Der Partnerwechsel-Diskurs. Liebe oder Ehe. Serielle Partnerschaften oder Familie.

Eine anthropologische Analyse


Forschungsarbeit, 2012

25 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkung

Der Partnerwechsel-Diskurs. Liebe oder Ehe. Serielle Partnerschaften oder Familie. Eine anthropologische Analyse
Die sog. patchwork family
Althirnbestände aus einer vormenschlichen Vergangenheit
Alte Liebe – Neue Liebe
Treu oder untreu – das ist heut die Frage
Ehefrau vs. Geliebte
Seitensprung
Der Neander aus dem Tal, der alte Adam
Literatur als Arsenal von Liebeserfahrungen
Dichtung als Tresor [Schatzkammer]
Eine ontologische Figur
Strukturhomologie
Hormonelle Marionetten oder autonome Subjekte
Seitensprung und Alphabetisierung
Folgen einer Seitensprungkultur
Alternative Modelle

Verkehrte Welt. Eine Nachbemerkung
Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit
Zivilisation und Barbarei
Warum Denken traurig macht
Eine Welt kontroverser Positionen

Hinweis auf eine Neuerscheinung

Vorbemerkung

Gegenwärtig tummelt sich ein buntes Völkchen im öffentlichen Raum; schrill, phonetisch und semantisch, ist eine Qualität der Lebenswelt. Beispiele zu nennen ist kaum möglich, da alles im verrückten Ganzen ver-rückt ist.

Da wird mit Lärm ein Superstar gesucht, dort wird ein Bundespräsident scheinheilig betroffen und mit klammheimlicher Freude gejagt und gehetzt, so als sei noch Herbst und eine Hubertusjagd finde statt. Gibt der genervt und am Ende seiner Kräfte auf, wird der designierte Nachfolger einer medialen Inquisition unterzogen. Beleuchter haben Konjunktur, die dunkle Stellen erhellen wollen. Aber bekanntlich sind auch die Jahreszeiten schon aus dem Konzept gelaufen. Da wird in der Einkaufsmeile in Gießen eine Sprungschanze aufgebaut am verkaufsoffenen Sonntag bei gut 10 Grad plus, die Kerlchen springen dann grad mal 2,50 m. Lächerlich. Aber der Schnee wurde, Umweltkosten uninteressant, herangekarrt. Wenn es der Umsatzsteigerung dient … [ein leicht verändertes Zitat]

Das Volk fordert wie im Alten Rom Unterhaltung; damals panem et circenses, Brot und Spiele, heute mindestens Harz IV und RTL; eine mediale Meute, selbst in einem harten Konkurrenzclinch liegend, an die eigene Subsistenzsicherung denkend, die Abo-Zahlen müssen stimmen, sucht, präsentiert, inszeniert events. Fällt in den Anden ein Bus in den Abgrund mit 30 Toten, reicht das für die Tagesschau. Die verweist dann auf weitere Einzelheiten im Internet unter tagesschau.de. Ja, Gott, merkt Ihr nicht mehr, wie besoffen Ihr seid? Wo bleibt in diesem Lärm noch Zeit, den Rosenkranz zu beten J? Aber, Ihr Schreiberlinge, Ihr lebt davon. Eben, am 18. Januar 2012, wird im hessischen Fernsehen um 21.45 in der Sendung Meinungsmacher zaghaft darauf hingewiesen: dass in der Wulff-Affäre übelste Seilschaftspraktiken, Konkurrenzmechanismen am Werkeln waren.

[Der vorstehende Absatz garantiert, dass diese Publikation unbeachtet bleiben wird.]

Diese Zustände kennzeichnen heute die Alltagswelt; für der Welt der Wissenschaft gilt: hier geht es genauso zu. Es besteht eine kaum verblüffende Strukturhomologie.

Die hier versammelten Kapitel liefern eine kritische Re-Vision kultureller Rituale und Muster unserer Zeit, teils anhand der Besprechung einzelner Bücher, in denen sich diese Erscheinungen konzentriert sedimentieren.

Die gender studies dürfen noch immer als die avantgardistische Ideologie in den Kultur-, den Humanwissenschaften angesehen werden. Die, auch so genannten Geisteswissenschaften, haben viele Beerdigungen überlebt: alle marxistischen Varianten sind vom wissenschaftlichen Tanzboden weg und halten sich nur noch in esoterischen, wenig lernfähigen Hardliner-Zirkeln. Hierher gehört besonders die kryptomarxistische Kritische Theorie der Frankfurter Schule [Adorno u.a.]; die Dekonstruktion [Derrida] ist zur Lachnummer geworden [vgl. dazu unten], die Dislurstheorie Foucaults gilt nach der glänzenden, fundiert-soliden, vernichtenden Kritik durch Hans Ulrich Wehler[1] nur noch in Fangemeinden als Geheimtipp. Ebenso geht es der Luhmannschen Systemtheorie, die nur noch dort Akzeptanz findet, wo dogmatisch bornierte Engführungen, die doch noch im Bewusstsein der universalen Gültigkeit ihrer Ansätze leben, mutig beschritten werden.

Die vorliegende Arbeit schickt einige Methoden und Theorien wenn nicht in den Orkus des Vergessens, dann doch in die Revisionsabteilung. Hierzu gehören die genannten gender studies, die spätfeministische Sprachfolklore, sog. hermeneutische Verfahren, die Evolutionstheorie, die Anthropologie der patchwork-Familie, der Partnerwechsel-Diskurs, der Multikulturalismus, der Holocaust-Diskurs, der Atheismus-Diskurs, die Islam-Debatte. Sie alle werden fundiert kritisiert und in ihre Schranken gewiesen.

Am ehesten finde ich meine Ideen vertreten von dem Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa in seinem neuen Buch La Civilisación del Espectáculo, Madrid, 2012. Jetzt deutsch: Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst, Berlin 2012

Der Partnerwechsel-Diskurs. Liebe oder Ehe. Serielle Partnerschaften oder Familie. Eine anthropologische Analyse

Vorab: Der Ausdruck: Patchwork-Familie, muss als verdeckende Beschreibung für gescheiterte Beziehungen verstanden werden.

Die Journalistin Melanie Mühl hat überzeugend aufgedeckt[2], dass hier die mainstream-medien-meinungs-mafia am Werkeln ist. Durchgehend wird in den Medien die sog. Patchwork family als Maß und Muster hingestellt, positiv gewertet. Eins-zwei gescheiterte Beziehungen, jeweils mit Kindern, eine weitere Beziehung, der Partner bringt ein Kind mit, ein gemeinsames Kind folgt etc. Der aus dem Amt getriebene katholische Bundespräsident gab die Norm vor.

Der Verlag schreibt: Melanie Mühl sieht in Patchwork-Familien das Resultat einer weit verbreiteten Lebenshaltung, die Festlegungen scheut. Doch können wir auf Verlässlichkeit so einfach verzichten? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Vertrauen regelmäßig enttäuscht wird?

Man darf sagen: die Maßstäbe der Rating-Agenturen haben sich geändert, wir [wer ist wir?] sehen das im Moment nicht mehr alteuropäisch.

Allerdings gilt: sie dreht sich, die Erde und mit ihr die geltenden Maximen; man darf annehmen, dass - wie beim Kirmes-Karussell - der weiße Elephant bald wiederkommt. Wir werden eine Zeit erleben, in der die dauernde Partnerschaft wieder stärker gilt.

Die sog. patchwork family

Die amerikanische Psychologieprofessorin Anne C. Bernstein hatte schon 1990 ein Buch veröffentlicht: Die Patchwork-Familie. Wenn Väter oder Mütter in neuen Ehen weitere Kinder bekommen und darin die Sache recht positiv beleuchtet: sie meint, die Patchwork-Familie werde unvermeidbar zur Standardform von Familie in der Zukunft und sie sieht ein Familienleben, das von deinen, meinen, unseren Kindern bereichert wird. Auf denn!

Am Anfang ist die Liebe; sie kann als eine Erfindung der Evolution behauptet werden, um die Produktion von Nachwuchs zu erleichtern. Verliebte, sich Liebende neigen zu meist nächtlichen Taten, sog. Sünden der Nacht, die Folgen haben. Kinder. Die Ehe ist eine moralingesteuerte Institution, die Nachhaltigkeit sichert, nämlich in der Aufzucht der Sündenfolgen. So wie – nach Nietzsche - die Sklaven die Moral erfunden haben, so erfinden die Kinder die Ehe: als Höhle, als Schutz, als Raum, in dem sie wachsen können. Kinder wollen, dass ihre Eltern nicht streiten und zusammenbleiben. Sobald sie flügge sind, verlassen sie aber Vater und Mutter, schamlos und undankbar☺. Vorher sind sie betroffen, wenn ein Elternteil sie verlässt, um eine neue Beziehung einzugehen.

