Körper - Männlichkeit - Schönheit

Männliches Schönheitshandeln in Medien und Alltag: Eine Untersuchung der Ambivalenz von Männlichkeit in der Postmoderne.


Seminararbeit, 2012
36 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theorie
2.1 Körper und der gesellschaftlich-kulturelle Kontext
2.2 Körper und Geschlecht in der postmodernen Gesellschaft
2.2.1 Konstruktion von Männlichkeit & männlicher Defizitkörper
2.2.2 Männliches Schönheitshandeln oder die Angst vor dem Verlust der Jugend

III. Werbung aus soziologischer Sicht

IV. Befunde männlichen Schönheitshandeln
4.1 Befunde aus der Werbung
4.2 Befunde in Zahlen (Kosmetikkonsum und Schönheitsoperationen)

V. Zusammenfassung & Resümee

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wann ist der Mann ein Mann?“ fragte sich Herbert Grönemeyer bereits 1984 in einem seiner Lieder und befasste sich dabei mit der Ambivalenz des männlichen Geschlechts in der Postmoderne. Er drückte damit eine schwelende Unsicherheit und Unwissenheit darüber aus, wie ein Mann in der Gesellschaft zu sein, sich zu geben und auszusehen hat, um als „richtiger Mann“ (an-)erkannt und (an-)gesehen zu werden. Durch den gesellschaftlichen Wandel und neue Anforderungen an die Geschlechterrolle, veränderte sich nicht nur das Geschlecht Mann in „seiner“ Rolle, sondern auch die Ansicht des Mannes von dem, was er subjektiv und objektiv ist und zu sein hat. In den Anfängen der Männerforschung wurden das Geschlecht an sich bzw. die Dichotomie der Geschlechter und die damit verbundenen (sozialen) Ungleichheiten untersucht. Heute konzentrieren sich die Untersuchungen auf den männlichen Körper und das männliche Schönheits- und Körperhandeln. Damit ist explizit die harte Arbeit am Körper in Form von Fitness, Wellness, Kosmetik und Frisur gemeint. „Schönheitshandeln ist ein sozialer Prozess, in dem Menschen versuchen, soziale (Anerkennungs-)Effekte zu erzielen.“ (Degele 2004: 10). Es handelt sich dabei also um einen Inszenierungsprozess, der der sozialen Positionierung und der Identitätssicherung dient. Der Körper ist die Darstellungsfläche und wird als Projekt betrachtet, an dem hart gearbeitet werden muss, um ein Idealbild zu verwirklichen. Mitunter wird das ein Leben lang gemacht, schon allein auch, um den Anzeichen des Alters zu entkommen. In der vorliegenden Abhandlung soll insbesondere dieses Schönheitshandeln des Mannes untersucht werden, denn in der Postmoderne erscheint dieser Prozess für Männer zentraler geworden zu sein – heute wohl mehr als noch 1984. Im Sinne des Ausdrucks „survival of the fittest“ muss nun auch der Mann den ihm zugeschriebenen Schönheitsidealen entsprechen, um z.B. im Beruf oder in der Frauenwelt Anerkennung zu erlangen. In der Geschlechterforschung nach Bourdieu hieß es, der Mann ist Täter und Opfer zugleich. Dies kann wohl auch in Bezug auf seinen Körper angenommen werden. Männerforschung[1] – Männlichkeit- männlicher Körper und männliches Schönheitshandeln werden in der Soziologie beleuchtet, in Politik und Gesellschaft integriert und in den Medien verzerrt und intervenierend eingesetzt. Beobachtet man u.a. die Marketingstrategien der Schönheitsindustrien, so richten sich diese inzwischen verstärkt an den Mann und den männlichen Körper. Auch das medizinische System bietet geschlechtsspezifisch Angebote an. Medien, wie Zeitschriften, Filme, Werbung etc. spielen in allen Bereichen eine immanente Rolle. Sie gelten als sinnbildend, meinungsgebend, sind allgegenwärtig und schnell zugänglich. Die seit Anfang der 1990er Jahre aus dem Boden sprießenden Männerzeitschriften geben dem Mann wichtige Orientierungen und suggerieren ihm Bilder und Vorstellungen von „richtiger Männlichkeit“. Es wird also deutlich, dass körperliches Verhalten einem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel unterliegt. Wann ist der Mann also ein Mann, wie sieht der „richtige“ männliche Körper aus und wie sollte sich der Mann in Bezug auf seinen Körper und seine körperliche Gesundheit „verhandeln“?

Das Schönheits- und Körperhandeln des Mannes hat sich mit dem kulturellen und sozialen Wandel westlichen Gesellschaften verändert. Die zentrale Fragestellung dieser Auseinandersetzung soll lauten: Hat sich der männliche Körper und das männliche Schönheits- bzw. Körperhandeln in den letzten 20 Jahren verändert? Und wenn ja, wie?

In diesem Kontext soll auf folgende weitere Fragen eingegangen werden: Was wird unter Körper gesellschaftlich und kulturell verstanden? Gab es Veränderungen im Verständnis davon? Was ist Männlichkeit und wie wird diese konstruiert? Ist der männliche Körper ein Konstrukt der Gesellschaft? Was ist Schönheitshandeln und wie handelt der Mann in Bezug auf seine Schönheit und Attraktivität? Wie wirkt Werbung und kann diese als ein Spiegel der Gesellschaft angesehen werden? Hat die Präsenz des männlichen Körpers und der Männlichkeit in der Werbung in den letzten Jahren zugenommen? Ist (hegemoniale) Männlichkeit heute noch ubiquitär? Es wird kein spezielles Analyseschema verwendet, sondern in erster Linie soll ein „einfacher“ Blick auf dieses Phänomen geworfen werden, um daraus erste Erkenntnisse abzuleiten[2].

Der erste Teil (Kap. II) befasst sich mit der theoretischen Auseinandersetzung von Körper und dem gesellschaftlich-kulturellen Kontext (Kap. 2.1). Hierbei wird auf grundlegende Körpertheorien eingegangen. Weiterhin befasst sich dieser Teil mit dem Geschlechterkörper im gesellschaftlichen Diskurs und dem männlichen Körper- und Schönheitshandeln (Kap. 2.2). Da die Untersuchung anhand von Werbung erfolgt, ist kurz auf die Soziologie der Werbung einzugehen und explizit auf den Mann als Motiv der Werbung (Kap. III).

Im zweiten Teil (Kap. IV) wird der Wandel des männlichen Körper- und Schönheitshandeln mit Hilfe von Werbung[3] aus Zeitschriften und Werbeanzeigen, Konsum und ästhetischer Medizin analysiert. Ergänzend wird das Schönheitshandeln von Männern im Hinblick auf ihren Kosmetikkonsum und die damit verbundenen ästhetischen Veränderungen quantitativ erfasst. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und im Rückbezug auf die Fragestellung reflektiert (Kap. V).

II. Theorie

2.1 Körper und der gesellschaftlich-kulturelle Kontext

„Das Wirkliche ist das Nicht-Kulturelle.“ (Meuser 1998: 164)

Seit Beginn der 1980er Jahre hat sich der Körper in der Wissenschaft zu einer Thematik mit großer Ausstrahlungskraft entwickelt. Die Soziologie hat den Körper durch Michael Meuser, Pierre Bourdieu, Robert W. Connell, Christoph Wulf etc. „wiederentdeckt“. Alles was der Mensch mit seinem Körper tut, wie er sich bewegt, welche Einstellung er zu seinem Körper hat und wie er mit ihm umgeht, steht in dem gesellschaftlich-kulturellen Kontext, in dem der Mensch lebt. Wie der Körper in diesen Kontext eingebettet wird, soll in diesem Kapitel beschrieben werden.

