Soziale Arbeit und Migration

„Mit wem kann ich mich unterhalten?“ Kommunikationsschwierigkeiten älterer Türkinnen der ersten Generation


Bachelorarbeit, 2011
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Frauenmigration aus der Türkei
1.1 Die „erste“ Frauengeneration in den Jahren 1961 bis 1973.
1.1.1 Möglichkeiten des Spracherwerbs
1.2 Die „erste“ Frauengeneration im Rahmen der Familienzusammenführung
1.2.1 Möglichkeiten des Spracherwerbs

2. Mangelnde Sprachkompetenz als Behinderung im sozialen Alltag

3. Altern im Immigrationsland Deutschland
3.1 Aufrechterhaltung der Rückkehr-Illusion
3.2 Migrantinnen in der dritten Lebensphase
3.3 Vermögen und Einkommen
3.4 Wohnen im Alter
3.5 Soziale Netzwerke und soziale Integration
3.6 Bildung und Arbeit
3.7 Gesundheit

4. Die Interviews
4.1 Qualitative Sozialforschung und das Experteninterview
4.1.1 Durchführung des Experteninterviews
4.2 Interview 1: Zeliha (63) erzählt ihre Geschichte.
4.3 Interview 2: Nebile (54) erzählt ihre Geschichte
4.4 Interview 3: Gürcü (58) erzählt ihre Geschichte
4.5 Interview 4: Semire (54) erzählt ihre Geschichte

5. Sprachbedarf
5.1 Sprachkurse für ältere Türkinnen
5.2 Auszug an Angeboten der Stadt Wetzlar
5.2.1 Volkshochschule in Wetzlar
5.2.2 Angebote im Quartier Wetzlar-Niedergirmes
5.2.3 Projekt Soziale Stadt Wetzlar-Niedergirmes
5.2.4 Frauenkurs für Migrantinnen des Internationalen Bundes

Fazit und Ausblick

Literatur

Einleitung

„Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. Sinnig zwischen beiden Welten sich zu wiegen, lass ich gelten; also zwischen Ost und Westen, sich bewegen, sei´s zum Besten.“ Johann Wolfgang Goethe („West-östlicher Divan“ 1819)

Migration ist ein Thema, das die Welt im buchstäblichen Sinne bewegt. Wanderbewegungen sind so alt wie die Menschheit, und das Thema ist aktueller denn je. 1960 gab es weniger als 1.500 Türken in der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen 1961 und 1976 warben westdeutsche Firmen auf der Basis des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei 678.702 Männer und 146.681 Frauen, also insgesamt 825.383 Personen. Nach dem Anwerbestop im November 1973 folgte ein vermehrter Familiennachzug in die Bundesrepublik. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre führte die politische Lage nach einem Militärputsch in der Türkei schließlich zu einer weiteren Einwanderung durch asylsuchende Flüchtlinge.[1] Im Herbst 2011 kann auf 50 Jahre Migration aus der Türkei zurückgeblickt werden, denn am 1. September 1961 trat das deutsch-türkische Anwerbeabkommen in Kraft, mit dem türkische Arbeitskräfte offiziell als „ Gastarbeiter “ in die Bundesrepublik geholt wurden.[2]

Bisher wurde im Hinblick auf das Altern dieser Personengruppe häufig davon ausgegangen, dass ein großer Teil der Arbeitsmigranten und -migrantinnen dieser ersten Generation in ihre Heimat zurückkehren würde. Tatsächlich blieben viele von ihnen auch nach dem Ende ihrer Erwerbstätigkeit in Deutschland. Migration und Alter hat daher in den letzten Jahren als ein Thema besonders auch in der Sozialen Arbeit an Bedeutung gewonnen. Gerade die Sozialen Dienste haben sich dieser neuen Aufgabe zu stellen und sind dabei, differenzierte Angebote für unterschiedliche ältere Migranten- und Migrantinnengruppen entwickeln.

Hierzu ist es notwendig, nicht nur statistisches Wissen über die Lebensbedingungen zu erheben, sondern auch die Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen dieser Menschen in ihrer Dritten Lebensphase zu kennen. Nur langsam entwickelt sich eine Forschungskultur, die auf die Biografien der als „ erste Generation “ eingereisten Gruppe näher eingeht. Auch diese Bachelor-Thesis beschäftigt sich mit dem Thema „ Altern in Deutschland “. Dabei geht mir um die Kommunikation und um Kommunikations-schwierigkeiten türkischer Migrantinnen der ersten Generation.

Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf Beispiele der „ ersten “ Generation in der Periode der ersten Anwerbung, sowie in der Periode der Familienzusammenführung. Vieles trifft aber auch in ähnlicher Weise auf die gegenwärtige Zeit zu, da im Rahmen von Heiratsmigration immer wieder eine „ erste “ Generation nach Deutschland einreist.[3] Sicherlich sind die Kommunikations-Möglichkeiten und die Möglichkeiten zum Erwerb der Deutschen Sprache heute ganz andere, als noch zur damaligen Einreisezeit. Dennoch könnten Einstellungsähnlichkeiten, wie beispielsweise die Vorstellung einer Einreise auf Zeit, Vorstellungen des Vorrangs von Familienarbeit- und Kindererziehung vor dem Spracherwerb nach erfolgter Eheschließung durch die Schwiegerfamilie ebenfalls Hinderungsgründe abgeben, um die deutsche Sprache zügig zu erlernen. Diese Einstellungen können nicht allein durch Integrationsprogramme und -kurse überwunden werden, sondern bedürfen eines langfristigen Prozesses, bei dem es notwendig ist, auf die Familien zuzugehen und in den Communities für diesen Prozess zu werben, und vor allem auch, diese an einem solchen Prozess zu beteiligen.

Mit diesem Rückblick, will ich aufzeigen, wie und was aus der Migrations-Geschichte der ersten Generation zu lernen ist, wenn nämlich die gesamte Lebensphase eines Menschen – aus welchen politischen Gründen auch immer – aus dem Blick gerät, und sich die sozialen Programme an vordergründige Vorannahmen – Wir/sie gehen zurück – ausrichten und sich dabei lediglich auf den kurzzeitigen Nutzen der jeweiligen Migrationsphase beschränken.

Auf den folgenden Seiten versuche ich die Lage älterer Migrantinnen aus der Türkei zu erfassen, und die Annahmen über diese ältere Generation exemplarisch durch 4 Interviews zu dokumentieren.

Ich werde zu Beginn die Migrationsgeschichte der ersten Frauengeneration aus der Türkei skizzieren und auf die damaligen Möglichkeiten des Spracherwerbs eingehen. Im Anschluss gehe ich auf die Bedeutung von Sprache im gesellschaftlichen Kontext, sowie auf das Altern im Immigrationsland ein. Anschließend erzählen Frauen ihre Geschichte. Ich habe mit vier Frauen aus der ersten Einwanderinnengeneration Gespräche geführt. Ich werde die Lebenssituationen dieser Frauen in der Dritten Lebensphase, deren Sprachbedarf und ihre Spracherwerbsmöglichkeiten anhand ihrer Aussagen darlegen, sowie ihre damaligen Möglichkeiten des Spracherwerbs zur Zeit ihrer Einreise aufzeigen.

Dieser Ausarbeitung liegt ein ganz persönliches Interesse zugrunde, da ich selbst aus einer Migrationsfamilie stamme, die in den siebziger Jahren nach Deutschland eingewandert ist.

1. Frauenmigration aus der Türkei

In der frühen Migrationsphase wurde Migration in der Regel als Wanderung von Männern verstanden. Frauen tauchten in diesem Zusammenhang kaum auf oder wurden objektiviert. Dabei wurden Frauen bereits sehr frühzeitig und sehr bewusst angeworben.[4] Bis heute haben die Lebensgeschichten dieser Frauen der ersten Generation kaum Einfluss auf die Migrationsliteratur genommen. Nur zögerlich werden sie heute befragt[5], und nur langsam rundet sich das Bild der damaligen Migrationssituation, das lange Zeit nicht nur als eines von Männermigration gesehen, sondern auch so beschrieben wurde.

1.1 Die „erste“ Frauengeneration in den Jahren 1961 bis 1973.

Im Jahr 1961 führte das mit der Türkei unterzeichnete Anwerbeabkommen zu einer verstärkt betriebenen offiziellen Frauenanwerbung.[6] Da in den damaligen frauentypischen Branchen wie Textil- und Bekleidungsindustrie, Nahrungsmittel- und Konservenindustrie, Elektroindustrie, sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe und in den Krankenhäusern ein Arbeitskräftemangel herrschte, wurden weibliche aber auch qualifizierte Arbeitskräfte zu dieser Zeit bevorzugt gesucht.[7] Männliche Hilfsarbeiter hatten nur in konjunkturstarken Jahren gute Chancen, angeworben zu werden.[8]

Im Vergleich zu den Anwerbezahlen von Frauen aus Italien und aus Griechenland migrierten Frauen aus der Türkei zum Zwecke einer Arbeitsaufnahme bis zum Anwerbestop im Jahr 1973 mit Abstand am häufigsten in die Bundesrepublik.[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den Jahren 1960 bis 1973 kamen rund 577.000 Arbeitnehmerinnen aus der Türkei in die Bundesrepublik. Die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis sollte zu Beginn auf maximal zwei Jahre beschränkt werden.. Alle Eingereisten kamen zum Zwecke einer Arbeitsaufnahme. Die Möglichkeit des Familiennachzuges war in den Anwerbevereinbarungen mit der Türkei zur damaligen Zeit nicht gegeben.

1.1.1 Möglichkeiten des Spracherwerbs

Zur Zeit der Anwerbung in die Bundesrepublik ab Mitte der fünfziger Jahre herrschte der Rotationsgedanke vor, und man dachte, die angeworbenen Arbeitnehmer würde sehr schnell wieder in ihre Herkunftsländer zurück kehren. Daher wurde auf das Sprachlernen seitens des Anwerbelandes kein Wert gelegt. Dolmetscher sollten ausreichen. Es war die Phase, in der diese Menschen lediglich als ‚Arbeitskräfte’ gesehen wurden, denen man nur verständlich machen musste, wie sie diese ‚Kraft’ einzusetzen hatten. Erst durch Abkehr vom Rotationsgedanken, nachdem die ersten Dauerarbeitsplätze von Seiten der Industrie eingerichtet wurden, fing man auch seitens der Betriebe an, später dann durch die Gewerkschaften, spezielle Sprachkurse – allerdings mit Inhalten, die sich lediglich am Bedarf für den Arbeitsplatz orientierten – zu initiieren.

Zwar gab es in den 60er Jahren schon vereinzelte Angebote für ein institutionalisiertes Deutschlernen, doch stand die Teilnehmerzahl in keinem Verhältnis zur Anzahl der ausländischen Arbeitskräfte.[10] In einer Repräsentativuntersuchung der Bundesanstalt für Arbeit aus dem Jahr 1972, gaben nur 6 % aller ausländischen Arbeitskräfte an, Deutschkenntnisse in einem Sprachkurs erworben zu haben.[11] Bis gegen Ende der 60er Jahre gab es – neben einzelnen „ Einarbeitungslehrgängen “ von größeren Betrieben – von den Wohlfahrtsverbänden erste Sprachangebote. „ Die Zuweisung der Spracharbeit an die traditionellen Organisationen der Erwachsenenbildung ging nur sehr langsam vor sich. Die Einrichtungen der Erwachsenenbildung in Deutschland hatten weder Erfahrung mit der Zielgruppe der Gastarbeiter, noch hatten sie ein Instrumentarium für die Organisation des Sprachunterrichts mit den ausländischen Arbeitern. Es fehlte an wissenschaftlichen Grundlagen, Lehrplänen und Lehrmitteln.“[12]

1.2 Die „erste“ Frauengeneration im Rahmen der Familienzusammenführung

Nach dem Anwerbestop im Jahr 1973 war die Phase bis zum Jahr 1979 primär durch den Zuzug von Familienangehörigen der bereits anwesenden ausländischen Arbeitnehmer geprägt, so dass Frauenmigration seit dieser Zeit in abhängiger Form stattfand. Abhängige Migration von Frauen findet dann statt, wenn diese entweder als Ehefrauen oder als unmittelbare Familienangehörige ihren bereits im Ausland befindlichen Ehemännern bzw. Familien nachfolgen. Familienzusammenführung wurde in Deutschland nach dem Jahr 1973 gesetzlich geregelt und war de facto der einzig erlaubte Weg einer legalen Einwanderung.[13] Dabei stellte die Migration keinen Selbstzweck dar, sondern war ein Mittel mit dem Hauptziel der Familienzusammenführung und wurde deshalb als sekundäre Migration bezeichnet.[14] Die abhängige Form der Frauenmigration war seit dieser Zeit die dominantere Migrationsform im Vergleich zur primären, unabhängigen Frauenmigration der Phase vor dem Anwerbestop, die den Zweck einer individuellen Erwerbsarbeit hatte. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die zu dieser Zeit eingereisten Frauen per Gesetz lediglich zur Familienzusammenführung einreisen konnten, unabhängig davon, ob ihr eigentlicher Wunsch auch die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gewesen ist. Die im Zuge dieser Regelung eingereisten Frauen erhielten lediglich eine Aufenthalts- bzw. eine Zuzugsgenehmigung.

Da in Deutschland das "Rotationsprinzip", als ein temporäre Arbeitsaufenthalt mit anschließender Rückkehr in das Herkunftsland, nicht funktioniert und von Seiten der Industrie sehr schnell nach seiner Einführung wieder abgelehnt wurde,[15] verlängerten sich die Aufenthaltszeiten der angeworbenen ausländischen Beschäftigten zusehends, so dass auch aus diesem Grunde nach einigen Jahren der Nachzug von Familienangehörigen einsetzte. Damit zeichneten sich erste Niederlassungstendenzen ab, ohne dass die sozialen Folgen dieser Zuwanderung politisch thematisiert wurden. Die Geschichte der Migration nach Deutschland zeigt, dass der Anteil nachgereister Frauen und Kindern gerade dann besonders anstieg, wenn versucht wurde, die Zuwanderung zu beschränken.

Der Frauenanteil an der Zuwanderung lag in Deutschland im Jahr 1974, d.h. ein Jahr nach dem Anwerbestop, bei insgesamt bei 38,7 Prozent, stieg aber bis 1976 kontinuierlich. Das ist verständlich, da die Unmöglichkeit einer weiteren Einreise zum Zwecke einer Arbeitsaufnahme und die Chance, über Familienzusammenführung nach Deutschland zu können, in der Türkei erst einmal verstanden und umgesetzt werden musste. Gleichzeitig re-migrierte ein großer Anteil der türkischen Arbeitsmigranten und -migrantinnen aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Rezession und den aus diesen Gründen von der Regierung angebotenen Rückkehrförderungen. Interessant ist hier ein Vergleich differenziert nach Männer und Frauen. Die Zahl der in Deutschland anwesenden Arbeitsmigranten ging in den Jahren 1974 bis 1978 leicht zurück. Schätzungen gehen davon aus, dass seit Mitte der 70er Jahre jährlich etwa 20.000 bis 30.000 türkische Arbeitsmigranten in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Zwischen 1983 und 1984 kehrten weitere 300.000 türkische Arbeitsmigranten in die Türkei zurück. Parallell dazu stieg die Zahl der Frauen ab 1976 bis 1999 kontinuierlich an und erreichte im Jahr 1999 45,3 Prozent.[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Rahmen von Familienzusammenführung konnten Frauen also nicht mehr als Arbeitnehmerinnen, sondern – wenn überhaupt als Ehefrau eines Arbeitnehmers – einreisen. Eines der Ziele dieser Zusammenführung war auch, die Isolierung der Männer aufzubrechen und ihnen ein Teil Heimatersatz zu bieten. Erwartet wurde von der Frau die Eingliederung und Konzentration des Mannes auf seine eigene Familie im Rahmen der ethnischen Community zu bewirken, damit diese zu keinem Ärgernis für die Frauen aus der Aufnahmegesellschaft würden. Damit einer kulturellen Entfremdung entgegengewirkt werden konnte, erhielt die Frau darüber hinaus aus ihrer Heimat den Auftrag, Bewahrerin der kulturellen Tradition zu sein und die bestehende Bindungen in das Herkunftsland zu erhalten, um einer Assimilierung vorzubeugen.[17] So bewegten sich Migrantenfamilien gewissermaßen auf treibenden abgeschotteten und zerstreuten Inseln, ohne irgendwo wirklich dazuzugehören und ankern zu können.

Erst seit dem Memorandum des ersten Ausländerbeauftragten der Bundesregierung,[18] der Ende 1979 die staatlichen Verantwortung für die Integration der Zugewanderten in den Mittelpunkt stellte, begann man ab dem Jahr 1980, sich intensiver mit Integrations- und damit auch mit Sprachkonzeptionen zu befassen. Dennoch wurde auch zu dieser Zeit weiterhin von einer „ Integration auf Zeit “ gesprochen, was wiederum spezifische Auswirkungen auf die Integrations- und Sprachförderangebote hatte.

1.2.1 Möglichkeiten des Spracherwerbs

Zu Zeiten der Familienzusammenführung, als Frauen mit ihren Kindern einreisten und mehr Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse in den Schulen häufiger wurden, reagierte man mit Hausaufgabenhilfen und in den Schulen wurden erste Gedanken über die deutsche Sprachförderung gemacht. Und für die Erwachsenen wurden die ersten MBSE Maßnahmen institutionalisiert.[19]Deutsch für Ausländer “ wurde zur Institution für viele Erwachsenenbildungsinstitutionen. Vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales wurde im Jahr 1972 die Zentralstelle „ Deutsch für ausländische Arbeitnehmer “ mit dem Ziel eingerichtet, die pädagogischen Voraussetzungen des Deutschunterrichts mit „ Gastarbeitern “ zu verbessern und die Aktivitäten auf diesem Gebiet zu koordinieren.[20] Im Mai 1974 wurde dann der Sprachverband - Deutsch für ausländischen Arbeitnehmer e. V. gegründet. 1976/77 wurden die ersten Maßnahmen zur sozialen Eingliederung ausländischer Jugendlicher (MSE) gefördert, deren Anzahl kontinuierlich anstieg. Es gab in den Jahren 1979 und 1980 ein Nachfolgeprogramm, die Maßnahmen zur sozialen und beruflichen Eingliederung junger Ausländer (MSBE). In allen Maßnahmen diente ein hoher Anteil des Unterrichts der Sprachvermittlung. Die Maßnahmen richteten sich an die nicht mehr schulpflichtigen Kinder von ausländischen Arbeitnehmern, die im Rahmen der Familienzusammenführung verstärkt nach dem Anwerbestop 1973 in die Bundesrepublik Deutschland eingereist waren.

Auch spezifische Frauenkurse wurden eingerichtet.[21] Dennoch waren diese insgesamt, bezogen auf den Anteil des weiblichen ausländischen Bevölkerungsteils nur sehr wenige. Zum anderen wurden die Kurse überwiegend in den Ballungsgebieten eingerichtet, so dass viele der Frauen, die nicht direkt in den großen Städten lebten, überhaupt keine Chance hatten, einen solchen Kurs zu besuchen.

2. Mangelnde Sprachkompetenz als Behinderung im sozialen Alltag

Sprachfähigkeit wurde sehr allgemein als ein wichtiges Mittel für die soziale und berufliche Integration in die Gesellschaft gesehen und mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache dabei überwiegend aus der Perspektive ungleicher sozialer und ökonomischer Chancen diskutiert:[22] „Die deutsche Sprache nicht zu beherrschen, bedeutet, von zentralen Lebensbereichen ausgeschlossen zu sein und keinen Zugang zu den Sinnkomplexen und Deutungsmustern der Majorität zu finden. Es bedeutet aber auch, die eigenen Deutungen und Sinnkomplexe den anderen – den Deutschen nicht vermitteln zu können ... Daher dient das Lernen der deutschen Sprache über die Chance zur Aneignung der Kultur des Aufnahmelandes hinaus der kulturellen Selbstbehauptung der Zuwanderer. Es bietet damit die Chance auf eine Auseinandersetzung mit den Vorstellungen hier, auf eine Wahrnehmung und Formulierung von Differenzen in den Normen und Werten und auf die Austragung von Konflikten in einem alle Kommunikationspartner bereichernden Dialog.“ (321).

Erst mit dem Erstarken der Frauenbewegung in den 70er Jahren und dem Beginn der geschlechterdifferenten Beschreibungen der Migrationssituation in den 80er Jahren wurden die spezifischen Lebens-Situationen sichtbarer und die Auswirkungen einer Hausfrauisierung von Migrantinnen durch die Ausländergesetzgebung in Bezug auf den Spracherwerb und die Sprachnutzung deutlich.[23]

Offensichtlich hat es aber nicht gereicht, lediglich Sprachkurse für Migrantinnen als ein Programm aufzulegen, um die Frauen zu erreichen, und ihnen die Möglichkeiten der Partizipation zu eröffnen, wie die von mir durchgeführten Interviews exemplarisch und ausschnitthaft zeigen werden.

3. Altern im Immigrationsland Deutschland

Heute, mehr als 30 Jahre nach Erlass des Anwerbestops im Jahr 1973, erreichen immer mehr Angehörige der ersten Generation das Rentenalter und beabsichtigen, gemeinsam mit ihren Familien auch ihren Lebensabend in Deutschland zu verbringen. Bei diesen älteren Migrantinnen und Migranten handelt es sich keinesfalls um eine zahlenmäßige Randgruppe. Außerdem wird sie, ähnlich wie bei der deutschen Bevölkerung, auch künftig weiter zunehmen.[24] Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage nach der Lebenssituation dieser Personen.

Die in Deutschland lebenden Gruppe aus der Türkei unterschiedet sich kaum vom Durchschnitt der hier lebenden Gruppen aus anderen Herkunftsländern: Von den in Deutschland lebenden Personen mit türkischem Migrationshintergrund sind nach Angaben von Naegele 75 % unter 45 Jahre und knapp 7 % 65 Jahre und älter. Charakteristisch für die Gruppierung mit türkischer Herkunft in Deutschland ist der mit ca. 60 % überdurchschnittlich hohe Anteil an älteren Männern. Erst nach der 75-Jahresgrenze dominieren, wie bei den gleichaltrigen Deutschen, die Frauen.[25]

3.1 Aufrechterhaltung der Rückkehr-Illusion

Nach Schätzungen will rund Zwei Drittel der hier lebenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Alter von über 65 Jahren dauerhaft in Deutschland bleiben. Zu den wichtigsten Gründen für den dauerhaften Verbleib zählen

- ein im Vergleich zum Herkunftsland oft ein besseres Gesundheitssystem;
- die Tatsache, dass Leistungen der Pflegeversicherung nur in Deutschland bezogen werden können;
- dass die Kinder und Enkel großteils in Deutschland leben;
- unerfüllte Migrationsziele (z.B. nicht erreichter materieller Wohlstand):
- in der Abwesenheit entstandene emotionale, soziale und politische Distanz zur Heimat.

Die erste Generation der Migranten aus der Türkei zeigt jedoch deutlich eine Besonderheit in ihren Gedanken um den letzen Abschnitt ihres Lebens. Diese deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen aus meiner Kurstätigkeit: Der Rückkehrwunsch bzw. die Illusion desselben. Die Rückkehrvorstellung wirkt wie ein Rettungsanker und hat zur Konsequenz, dass das Leben in Deutschland wie in einem Schwebezustand verharrt. Viele versuchen heute, diesen Schwebezustand durch die Festlegung des Wunschortes der Beerdigung aufzuheben. Einerseits bedeutet dies, die Vorbedingung der Einlösung des alten Versprechens „wieder zurückzukehren“ zu erfüllen, andererseits ist es auch ein Signal, das Deutschland nie der wahre Ort der Zugehörigkeit war.[26] Der Markt der Beerdigungsversicherungen, die in türkischen Moscheen und Vereinen angeboten werden, floriert. Jedoch ist auch ersichtlich, dass der Rückkehrwunsch mit dem Grad der sozialen Integration abnimmt. Das läßt sich aus Untersuchungen vermuten, die einen engen Zusammenhang von sozialer Integration und identifikatorischer Assimilation nachgewiesen haben.[27] Wahrscheinlich dient die Rückkehr-Illusion auch der Stabilisierung der sozialen Identität. Als vermeintlich vorübergehender Zustand läßt sich der niedrige Sozialstatus im Immigrationsland vielleicht auf Dauer so leichter ertragen.[28]

[...]


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt.

[2] S. Gemeinschaftsprojekt „ 50 Jahre Migration aus der Türkei “.

[3] Vgl. Huth-Hildebrandt 2007.

[4] Vgl. hierzu Huth-Hildebrandt 2002:73-76.

[5] So z.B. die Geschichten von Hadiye Akın – der Mutter von Fatih Akın – oder von Bedriye Furtina, Nermin Özdil, Cemila Samurkaş von Richter 2003.

[6] Am 30. Oktober 1961 wurde die deutsch-türkische Anwerbevereinbarung getroffen, die rückwirkend zum 1. September in Kraft trat.

[7] Mattes 1999.

[8] Jamin 1999.

[9] Tabelle aus Huth-Hildebrandt 2002:83.

[10] Szablewski-Çavus 2001.

[11] Vgl. Repräsentativuntersuchung 1972, S. 31.

[12] Rohrer 1983, S. 60.

[13] Vgl.Han 2003 S. 27.

[14] Vgl. Han 2003 S. 26.

[15] Vgl.Münz u.a. 1997, S. 40

[16] Vgl. Han 2003 S. 69.

[17] S. hierzu Huth-Hildebrandt 2001 S. 152

[18] Kühn 1979.

[19].Vgl Göbel 1975.

[20] siehe hierzu DfaA-Informationen von 1973 bis 1974

[21] Vgl.Baklan 1979, Gürkan u.a. 1979, Weische-Alexa 1979.

[22] Vgl.Boos-Nünning 1995, S. 317ff.

[23] Vgl.Mehrländer, Ursula 1981.

[24] Vgl. Özcan und Seifert 2005, S. 2.

[25] Vgl. Naegele 2010, S. 10.

[26] Vgl. Cil 2002 S. 135.

[27] Vgl. Übersichtsdarstellung Esser 1980, S. 82ff und Hoffmann-Novotny 1973.

[28] Vgl. Gaitanides 1996 S. 6.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit und Migration
Untertitel
„Mit wem kann ich mich unterhalten?“ Kommunikationsschwierigkeiten älterer Türkinnen der ersten Generation
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main  (Basa)
Veranstaltung
Bachelor Tesis
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V200843
ISBN (eBook)
9783656270157
ISBN (Buch)
9783656271130
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, arbeit, migration, kommunikationsschwierigkeiten, türkinnen, generation
Arbeit zitieren
Birsen Krüger (Autor), 2011, Soziale Arbeit und Migration , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200843

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