Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Deutungsebene des Laokoons durch verschiedene Autoren und Reisende nach Italien des 18. Jahrhunderts. Dabei soll der Schwerpunkt auf der vieldiskutierten und im ersten Moment kaum nachvollziehbaren Mundstellung Laokoons gelegt werden, die durch die individuellen Eindrücke ganz unterschiedlich ausgedeutet werden. Es wird untersucht, inwiefern die Reise und die damit verbundene Erfahrung sich auf die Argumentationsstruktur zur Stützung der eigenen Interpretation auswirken und wie die Deutungen miteinander zusammenhängen.
Dafür ist es zunächst notwendig den Urheber der klassischen Archäologie und der Kunstgeschichte Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) und dessen Erstlingswerk Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst , sowie dessen nachfolgende Texte auf deren Gehalt an der Deutungsebene über die Stellung des Mundes und den vermeintlichen Seufzer zu analysieren. Anschließend werden zwei Gegenpositionen in der Rezension Winckelmanns, nämlich Aloys Hirt (1759-1837) und dessen Aufsatz in den Horen und einige von Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) verfasste Darstellungen vorgestellt und miteinander verglichen. Den Abschluss bildet Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739-1807), deren Verständnis von der Statue noch einmal ein völlig anderes ist, da sie sich quasi als Laie und eben nicht als Gelehrte, über die Laokoongruppe äußert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Laokoon bei Johann Joachim Winckelmann
3. Die Winckelmannrezension deutscher Italienreisender
3.1 Aloys Hirt
3.2 Johann Wolfgang von Goethe
3.3 Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kontroversen Interpretationen der Laokoon-Skulptur durch verschiedene deutschsprachige Reisende des 18. Jahrhunderts, wobei der Fokus insbesondere auf der Deutung der Mundstellung und der Frage nach dem fehlenden Schrei liegt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Reiseerfahrungen, der persönliche Hintergrund sowie die Verschiebung von der autoritätsbasierten hin zur erfahrungsbasierten Wahrnehmung die Argumentationsstrukturen der jeweiligen Autoren maßgeblich beeinflussten.
- Die kunsthistorische Normsetzung durch Johann Joachim Winckelmann.
- Die kritische Auseinandersetzung durch den Archäologen Aloys Hirt.
- Die rezeptionsästhetische Sichtweise von Johann Wolfgang von Goethe.
- Die subjektiv-emotionale Wahrnehmung von Herzogin Anna Amalia.
- Die Bedeutung der persönlichen Anschauung des Originals auf Italienreisen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Aloys Hirt
Wäre die Absicht des Künstlers gewesen, einen gemilderten Ausdruck, ein Seufzen auf dem Gesichte Laokoon´s zu bilden: so müßte man in der Bewegung sowohl, als der Dehnung der Glieder eben diese Milderung erbliken. Allein in dem ganzen Akte von der Scheitel bis zur Zehe ist eine Anstrengung verbreitet, die das höchste Naturvermögen in vollster Empörung ausdrückt, und die sich nur nach lange versuchten Widerstreben, und schon erschöpften Kräften in dem verzweiflungsvollen Ringen zwischen Leben und Tod denken läßt. […] Laokoon schreiet nicht, weil er nicht mehr schreien kann.
Aloys Hirt hat mit seinem Aufsatz Winckelmanns Auffassung nach dem „beklemmenden“ bzw. „bangen Seufzen“ aufgehoben und sich somit gegen ein Standartwerk des 18. Jahrhunderts gestellt, welches jeder Italienreisende kannte bzw. auf seinen Weg nach Rom mitnahm. Der Archäologe lebte von 1782-1796 in Rom und hat somit viele Werke der Antike studieren können. Diese Tatsache soll auch seine Auffassung von der Öffnung des Mundes der Laokoon-Skulptur rechtfertigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung der Laokoon-Statue ein und umreißt die zentrale Fragestellung bezüglich der Interpretation des fehlenden Schreis durch zeitgenössische Italienreisende.
2. Laokoon bei Johann Joachim Winckelmann: Das Kapitel analysiert Winckelmanns kunsthistorische Einordnung der Statue sowie seine spezifische Deutung des „unterdrückten Seufzens“ als Ausdruck edler Einfalt und stiller Größe.
3. Die Winckelmannrezension deutscher Italienreisender: Dieses Hauptkapitel untersucht die Gegenpositionen zu Winckelmann, indem es die Ansichten von Aloys Hirt, Johann Wolfgang von Goethe und Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach vergleicht.
3.1 Aloys Hirt: Hirt argumentiert gegen Winckelmanns „Seufzen“ und interpretiert die Mundstellung als Folge eines physischen Unvermögens zu schreien aufgrund maximaler körperlicher Erschöpfung im Todeskampf.
3.2 Johann Wolfgang von Goethe: Goethe vertraut auf die eigene sinnliche Anschauung und führt die Haltung Laokoons auf einen spezifischen, körperlichen Reiz durch den Schlangenbiss zurück, was die Deutung eines unterdrückten Schreis als rein idealistisch entlarvt.
3.3 Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach: Die Herzogin nähert sich der Skulptur nicht als Gelehrte, sondern über ihre subjektiven, von Liebe und Humanität geprägten Reiseeindrücke, wobei sie sich dennoch auf das etablierte Vokabular Winckelmanns stützt.
4. Fazit: Das Fazit resümiert die Entwicklung der Rezeptionsgeschichte und betont den Wandel von der theoretischen Norm zur persönlichen, erlebnisbasierten Deutung in der Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Laokoon, Johann Joachim Winckelmann, Italienreise, Ästhetik, 18. Jahrhundert, Aloys Hirt, Johann Wolfgang von Goethe, Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, Kunstgeschichte, Mundstellung, Edle Einfalt und stille Größe, Antike, Rezeption, Schrei, Körperlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene deutschsprachige Reisende des 18. Jahrhunderts die Laokoon-Skulptur interpretierten, insbesondere im Hinblick auf die berühmte Kontroverse über den fehlenden Schrei der Vaterfigur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der Kunstbetrachtung im 18. Jahrhundert, die Rolle der Italienreise für die wissenschaftliche und persönliche Urteilsbildung sowie die spezifische Ästhetik der Laokoon-Gruppe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, wie sich die Deutung der Laokoon-Statue durch verschiedene Autoren im Kontext ihrer eigenen Reiseerfahrung und ihres fachlichen Hintergrunds unterscheidet und wie diese Deutungen zusammenhängen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der zentrale Primärquellen der Kunsttheorie und Reiseberichte der Zeit verglichen und in den zeitgenössischen Kontext der Rezeptionsgeschichte eingeordnet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich zunächst den einflussreichen Thesen Winckelmanns und stellt diesen dann die Gegenpositionen von Aloys Hirt, Johann Wolfgang von Goethe und Herzogin Anna Amalia gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Laokoon, Winckelmann, Italienreise, Ästhetik, Rezeption, Körperlichkeit und 18. Jahrhundert charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Aloys Hirt von der Winckelmanns?
Während Winckelmann den Gesichtsausdruck als „edle Einfalt“ und „unterdrücktes Seufzen“ deutet, sieht Hirt darin den körperlich bedingten, lautlosen Schrei eines Mannes, der aufgrund des Schlangengifts und des Todeskampfes physisch nicht mehr in der Lage ist, zu schreien.
Welche Rolle spielt die „eigene Anschauung“ bei Goethe?
Goethe betont, dass man die Statue aus nächster Nähe betrachten muss, um die organische Funktionalität der Körperhaltung zu verstehen. Er lehnt die rein literarische oder ideelle Interpretation ab und begründet die Körperhaltung durch den spezifischen, äußeren Reiz des Schlangenbisses.
Warum wird Anna Amalia als „Laien-Beispiel“ in der Arbeit angeführt?
Anna Amalia wird als Beispiel für den Typus des Reisenden angeführt, der keine explizite wissenschaftliche Kunsttheorie verfolgt, sondern sein individuelles Gefühl und seine emotionale Betroffenheit in den Mittelpunkt stellt, dabei aber dennoch auf die gängigen Fachbegriffe Winckelmanns zurückgreift.
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- Christina Gierschick (Author), 2012, „Das Bild des schmerzens u der Leidenden Natur eines liebevollen Vaters“ , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200237