Der Körper gilt als gesellschaftlich-kulturelles Konstrukt, da er einerseits Produkt der Gesellschaft, andererseits aber auch Produzent ist (vgl. Gugutzer 2004, Meuser 2002, Schaufler 2002). In den letzten 30 Jahren erlangte der Körper nicht nur ein stärkeres wissenschaftliches Interesse, sondern auch die westliche Gesellschaft und das Individuum rücken ihn in einen Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Hierfür sind verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen verantwortlich, welche kurz beschrieben werden sollen. Als Grundlage werden die Auseinandersetzungen von Kornelia Hahn und Michael Meuser (2002) sowie Robert Gugutzer (2004) herangezogen. Die postmoderne Gesellschaft hat durch die Veränderungen der Berufsfelder, einen Wandel in die Betrachtung des Körpers gebracht. Die körperliche Beanspruchung durch entsprechend physische Leistungen ist zurückgegangen und der wachsende tertiäre Sektor führt zu weiter verbreiteten Tätigkeiten, die eher sitzend und geistig ausgeübt werden. Neben der geregelten Arbeitszeit hat das Individuum nun auch eine geregelte Freizeit und dadurch neue Möglichkeiten sich intensiv mit seinem Körper zu beschäftigen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Einen weiteren Eckpunkt bilden Konsum und Körper. Durch den materiellen Wohlstand in der postmodernen Gesellschaft und der Erweiterung des Freizeitbereiches haben sich Konsum und Lebensstile weiter ausdifferenziert bzw. zugenommen. In dieser Konsumgesellschaft hat der Körper stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Körper die z.B. in der Werbung zu sehen sind, sind schlank, jung, fit, trainiert und schön. Sie „verkörpern“ ästhetische Ideale. Diesbezüglich haben sich viele Industriezweige entwickelt, die angeben, den Körper nach diesen Idealen modellieren zu können. Einen konsumverstärkenden Effekt haben insbesondere die modernen Massenmedien. Fernsehen, Plakatwerbung und Zeitschriften leben von Körperbildern. Dieses Phänomen passt hervorragend in die heutige „Inszenierungsgesellschaft“ (Willems/Jurga 1998: 210), in der das (Körper-)Ideal produziert wird und somit eine eigene soziale Bedeutung erhält. Der Körper selbst wird verstärkt als Medium eingesetzt. Eng mit den Massenmedien und der Konsumkultur verbunden ist die Popkultur, welche in den letzten Jahren aufgewertet wurde. Das ist daran zu beobachten, dass popkulturelle Phänomene mittlerweile mit der Hochkultur[4] auf einer Ebene stehen bzw. diese sogar überragen. Ein Beispiel dafür ist der Sport, der nicht erneut sozial legitimiert werden muss, sondern in allen Bildungsschichten von großer Beliebtheit ist und zudem einen höchst kommunikativen Faktor besitzt. Trendsportarten verkörpern nicht nur den Sport als solchen, sondern sind zugleich Ausdrucksformen von Lebensstilen, welche mit entsprechender Kleidung, Musik und einem richtigen körperlichen Habitus verbunden werden (vgl. Bette 2005, Gugutzer 2004). Ronald Inglehart konstatierte 1977 einen Wertewandel der westlich-modernen Gesellschaften vom Materialismus (traditionelle und soziale Normen) hin zum Postmaterialismus (Partizipation, Selbstverwirklichung und Lebensqualität). Im Letzteren hat der Körper eine sehr zentrale Position erhalten, der heute Werte wie Genuss, Spaß, Spannung, Lust, Identität und Erlebnis fokussiert (vgl. ebd.: 37). Von diesem Prozess tangiert, ist der von Ulrich Beck (1986) beschriebene Individualisierungsprozess[5]. Dieser besteht aus der Loslösung aus traditionellen Rollenmustern und den damit verbundenen sozialen und ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen. Damit einhergehend wird das Individuum aber auch mit Ambivalenzen konfrontiert. Dem Freiheitsgewinn steht dabei auch der Zwang entgegen, sich entscheiden zu müssen. „Das Glück der Freiheit ist gleichzeitig ein Fallen in ein Loch. Nun sehe jeder zu! Was gilt? Wer gilt? [...] Was sicher ist? Daß alles unsicher und risikoreich ist. Genießt die Bindungslosigkeit als Freiheit.“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 10). Der Körper ist zum Hoffnungsträger für ein sich individualisierendes Individuum geworden, um seine vielen verschiedenen individuellen Möglichkeiten als Chance zu nutzen und andererseits mögliche Risiken zu vermeiden oder zu bewältigen. Ausdruck des Individualisierungsprozesses war zum Beispiel das zahlreiche Aufkommen von sozialen Bewegungen, wie auch die in den 1968er Jahren bedeutende Frauenbewegung. Diese tauchte in den Körperdiskurs ein, um für Frauen ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung zu erkämpfen. Im Zuge dessen fand ein Wandel der Geschlechter und Geschlechterrollen statt. Der Mann wurde in Bezug auf seine Geschlechterrolle in einen Zustand der (noch anhaltenden) Orientierungslosigkeit katapultiert. Die damals aufkommende Männerforschung machte sich zur Aufgabe, den nun „neu entdeckten“ Körper des Mannes zu analysieren und in Kontexte stellen (vgl. Connell 2000, Gugutzer 2004: 37, Meuser 1998). Der demographische Wandel und die steigende Bevölkerungsalterung verstärken inzwischen die Thematisierung von Körper. Ältere Körper haben andere Bedürfnisse, Wünsche und auch Krankheiten als ein junger Körper (vgl. Gugutzer 2004: 38, Meuser 2002, Meuser 2011, Posch 2009: 109, Violi 2009). Die beiden Zahnräder Alter und Körper die nun stark ineinander greifen, sind Phänomene der Postmoderne. Als Folge dessen wurden neue Körpernormen, -erwartungen und -formen konstruiert. Zudem hat das Altern einen bedeutenden psychologischen Aspekt, denn, so die geläufige Anschauung der Postmoderne, mit dem Altwerden geht die Jugendlichkeit und die damit verbundene Schönheit und Attraktivität verloren (vgl. Corsten et al. 2002: 239, Hofstadler/Buchinger 2000). Daraufhin hat sich ein riesiger Sektor eröffnet, der dem alternden Menschen durch verschiedene Dienstleistungen und Angebote „behilflich“ ist, das (Gefühl des) Jungsein(s) weiterhin zu bewahren. Weiterhin kann gesagt werden, dass postindustrielles Leben und Lebensumstände zwangsläufig bestimmte körperliche, seelische und psychosomatische Krankheiten beinhalten. Die Zunahme der verschiedenen Erkrankungen in der Postmoderne hat das Augenmerk des Individuums verstärkt in Richtung Erhaltung und Pflege des Körpers (und des Geistes) gelenkt, so zum Beispiel durch Bewegung, Fitness, Sport, Wellness, Ernährungsberatung etc. (vgl. Meuser 2011, Violi 2009). Ferner sind durch den medizinischen Fortschritt Grenzen zwischen Technologien und Körper bereits umfassend auflöst worden. Deutlich sichtbar wird das anhand des Fortschrittes in der Reproduktions- und Biotechnologie (künstliche Befruchtung, Stammzellentherapie, Organtransplantation etc.). Gugutzer (2004) nennt den Körper in diesem Zusammenhang reflexives Identitätsprojekt (ebd.: 40) . Der Körper wird zu einem Projekt, der durch entsprechende chirurgische Praxen und die alltägliche Körpermanipulation (vom Haare färben bis rasieren) plastisch verschönert und durch Piercings, Tattoos, Brandings etc. erweitert wird, um dem Schicksal des „natürlichen“, biologischen Körpers zu entkommen (vgl. Gugutzer 2002 und 2004). Die „reflexive Körperthematisierung“ (ebd. 2004: 40) ist somit gleichzeitig eine Thematisierung des Selbst und die heutige harte Körperarbeit somit auch Identitätsarbeit.

„The body – what we eat, how we dress, the daily rituals tough which we attend to the body – is a medium of culture. […] The body is not only a text of culture. It is as anthropologist Pierre Bourdieu and philosopher Michel Foucault (among other) have argued a practical, direct locus of social control. “ (Bordo 1993: 165). In dieser knappen Zusammenfassung beschreibt Susanne Bordo die Bedeutung des Körpers in der Kultur. Die Geschlechterdifferenz unterlag demnach einer Kulturalisierung, in der die biologisch gegebene Natürlichkeit der Körper zur Stabilität und Beständigkeit der Geschlechterordnung führte und in der die dichotom gestellten Geschlechterkörper eingeschrieben wurden (vgl. Bachmann 2008: 94, auch Bourdieu 2005, Laqueur 1992). Die Dichotomie der Geschlechter konnte dadurch perpetuierend reproduziert werden. Dabei spielt der fremde Blick eine entscheidende Rolle[6]. Es stellt sich die Frage, ob der Körper dem Individuum allein gehört und ob der Körper nicht auch ein soziales, interaktives und prozessbehaftetes Phänomen ist. Die Körperlichkeit kann „[…] als eine differenzierte kulturelle Institution“ (Bachmann 2008: 95, Hervorh. i.O.) begriffen werden, welche durch die Geschlechterdifferenzen organisiert, kanalisiert und moderiert wird. Sie unterliegt ständigen eigenen und fremden Kontrollmustern, welche zur Entfremdung führen können.

Unter den Konstruktivisten besteht Einigkeit darüber, dass das was wir mit unserem Körper tun, was wir von ihm wissen, wie wir ihn erfahren (Erkenntnisse, Heilung, Therapie, Körpersorge, Schönheitshandeln etc.), Diskursen von abgelagerten Wissensbeständen vom Körper und einem fein abgestimmten Disziplinierungsverfahren[7] unterworfen ist (vgl. Foucault 1994, Gugutzer 2004, Keller/Meuser 2011). Sozialkonstruktivisten, die vorherrschend in der Soziologie des Körpers zu finden sind, legen den Fokus eher auf den durch die Gesellschaft manipulierten, kontrollierten und modellierten (objektiven) Körper (siehe Kap. 2.2.1). So hat Pierre Bourdieu (1987) in „Die feinen Unterschiede“, ausgehend von der sozialen Klasse, welche eine Gruppe von Akteuren beschreibt, konstatiert, dass es eben solche gibt, welche unter relativ ähnlichen Lebensbedingungen leben und dadurch vergleichbare Habitusformen, Praktiken und Lebensstile entwickeln. Bourdieu hat seine klassischen Kapitalarten[8] um das körperliche Kapital ergänzt. Der Körper ist demnach ein Medium, welches in der Gesellschaft in verschiedenen Handlungsbereichen eingesetzt wird, um so soziale Gewinne[9] zu erzielen. Körperliches Kapital nach Bourdieu sind stimmliche, handwerkliche, sportliche Talente, als auch Aussehen, Attraktivität, Fitness, Stil, Benehmen, Gesundheit auf der körperlichen Habitusseite und Geschmack, Fleiß, Ausdauer und Disziplin auf der mental-kognitiven Seite (vgl. ebd.). Körperliches Kapital kann in die anderen Kapitalsorten konvertiert werden und ist zugleich ein Machtmittel[10]. Körperarbeit ist Identitätsarbeit, da die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität auch über den Körper als Reflexionsinstanz geschieht. Körperliches Kapital ist allerdings nicht käuflich erwerbbar. Eine Schönheitsoperation entspricht nicht dem Erwerb von körperlichem Kapital, sondern entspringt einer Technologie, mit der das Ziel Schönheit jedoch nicht garantiert werden kann (vgl. Gugutzer 2004). Unberücksichtigt bleibt dabei jedoch die leibliche Erfahrung als subjektiver Körper, welche in der Phänomenologie Raum findet, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.

Der Körper hat in der modernen Gesellschaft an Wichtigkeit gewonnen. Den Körper zu spüren, ihn zu gestalten, zu manipulieren, zu formen und auch zu disziplinieren sind nur einige Beispiele wie (un-)bewusst der Körper heute in den Mittelpunkt des Visuellen und Sozialen gestellt wird und welchen Zwang und welche harte Arbeit dies für das Individuum bedeutet.

2.2 Körper und Geschlecht in der postmodernen Gesellschaft

„Diese von der Soziobiologie propagierte natürliche Männlichkeit ist fast zur Gänze eine Fiktion.“

(Connell 2000: 67)

Wissenschaftler aus vielzähligen Disziplinen haben über die letzten 50 Jahre hinweg versucht die Dichotomie von Geschlecht zu analysieren, primär, weshalb es eine Zweigeschlechtlichkeit gibt. Zentrale Frage war, ob es sich historisch betrachtet um Natur oder Kultur handelt und wie bzw. ob das Geschlecht von der Gesellschaft konstruiert wurde. Aus dem Strukturalismus heraus konstatierte Judith Butler (1991) in ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“, dass nicht nur das soziale Geschlecht (gender) ein Konstrukt ist, sondern darüber hinaus eben auch das biologische Geschlecht (sex). Sie beschreibt den Körper gleichfalls als eine „Fiktion“ oder „Oberfläche“. „Man kann […] den Körpern keine Existenz zusprechen, die der Markierung ihres Geschlechts vorherginge“ (Butler 1991: 26, Hervorh. i.O.). Sie fragte sich demnach, inwiefern der Körper erst in und durch die Markierung(en) der Geschlechteridentität belebt wird. Selbst den durch die Wissenschaften und insbesondere durch die Medizin tradierten biologischen Unterschied z.B. anhand von unterschiedlichen Gehirngrößen (vgl. Möbius 1903), nach denen Frauen als das schwächere und Männer als das von Natur aus vernünftiger und willensstärkere Geschlecht konnotiert wurden, aus denen eine Vielzahl sozialer Ungleichheiten resultieren, wird heutzutage widersprochen. Trotzdem haben diese dazu beigetragen, dass die dichotome Divergenz perpetuierend produziert, reproduziert und somit auch stabilisiert wurde. Wenngleich Biologie nicht Schicksal ist, hat die Gesellschaft die „Unterschiede“ habitualisiert und in ihre Definition von Geschlecht inkorporiert. Der Grundsatz der modernen westlichen Gesellschaft in Bezug auf Geschlecht besagt, dass dieses dichotom ist und dies auf die biologische Beschaffenheit des Körpers zurückgeführt wird. Die Geschlechtszugehörigkeit verwirklicht sich danach auf, in und durch den Körper. Die Kategorisierung von Geschlecht verlangt vom Individuum, sich einer Kategorie zugehörig zu fühlen und stößt damit eine institutionalisierte Polarisierung an, welche den Körper entsprechend zu einem Frauen- oder Männerkörper macht. Die Zweigeschlechtlichkeit beinhaltet nicht nur den jeweiligen Geschlechterkörper (männlich oder weiblich), sondern auch Geschlechternormen, welche mit diesem übereinstimmen müssen. Diese soziale Vergeschlechtlichung von Körper und Geschlecht impliziert, wie man als „Mann“ oder „Frau“ zu sein hat und auch wie die Körper auszusehen haben. Demzufolge ist das Individuum ständig angehalten, seine Geschlechtsidentität durch eine den Normen angepasste körperliche Darstellung des Geschlechts (zum Erhalt der sozialen Ordnung) vorzuführen (vgl. Meuser 2002: 36, Meuser 2005: 273, Schaufler 2002). Sollte dies nicht adäquat umgesetzt werden, besteht die Gefahr der Exklusion[11]. In den meisten Fällen wird das zugeschriebene Geschlecht vom Individuum akzeptiert[12], da es öfter eine unhinterfragte Sozialisation[13] durchlaufen hat (vgl. Cyba 2000: 178, Schaufler 2002: 107, Tervooren 2007: 88). Die Akzeptanz des Geschlechts wird durch bildliche und szenische Umsetzung der tradierten geschlechtsspezifischen Unterschiede dargestellt. Das Individuum kann sich einer Kategorie eindeutig zuordnen und sich den „Vorlagen“ gemäß der Öffentlichkeit „richtig“ präsentieren. Die Zuordnung zu und Darstellung von einem Geschlecht ist ein subjektbezogener Prozess, der (meist) unhinterfragt parallel verläuft und das kulturelle geschlechtsspezifische Körperbild selbstverständlich umsetzt. Das Konstruierte verliert sich dadurch im Körper und im Fleisch. Der Körper ist das Medium und die „Bühne der Repräsentation“ (Schaufler 2002: 109) von Geschlecht und Zugehörigkeit und kann somit die soziale Geschlechterordnung stabilisieren und aktualisieren.