Hier hilft auch Bildung, d.h. ein Blick in die antike Mythologie. Da gibt es die Göttin Hera, die den Herd schützt, die Familie; sie ist die Gattin des immer fremdgehenden Zeus, der sie laufend, wie man sagt, betrügt. Zeus ist allein von der Liebe bestimmt, von der Göttin Aphrodite, denn die ist für die heiße Liebe zuständig. Hera wütet zwar immer, wenn der Gatte aushäusig ist, sie versucht, spielverderbend, die Rendezvous zu verhindern – Zeus aber empfindet eigentlich keine Schuld. Er folgt einem göttlichen Prinzip, der Liebe: sie steht über der Moral. Erst das Christentum hat das schlechte Gewissen in die Welt gebracht und die Ehe hochgehalten und den Ehebruch als Sünde bestimmt. Die antike Phantasie hat - vorchristlich – die Sache anders erlebt, in Bildern die anthropologischen Daten so sortiert: es gibt die sinnliche Liebe, zwei sind aufeinander abgefahren, ineinander verknallt, verliebt usw. Sprachen können diesen elementaren Sachverhalt verschieden formulieren. Die Dichtung hat ihn immer wieder in großen Poesien gestaltet; man darf an Tristan und Isolde denken, die so aufeinander abgefahren sind, dass ihre Liebe sie quasi zu einem Wesen macht. Man darf an Anna Karenina denken, die der lahmen Ehe mit Karenin entflieht und dem attraktiven Grafen Wronski nicht widerstehen kann. Allerdings wird sie zerbrechen, sie hält die Flucht aus der Verantwortung nicht aus, sie kann den Verlust ihrer Tochter nicht ertragen.

Jedenfalls: vor einer patchwork-Familien-Situation liegt diese Konstellation: eine neue Liebe verdrängt die alte. Das ist auch evolutionsstabilisiert; denn dieses Ding da, Evolution, ist sehr dafür, dass gerade der dazu noch fähige Mann weiter Kinder in die Welt setzt. Für das denkende Bewusstsein entsteht hier diese Frage: muss, was die Evolution will, durch sittliche Anstrengung geändert werden, geht es – wie im 18. Jahrhundert – um „die Bändigung der wilden Seele“?

Althirnbestände aus einer vormenschlichen Vergangenheit

Anzunehmen ist, dass Männer mehr weglaufen und treuebrechend sich verhalten als Frauen. Statistiken sollten das belegen, das Denken selbst stört sich aber nicht an solchen Veranstaltungen wie Statistiken, die immer fehlerhaft sein können. Es geht nämlich so: beim Mann spielen Althirnbestände aus seiner vormenschlichen, tierischen Vergangenheit mit. Der Mann ist genetisch ein Gockel, der mehrere Hennen verkraften kann. Der Mann muss, durch christliche Moral, zivilisiert, kultiviert, moralisiert werden. Von ihm wird eine besondere mentale Anstrengung verlangt, wenn er im Konzert der Kultivierten mitspielen will. Allerdings gibt es moderne Vaianten der Evolution: der Mann wird nicht mehr durch Moral frisiert, sondern durch das leben selbst impotent. Der Job stresst ihn in die Inaktivität.

Frauen indes sind evolutionär trainiert auf Zurückhaltung, deshalb müssen sie gemeinhin verführt werden. Schwangerschaft und Geburt sind gefährlich und die Aufzucht der Brut ist mühselig. So haben, ganz evolutionstheoretisch, jene Frauen überlebt, die sexuell zurückhaltend waren. Sie haben ihre Gene weitergegeben. Nymphomane Männergeile sind Irrläufer der Evolution, das gibt es immer wieder, durch Mutation.

Diese Daten, die zur Stammesgeschichte der Menschen gehören, bewirken ein unterschiedliches Sexualverhalten von Mann und Frau. Gebildete, Erfahrene wussten das schon immer.

Analytisch gesehen darf man eine Konfliktkonstellation diagnostizieren: auf der einen Seite die Pflicht, das Verbrechen der Treue [Gott, ich lese und erstarre, ich habe mich tatsächlich vertippt und es zunächst nicht bemerkt, es muss natürlich heißen: das Versprechen]. Die Ehe also, auch als eine Institution - wenn die Kinder weg sind – der wechselseitigen Hilfe und Pflege. Dann die Neigung, die neue Liebe, die eine Himmelsmacht ist – wie die Operette weiß: die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht! Die antike Mentalität hat die Problemlage evolutionsnäher als das Christentum stabilisiert, nicht mit dem Ketchup der Moral begossen. Wehe, wer vom Pfeil des Eros getroffen wird, vom Gift des Amor. Liebe ist für die Alten, für die Dichter ein elementarer Affekt, der durch Moral, durch Verantwortung nur schwer zu kontrollieren ist. In Tristan und Isolde hat die poetische Phantasie den Liebestrank erfunden: wenn zwei ihn trinken, fahren sie so aufeinander ab, dass sie zum siamesischen Zwilling werden. Modern formuliert ist der Liebestrank, der es immerhin bis in die Oper geschafft hat, eine genetisch-hormonelle Struktur. Goethe hat sich immer wieder, frisch wie der Phoenix, der aus der Asche zu neuem Leben auffliegt, verliebt. Er hat aber nie seine jahrzehntelange Freundin und spätere Frau Christiane betrogen – aber er hat gelitten, sehr. Sein einziger Trost war die Dichtung, er hatte das Glück, dass ein Gott ihm sagte, wie er leidet. Wenn der Mensch in seinem Schmerz verstummt, dann begann der Frankfurter zu dichten. Am schönsten im verbotenen Tagebuch – einem herrlichen Stanzengedicht, das Goethe selbst nie veröffentlichte, weil es zu gefährlich war[3].

Institutionen wie die katholische Kirche halten kinderfreundlich an der Pflicht fest, an der Unauflösbarkeit der Ehe: bis dass der Tod Euch scheidet. Sie können für das Leben nach dem Tod das Glück versprechen. Postmoderne Mentalitäten, für die Verantwortung, Treue u.a. keine erste Priorität haben, plädieren für die Lust der neuen Beziehung, für die Neigung. Das Leben ist einmalig, danach ist Schluss, also jetzt gilt’s. H.Heine hat die road map hierzu gedichtelt: wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.

[Pflicht und Neigung war um 1800 oft Thema von Talkshows, total ín, heute ist das out.]

Alte Liebe – Neue Liebe

Einer der größten Kenner dieses Feldes Liebe war der Frankfurter Romantiker Clemens Brentano. In seinem sonst recht verworrenen Lustspiel Ponce de Leon – aber wo ist die Bildung, die dieses Stück noch kennt? – lässt er singen:

[...]


[1] Hans-Ulrich Wehler, Die Herausforderung der Kulturgeschichte, München 1998

[2] Melanie Mühl, Die Patchwork-Lüge. Eine Streitschrift, 2011 im Hanser Verlag

[3] vgl. Erwin Leibfried, Goethe. Ein Komet am Himmel der Jahrhunderte, Band 4, S. 108ff. als ebook bei amazon

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Partnerwechsel-Diskurs. Liebe oder Ehe. Serielle Partnerschaften oder Familie.
Untertitel
Eine anthropologische Analyse
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V200464
ISBN (eBook)
9783656316084
ISBN (Buch)
9783656316619
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Essay betrachtet kritisch unsere Kultur der Fremdgeherei und des seriellen Partnerwechsels. Er blickt auf die evolutionsgeschichtlichen Abläufe und sortiert die meist horizontalen Aktivitäten in einen anthropologischen Rahmen. So entsteht die Möglichkeit zu einem vertieften, auch moralinfreien Verständnis.
Schlagworte
patchwork-Familie, Partnerwechsel
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Erwin Leibfried (Autor), 2012, Der Partnerwechsel-Diskurs. Liebe oder Ehe. Serielle Partnerschaften oder Familie., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200464

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Partnerwechsel-Diskurs. Liebe oder Ehe. Serielle Partnerschaften oder Familie.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden