Beurteilung des Deutsch-Französischen Kriegs


Essay, 2011
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Entwicklungen in der Beurteilung des Deutsch- Französischen Kriegs

Das zentrale Interesse dieses Essays ist die Frage, wie sich die Beurteilung des Deutsch-Französischen Krieges im Laufe der Zeit geändert hat und inwieweit der Zusammenhang von Politik und Geschichte eine Rolle spielte. Vorab ist zu erwähnen, dass eine Überfülle an Arbeiten zum Deutsch-Französischen Krieg existiert und die dargestellte Entwicklung der Beurteilung deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat. Anhand von wenigen Zitaten wird daher versucht, zeitgenössische Eindrücke während und nach dem Krieg bis heute, zu sammeln, um am Ende die Fragestellung befriedigend beantworten zu können. Einleitend wird jedoch mit einer kurzen Erläuterung des Krieges begonnen.

Frankreich war vom schnellen Sieg Preußens gegen Österreich 1866 geschockt und fürchtete um seine Machtstellung in Europa. Als dann 1869 und 1870 dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen die spanische Königskrone angeboten wurde, begann die Situation zu eskalieren. Zwar wollte Bismarck, dass Erbprinz Leopold die Krone annimmt, jedoch verzichtete dieser aufgrund der Spannungen mit Frankreich, welches zusätzlich eine Garantie von König Wilhelm I verlangte, nie wieder Ansprüche auf den spanischen Thron geltend zu machen. Dies ging dem preußischen König zu weit und er wies den französischen Botschafter Benedetti in Bad Ems ab. Hieraus entstand die sog. „Emser Depesche“, in der Bismarck die französische Regierung mit ihren überzogenen Forderungen vor aller Welt bloß stellte. Die Franzosen waren aufgebracht und am 19. Juli 1870 kam es zur Kriegserklärung an Preußen. Es wurde aber zum Krieg gegen ganz Deutschland, weil die süddeutschen Staaten mit Preußen Bündnisverträge hatten und auch ihre Armeen nun unter preußischem Oberbefehl standen. Frankreich hingegen war international isoliert, weil die Großmächte neutral blieben. Die eigentliche militärische Auseinandersetzung lässt sich kurz in zwei Phasen strukturieren:

Erstens die verlustreichen, aber erfolgreichen Angriffsschlachten, die letztendlich zur Kapitulation eines Hauptteils der französischen Armee am 2. September 1870 bei Sedan führten. Zweitens die Kämpfe nach der Ausrufung der Republik am 4. September 1870 gegen die „Levée en masse“.

Am 18. Januar 1871 kam es zur Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles und am 28. Januar 1871 zum Waffenstillstand. Preußen erhielt nach den späteren Friedensverhandlungen eine Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Franc und die zwei Provinzen Elsass und Lothringen.[1] Nach dieser vereinfachten Erläuterung des Krieges, soll jetzt die Entwicklung der Beurteilung des Deutsch-Französischen Krieges im Vordergrund stehen.

Das 19. Jahrhundert gilt allgemein als Beginn der modernen Geschichtswissenschaft, die sich bis heute in verschiedene Phasen gliedert. Da die Verwissenschaftlichung der Militärgeschichte zunächst aber nur innerhalb des Militärs stattfand, kam es überwiegend zur Ausblendung des Feindes und der jeweiligen Zusammenhänge der Kriege. Die traditionellen Generalstabswerke konzentrierten sich häufig auf die Darstellung von Ruhm und Ehre, wobei jede Nation nur ihre eigenen Quellen verwendete. Besonders aufgrund der „Erbfeindschaft“ zu Frankreich und der damit einhergehenden emotionalen Betroffenheit der beiden Völker, ist die Subjektivität der Beurteilungen nicht verwunderlich.

Helmuth von Moltke beispielsweise sehnte den Krieg mit Frankreich herbei, da ohne diesen die deutsche Einigung unmöglich sei. Damit zeigt sich, dass die Auseinandersetzung schon zeitgenössisch als Schlüsselereignis empfunden wurde. Am 4. März 1871 sprach er in einem Brief an seinen Bruder Adolf sogar von einem „große[n] weltgeschichtlichen Kampf […].“[2] Dass der enthusiastisch gefeierte Sieg auch eine Einschränkung der außenpolitischen Bewegungsfreiheit bedeutete wird anhand der Aussagen des englischen Oppositionsführers Disraeli im Januar 1871 deutlich: „Dieser Krieg stellt die deutsche Revolution dar, ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution des letzten Jahrhunderts.“[3] Weiterhin meinte er, dass England stets bemüht war, das Gleichgewicht in Europa zu bewahren, jedoch sei dieses nun zerstört und das Königreich leide am meisten darunter.

In den folgenden Jahren wurde der Krieg vom Generalfeldmarschall eher populär dargestellt. So verschwieg er 1888 in der „Geschichte des Krieges 1870/71“ Probleme und Auseinandersetzungen während des Krieges und auch persönliche Empfindungen durch die Grausamkeiten wurden total ausgeblendet. „Moltkes Darstellung des Krieges wird somit irreal.“[4] Dafür erklärt dies die spätere Begeisterung der Menschen, sich 1914 in den Krieg zu stürzen. Die hier gezeigte Einseitigkeit und subjektive Beurteilung des Krieges diente also größtenteils dem Mechanismus der Legendenbildung und lässt sich auch sehr schön an den folgenden Aussagen von Wilhelm Buchener aus der Jahr 1895 zeigen: „Preußen wollte den Frieden, aber es war vollständig kriegsbereit.“[5] „Sommerstille, tiefer Friede lag über Europa. […] Da erscholl plötzlich von Paris die Lärmtrommel.“[6] Preußen wird hier von Buchener als vollkommen friedlich und nur als Verteidiger der deutschen Ehre dargestellt, dem man „das Schwert in die Hand gezwungen hat.“[7]

Auf der anderen Seite zitiert er den kriegswilligen französischen Generalstabschef Leboeuf, der vor dem Ausbruch des Krieges versicherte: „Wir sind fertig, fix und fertig!“[8] Nach dessen Beurteilung habe Preußen ganz Europa gegen sich aufgebracht und „Europa in ein Heerlager verwandelt.“[9] Frankreich wolle durch einen gerechten Krieg Preußens Macht reduzieren.[10] Selbst Napoleons Gemahlin sprach sich dafür aus, „über das ketzerische Deutschland herzufallen.“[11]

Buchener meint in seinem Buch voller überschwänglicher Euphorie: „Es war eine Freude damals zu leben!“[12] Kritisch betrachtet er die Opferzahlen, die nach seiner Einschätzung „riesengroß“[13] waren. Zum Schluss resümiert er den fairen Kriegsvertrag und er schreibt: „Möge uns auch fernerhin der Friede erhalten bleiben […].“[14]

Für die einfachen Menschen der damaligen Zeit bedeutete dieser Frieden Freiheit und das Ende der harten Monate und der großen Anstrengungen, die auch im Inland betrieben wurden.[15] Ihnen war sein janusköpfiger Charakter nicht bewusst, denn mit dem Deutsch-Französischen Krieg endete die Epoche der Kabinettskriege und es begann das Zeitalter der Volkskriege, die einen fundamentalen Charakter hatten. Ein Zeugnis der beachtlichen Weitsicht einer Kriegserwartung ist die Rede von Moltke vor dem Deutschen Reichstag am 14. Mai 1890: „[D]er Krieg, der jetzt schon mehr als zehn Jahre lang wie ein Damoklesschwert über unseren Häuptern schwebt, - wenn dieser Krieg zum Ausbruch kommt, so ist seine Dauer und ist sein Ende nicht abzusehen.“[16] Und weiter führt er aus: „wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!“[17]

Moltke war der Ansicht, dass je besser man gerüstet ist, desto sicherer und wohlhabender ist Deutschland und „um so eher dürfen wir hoffen, vielleicht den Frieden noch länger zu bewahren […]

[...]


[1] Vgl. Müller, Helmut M.: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Bonn 2009, S. 185. Siehe auch: Epkenhans,

Michael: Einigung durch „Eisen und Blut“. Militärgeschichte im Zeitalter der Reichsgründung 1858 bis 1871,

in: Neugebauer, Karl-Volker: Grundkurs deutsche Militärgeschichte, Band 1, Die Zeit bis 1914. Vom

Kriegshaufen zum Massenheer, München 2006.

[2] Förster, Stig (Hrsg.): Moltke: Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg. Eine Werkauswahl, Bonn; Berlin 1992,

S. 233.

[3] Buckle, George Earle: The Life of Benjamin Disraeli Earl of Beaconsfield, London 1910, S. 133-134.Siehe

auch: Buchener, Rudolf: Der Krieg und das europäische Gleichgewicht, S. 291, in: Gersdorff, Ursula v./

Groote, Wolfgang v. (Hrsg.): Entscheidung 1870. Der deutsch-französische Krieg, Stuttgart 1970.

[4] Förster, Stig (Hrsg.): Moltke: Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg. Eine Werkauswahl, Bonn; Berlin 1992,

S. 237.

[5] Buchener, Wilhelm: Der große deutsch-französische Krieg 1870-1871. Für das Volk und die Jugend erzählt,

Lahr 1895, S. 26.

[6] Buchener, Wilhelm: Der große deutsch-französische Krieg 1870-1871, S. 29.

[7] Beitz, Christoph: Deutsch und Franzosen 1870/71. Durch Krieg gewinnt man keinen Frieden. Eine

pädagogische Handreichung. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. Landesverband Bayern,

München 1998, S. 7.

[8] Buchener, Wilhelm: Der große deutsch-französische Krieg 1870-1871, S. 32.

[9] Beitz, Christoph: Deutsch und Franzosen 1870/71, S. 8.

[10] Vgl. Beitz, Christoph: Deutsch und Franzosen 1870/71, S. 7.

[11] Buchener, Wilhelm: Der große deutsch-französische Krieg 1870-1871, S. 32.

[12] Ebd., S. 36.

[13] Ebd., S. 141.

[14] Ebd., S. 147.

[15] Vgl. Im Jahre 1870 an der Eisenbahn. Rückerinnerungen einer Bayerin, Heidelberg 1900, S. 35.

[16] Förster, Stig (Hrsg.): Moltke: Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg. Eine Werkauswahl, Bonn; Berlin 1992,

S. 639.

[17] Ebd., S. 640.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Beurteilung des Deutsch-Französischen Kriegs
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V200514
ISBN (eBook)
9783656292586
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch-Französischer Krieg, Beurteilung, Militärgeschichte
Arbeit zitieren
Master of Arts Alexander Eichler (Autor), 2011, Beurteilung des Deutsch-Französischen Kriegs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200514

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