Das Geschlecht ist ein gesellschaftlich-kulturelles Konstrukt, welches vom Subjekt selbst (un-)bewusst produziert und reproduziert wird.

2.2.1 Konstruktion von Männlichkeit & männlicher Defizitkörper

Im 18./19. Jahrhundert wurde der weibliche Körper fast vollständig „auseinander“ genommen, analysiert und dokumentiert. Der Geschlechterdiskurs dieser Zeit bezeichnete den Körper als Naturalisierung der Geschlechterdifferenz, in dem es essentielle Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Nur der weibliche Körper beinhaltete Körperlichkeit und die Frau wurde somit dem Diktat der Körperlichkeit unterworfen (vgl. Laqueur 1992: 36 ff u. 221ff., Meuser 2005: 275 u. 280, Meuser 2011). Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Anzeichen über einen Diskurs männliche Körperlichkeit. Karl Marx differenzierte männliche Körperlichkeit zwischen der Arbeiterklasse, deren Körperlichkeit roh und proletarisch war und den feinen bürgerlich-männlichen Körper (vgl. Gugutzer 2004: 28, Meuser 2011). Weitere männliche Körperdiskurse wurden erst in den späten 1980er Jahren eröffnet. Unter anderem hat sich Michael Meuser (2005) mit der Semantik der (insbesondere männlichen) Körperlichkeit auseinander gesetzt. Der männliche Körper wird - entgegen dem weiblichen - als ein Körper ohne Körper betrachtet (vgl. ebd.: 286, Meuser 2011). Ihm unterliegt das Konzept des Geistes und er wird diskursiv als der „entkörperte“ Mann wahrgenommen (vgl. Meuser 2005: 279f.). Die soziale Praxis[14] und das geschlechtliche Alltagshandeln produzieren und kennzeichnen Geschlecht. Sie werden durch die zweigeschlechtliche, auf Männer- und Frauenkörper bezogene Sozialisation hergestellt, die Jungen und Mädchen darauf vorbereitet, wie sie sich in der Rolle zu geben haben. Dabei zeichnen sich Jungen und Männer in Bezug auf ihren Körper öfter dadurch aus, „[…] dass sie den eigenen Körper undifferenziert wahrnehmen und dazu tendieren, körperliche Missempfindungen und Störungen zu übergehen, da sie sie mit Schwäche assoziieren“ (Schaufler 2002: 105, vgl. auch Hofstadler/Buchinger 2001: 93, Meuser 2005: 280, Violi 2009: 2). Jede soziale Körperverwendung ist geschlechtlich konnotiert und geht bis unter die Haut. Inklusive der Vorstellungen, Zuschreibungen und Projektionen, welche sich durch den Körper bewegen. Es kann festgestellt werden, dass der Mann einem „Männlichkeitszwang“ (Schaufler 2002: 199) und männlichem Körperzwang unterliegt. Damit ist gemeint, dass der männliche Körper so konstruiert ist, dass er nicht als schwach dargestellt werden kann, sondern immer Stärke aufweisen muss. In Studien zu Jugendkulturen konnte z.B. ein starker Körperbezug festgestellt werden. Es wird konstatiert, dass innerhalb von Jugendgruppen ein hoher Druck auf einzelne Mitglieder ausgeübt wird, sich besonders männlich zu geben und darzustellen (vgl. Göppel 2011, Schaufler 2002).

[...]


[1] Als Väter können hier Pierre Bourdieu, Michael Meuser und Robert. W. Connell genannt werden.

[2] Eine intensive Analyse kann im Rahmen dieser Abhandlung nicht erfolgen.

[3] Aufgrund der Fülle an verfügbarem Material wird bei der Werbung auf die Produktklassen Duft, Körperpflege und Mode fokussiert, da die Produktfelder die Konzeptionen von Männlichkeit, Identität und Rolle zentral in der Produktwerbung kommunizieren.

[4] Hochkultur als soziologischer Begriff umfasst die von meinungsbestimmenden Eliten genutzten, als besonders wertvoll akzeptierten Kulturleistungen – im Gegensatz zu Alltagskultur, Massenkultur, Volkskultur oder Populärkultur.

[5] Die Individualisierungsthese ist die meistgebrauchte These, um die zahlreichen Phänomene der modernen Gesellschaft zu erklären.

[6] Ausführlichere Beschreibungen dazu folgen im Kapitel 2.2.2.

[7] Michel Foucault (1994) beschreibt den menschlichen Körper als einen zur Arbeit geschaffenen, welcher entsprechend geformt und kontrolliert werden musste zur Steigerung der Effektivität. Daraus kann, siehe Kap. 2.1, abgeleitet werden, dass die Körper vom Körper hin zum und am Körper in der postmodernen einen Zugewinn erlangten, da zum einen die körperliche Arbeit an sich entfiel, jedoch der Anblick des gestählten Körper erhalten blieb.

[8] Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital (vgl. Bourdieu 1987: 212ff.)

[9] Damit sind Prestige, Anerkennung, materieller und immaterieller Erfolg etc. gemeint.

[10] Blicke oder die körperlicher Erscheinung an sich können als Machtmittel eingesetzt werden.

[11] Hierbei kann es sich um eine gesamtgesellschaftliche oder um eine gruppenspezifische Exklusion handeln. Eine homogene Männergruppe (Punks) lehnt zum Beispiel eine nicht dem “Körpercode“ entsprechende Person ab.

[12] Kritisch daran ist, dass die „Verpflichtung zum geschlechtlichen Körper und die damit einhergehende Notwendigkeit leib-körperliches Disziplinierung auch mit Kosten verbunden“ [ist] „Es bedeutet eine Einschränkung der Handlungsfreiheit, sich immer als der Körper darstellen zu müssen, dem man zugeordnet wurde.“ (Schaufler 2002: 203).

[13] Im Sozialisationsprozess finden sich langfristig angelegte Inszenierungsprozesse wieder, welche nicht nur oft unhinterfragt bleiben, sondern zudem unbewusst geteilt werden. So konstatierte Tervooren (2007), dass Jungen sich anhand der Performance von Medienvorbildern ein Bild von Männlichkeit machen und diese nachahmen (vgl. ebd.: 93). Bourdieu (1987) spricht davon, dass Geschlecht gelernt wird. Er unterscheidet zwischen unbewusstem, kognitivem und praktischem Lernen, welches immer auch körperliches Lernen ist (vgl. ebd.: 138).

[14] Vgl. Connell (2000): „Das soziale Geschlecht ist eine Art und Weise, in der soziale Praxis organisiert ist.“(ebd.: 92). Das bedeutet, dass Geschlechterprozesse in der alltäglichen Praxis organisiert sind und vollzogen werden (vgl. auch Meuser/Scholz 2005: 213).

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Körper - Männlichkeit - Schönheit
Untertitel
Männliches Schönheitshandeln in Medien und Alltag: Eine Untersuchung der Ambivalenz von Männlichkeit in der Postmoderne.
Hochschule
Universität Rostock  (Soziologie und Demographie)
Veranstaltung
Soziologie des Körpers
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
36
Katalognummer
V200503
ISBN (eBook)
9783656265412
ISBN (Buch)
9783656266082
Dateigröße
2035 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie des Körpers, Schönheitshandeln, Geschlecht, Männlichkeit, Postmoderne, Ambivalenz, Körper, Schönheit, Gender, Habitus
Arbeit zitieren
BA Sozialwissenschaften Stefanie Neidhart (Autor), 2012, Körper - Männlichkeit - Schönheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200503

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