Der Mensch strebt Zeit seines Lebens danach, den Tod zu vermeiden, was ihm jedoch niemals gelingen kann. Aus diesem Gegensatz heraus wird der Tod oftmals als Gegensatz zum Leben definiert. Der Todeseintritt erfasst nicht alle Teile des Körpers zur gleichen Zeit, sondern tritt sukzessive ein und führt sukzessive zum Tod der Gewebe und der letzten Zelle. Erst nach dem Absterben aller menschlichen Zellen, was einige Tage dauern kann, spricht man vom sogenannten biologischen Tod. Dennoch wird schon vorher durch bestimmte Merkmalskonstellationen ein Todeszeitpunkt festgelegt, der durch Konventionen bestimmt ist. Diese Festlegung des Todeszeitpunktes bleibt jedoch genauso unscharf wie der Begriff des Sterbens, die Phase, die mit dem Tod endet. Wo der genaue medizinische Zeitpunk des „point of no return“ anzusetzen ist, hängt immerhin stark von der jeweiligen medizinischen Entwicklung ab, die Zwangsläufigkeit und Irreversibilität des Sterbeprozesses werden dadurch ebenso wie eine exakte Todes(zeitpunkt)definition relativ. Die Frage, wann der Mensch genau tot sei, ist insbesondere für die Transplantationsmedizin von zentraler Bedeutung. Zwar dürfen einzelne Organe bzw. Teile davon sowie Gewebe auch lebend gespendet werden, lebenswichtige Organe wie Herz oder Lunge dürfen allerdings nur postmortal gespendet werden, der zeitliche Rahmen hierfür ist derzeit (medizinisch) begrenzt. Genau an dieser Stelle wird die Unsicherheit der Definition des Todes zum Problem, da unterschiedliche Todesauffassungen auch zu unterschiedlichen Todeskriterien führen und durch diesen Umstand die Todeskriterien Herzkreislauftod, Ganzhirntod sowie Teilhirntod differenziert werden. Jedes der Todeskriterien setzt eine bestimmte Todesdefinition voraus bzw. spiegelt die jeweilige Auffassung vom Tod des Menschen.
Diese Ausarbeitung will untersuchen, welche philosophischen Ansichten zum Tod sich differenzieren lassen, um auf dieser Grundlage die Argumente für bzw. gegen bestimmte Todeskriterien zu prüfen. Eine besondere Beachtung erfährt dabei das Kriterium des Ganzhirntodes, da dieses von entscheidender Relevanz für die Transplantationsmedizin ist. Die zentrale Frage wird also sein, ob das Ganzhirntodkriterium ein angemessenes Kriterium für den Tod des Menschen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist ‚der Tod’?
2.1 Philosophische Definitionsversuche
2.2Schwierigkeiten einer biologischen Todesdefinition
3. Todeskriterien in der Diskussion
3.1 Herz-Kreislauf-Tod: Der Mensch als rein biologischer Organismus
3.2 Vom Herztod zum Hirntod
3.3 Ganzhirntod: Der Mensch als ganzheitlicher Organismus
3.3.1 Bestimmung und Feststellung des Hirntodkriteriums
3.3.2 Befürworter des Ganzhirntodkriteriums
3.3.2 Kritiker des Ganzhirntodkriteriums
3.4 Teilhirntod: Der Mensch als Person
3.4.1 Hirnstammtod
3.4.2 Großhirntod bzw. Hirnrindentod
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophischen Ansichten zum menschlichen Tod, um auf dieser Grundlage die Argumente für und gegen verschiedene Todeskriterien kritisch zu prüfen und die Angemessenheit des Ganzhirntodkriteriums für die Transplantationsmedizin zu hinterfragen.
- Abgrenzung philosophischer und medizinischer Todesdefinitionen
- Analyse des Herz-Kreislauf-Todeskriteriums
- Diskussion des Ganzhirntodkriteriums als integratives Konzept
- Ethische Bewertung der Teilhirntodkonzeptionen
- Reflexion über die moralische Zulässigkeit von Organentnahmen
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Befürworter des Ganzhirntodkriteriums
Anders als beim Herz-Kreislauf-Kriterium sehen Befürworter des Ganzhirntodkriteriums hier den Vorteil, dass der Mensch als ganzheitliches Wesen betrachtet wird: „Empfindungen und Haltungen des Menschen betreffen ihn immer in seiner Ganzheitlichkeit, die auf integrativen und regulativen Gehirnvorgängen beruhen; mit dem Hirntod ist diese zentralnervale Ganzheitlichkeit nicht mehr gegeben.“ Beim Tod geht es immer um das Ende der Existenz eines Lebewesens, betroffen ist also das menschliche Individuum als leiblich-seelische Ganzheit.
Vertreter der Kirchen, aber auch weitere Befürworter des Ganzhirntodkriteriums gehen davon aus, dass der menschliche Geist körperlich an das Gehirn gebunden ist. Diese Einheit ist untrennbar; es ist daher auch der Mensch in seiner Ganzheit, der lebt und stirbt. Ein Mensch ist nicht erst dann tot, wenn alle Organe oder Einzelkomponenten seines Organismus nicht mehr funktionieren, da der Mensch mehr als die Summe seiner Teile ist. Der Übergang vom Leben zum Tod wird demnach nicht durch den Untergang der letzten Körperzelle charakterisiert, sondern dadurch bestimmt, dass die einzelnen Organe nicht mehr zu einem übergeordneten Ganzen zentral integriert und gesteuert werden. Diese Aufgabe fällt dem Gehirn zu. Es handelt sich beim Gehirn um das Organ, „ohne welches ein menschliches Individuum nicht mehr als ein sich selbst regulierender integrierter Organismus weiterexistieren kann.“ Konkurrierenden Todeskriterien ist das Ganzhirntodkriterium überlegen, da es den Menschen als leiblich-seelische Einheit erfasst. Teilhirntodkonzeptionen (siehe hierzu Kapitel 3.4 dieser Arbeit) erfassen entweder nur den vitalen oder aber nur den personalen Aspekt des menschlichen Lebens. Das Herz-Kreislauf-Kriterium hat neben der Begrenzung auf den vitalen Aspekt des Menschen den zusätzlichen Nachteil, die Irreversibilitätsbedingung nicht zu erfüllen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit einer exakten Todesdefinition und die daraus resultierende Notwendigkeit, Todeskriterien im Kontext der Transplantationsmedizin zu differenzieren.
2. Was ist ‚der Tod’?: Dieses Kapitel behandelt philosophische Definitionsversuche und die Herausforderungen einer biologischen Bestimmung des Todes, wobei die Rolle von Konventionen und Werten hervorgehoben wird.
3. Todeskriterien in der Diskussion: In diesem Hauptteil werden verschiedene Todeskriterien – Herz-Kreislauf-Tod, Ganzhirntod und Teilhirntod – auf ihre Argumente und Gegenargumente hin untersucht.
4. Fazit: Das Fazit fasst die ethische Bewertung zusammen und argumentiert für die Beibehaltung des Hirntodkriteriums als notwendige, wenn auch psychologisch herausfordernde, Bedingung für die Transplantationsmedizin.
Schlüsselwörter
Todeskriterien, Hirntod, Herztod, Transplantationsmedizin, Ganzhirntod, Teilhirntod, Hirnstammtod, Hirnrindentod, Todesdefinition, Organentnahme, philosophische Anthropologie, Lebensfunktionen, ethische Debatte, Ganzheitlichkeit, Personsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen und medizinischen Auseinandersetzung um die Definition des Todes und die daraus resultierenden Todeskriterien, insbesondere im Hinblick auf die Organtransplantation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die philosophische Anthropologie des Todes, biologische und medizinische Kriterien der Todesfeststellung sowie die ethische Legitimation von Eingriffen in den menschlichen Körper.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, verschiedene Todeskriterien zu vergleichen und zu untersuchen, ob das Ganzhirntodkriterium ein ethisch angemessenes Kriterium für den Tod des Menschen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Argumentationsanalyse, die existierende Definitionen und Todeskriterien auf ihre logische Konsistenz und ethische Tragfähigkeit hin prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Herz-Kreislauf-Todeskriterium, das Ganzhirntodkriterium (einschließlich seiner Befürworter und Kritiker) sowie verschiedene Teilhirntodkonzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Todeskriterien, Hirntod, Transplantationsmedizin, Ganzheitlichkeit des Menschen und ethische Grenzfragen der modernen Medizin.
Wie unterscheidet sich der Hirntod vom Herztod laut der Autorin?
Der Hirntod markiert den endgültigen Ausfall der zentralen Steuerung, während der Herztod den Menschen auf rein biologische Funktionen reduziert, ohne die leiblich-seelische Ganzheit zu erfassen.
Warum ist das Teilhirntodkriterium nach Ansicht der Autorin ethisch problematisch?
Es führt zu einer willkürlichen Wertung menschlichen Lebens, die dazu führen könnte, bestimmte Gruppen (wie Säuglinge oder Demenzkranke) als apersonal und damit als „verfügbar“ einzustufen.
Welche Rolle spielt die „Unanschaulichkeit“ des Todes bei der Hirntoddiagnostik?
Die „Unanschaulichkeit“ beschreibt die psychologische Schwierigkeit, einen Patienten trotz künstlicher Beatmung und Herzschlag als verstorben anzusehen, was das Vertrauen in die Diagnose belastet.
- Arbeit zitieren
- Master of Education (Gym.) Britta W. (Autor:in), 2012, Wann ist der Mensch tot? Das Hirntodkriterium in der Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199942