Führt mediale Gewalt zu realer Gewalt? Eine Betrachtung unter sozialpsychologischen Aspekten.


Seminararbeit, 2012
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung Gewalt und Aggression

3. Sozial- und Medienpsychologische Theorien zur Wirkung medialer Gewalt
3.1 Katharsistheorie und Inhibitionsthese
3.2 Die Habitualisierungsthese
3.3 Die Suggestionsthese
3.4 Die Lerntheorie
3.5 Die Stimulationstheorie

4. Von der Theorie zum experimentellen Beweis
4.1 Die Studie
4.2 Vorüberlegungen
4.3 Verfahren
4.4 Ergebnisse

5. Anwendung

6. Literaturverzeichnis

Wenn wir zu allen Stunden grausige Geschehnisse mitansehen und mitanhören müssen, so verlieren wir schließlich, selbst die von Natur Zartesten unter uns, durch die ständige Folge der quälenden Eindrücke, jegliches Empfinden für Menschlichkeit.

-Marcus Tullius Cicero

1. Einleitung

Ein Alltag ohne Medien erscheint in der heutigen Zeit schlichtweg undenkbar. In unserer Gesellschaft, in welcher in nahezu jedem Haushalt ein Fernsehgerät existiert und in der jeder mit der ganzen Welt vernetzt ist, Videos sekundenschnell aus dem Internet geladen werden können, Smartphones Zugriff auf den gesamten digitalen Reichtum der Menschheit erlauben und Computerspiele realitätsnahe Bilder des Krieges imitieren, ist die Frage nach dem Einfluss dieser medialen Vielfalt auf die menschliche Psyche unumgänglich.

Vor allem Kriminalität jeglicher Art, doch im speziellen Amokläufe an Schulen und Gewalttaten Jugendlicher werden oft mit dem erhöhten Medienkonsum der Heranwachsenden begründet. Nach jedem neu publizierten Gewaltverbrechen verlangt die Öffentlichkeit nach Sündenböcken und immer wieder wird der Zusammenhang zwischen medialer Gewalt und realer Gewalt aufgezeigt.

Die Diskussion um den verderbenden Einfluss von inszenierter Gewalt ist so alt wie die Medien selbst. Bereits Platon argumentierte in seinem Werk „Politeia“, welches 370 vor Christus verfasst wurde, dass die mündliche Überlieferung von Märchen beaufsichtigt werden müsse, um die Seelen der Kinder vor Vorstellungen zu schützen, die negative Einflüsse auf deren Heranwachsen haben könnten (vgl. Kunczik, 1996: S. 18). Auch Seneca äußerte etwa 400 Jahre später die Furcht vor den „verderbende[n] Einflüsse[n] realistischer, zur Unterhaltung inszenierter Gewaltdarstellungen, nämlich der Gladiatorenkämpfe“ (ebd.), während Lukrez ersann, dass eine Seeschlacht sogar unterhaltsamer Natur ist, da man nicht um das eigene Leben fürchten müsse, solange man aus der Ferne zusieht (vgl. ebd.). Nun waren damals, entgegen der oft verklärt-abenteurlichen Vorstellungen vom alten Rom, Seeschlachten nicht an der Tagesordnung, doch wenn der Gedanke des aus der Ferne Zusehens weiter verfolgt wird, so wird eines unumgänglich klar: Wenn Philosophen sich bereits in der Antike über sporadisch inszenierte Gewaltdarstellungen und deren Einfluss auf die menschliche Natur Gedanken machten, so ist es bei den heutigen Medienkonsumgewohnheiten der Gesellschaft unabdingbar, den Zusammenhang zwischen medialer Gewalt und realer Aggression zu ergründen.

Auch aus pädagogischer Sicht ist es nötig dieses Thema zu untersuchen. Gerade Jugendliche sind von möglichen negativen Auswirkungen des Medienkonsums gefährdet, denn sie sind es, die sich am intensivsten mit immer neuen technischen Angeboten konfrontiert sehen und sich letztendlich sogar mit den ihnen präsentierten Medien stark identifizieren. Von der Einschulung bis zum Abitur haben Jugendliche nach einer Hochrechnung etwa vierzehn- bis fünfzehntausend Schulstunden abgeleistet, mindestens ebenso viele Stunden verbringen die Schüler jedoch mit dem Medienkonsum. Sollten die Medien also tatsächlich einen negativen Einfluss haben, so muss demnach gerade ein angehender Lehrer, wie der Verfasser dieser Arbeit, sich darum bemühen, diese Einflüsse nicht nur erklären, sondern auch mit Ergebnissen aus der Forschung umgehen zu können, um die Heranwachsenden in ihrem Entwicklungsprozess möglichst aufgeklärt zu unterstützen und den schädlichen Wirkungen des Medienkonsums in der Schule zu entgegnen. Denn vor allem dort kommt es unter Gleichaltrigen zu Gewaltakten und vor allem da muss ihr entgegnet werden.

Die vorliegende Arbeit soll sich deshalb mit der Frage beschäftigen, ob eine Steigerung des Aggressionspotenzials durch Medienkonsum aus sozialpsychologischer Sicht tatsächlich begründbar ist, inwiefern Sozialpsychologen bisher in der Lage waren, diesen Umstand zu erklären, welchen Einfluss vor allem Computerspiele auf das Aggressionspotential von Jugendlichen haben und wie der derzeitige Wissensstand auf den Lehr- und Lernkontext angewendet werden kann.

2. Begriffsbestimmung Gewalt und Aggression

Als Grundlage für die vorliegende Arbeit sollen an dieser Stelle zuerst die Definitionen der Begriffe Gewalt und Aggression im Vordergrund stehen.

Als Gewalt wird gemeinhin jegliche „absichtsvolle Schädigung von Menschen durch Menschen bezeichnet.“ (Ackermann, 1998: S. 13) Von Gewalt kann also immer dann gesprochen werden, wenn ein Opfer existiert. Dabei reicht die Definition von physischer Gewalt, bei der die Schädigung des anderen durch körperliche Überlegenheit erreicht wird, über psychische Gewalt, bei der der andere emotional geschädigt wird, hin zu verbaler Gewalt, bei der das Opfer durch sprachlich geäußerte Beleidigungen, Erniedrigungen und Entwürdigungen verletzt wird und zu vandalistischer Gewalt als Variante der Zerstörung von Gegenständen. Darüber hinaus unterscheidet man ebenfalls beispielsweise zwischen sexueller, frauenfeindlicher und rassistischer Gewalt. (vgl. ebd.)

Die Begriffe Gewalt und Aggression werden oft in einem Atemzug genannt und sowohl in fachlicher Hinsicht als auch in der Öffentlichkeit gleichbedeutend gebraucht, wobei Gewalt als Oberbegriff für Aggression verstanden wird. Wissenschaftlich gesehen ist jedoch Gewalt eine besonders extreme Form der Aggression, deren Begrifflichkeit meist für die Teilmenge von Aggressionen gebraucht wird, die sich vor allem physisch äußern. Daraus ergibt sich, dass Aggression und Gewalt nicht identisch sind, „da Gewalt zwar immer Aggression beinhaltet, Aggression aber nicht unbedingt zu Gewalt führen muss“ (Strüber, 2006: S. 57). Ein Unterscheidungsmerkmal ist beispielsweise, dass Gewalthandlungen oft berechnend und emotionslos erfolgen, Aggressionen hingegen als Folge zeitlich punktueller emotionaler Erregung auftreten. (vgl. ebd.)

Ebenso unpräzise wie die Abgrenzung zwischen Gewalt und Aggression ist die in der Fachliteratur hohe Dichte an Definitionen für den Begriff Gewalt an sich. Während einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass Gewalt einzig auf der Schädigung eines Menschen beruht, bestehen andere darauf, dass erst von Gewalt gesprochen werden kann, wenn eine böswillige Absicht des Täters zugrunde liegt. Außerdem sprechen einige nur dann von Gewalt, wenn Täter und Opfer menschlich sind, während für andere nur auf einer Seite ein Mensch agieren muss, um den Gewaltbegriff zu erfüllen. Letztere schließen also beispielsweise Unfälle oder Naturkatastrophen in den Gewaltbegriff mit ein. Die Vielzahl an verschiedenen Gewaltdefinitionen hat zur Folge, dass eine genaue Erfassung der Menge an Gewalt, die in den Medien präsent ist, nur schwer möglich ist. Je nach Definition variieren die Zahlen der beispielsweise im Fernsehen ausgestrahlten Gewaltakte, wie leicht vorstellbar ist, also sehr stark.

Fakt ist jedoch, dass die heutigen Medien voll sind von sowohl inszenierten, als auch realen Gewaltakten. Wie sich jedoch die inszenierte Gewalt in Actionfilmen, die imitierte Gewalt in Computerspielen, die reale Gewalt, die in Nachrichtenmagazinen, Kriegsdokumentationen und Polizeisendungen ausgestrahlt wird, oder gar der Konsum von gewalttätiger Pornografie im Internet unter sozialpsychologischen Aspekten auf das Aggressionspotenzial des Menschen auswirkt, soll im Folgenden geklärt werden.

3. Sozial- und Medienpsychologische Theorien zur Wirkung medialer Gewalt

In der Öffentlichkeit wird die Diskussion um den Einfluss der medialen Gewalt auf den Menschen immer wieder angefacht. Meist wird davon ausgegangen, dass die in den Medien präsentierte Gewalt zu aggressiveren Verhaltensweisen führt. Sozialwissenschaftler und Psychologen setzen sich schon seit geraumer Zeit mit genau diesem Thema auseinander und haben in der Vergangenheit verschiedene Theorien aufgestellt, welche an dieser Stelle präsentiert werden sollen.

