Argentiniens große Krise

Argentinien in den Krisenjahren 2000 bis heute


Seminararbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die argentinische Wirtschaftskrise und ihre Ursachen
2.1 Das Konvertibilitätsgesetz
2.2 Das Currency Board System
2.3 Die Staatsverschuldung
2.4 Die Aufhebung des Currency Board und die Situation der Banken
2.5 Der Internationale Währungsfond

3. Die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zusammenbruch
3.1 Der Weg aus der Krise
3.1.1 Néstor Kirchner und die Umschuldung
3.1.2 Der zarte Aufschwung und der Mercosur
3.2 Die aktuelle Wirtschaftslage Argentiniens
3.2.1 Wirtschaftswachstum und Armutsrate
3.2.2 Der Außenhandel
3.2.3 Die Arbeitslosenrate und das Bruttoinlandsprodukt
3.2.4 Der Haushalt
3.2.5 Umschuldung der Altverbindlichkeiten aus dem dept swap

4. Zukünftige Herausforderungen
4.1 Der Pariser Club
4.2 Inflationsbekämpfung
4.3 Die Energiepolitik

5. Schlussbetrachtung

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Argentinien ist in Lateinamerika neben Brasilien und Mexiko die drittstärkste Nation. Mit 2,8 Millionen Quadratkilometern Fläche ist die Andenrepublik achtmal so groß wie Deutschland und das bei rund 40,9 Millionen Einwohnern, also gut der Hälfte Deutschlands.1 Das Land ist die wichtigste spanischsprachige Volkswirtschaft des Kontinents. Zu den Exportschlagern Argentiniens zählen Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel, besonders Tierfutter, Fleisch und Soja.2

Bedeutende Erdölvorkommen wie auch Gold, Kupfer, Mineralerze und Silber gehören zu den Bodenschätzen. Der industrielle Abbau dieser Rohstoffe ist jedoch mit 1,4 Prozent, gemessen an den anderen Wirtschaftssektoren, der kleinste Bereich.3

Nach mehreren Jahren einer Militärdiktatur ist Argentinien seit 1983 eine Demokratische Republik, die eine sehr starke Machtbündelung auf den jeweiligen Präsidenten erlaubt.4 Während die goldene Sonne am blauen Himmel strahlt, kommt es in den Straßen Argentiniens im Dezember 2001 zu Massenunruhen und Straßenschlachten, ausgelöst durch Proteste der Menschen gegen die Regierung des damaligen Präsidenten de la Rúa und gegen die stetig wachsende Armut. Bilanz dieses Aufstandes sind 28 Tote und über 200 Verletzte. Im Unterschied zu vorangegangen Volksauständen blieb das Militär diesmal in den Kasernen.5

Doch wie konnte es dazu kommen? Wie kann es sein, dass ein Land wie Argentinien mit seinen reichen Rohstoffvorkommen und dem Vorhandensein von sämtlichen Produktionsfaktoren derart in Schieflage gerät? Die vorliegende Arbeit fokussiert sich bei der Beantwortung auf wirtschaftliche Aspekte. Natürlich erlebte das Land in den 1990’er Jahren auch drastische Wandlungen in politischen, sozialen und kulturellen Bereichen. Diese zu beleuchten würde den Rahmen der Seminararbeit sprengen. Die folgenden Kapitel sollen die Umstände der Entstehung und Auswirkungen der Argentinienkrise beleuchten sowie die wirtschaftliche Entwicklung des Landes bis zum heutigen Tage aufzeigen.

2. Die argentinische Wirtschaftskrise und ihre Ursachen

Als Wirtschaftskrise ist ein Prozess zu verstehen, bei dem eine massive Verschlechterung der ökonomischen Fundamente eintritt. Eine hohe Inflationsrate und Arbeitslosigkeit wie auch das Versiegen von Kapitalströmen sind meist mit einer Wirtschaftskrise verbunden. Häufig wird versucht solch einer Krise mit der Einbindung von Reformprogrammen zu begegnen. In der jüngsten Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch das Platzen der Immobilienblase und dem damit verbundenen Bankencrash, ist zu beobachten wie solche Reformprogramme implementiert werden. Beispielsweise sei hier das Ankurbeln der Konjunktur durch erhöhte Staatsausgaben genannt oder das Quantitative Easing, also der Ankauf von Staatsanleihen durch die Zentralbanken, um Geld in den Markt zu bringen. Wirtschaftskrisen treten meistens in Zeiten der Rezession auf und sind in Finanz- und Währungskrisen zu unterscheiden. Beide Arten sind aber fest miteinander verbunden. In Transformationsländern wie Argentinien, Länder also, die sich in einer politischen wie auch wirtschaftlichen Neugestaltung befinden, ist der wirtschaftliche Aufschwung oft durch hohe Direktinvestitionen und überhöhter Kreditvergabe gekennzeichnet.6

Auch Europa ist alles andere als krisensicher. Griechenland ist zahlungsunfähig und wird nur durch massiven Einsatz von Eurospritzen am Leben gehalten. Irland, Portugal und Spanien kränkeln mehr vor sich hin als sich zu erholen.

Ähnlichkeiten zur Argentinienkrise sind in Europa durchaus erkennbar, dennoch sind die Ursachen und Hintergründe von Wirtschaftskrisen individuell variabel. Auffällig ist, dass Systeme mit einem einheitlichen Währungsraum meist nicht von bestand sind.

Um zu verstehen wie die Argentinische Republik in diese Krise geriet, ist ein Blick in die Vergangenheit notwendig, denn der totale ökonomische Kollaps Anfang des 21. Jahrhunderts war nur die Spitze des Eisberges. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Notlage ist eng mit den jeweils politischen Eliten des Landes verbunden. Im Sommer 1989, als Carlos Saúl Menem zum Präsidenten vereidigt wurde, steckte Argentinien bereits tief in der Rezession. Menem änderte den bis dahin sozialdemokratischen Kurs in einen neoliberalen Kurs und gesellte sich somit zu Amerika und England, welche die Liberalisierungen ebenfalls implementierten.7

Neoliberalismus beinhaltet die Förderung der Privatisierung in Verbindung mit einer angemessenen staatlichen Wirtschaftspolitik, die die Bildung von einseitigen Marktmachthabern unterbindet und den Wettbewerb aufrecht hält. Die nächsten Abschnitte erläutern die Hauptursachen, die zur argentinischen Wirtschaftskrise geführt haben.

2.1 Das Konvertibilitätsgesetz

Um der stetig wachsenden Preissteigerungsrate des Landes Einhalt zu gebieten, wurde 1991 durch den damaligen Wirtschaftsminister Domingo Cabalo das Konvertibilitätsgesetz eingeführt. Inhalt dieses Gesetzes war den US-Dollar de facto als zweite Währung in Argentinien einzuführen. Bis zum 31. Dezember 1991 betrug der Wechselkurs noch 10.000 Australes zu 1 US-Dollar. Zu Beginn des Jahres 1992 wurde der Peso als neue Währung, neben den US-Dollar, eingeführt.

2.2 Das Currency Board System

Zeitgleich mit dem Konvertibilitätsgesetz wurde im März 1991 das Currency Board System eingeführt. Dieses System bindet eine nationale Währung in einem festen Verhältnis an eine ausländische Währung.8 Damit wurde der Peso an den Kurs des US-Dollars gekoppelt. Das Wechselkursverhältnis betrug 1:1. Ziel war eine Bekämpfung der Hyperinflation und der Eliminierung von Wechselkursrisiken. Die Inflationsrate wurde durch das Währungsbindungssystem quasi importiert und zwar, zumindest kurzfristig betrachtet, mit Erfolg. Die Inflationsrate sank massiv (vgl. Abb. 1).

Außenwirtschaftlich war die feste Bindung an den US-Dollar eine Katastrophe.

Durch die künstliche Aufwertung des Pesos verteuerten sich die Exportgeschäfte deutlich, da die Waren und Dienstleistungen zu US-Dollar-Werten verkauft wurden. Die ohnehin schwache Exportwirtschaft war somit nicht mehr wettbewerbsfähig denn ihre Erzeugnisse wurden durch die Dollarbindung verteuert. Das hatte zur Folge, dass sich die Nachfrage nach argentinischen Produkten merklich verringerte. Gleichzeitig stieg durch die gestärkte Kaufkraft die Importnachfrage an. Eine unerwartete Aufwertung des US-Dollars, wegen der positiven Wirtschaftlage Amerikas, konnte nicht unpassender kommen, wurden dadurch die Preise nochmals erhöht. Die Leistungsbilanz Argentiniens war somit alles andere als ausgeglichen.9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Inflationsentwicklung Argentiniens 1989-1992 in Prozent, Datenbasis: Weltbank

Mit der Implementierung des Currency Board konnten von 1991 - 1994 Wachstumsraten von durchschnittlich acht Prozent erzielt werden. Die Kaufkraft nahm zu und aufgrund der niedrigen Zinsraten stiegen ausländische Zahlungsströme an. Diese externen Kapitalzuflüsse deckten das Leistungsbilanzdefizit Argentiniens. Ergebnis dieser beiden Fakten war ein hohes Wachstum.10

Als Ende 1994 die Mexikokrise ihren Schatten über Argentinien warf, galt der Peso als überbewertet. Wie Argentinien so hatte auch Mexiko den Peso an den US-Dollar fixiert und damit den Zusammenbruch des Finanzsektors ausgelöst. Die Kapitalgeber waren aufgrund der Mexikokrise verunsichert und zogen ihre Gelder ab. Infolge dessen kam es zu Turbulenzen an den Finanzmärkten. Letztlich trockneten auch die Kapitalzuflüsse nach Argentinien aus.11

2.3 Die Staatsverschuldung

Auslandschulden gehören seit Jahrzehnten zur argentinischen Politik. Anstatt eines radikalen Sparkurses verließ sich die argentinische Regierung immer mehr auf die Vergabe von internationalen Finanzierungskrediten durch den Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank. Gewährte Kredite wurden zum großen Teil nur zur Schuldentilgung eingesetzt. Die Staatsverschuldung stieg von 54,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 1990 auf 128 Milliarden US- Dollar im Jahr 2000.12

Das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen lag im Jahr 2000, zum Vergleich, bei 284,20 Milliarden Dollar.13

Die folgende Abbildung verdeutlicht die Entwicklung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Staatsverschuldung, Eigene Darstellung, Datenquelle: Matthias Bickel, Die Argentinienkrise aus ökonomischer Sicht, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Heft 38, S.33.

Unter der Regierung des im Dezember 1999 gewählten Präsidenten Fernando de la Rúa wurde ein Sparprogramm aufgestellt, das der Internationale Währungsfond, nachfolgend mit IWF abgekürzt, mit einem Kredit von sieben Milliarden US -Dollar unterstütze. Wirtschaftsminister Caballo, der nach dem Rücktritt vom erst zwei Wochen zuvor ernannten Wirtschaftsminister Murphy erneut vereidigt wurde, setzte ein neues Gesetz für

Wettbewerbsfähigkeit durch. Da trotz dieser Maßnahmen kein wirtschaftlicher Aufschwung erreicht wurde, sollte der IWF erneut der Retter in der Not sein. Dieser stellte einen Stand-by- Kredit von insgesamt 21,6 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Doch erneut wandte sich Fortuna gegen die Andenrepublik. Mit den Anschlägen vom 11.September 2001 wurden die Investoren zur Vorsicht gemahnt. Standard and Poor’s, eine Rating-Agentur, senkte den Bonitätsfaktor Argentiniens auf selective default. Das bedeutet, dass das Land mit einem oder mehreren Krediten in Zahlungsverzug geraten ist.14

2.4 Die Aufhebung des Currency Board und die Situation der Banken

Nach einer massiven Kapitalflucht im November 2001 und einem Massenansturm auf die Banken durch die argentinische Bevölkerung wurde die Bargeldabhebung der Argentinier auf 1000 Peso pro Monat begrenzt. Die Argentinier versuchten mit dem Bankensturm ihre Ersparnisse vor einem möglichen Bankensterben zu retten. Die Lebenssituation für den Bürger wurde allmählich untragbar.15

Nachdem der IWF, als Führer eines internationalen Bankenkonsortiums, die Zusage über den Stand-by-Kredit zurücknahm, war Argentinien international zahlungsunfähig, da die Konditionen durch die argentinische Regierung nicht eingehalten werden konnten. Am 20. Dezember trat Präsident de la Rúa zurück. Die offizielle Zahlungsunfähigkeit verkündete de la Rúas Nachfolger Rodriguez Saá am 23. Dezember 2001. Saá sollte bis zu den Präsidentschaftswahlen 2002 die Amtslücke füllen. Mit 140 Milliarden US-Dollar Schulden war dies die höchste Staatspleite in der Geschichte. Die eingangs erwähnten Straßenschlachten und Massenunruhen waren in diesem Zeitraum bereits in vollem Gange. Die Situation spitze sich immer weiter zu.16

Die Arbeitslosenquote und das Bruttosozialprodukt, kurz BIP, erreichten in den Jahren 2001 / 2002 historische Negativwerte (Vgl. Abb.4, 5, S. 14).

Anfang 2002 wurde aufgrund der regulären Präsidentschaftswahlen Eduardo Duhalde zum Präsidenten vereidigt. Duhalde implementierte weitreichende Wirtschaftsreformen. Wichtigster Bestandteil war neben der Bekämpfung des Länderdefizites die Entkopplung des argentinischen Pesos vom US-Dollar, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes wiederherzu- stellen.

[...]


1 Vgl. Peter Birle, Die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Argentinien, Argentinien heute, 2010, S. 261.

2 Vgl. Auswertiges Amt, http://www.auswaertiges- amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Argentinien/Wirtschaft_node.html, abgerufen am 07.05.2011.

3 Vgl. Dr. Ing. Alicia Rivero, LIPortal, http://liportal.inwent.org/argentinien/wirtschaft-entwicklung.html, abgerufen am 07.05.2011.

4 Vgl. Marianna Llanos, Gewalteneinteilung und horizontale accountability nach der Krise, Argentinien heute, 2010, S. 117.

5 Vgl. Matthias Bickel, Die Argentinienkrise aus ökonomischer Sicht, Martin-Luther-Universität HalleWittenberg, Heft 38, S. 9.

6 Vgl. Matthias Bickel, Prof.Dr. Christian Tietje, Prof.Dr. Gerhard Kraft, Prof.Dr. Rolf Sethe, Beiträge zum Transnationalen Wirtschaftsrecht, Heft 38 (2005), S.10.

7 Ebd. S. 12, 34.

8 Vgl. Wirtschaftslexikon, http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/currency-board/currency-board.htm, abgerufen am 29.05.2011.

9 Vgl. Hartmut Sangmeister und Alexa Schönstedt, Argentinien in der Weltwirtschaft, Argentinien heute, 2010, S. 221 -222.

10 Vgl. Matthias Bickel, Prof. Dr. Christian Tietje, Prof.Dr. Gerhard Kraft, Prof.Dr. Rolf Sethe, Beiträge zum Transnationalen Wirtschaftsrecht, Heft 38 (2005), S. 35.

11 Ebd. S.35.

12 Ebd. S.33.

13 Vgl. http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2005/01/data/index.htm, abgerufen am 30.05.2011.

14 Vgl. Matthias Bickel , Prof.Dr. Christian Tietje, Prof.Dr. Gerhard Kraft, Prof.Dr. Rolf Sethe, Beiträge zum Transnationalen Wirtschaftsrecht, Heft 38 (2005), S. 37.

15 Vgl. Jonas Wolff, Vom Aregntinazo zu Néstor Kirchner, Argentinien heute, 2010, S. 58.

16 Vgl. Matthias Bickel , Prof.Dr. Christian Tietje, Prof.Dr. Gerhard Kraft, Prof.Dr. Rolf Sethe, Beiträge zum Transnationalen Wirtschaftsrecht, Heft 38 (2005), S. 37 S. 9.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Argentiniens große Krise
Untertitel
Argentinien in den Krisenjahren 2000 bis heute
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V200036
ISBN (eBook)
9783656262701
ISBN (Buch)
9783656263180
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Argentinienkrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Argentinien
Arbeit zitieren
Dirk Karminovski (Autor), 2011, Argentiniens große Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200036

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