Wie hat sich das Handwerk der Weberei unter Einfluss der Industrialisierung verändert?


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Weberei – ein Handwerk
2.1. Entwicklungen vor und nach der Industrialisierung
2.2. Regionale Vergleiche – Rheinland, Schlesien, Böhmen und Berlin

3. Weberei – ein Handwerk als Opfer der Industrialisierung?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unsere heutige Arbeitswelt ist geprägt von Veränderungen durch neue Technologien im Zuge der „dritten Industriellen Revolution“. Dieser rasche Strukturwandel ist der Grund für ein verstärktes Nachdenken über historische Formen von Arbeit, lange bevor der erste Computer entwickelt wurde. Während der Industrialismuskritik in den siebziger Jahren ist das „alte Handwerk“, als Relikt vergangener Zeiten, wieder ins Blickfeld der Forschung gerückt und zum Gegenstand der modernen Geschichtswissenschaft in Deutschland geworden.[1]

Auch diese Arbeit befasst sich mit der Thematik des „alten Handwerks“ und geht speziell auf den Berufsstand der Weber ein. Hierbei wurden verschiedenste Monographien, Sammelbände und Lexika zur umfassenden Literaturrecherche zu Rate gezogen, um einen möglichst ausgewogenen Überblick zu erhalten. Beispielsweise kam es zur Lektüre von Aufsätzen, die sich mit den verschiedenen bedeutenden Leinenregionen im deutschen Reich auseinandersetzen, da nur so die unterschiedliche Entwicklung der jeweiligen Bereiche während der Industrialisierung nachvollzogen werden kann. Des Weiteren war es wichtig, die Grundelemente der Arbeits- und Lebensweise des „alten Handwerks“, wie kleinbetriebliche Produktion in dezentralen Betriebsstätten, oder die Mitarbeit des rechtlich und wirtschaftlich selbständigen Meisters, als handwerksübergreifende Gemeinsamkeiten zu begreifen.

Charakteristisch für das Handwerk bis ins 19. Jahrhundert, war die Begrenzung von Größe und Produktivität der Betriebe durch Zunft oder Handwerkerbünde. Doch wie lässt sich Handwerk allgemein definieren? Grundsätzlich beruht handwerkliche Produktion auf Handfertigkeit und individuelle Werkstoffbeherrschung, bei der in personalisierbaren Betriebsstrukturen gearbeitet wurde. Die Meister beschäftigten oftmals nicht mehr als ein oder zwei Gesellen und fungierten hierbei als Vorbild. Zur damaligen Zeit war das Handwerk durch die Arbeit mit einem Werkzeug gekennzeichnet. Die Bedienung einer Maschine fällt nicht unter diese Definition, da sie den Menschen durch ihre Arbeitsprozesse unterwirft. Außerdem erbringt die handwerkliche Tätigkeit Dienstleistungen und repariert die erzeugten Produkte.[2]

Anschließend stellen sich die Fragen, inwiefern sich Modernisierungsdefizite beim Handwerk erkennen lassen und wie die Industrialisierung insbesondere auf die Weberei gewirkt hat? Bezüglich Ersterer kann man sagen, dass Berufe, die lange Frauen ausgespart haben und nur für das männliche Geschlecht bestimmt waren, eher verhalten auf die Modernisierung reagierten. Auch der Einsatz von Maschinen gilt verbreitet als Gradmesser für moderne betriebliche Strukturen. Die zweite Frage ist sehr komplex und wird in dieser Arbeit umfassend behandelt. Grundsätzlich begann die Industrialisierung im späten 18. bzw. 19. Jahrhundert in England und breitete sich daraufhin weltweit aus. Man kann diese Zeit als den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft beschreiben, in der sich kapitalistische Unternehmer und lohnabhängige Proletarier gegenüberstanden. Weitere Merkmale sind die Urbanisierung und die zunehmende Landflucht der Menschen. Blickt man auf das Handwerk der Weberei, so assoziiert man mit dieser Epoche das bekannte Drama von Gerhart Hauptmann „Die Weber“, welches von den sozialen Problemen und den Aufständen dieser Berufsgruppe handelt. In den folgenden Abschnitten wird nun versucht, tiefgründig den Einfluss der Industrialisierung auf die Weberei zu erfassen und eine klare Antwort auf die eingangs gestellte Frage zu finden.

2. Weberei – ein Handwerk

Die Weberei gehört historisch betrachtet zu den ältesten Handwerken der Menschheit. Der Weber stellt aus Garn verschiedene Gewebe und Stoffe her, wobei man diverse Arten von Weberei unterscheiden kann. Zum Beispiel die Tuchweberei, deren Rohstoff vorwiegend Wolle ist. Aber auch die Leinenweberei, die sich pflanzlicher Materialien wie Flachs und Hanf bedient, war sehr bedeutend gewesen. Des Weiteren wurde im Reich Barchent, ein Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle, produziert und ins Ausland exportiert. Natürlich gab es auch kleinere Standorte, die sich der Seidenweberei annahmen, jedoch war Seide kein charakteristisch deutsches Produkt.

Im 11. und 12. Jahrhundert galten Spinnerei und Weberei als getrennte Arbeitsprozesse eines unehrlichen Berufes[3] und wurden weitgehend als häusliche Nebenbeschäftigung betrieben.[4] Trotzdem war das Textilgewerbe ohne Zweifel die stärkste Triebkraft, die den Urbanisierungsprozess, den Ausbau von Märkten, Messen und Handelsverbindungen in Deutschland vorantrieb.[5] Ein weiteres Merkmal der mittelalterlichen Weberei ist die Tatsache, dass kaum über den lokalen Bedarf hinaus produziert wurde und in erster Linie die Deckung der Grundbedürfnisse Berücksichtigung fand. Doch gehört die Weberei überhaupt dem Handwerk an? Karl Heinrich Kaufhold und Jürgen Bergmann sind da beispielsweise anderer Meinung, und begründen die Problemstellung folgendermaßen:

Wer verlegt wird, scheidet aufgrund der fehlenden ökonomischen und sozialen Selbständigkeit aus der bereits geschilderten Definition aus und ist nicht zum Handwerk dazugehörig. Da besonders Spinner und Weber im Verlag[6] arbeiteten und zusätzlich nebenberufliche gewerbliche Tätigkeiten in der Textilherstellung hinzukamen, erscheint diese Begründung zunächst plausibel.[7] Auf der anderen Seite zählt man die Weberei zu den „semiagraren Handwerken“[8] und heutzutage spricht man von einem zulassungsfreien Handwerk oder handwerksähnlichen Gewerbe. Daran wird deutlich, dass die Grenzen des Problems schwer zu ziehen sind, da „wichtige Berufe wie Leineweber und Tuchmacher, die nach den Quellen auch um 1800 vielerorts noch handwerklich betrieben wurden“[9], den meisten Merkmalen der oben aufgeführten Handwerksdefinition entsprechen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit die Meinung vertreten, dass die Weberei durchaus als Handwerk betrachtet werden kann.

[...]


[1] Vgl. REITH, Reinhold (Hg.): Lexikon des alten Handwerks. Vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

München 1990, S. 7.

[2] Vgl. REITH, Reinhold (Hg.): Das alte Handwerk. Vom Bader bis Zinngießer, München 2008, S. 11-14. Siehe

auch: BERGMANN, Jürgen: Das Berliner Handwerk in den Frühphasen der Industrialisierung, S. 132.

[3] Da der Ausbildungsgang von Region zu Region unterschiedlich geregelt wurde und die Lehrzeiten sehr stark

differierten, war es so, dass Gesellen oftmals bei ihren Wanderungen nicht anerkannt wurden. Aufgrund der

Vernetzung des Handwerks sprach sich die verschiedene Ausbildungszeit herum. Dies bedrohte die Gesellen

in ihrer Existenz, da sie durch die Wanderpflicht gezwungen waren eine Stelle zu finden.

[4] Vgl. REITH, Reinhold (Hg.): Das alte Handwerk. Vom Bader bis Zinngießer, S. 248.

[5] Vgl. SCHULZ, Knut: Handwerk, Zünfte und Gewerbe. Mittelalter und Renaissance, Darmstadt 2010, S. 158.

[6] Verlag: Ein kapitalkräftiger Unternehmer (Verleger) kauft Produktion von Handwerkern auf. Er ist so zwar

ein fester Abnehmer der Produkte, jedoch diktiert er die Preise und nimmt den Produzenten die

wirtschaftliche Autonomie. Siehe auch: KINK, Barbara/ KIRMEIER, Josef/ LANKES, Christian/

SCHUSTER, Wolfgang (Hg.): Handwerk im modernen Bayern. Daten, Bilder, Entwicklungen, Augsburg

2007, S. 14.

[7] Vgl. BERGMANN, Jürgen: Das Berliner Handwerk in den Frühphasen der Industrialisierung, Berlin 1973,

S. 132. Siehe auch: KAUFHOLD, Karl Heinrich: Umfang und Gliederung des deutschen Handwerks um

1800. In: Handwerksgeschichte in neuer Sicht, hg. v. ABEL, Wilhelm/ KAUFHOLD, Karl Heinrich,

Göttingen 1978, S. 28-29.

[8] Spezifische Produktionsvorgänge bedingen Ausübung mehrerer Berufe zum Beispiel Teilzeitlandwirtschaft.

Siehe hierzu: REININGHAUS, Wilfried: Stadt und Handwerk. Eine Einführung in Forschungsprobleme und

Forschungsfragen. In: Stadt und Handwerk in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. v. KAUFHOLD, Karl

Heinrich/ REININGHAUS, Wilfried, Köln 2000, S. 12.

[9] KAUFHOLD, Karl Heinrich: Umfang und Gliederung des deutschen Handwerks um 1800, S. 29.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie hat sich das Handwerk der Weberei unter Einfluss der Industrialisierung verändert?
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Veranstaltung
Handwerk als Träger der Sozial- und Wirtschaftsordnung von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V200512
ISBN (eBook)
9783656265375
ISBN (Buch)
9783656265696
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handwerk, Industrialisierung, Weber, Weberei
Arbeit zitieren
Master of Arts Alexander Eichler (Autor), 2010, Wie hat sich das Handwerk der Weberei unter Einfluss der Industrialisierung verändert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200512

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie hat sich das Handwerk der Weberei unter Einfluss der Industrialisierung verändert?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden