutung ei- nes Wortes erfassen zu können, das komplette zugehörige Schemawissen, also der Frame, aktiviert werden muss. Im weiteren Verlauf werde ich bei den folgenden Erläuterung im- mer auf semantische Frames Bezug nehmen.

Frames selbst sind demnach Rahmen, in denen nicht geschilderte Sachverhalte automatisch und ohne große Anstrengung angenommen werden können, da das thematische Umfeld die benötigten Informationen liefert5. In der Psycholinguistik wird dieses Phänomen auf die Wirksamkeit der Merkmalserkennung zurückgeführt. Es gehört demnach zu den Merkmalen eines Begriffes zu einem Frame zugeordnet zu werden, zu dem auch ein anderer Begriff mit den gleichen Merkmalen gehört. So hängen beispielsweise Banane und Kirscheüber ein Merkmal zusammen, dass sie dem Frame „Frucht“ zuordnet.6 Auf Grund dessen muss bei der Interpretation eines sprachlichen Zeichens der Bezugsrahmen, der konstitutiv für unsere Wahrnehmung von Realität ist, untersucht werden7.

Allgemein lässt sich eine Frametheorie als Konzept verstehen, das voraussetzt, dass der Leser ein bestimmtes Wissen während der Textlektüre einsetzt, um nötige Informationen zu einem Thema abzurufen. So können die im Text nicht mitgegebenen Informationen und Zusammenhänge erschlossen werden. Kurz gesagt, findet eine Interaktion zwischen Text und Weltwissen statt8 und eine Adaption von Wissen findet situationsbedingt statt, wie in diesem Beispiel: „John verbrannte sich die Hand, weil er den Herd berührte.“ Bei dieser Information muss der Leser auf sein Weltwissen zurückgreifen, das ihm sagt „Der Herd war heiß“, um das Geschehen vollständig zu begreifen9.

Besonderer Popularität erfreut sich gerade im Bereich der Textlinguistik auch die Frameund Script Theorie, die das bekannte und jeweils aktivierte Welt- und Handlungswissen beschreibt - wobei hier das Weltwissen (Frame) einen statischen und das Handlungswissen (Script) einen prozessualen Wissensbestand klassifiziert10. Damit gelingt es, die Verknüpfung der beiden Wissensbestände und die in einem Text oder in einer Kommunikation vermittelten sprachlichen Informationen nachzuvollziehen. Die Schwierigkeit bei der Untersuchung liegt allerdings darin, dass Frame- und Script-Bereich nicht klar zu trennen sind und zudem eng miteinander zusammenhängen.

2.2 Die gegenwärtige Forschungsdiskussion

Wie ich bereits angerissen habe, kursieren in der Linguistik diverse Theorien zum Thema Frames. Besonders herausragend sind die Entwürfe und Ansätze von Alexander Ziem und Klaus-Peter Konerding.

2.2.1 Die Theorie von Klaus-Peter Konerding

Konerding stellt ein Programm vor, das Frames als stereotype Erinnerungsmuster klassifiziert und sich teils an Minsky orientiert11.

Demnach kann ein Leser einen Text nur verstehen, wenn er auf außertextliche Referenzen (Weltwissen) zurückgreifen kann12. Dabei wird nicht nur ein Frame aktiviert, sondern es werden vielmehr speziellere Frames inübergeordnete, thematische Framestrukturen ein- geordnet. Ein Grundproblem liegt allerdings darinüberhaupt vorab erst einmal festzustel- len, was eigentlich unter dem Begriff Wissen zu verstehen ist, das in Modellen kulturspezi- fischen Weltwissens und Enzyklopädiemodellen Einzug findet. Konerding schlägt die Ar- beitsdefinition vor, in der er Wissen als „Gesamtheit der Kenntnisse, die jemand hat und die in kulturellen Praktiken fundiert ist“ kategorisiert13. Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass dieses individuenspezifische, verfügbare Wissen generell in Form von Frames unref- lektiert zum Einsatz kommt.

Auch Konerding erkannte damit 14 bereits die Kulturspezifität angefangen vom Wissensbe- griff bis zu den Frames und Skripts, die damit einen sprachlichen Ausdruck und den damit verbundenen Wissensrahmen kulturell konstituieren15. Ein Verstehen dieses Rahmens ist nur auf Grundlage der entsprechenden Sozialisation möglich16. Er versteht das Alltagswis- sen als prozedurales Wissen, das aus sozialen Interaktionen entsteht und in unreflektierten Lebenspraxen automatisch aktiviert wird17. Daraus folgt, dass bei Untersuchungen von „Common-Sense Knowledge“ eben das typische Alltagswissen einer Sprachgemeinschaft berücksichtigt werden muss18.

Der Kernpunkt von Konerdings Theorie ist allerdings ein an Substantiven (und teilweise an Verben) lexikologisch-lexikographisch orientierter Zugang zu den Frames. Seiner Mei- nung nach sei der Nominalwortschatz des Deutschen vorzüglich geeignet für die Darstel- lung von sogenannten Entitäten und bei der Benennung von Frames19. Hierbei müssen al- lerdings auch noch die charakteristischen Prädikatoren untersucht werden. Diese schreiben den sprachlichen Ausdrücken Eigenschaften zu und können der Kontextualisierung dienen; daraus leiten sich dann Prädikationsschema ab20. Im Rahmen seiner Pilotstudie zur Typo- logie der Substantive arbeitet Konerding so, dass er die zugehörigen Framesüber die Hy- peronymtypenreduktion konstruiert21. Dies erreicht er, indem Hyperonyme einzelner Wör- ter des Wörterbuches so lange verfolgt werden, bis kein weiteres Hyperonym mehr ausfin- dig gemacht werden kann. Das Ergebnis dieser Hyperonymreduktion sind die Matrixfra- mes. In seiner Studie arbeitet er mit diesen Matrixframes und es wird jeweils ein Frame für die Token eines ganzen Substantivtyps erstellt. Gegliedert wird die Analyse durch die Ei- nordnung in - durch Entscheidungsfragen ausgewählte - relevante Prädikatorenschemata. Die Modellgruppen der Matrixframes sind u.a. Gegenstand, Organismus, Person, Instituti- on, Ereignis, Handlung, Zustand, Teil, Ganzes und Umgebung22.

[...]


1 Vgl. Linke, Angelika/Markus Nussbaum/Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. Tübingen: Niemeyer 2004. S. 406.

2 Vgl. Konerding, Klaus-Peter: Frames und lexikalisches Bedeutungswissen. Untersuchungen zur linguisti- schen Grundlegung einer Frametheorie und zu ihrer Anwendung in der Lexikographie. Tübingen: Niemeyer 1993. S. 1.

3 Matzke, Brigitte/Christine Römer: Lexikologie des Deutschen. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr 2003. S. 143f.

4 Ziem, Alexander: Frames im Einsatz. Aspekte anaphorische, tropischer und multimodaler Bedeutungskonstitution im politischen Kontext. In: Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerkes „Sprache und Wissen“. Hg. von Ekkehard Felder/Marcus Müller. Berlin: Walter de Gruyter 2009 (Sprache und Wissen Bd. 3). S. 207-244. S. 207.

5 Schwarz, Monika: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen: A. Franke 2008. S. 190.

6 Linke et al.: Studienbuch Linguistik, S. 391.

7 Vgl. ebd., S. 265.

8 Vgl. Linke et al.: Studienbuch Linguistik, S. 406.

9 Schwarz: Kognitive Linguistik, S. 190.

10 Vgl. Linke et al.: Studienbuch Linguistik, S. 266.

11 Konerding: Frames und lexikalisches Bedeutungswissen, S. 8.

12 ebd., S. 15.

13 Konerding, Klaus-Peter: Sprache - Gegenstandskonstitution - Wissensbereiche. Überlegungen zu (Fach-) Kulturen, kollektiven Praxen, sozialen Transzendentalien, Deklarativität und Bedingungen von Wissenstrans- er. In: Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerkes „Sprache und Wissen“. Hg. von Ekkehard Felder/Marcus Müller. Berlin: Walter de Gruyter 2009 (Sprache und Wissen Bd. 3) S. 79-111. S. 103.

14 Vgl. Konerding: Frames und lexikalisches Bedeutungswissen, S. 87 & S. 130.

15 Konerding: Sprache - Gegenstandskonstitution -Wissensbereiche, S. 96.

16 ebd., S. 105.

17 Konerding: Sprache - Gegenstandskonstitution - Wissensbereiche, S. 85 & S. 91.

18 Konerding: Frames und lexikalisches Bedeutungswissen, S. 19.

19 ebd., S. 162.

20 ebd., S. 163.

21 ebd., S. 179.

22 Vgl. Konerding: Frames und lexikalisches Bedeutungswissen, S. 181f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Frametheorien: Ein nützliches Konzept auch für die Lexikologie?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V199855
ISBN (eBook)
9783656262633
ISBN (Buch)
9783656263128
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frametheorien, Lexikologie
Arbeit zitieren
Irene Chevalier (Autor), 2010, Frametheorien: Ein nützliches Konzept auch für die Lexikologie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199855

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