Israel ist besonders für Deutsche noch immer ein besonders heikles Thema, das Fingerspitzengefühl, Rücksichtnahme erwarten darf. Das Menschheitsverbrechen des Holocaust liegt als ein Riesenschatten über allen Reflexionen. In dieser Situation ist es klug, innerisraelische Stimmen zu hören und sie zu Wort kommen zu lassen, zudem die Bibel, die wesentliche Stücke israelischer Identität formatiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
2. Israel
Archäologie eund Philologie
Archäologie als Aschenputtel
Der universalhistorische Blick
Hunderttausende zionistischer Invasoren
Die Erfahrung der vollzogenen Verteilung
Von dem Strom Ägyptens bis an den großen Strom Euphrat
Ein gerechter Krieg
3. Generative Grammatik des Judentums
Konstanten jüdischen Verhaltens
Blut und Bodenlosigkeit
Überreizte Wächter
Gewalt als Gegengewalt
Opfernationen
Aufstieg durch Taten zum Volk
Monotheismus als Ausrottung
Niedergang. Opfer-Volk
Die Replik der Sklaven (Fr. Nietzsche), der Parias (M. Weber)
Prügeleien
Glück und Unglück
Achtung! [Ironische] Warnung vor der Weitwinkelperspektive
Umgangsformen
Assimilation und Emanzipation.
Fazit
4. Gegenläufige Gedächtnisse oder antagonistische Ontologie
Wissenschaftliche und opferperspektivische Sicht
Befreier und Unterdrücker zugleich
Die „Ereignisikone“ 9. Mai 1945
Ismael und Israel
Opferperspektive
5. Die Befreiung gelingt …
GuiseppeVerdis Nabucco
6. Re-Vision argumentativer Muster des Holocaust-Diskurses
Wissen und tun
Das Windschiefe hat Konjunktur
Nochmal: Normalität
7. Reisende
8. Henryk M. Broder: Vergesst Auschwitz!
9. Roma locuta, causa finita?
Zu dem „Gedicht“ eines Nobelpreisträgers
10. Beschneiden oder bescheiden auf archaische Rituale verzichten?
11. Verkehrte Welt. Eine Nachbemerkung
Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit
Zivilisation und Barbarei
Warum Denken traurig macht
Eine Welt kontroverser Positionen
12. Hinweis auf eine Neuerscheinung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit unternimmt eine kritische Re-Vision kultureller, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Rituale und Muster der Gegenwart, insbesondere im Kontext des Holocaust-Diskurses, der israelischen Identität und moderner politischer Deutungsmuster. Dabei wird eine universelle ontologische Struktur der Teilung und des Interessenkonflikts postuliert, um vermeintlich monolithische Sichtweisen aufzubrechen.
- Kritische Analyse von Holocaust-Erinnerungskultur und deren Instrumentalisierung.
- Untersuchung der jüdisch-israelischen Identität zwischen Anspruch und politischer Realität.
- Hinterfragung diskursiver Machtstrukturen und der Rolle des Intellektuellen.
- Reflexion über Gewalt, Moral und die anthropologische Konstante des „Sünders“.
- Dekonstruktion aktueller politischer und gesellschaftlicher Ereignisikonen.
Auszug aus dem Buch
Die Erfahrung der vollzogenen Verteilung
In der jüdischen Position steckt Evolution; Schiller hat seinen Wallenstein hierher gehörende wichtige Worte formulieren lassen („hart im Raume stoßen sich die Sachen, / Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken, / Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben, / Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt“) Es ist die Erfahrung der vollzogenen Verteilung (des Landes), die im Nahen Osten Probleme macht.
Burg sieht sehr deutlich, dass „die Idee des auserwählten Volkes sich aus historischen und menschlichen Kontexten erklären“ lässt. „Es mag sein, dass die unterdrückten Juden, die Vernichtung und Verfolgung ausgesetzt waren, Zuflucht in einem Traum von Größe fanden,“ (213) Man darf auch Nietzsche lesen und dessen „Genealogie der Moral“. Moral ist eine Erfindung der Unterdrückten, der Sklaven. Burg bekennt. „Mein Judentum ist dagegen ein ständiger Kampf gegen Rassismus, religiöse Arroganz und selbsternannte Sendboten Gottes, die glauben, Gott sei immer und ausschließlich mit ihnen“ (das ist z.B. unüberhörbar der Fall bei der Schilderung der Landnahme im Alten Testament). (215) Burg beklagt, dass „mit dem Übergang von der Ohnmacht zur Macht keine entsprechende Revolution in der modernen israelisch-jüdischen Seele stattgefunden hat“. (223)
Möglich werden Burgs Positionen aus einer prinzipiellen Einschätzung heraus; er sagt als Abgeordneter in der Knesset: „Ich fühle mich nicht so verfolgt. Ich glaube nicht, dass die Gefahr einer zweiten Shoah in irgendeiner Weise real ist“. (194) Auch hier sollte man im nichtaktiven Bewusstseinshintergund eine Erkenntnis mitlaufen lassen, die anthropologisch ist: es gibt immer zwei Sorten von Menschen: große und kleine, dicke und dünne, rechte und linke, kluge und nicht so kluge, Wandervögel und Nesthocker, Wasserratten und Landratten usw. usf. So gibt es optimistische und pessimistische Evaluationen von Sachverhalten. Faktenensembles sind oft so komplex, dass eindeutig begründete Entscheidungen nicht möglich sind, dann treten emotional gesteuerte Mechanismen ein.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Einleitung in die kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Ritualen und die Diagnose einer strukturellen Homologie zwischen Alltagswelt und Wissenschaft.
Israel: Analyse der israelischen Identitätsstiftung, der Landnahme-Diskussionen und der Rolle des Holocaust-Traumas im israelischen Selbstverständnis.
Generative Grammatik des Judentums: Untersuchung der Konstanten jüdischen Verhaltens, der Bedeutung von Abgrenzung und der Rolle der Moral als Überlebensstrategie.
Gegenläufige Gedächtnisse oder antagonistische Ontologie: Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven auf den Holocaust und dem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher und opferorientierter Erinnerung.
Die Befreiung gelingt …: Deutung von Verdis Nabucco als Modell der Befreiung und der Transformation durch Bekehrung.
Re-Vision argumentativer Muster des Holocaust-Diskurses: Kritik an der Art und Weise, wie Holocaust-Debatten geführt werden, und Plädoyer für einen normaleren Umgang mit der Vergangenheit.
Reisende: Besprechung von Palästina-Reiseliteratur und deren Beitrag zur historischen Kontextualisierung zionistischer Siedlungsbewegungen.
Henryk M. Broder: Vergesst Auschwitz!: Polemische Auseinandersetzung mit Broders Thesen zum deutschen „Erinnerungswahn“.
Roma locuta, causa finita?: Analyse der heftigen Reaktionen auf das Gedicht eines Nobelpreisträgers im Kontext politischer und gesellschaftlicher Mechanismen.
Beschneiden oder bescheiden auf archaische Rituale verzichten?: Erörterung der juristischen und kulturellen Problematik ritueller Beschneidungen.
Verkehrte Welt. Eine Nachbemerkung: Philosophische Reflexion über den Zustand der Welt, das Wesen der Zivilisation und die Melancholie des Denkens.
Hinweis auf eine Neuerscheinung: Abschließender Hinweis auf das Werk "Deutsche Lektionen".
Schlüsselwörter
Holocaust-Diskurs, Israel, Identität, Antisemitismus, Erinnerungskultur, Ontologie, Religion, Naher Osten, Moral, Geschichte, Kultur, Zivilisation, Aufklärung, Politische Theologie, Judentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Werk grundsätzlich?
Es handelt sich um eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen kulturellen Mustern und Ritualen, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit dem Holocaust-Diskurs und die Identität Israels.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die Rolle des Holocaust als identitätsstiftendes Trauma, die Dekonstruktion von Erinnerungskultur, das Verhältnis von Religion und Politik sowie die Analyse gesellschaftlicher Prügeleien und Machtmechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist eine kritische Re-Vision festgefahrener argumentativer Muster und ein Plädoyer für einen nüchternen, rationalen Umgang mit historisch belasteten Themen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt Ansätze der Kulturwissenschaft, Philosophie und Literaturkritik, insbesondere die Methode der „iterativen Reflexion“ oder „Beobachtung der Beobachtung“, um die dahinterliegenden ontologischen Strukturen aufzudecken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Fallbeispiele, von der politischen Situation in Israel über die Auseinandersetzung mit literarischen Werken bis hin zur Kritik an der Berichterstattung über den Holocaust.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Holocaust-Diskurs, Identität, Ontologie, Erinnerungskultur und Politische Theologie geprägt.
Welche spezifische Rolle spielt der "Holocaust-Diskurs" in dieser Analyse?
Der Autor betrachtet den Holocaust-Diskurs als hochkomplexes, rituelles Geflecht, das oft von emotionalen Interessen statt von einer rationalen historischen Aufarbeitung bestimmt ist.
Wie bewertet der Autor die Rolle Israels in der heutigen Welt?
Israel wird als ein Land beschrieben, das tief gespalten ist und dessen Politik stark durch Sicherheitsbedürfnisse und ein aus der Vergangenheit gespeistes Trauma beeinflusst wird, was den Dialog erschwert.
- Arbeit zitieren
- Prof. Dr. Erwin Leibfried (Autor:in), 2012, Israel. Generative Grammatik des Judentums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200467