3.1 Katharsistheorie und Inhibitionsthese

Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass das frühzeitige Abreagieren von Aggressionen hilfreich ist, um diese nicht in sich aufzustauen und zu einem ungeeigneten Zeitpunkt oder in ungewollter Härte explosionsartig freizulassen. Schließlich hat jeder Mensch Aggressionen. Oft hört man, dass Jugendliche mehr Sport treiben sollen, um ihren Aggressionen dort freien Lauf lassen zu können, statt sich auf dem Schulhof zu prügeln. Dabei geht man davon aus, dass das Abreagieren von Aggressionen eine reinigende, also katharsische Wirkung habe. Tatsächlich trifft diese Meinung den Kern der Katharsistheorie, welche auf Aristoteles zurückgeht und im Grunde besagt, dass „die Ausführung eines jeden aggressiven Aktes eine Verminderung des Anreizes zu weiterer Aggression bewirke“ (Kunczik, 1996: S. 61). Dabei werden in der Fantasie freigelassene Aggressionen und aggressives Verhalten gleichwertig verstanden. Übertragen auf das Umfeld der Medien würde die Katharsistheorie also besagen, dass jeder dort präsentierte und vom Rezipienten wahrgenommene Akt von Gewalt einen Abbau von Aggressionen zu Folge hat. Diese These wurde in der Vergangenheit von Wissenschaftlern vertreten, welche die schädliche Wirkung des Fernsehens widerlegen wollten. Zuerst behaupteten Wissenschaftler, dass jede Form der Fantasieaggression kartharsisch wirke, hiernach beschränkten sie sich darauf, dass dies nur der Fall wäre, wenn der Rezipient sich selbst in aggressiver Stimmung befinde und schließlich wurde beteuert, dass der katharsische Effekt nur dann auftrete, wenn Schmerzen und Verletzungen des Opfers in voller Deutlichkeit präsentiert würden.

Doch alle drei genannten Formen der Katharsistheorie wurden empirisch widerlegt und es ist sicher, dass eine „durch das Ansehen violenter Medieninhalte bewirkte Aggressivitätsminderung aufgrund des Abfließens des Aggressionstriebes“ (ebd. S. 62) nicht erfolgt. (vgl. ebd.)

Als Alternative zu der widerlegten Katharsistheorie wird von einigen Sozialpsychologen noch heute die Inhibitionsthese vertreten. Die Theorie besagt, „dass die Betrachtung von medialer Gewalt [...] einen abschreckenden und hemmenden Effekt hat“ (Kunczik, 2004: S. 14). „Insbesondere realistische Gewaltdarstellungen, in denen die Konsequenzen von Gewalt deutlich gezeigt werden, bewirken eher Angst denn Aggression“ (Kunczik, 1996: S. 16).

3.2 Die Habitualisierungsthese

Eine weitere hier zu erwähnende These besagt, dass das wiederholte Rezipieren von Gewaltszenen in den Medien dazu führt, dass die Empathiefähigkeit, also vor allem das Mitgefühl mit den Opfern von Gewalt abnimmt, Gewalt demnach als alltägliches Verhalten und als geeignetes Konfliktlösungsmittel betrachtet wird und somit die Toleranz für Gewalt steige und die Hemmschwelle zur eigenen Gewaltausübung sinkt. (vgl. Kunczik, 2004: S. 15)

Voraussetzung für diese Annahme ist ein regelmäßiger Medienkonsum, der langfristig für den genannten Effekt sorgt. Die Gewöhnung an emotionale Reaktionen bei der Beobachtung von Gewaltszenen in den Medien führt also zu einer steten Abnahme oder gar dem totalen Wegfallen derselben Emotionen bei Reaktionen auf reale Gewalt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Führt mediale Gewalt zu realer Gewalt? Eine Betrachtung unter sozialpsychologischen Aspekten.
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V199982
ISBN (eBook)
9783656262909
ISBN (Buch)
9783656263388
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Gewalt in Medien, mediale Gewalt, reale Gewalt, Katharsistheorie, Inhibitionsthese, Habitualisierungsthese, Suggestionsthese, Siggestionstheorie, Lerntheorie, Stimulationstheorie, experimenteller Beweis, Gewalt in der Schule
Arbeit zitieren
Pet Er (Autor), 2012, Führt mediale Gewalt zu realer Gewalt? Eine Betrachtung unter sozialpsychologischen Aspekten., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199982

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Führt mediale Gewalt zu realer Gewalt? Eine Betrachtung unter sozialpsychologischen Aspekten.


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden