Aspekte eines kolonialen und imperialen Analyserahmens für die deutsche Okkupation in Osteuropa 1939-45


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Imperial Turn und Postkolonialismus

3 Das Dritte Reich im Kontext des imperial turn
3.1 Hitlers Imperium
3.2 Ein kolonialer Krieg

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der deutsche Imperialismus und Kolonialismus besitzen eine lange Tradition.1 Die meisten Darstellungen aus dieser Perspektive enden in der Regel mit dem im Versaillervertrag 1919 aufoktroyierten Verlust aller Kolonien. Mit dem allmählichen Aufbrechen der nationalstaatlichen Grenzen, der zunehmenden Vernetzung der Welt und dem Voranschreiten der Globalisierung entwickelt sich auch auf diesem Gebiet der Geschichtswissenschaft ein Paradigmenwechsel hin zu globalen Perspektiven und transnationalen Betrachtungsweisen. Der sogenannte imperial turn und der damit einhergehende Postkolonialismus weiten den imperialen und kolonialen Blick nun auch auf Hitlers Drittes Reich. Auf welchen theoretischen Grundlagen eine solche Sichtweise begründet ist, welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben und warum es dennoch Sinn machen kann, den Nationalsozialismus mit der europäischen Expansion des Hochimperialismus zu verknüpfen, soll die vorliegende Arbeit skizzieren. Dabei gilt es, die Grundgedanken dieses neuen Paradigmas, vor allem aber auch das dabei verwendete Begriffsrepertoire zu analysieren, das für einen „kolonialshistoriographischen Analyserahmen der deutschen Okkupation in Osteuropa während des zweiten Weltkrieges“2 notwendig ist.

Die in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchende Debatte um Kontinuitäten zwischen den kolonialen Erfahrungen des Alten Reichs in Afrika und dem Nationalsozialismus soll nur marginal einfließen.

Wichtig ist auch festzuhalten, dass ein Betrachten des Nationalsozialismus unter kolonialen Aspekten keineswegs dessen Verbrechen im Allgemeinen und den Holocaust im Speziellen relativiert und dies auch nicht beabsichtigt ist.

2 Imperial Turn und Postkolonialismus

Johannes Paulmann liefert mit seinem Aufsatz aus dem Jahre 1998 ein Plädoyer für eine vergleichende Geschichtswissenschaft, die nationalstaatliche Grenzen hinter sich gelassen hat, um Verflechtungsbeziehungen und Austauschprozesse deutlicher herauszuarbeiten.3 Immer häufiger rücken in aktuellen Debatten transnationale Aspekte in den Mittelpunkt. Ohne die Einbeziehung kolonialer Vergangenheiten, transnationaler und globaler Aspekte und den Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie lasse sich die Geschichte vieler Nationen nicht sinnvoll analysieren.4

Mit dem Paradigmenwechsel des so genannten imperial turns verschob sich das Forschungsinteresse von Sachverhalten auf Diskurse und diskursive Praktiken, in dessen Rahmen es möglich ist, alte Fragen neu zu stellen.5 Postcolonial studies oder Postcolonialism bezeichnen genau genommen keine kohärente Theorie sondern vielmehr ein Konglomerat von Konzepten, das „die westliche politische und kulturelle Hegemonie in Frage [...] stell[t]“.6 Die Kehrseite der neuen Betonung von Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Geschichte ist der Verlust an Eindeutigkeit, der sich besonders bei der Suche nach Definitionen bemerkbar macht.

Bereits Hanna Arendt vertrat in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine verknüpfende Darstellung von Imperialismus und totalitärer Herrschaft.7 Heute wird dieser Ansatz wieder aufgegriffen. Eine Strömung, die sich vor allem um den Historiker Jürgen Zimmerer herausbildete, versucht beispielsweise Kontinuitäten zwischen den kolonialen Erfahrungen des Kaiserreichs und den Verbrechen des Nationalsozialismus herauszuarbeiten. Parallelen streitet auch Birthe Kundrus nicht ab. In ihrem 2003 erschienen Aufsatz „Von Winhoek nach Nürnberg?“ zeigt sie Gemeinsamkeiten und Differenzen der Rassenpolitik in den Kolonien des Kaiserreichs und dem nationalsozialistischen Antisemitismus auf, stellt jedoch die Kontinuität und direkte Korrelation stark in Frage.8 Sie warnt davor, eine Kontinuität zu konstruieren, „die von einer scheinbar 'automatischen' Radikalisierung deutscher Herrschaftspraktiken ausgeht.“9

3 Das Dritte Reich im Kontext des imperial turn

Bereits die genaue Einordnung des Nationalsozialismus in die begrifflichen Kategorien eines postkolonialen Analyserahmens erweist sich als schwierig. Deklariert Mark Mazower im Titel seines 2010 erschienen Buches das Dritte Reich als Imperium10, erweist sich diese auf den ersten Blick schlüssige und nachvollziehbare Kategorisierung bei genauerem Hinsehen als erläuterungsbedürftig. Welche imperialen Züge kennzeichnen die Politik aber auch das Selbstverständnis des deutschen Reichs zur der Zeit des 2. Weltkrieges? Ähnlich verhält es sich mit kolonialen Strukturen des Ostkrieges, die Jürgen Zimmerer zur Grundlage seiner Untersuchungen macht.

3.1 Hitlers Imperium

Betrachtet werden soll die Frage, wie imperial das Dritte Reich insbesondere während des Krieges gegen die Sowjetunion agierte, beziehungsweise welche Charakteristika neuerer Imperiumstypologien zutreffend sind. Dabei ist es bereits kompliziert, ein Definition für das Phänomen des Imperiums zu finden, da ein zu differenzierter Begriff nur wenige singuläre Ereignisse erfassen würde und daher für eine vergleichende Analyse ungeeignet wäre. Ein zu allgemeiner, nahezu omniinklusiver Imperiumsbegriff wiederum ist für die historisch-analytische Wissenschaft ebenso unbrauchbar.

Als Ausgangspunkt soll Jürgen Osterhammels Definition von Imperien als „großräumige, hierarchisch geordnete Herrschaftsverbände polyethnischen und multireligiösen Charakters, deren Kohärenz durch Gewaltandrohung, Verwaltung, indigene Kollaboration sowie die universalistische Programmatik und Symbolik einer imperialen Elite gewährleistet wird“11, dienen. Davon abzugrenzen ist das imperialistische Streben als ,,a process and a set of policies“12, das darauf ausgerichtet sind, „weitere Gebiete aufgrund ihrer ökonomischen oder geostrategischen Attraktivität dem expandierenden Machtkomplex [einzugliedern]“13. Im Gegensatz zu den meisten anderen Großmächten zielt jedoch der nationalsozialistische Imperialismus primär auf den europäischen Kontinent statt auf überseeische Einflussgebiete. Hannah Arendt spricht daher von kontinentalem Imperialismus auf der Grundlage einer pangermanischen Ideologie.14 Die expansiven Ambitionen des Reiches zeichnen sich realgeschichtlich bereits seit 1933 ab. Seit der Machtübernahme Hitlers befindet sich das Reich in Vorbereitungen für die Eroberungsfeldzüge. Im Jahre 1935 wird das Saar- und Rheinland annektiert. Drei Jahre später folgt die Eingliederung Österreichs in den Reichskomplex. Selbst die „Heimholung“ des Sudetenlandes wird von den anderen Großmächten im Münchener Abkommen toleriert. Diese sogenannte Appeasement-Politik endet erst mit dem Einmarsch der Wehrmacht in der Rest-Tschechei und der damit einhergehenden Errichtung des Reichsprotektorat Böhmen und Mähren sowie eines slowakischen Satellitenstaat.15 Mit dem Überfall auf Polen, der Errichtung des Generalgouvernements und dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion werden dem Großreich weitere Gebiete angegliedert.

Die nationalsozialistische Außenpolitik im Osten ist weiterhin durch flexible, verschiebbare Grenzen, die sich nicht mehr nach Staatsgrenzen sondern nach Völkern und Volksgruppen richten, und abgestufte Herrschaftsstrukturen gekennzeichnet. Die Folge ist ein „vom Zentrum zur Peripherie verlaufendes Integrationsgefälle“16.

[...]


1 Für einen Überblick siehe Shelley Baranowski: Nazi Empire. German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler, Cambridge u.a. 2011.

2 Birthe Kundrus: Kontinuitäten, Parallelen, Rezeptionen. Überlegungen zur „Kolonisierung“ des Nationalsozialismus, in: WerkstattGeschichte 43, Essen 2006, S. 50.

3 Johannes Paulmann: Internationaler Vergleich und interkultureller Transfer. Zwei Forschungsansätze zur europäischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, in: HZ 267 (1998), S. 649-685.

4 Vgl. ebd.

5 Claudia Kraft/Alf Lüdtke/Jürgen Martschukat: Einleitung. Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen, in: Claudia Kraft/Alf Lüdtke/Jürgen Martschukat (Hgg.): Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen, Frankfurt am Main/New York 2010, S. 16.

6 Wolfgang Reinhard: Kolonialgeschichtliche Probleme und Kolonialhistorische Konzepte, in: Claudia Kraft/Alf Lüdtke/Jürgen Martschukat (Hgg.): Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen, Frankfurt am Main/New York 2010, S. 68; Siehe für eine detaillierte Schilderung Robert C. Young: Postcolonialism. A Historical Introduction, Oxford 2001.

7 Siehe Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München/Zürich 1986.

8 Vgl. Birthe Kundrus: Von Windhoek nach Nürnberg?, in: Dies. (Hg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt am Main/New York 2003, S. 110-131.

9 Claudia Kraft/Alf Lüdtke/Jürgen Martschukat, in: Kolonialgeschichten, S. 19.

10 Mark Mazower: Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, Bonn 2010.

11 Jürgen Osterhammel: Europamodelle und imperiale Kontexte, in: Journal of Modern European History 2 (2004), S. 172.

12 Anthony Dirk Moses: Empire, colony, genocide. Conquest, occupation, and subaltern resistance in world history (= War and genocide 12), New York u.a. 2010, S. 22.

13 Herfried Münkler: Imperium und Imperialismus, Version 1.0, in Docupedia- Zeitgeschichte, 11.02.2010, URL: http://docupedia.de/zg/Imperium, S. 4.

14 Siehe Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 358-366.

15 Dirk van Laak: Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert (= Beck'sche Reihe), München 2005, S. 133.

16 Herfried Münkler: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den München 2005, S. 135

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Aspekte eines kolonialen und imperialen Analyserahmens für die deutsche Okkupation in Osteuropa 1939-45
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Hitlers „Neue Ordnung“. Europa unter nationalsozialistischer Besatzung
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V200264
ISBN (eBook)
9783656266808
ISBN (Buch)
9783656267928
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Tangiert unter anderem folgende Thematiken: imperial turn und Postkolonialismus, (Dis-)Kontinuitäten von Kolonialismus und Nationalsozialismus
Schlagworte
aspekte, analyserahmens, okkupation, osteuropa, imperial turn
Arbeit zitieren
Christoph Kehl (Autor), 2011, Aspekte eines kolonialen und imperialen Analyserahmens für die deutsche Okkupation in Osteuropa 1939-45, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200264

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