Frauengestalten in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“


Seminararbeit, 2011
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Frauengestalten in der russischen Literatur

2. Frauengestalten in Dostoevskijs Werk 7

3. Frauengestalten in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“
3.1. Sonja Marmeladova
3.2. Lizaveta Ivanovna
3.3. Dunja Raskol'nikova

4. Das Thema der Prostitution im Roman

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Es ist unmöglich, sich die Weltliteratur ohne Frauengestalten vorzustellen. Die Frau muss nicht unbedingt die Hauptheldin eines Werkes sein, um diesem einen besonderen Charakter zu verleihen. Welche Rolle die Frau in dem einen oder anderen Werk spielt, hängt von dem Zeitpunkt, in dem das Werk geschrieben wurde, von der Literaturgattung und von den Absichten des Autors ab. In verschiedenen Zeiten und Völkern hat sie je nach sittlichen, religiösen und kulturellen Anschauungen eine wechselnde Stellung angenommen. So kann die Frau in einem Werk als „Symbol der Sinnlichkeit, Sexualität und Sünde, der Keuschheit, Liebe und Erlösung, der Reinheit, der Schönheit und der Kunst, der Seele und der Humanität sowie gesellschaftlichen Mentalitäten oder sozialer Probleme der Moderne“[1] auftreten.

Die Geschichte der Frauendarstellung in der russischen Literatur hat eine lange Tradition und erreicht ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Das ist verbunden mit der Frauenbewegung, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Russland ihren Anfang nahm. Eine große Rolle bei der Entwicklung der Idee des Wertes und der Unabhängigkeit der weiblichen Persönlichkeit spielte das Werk der französischen Schriftstellerin George Sand, die in ihren zahlreichen sozialkritischen Beiträgen die Emanzipation der Frauen einforderte. Auch in ihren Romanen figurieren zahlreiche „starke“ Frauen, die die Freiheit der Gefühle und das Recht der Frau auf diese Freiheit propagieren.

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen in Russland viele Romane, die emanzipierte Frauen zeigten und dazu beitrugen, dass die Weiblichkeit eine neue, erweiterte Bedeutung bekam.

Zu den bedeutendsten Repräsentanten des russischen Romans des 19. Jahrhunderts zählt F.M. Dostoevskij. In seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen treffen wir Männer und Frauen aller Art, auch Kinder und Heranwachsende spielen eine bedeutende Rolle im Werk des Schriftstellers.

Die Zuwendung des Autors zum Frauenthema tritt dem Kontext der russischen Literatur bei. Verschiedene Faktoren haben die Bildung seiner Frauengestalten beeinflusst: die nationalen Traditionen Russlands, der Kult der Weiblichkeit der Slaven, die Polemik zwischen Feministen und Antifeministen und natürlich seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen.

Obwohl Dostoevskijs Erzählungen und Romane in der russischen und ausländischen Literaturwissenschaft gründlich untersucht wurden und werden, gibt es keine umfassende Studie über seine weiblichen Charaktere. Es wäre mehr als vermessen zu behaupten, dass diese Situation im Rahmen einer Hausarbeit verändert werden könnte. Ich werde mich deshalb auf die weiblichen Charaktere nur eines Romans Dostoevskijs konzentrieren. Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, auf Grundlage ausgewählter Beispiele die Besonderheiten der Darstellung der weiblichen Gestalten im Roman „Verbrechen und Strafe“ zu zeigen.

In der Arbeit wird folgendermaßen vorgegangen.

Zunächst wird ein Überblick über die Frauengestalten in der russischen Literatur gegeben. Im zweiten Kapitel wird gezeigt, welche Rolle Frauen im Werk Dostoevskijs spielen.

Der dritte Abschnitt bildet den eigentlichen Teil der Arbeit mit der Analyse einiger Frauengestalten im Roman „Verbrechen und Strafe“. Dabei wird ein besonderer Wert auf die Darstellung der Hauptprotagonistin Sonja Marmeladova gelegt. Wie vielschichtig die Rolle und Funktion ist, die Dostoevskij dieser Person zuschreibt, wie wichtig sie für die Handlung und Aussage vom Roman ist, und mit welchen Mitteln Dostoevskij dies verdeutlicht, werde ich in der folgenden Hausarbeit erörtern. Zwei andere Frauengestalten – Lizaveta Ivanovna und Dunja Raskol'nikova – werden in diesem Abschnitt ebenso behandelt.

Das letzte Kapitel der Arbeit ist dem Thema der Prostitution im Roman gewidmet.

Anschließend fasse ich alle in der Arbeit dargestellten Thesen zusammen.

Das Literaturverzeichnis bildet den Abschluss der Arbeit.

1.Frauengestalten in der russischen Literatur

Die Frau hatte schon immer eine besondere Stelle in der russischen Literatur. Jeder Schriftsteller hatte auf seine eigene Art und Weise Frauen dargestellt, aber traditionell waren Frauen Objekte der Bewunderung und Verehrung. Diese Tradition hat ihre Wurzeln schon im 12.Jahrhundert, als der Autor von „Slovo o polku Igoreve“ die lyrische Gestalt der altrussischen Frau Jaroslavna erschuf. Sie ist die Verkörperung der Schönheit, Liebe und Treue, und mit ihr kommt in die russische Literatur die Gestalt der Heldin mit dem großen Herzen, der leidenschaftlichen Seele und der Bereitschaft, unvergessliche Heldentaten zu vollbringen.

So ist auch die wunderbare Bäuerin von N.A.Nekrasov, die er in seinem Poem „Moroz, krasnyj nos“ beschrieb:

Красавица, миру на диво,

Румяна, стройна, высока,

Во всякой одежде красива,

Ко всякой работе ловка.

И голод, и холод выносит,

Всегда терпелива, ровна...

Я видывал, как она косит:

Что взмах — то готова копна!

[…]

В игре ее конный не словит,

В беде — не сробеет, — спасет:

Коня на скаку остановит,

В горящую избу войдет![2]

Die pure Bewunderung der Frau liegt auf der Hand.

Bis zum 18. Jahrhundert war die Frau niemals die Hauptfigur eines Werkes. Zum ersten Mal war es der Fall in der Erzählung „Bednaja Liza“ von N.A.Karamzin, der den Übergang vom Klassizismus zum Sentimentalismus in der russischen Literatur markiert. Es ist logisch, dass eine Frauengestalt gerade im Sentimentalismus so prägnant gezeigt wurde, da diese Literaturrichtung echte Gefühle statt des Verstandes in den Mittelpunkt stellt, und die Äußerung der Gefühle gerade für eine Frau besonders typisch ist.

Die Romantiker haben auch eine große Aufmerksamkeit der Darstellung der Frau geschenkt. So sehen wir in Werken von A.S. Puškin und M.Ju. Lermontov zahlreiche Frauen, die entweder als Hauptgestalten figurieren oder eine große Rolle im Verständnis des männlichen Haupthelden spielen.

Mit der Entwicklung der Gesellschaft und der Kultur hat auch die gesellschaftliche Stellung und Aufgabe der Frauen ständig zugenommen. Dieser Prozess spiegelt sich natürlich in der Literatur wider, die sich immer tiefer mit der Darstellung der weiblichen Charakteren beschäftigt. Wenn in den mittelalterlichen Romanen das Ideal der weiblichen Gestalt eine edle tugendhafte schöne Frau war, so wird das Bild der Frau im Realismus viel komplizierter. Es geht nicht mehr um ein „Ideal“, es werden verschiedene Seiten des weiblichen Lebens und Denkens gezeigt. Dabei spielt die innere Welt der Frau eine entscheidende Rolle.

Wenn wir von den Frauen in der russischen Literatur sprechen, kommen viele Frauengestalten in den Sinn, die gerade im Realismus des 19. Jahrhunderts, im „goldenen Zeitalter“ der russischen Literatur, geschaffen wurden: das sind bezaubernde Mädchengestalten Turgenevs („Asja“, „Dva prijatelja“, „Pervaja ljubov'“, „Vešnie vody“), Katerina und Kabanicha aus dem Bühnenstück Ostrovskijs „Groza“, Anna Karenina aus dem gleichnamigen Roman Tolstojs und Natascha Rostova aus seinem Roman „Vojna i mir“, Ledi Makbet von Leskov und unzählige Frauen und Mädchen in den Erzählungen und Theaterstücken von Čechov.

Eine große Zahl von Frauen verschiedener Art treffen wir auch im Werk Dostoevskijs: das sind schöne und hässliche, gutherzige und bösartige, junge und alte Frauen. Mütter, Töchter, Ehefrauen, Liebhaberinnen, Nachbarinnen, Wirtinnen, Dienstmädchen, zufällige Passantinnen – das ist eine unvollständige Liste weiblicher Gestalten, die Erzählungen und Romane des großen Schriftstellers so spannend und lebhaft machen.

2. Frauengestalten in Dostoevskijs Werk

Die Rolle der Frau im Werk Dostoevskijs ist kaum zu überschätzen: in seinen Erzählungen und Romanen werden Frauen aller Art entweder flüchtig erwähnt oder ausführlich beschrieben. Nicht selten tritt eine Frau als Hauptfigur eines Werkes auf.

Schon im Frühwerk Dostoevskijs sehen wir verschiedene weibliche Charaktere. Der Schriftsteller schuf eine Reihe von lebensechten Frauengestalten, die ein gemeinsames Merkmal haben: sie sind alle jung und schön, aber unglücklich. Jede Frau hat allerdings ihre eigene Persönlichkeit und ist auf ihre eigene Art unglücklich.

Mit dem ersten Roman „Bednye ljudi“ fängt im Werk Dostoevskijs das Thema des weiblichen Schicksals an. Das arme Mädchen Varen'ka Dobroselova heiratet aus Not einen Kaufmann, den sie nicht liebt. Auf diese Weise erhofft sie ihre Ehre wiederherzustellen und sich von ihrem Schicksal befreien zu können. Man kann sagen, dass die Gestalt der armen und unglücklichen Varen'ka repräsentativ für das ganze Werk Dostoevskijs ist.

In der Erzählung „Chozjajka“ taucht die Gestalt der Katerina auf, die oft als Vorläuferin des Typus der dämonischen Frau (femme fatale) interpretiert wird.

Netočka Nezvanova aus der unvollendeten gleichnamigen Erzählung ist die Verkörperung des Typus des schwächlichen und stolzen Kindes. Das leidende junge Mädchen ist ein stetig wiederkehrendes Thema im Schaffen von Dostoevskij.

„Unižennye i oskorblennye“ war der erste Roman, den der Schriftsteller nach seiner achtjährigen Verbannung nach Sibirien veröffentlichte. Es handelt um die vergeblichen Liebesbeziehungen in einer gesellschaftlichen Hierarchie – um die Beziehungen der Tochter des armen Gutsbesitzers Ichmenevs Nataša und des Sohnes des Fürsten Valkovskij Al'eša, die nie miteinander glücklich sein konnten. Nataša ist die Erste in der Reihe Dostoevskijs weiblicher Charaktere, die in sich gegenseitige Eigenschaften vereinigen – die Sanftmut, die Bereitschaft sich aufzuopfern, die Selbstverleugnung mit dem Bedürfnis diejenigen zu quälen, die sie lieben und wegen der sie sich opfern, aber auch mit der Fähigkeit das Leiden zu genießen, das sie nie dem Wohlergehen vorziehen würden. Das Thema der „Erniedrigten und Beleidigten“ (nach dem Titel des Romans) verlässt nach diesem Werk nie das Schaffen Dostoevskijs.

In der Erzählung „Zapiski iz podpol'ja“ wird dieses Thema weiter entwickelt, zum ersten Mal taucht in der Handlung eine Prostituierte auf. In der Literaturwissenschaft gab es wiederholt Versuche, Parallelen zwischen den Figuren dieser Erzählung und verschiedenen Charakteren aus Dostoevskijs später erschienenen Romanen zu ziehen. So wird die Prostituierte Lisa als Prototyp für die Figur der Sonja in „Prestuplenie i nakazanie“ gelesen.

Außer der erwähnten Sonja Marmeladova, die den Typus der „sanften Frauen“ verkörpert, gibt es noch eine Reihe von anderen „Erniedrigten und Beleidigten“ im Roman. Das sind die Schwester des Hauptprotagonisten Dunja Raskol'nikova und ihre Mutter, Katerina Ivanovna Marmeladova und ihre Tochter Polečka, die beiden ermordeten alten Frauen und noch viele andere weibliche Nebengestalten. Eine ausführliche Analyse der weiblichen Figuren im Roman „Prestuplenie i nakazanie“ wird im Hauptteil der vorliegenden Arbeit gegeben.

Im Roman „Idiot“ setzt sich das Thema der „Erniedrigten und Beleidigten“ mit der Figur der Nastas'ja Filippovna fort. Sie ist eine sehr schöne Frau, aber wie fast alle Frauen Dostoevskijs ist sie unglücklich. Ihr Schicksal ist sehr tragisch, sie ist einsam und leidet wegen ihrer Einsamkeit. Der einzige Mensch, der ihr Leiden sieht, ist der Fürst Myškin, für alle anderen sind ihre öffentlichen Provokationen nur Angriffe gegen „Anständigkeit“, gegen gesellschaftliche Gesetze. Sie ist die Verkörperung der „femme fatale“, aber gleichzeitig auch der „stolzen Verführten“. Der Begriff stammt vom Alois Dempf und wird von Birgid Harreß so konkretisiert:

„Gemeinsam ist den stolzen Verführten der Verlust ihrer Unschuld und die daraus resultierende Ächtung von Seiten der Öffentlichkeit. Tief enttäuscht über den Mißbrauch durch einen Mann, der ihnen einst gefiel, lehnen sie nun alle Menschen ab, auch sich selbst. Hinter ihrem Verhalten verbirgt sich eine Verzweiflung, die nur die Religiösen wahrzunehmen verstehen. Die Mitwelt hingegen projeziert ihre eigenen Begierden in die Frauen hinein, schreibt ihnen ihre eigene Lust zu und deutet ihre erotische Ausstrahlungskraft als eindeutiges Werben. Nach ihrer Meinung sollen sich die Verführten in die Rolle fügen, die ihnen die Gesellschaft zubilligt, und ihren Körper verkaufen“[3]

Zu den „stolzen Verführten“ gehört auch Liza Tušina aus dem Roman „Besy“. Es gibt bestimmte Parallelen zwischen ihr und Nastas'ja Filippovna. Sie ist wie Nastas'ja Filippovna jung, schön, aber unglücklich, und sie stirbt auch am Ende des Romans. Trotzdem ist diese Figur anders gestaltet.

Als Gegensatz zur „stolzen Verführten“ gibt es in „Besy“ zwei sanfte Frauen: die Ehefrau Stavrogins Mar'ja Lebjadkina und seine ständige Begleiterin Dar'ja Šatova. Diese zwei Typen – die „Sanfte“ und die „stolze Verführte“ – sind nicht neu für das Werk Dostoevskijs, sie wiederholen sich in jedem späteren Roman.

[...]


[1] Butzer,G. (2008): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Stuttgart-Weimar: Verlag J.B. Metzler. S.113

[2] Nekrasov, N.A. (1982): Polnoe sobranie sočinenij. Tom 4. Leningrad: Nauka. S. 114

[3] Harreß,B. (1993): Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk. Köln: Böhlau Verlag. S. 312

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Frauengestalten in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Literarische Frauenbilder in Romantik, Realismus und Symbolismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V200620
ISBN (eBook)
9783656270416
ISBN (Buch)
9783656270973
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Frauengestalten, Dostoevskij, Dostojewskij, Verbrechen und Strafe, Schuld und Sühne, Frauenbilder
Arbeit zitieren
Anastasia Heidrich (Autor), 2011, Frauengestalten in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200620

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