Begründung starrer Preise durch Preisanpassungskosten


Seminararbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Menu Cost-Modelle
2.1 Der Einfluss von Preisanpassungskosten auf die soziale Wohlfahrt
2.2 Das Akerlof/Yellen-Modell des ‚fast rationalen Verhaltens’
2.3 Preisstarrheit durch Anwendung von (S,s)-Regeln zur Preisanpassung

3. Preisanpassungskosten in der Empirie
3.1 Wahrnehmung von Menu Costs in Unternehmen
3.2 Direkte Messung von Menu Costs

4. Kritika

5. Fazit

Literatur

The classical teaching, according to which prices quickly react to excess supplies or demands, is more and more inediquate for short-run macroeconomic analysis.“

Edmond Malinvaud (1977)

1. Einleitung

(Neo-)Klassische Wirtschaftsmodelle gehen von der völligen Flexibilität der Preise aus. Diese Flexibilität ermöglicht den ständigen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Keynesianische Modelle basieren hingegen auf der Annahme, dass Preise (und Löhne) sich zwar langfristig anpassen, kurzfristig jedoch starr sein können. Aus diesem Grund kann es zu kurzfristigen Differenzen zwischen Angebot und Nachfrage kommen [Hall et al. (1997), Malinvaud (1977)].

Preisrigidität[1] lässt sich empirisch beobachten. Sie erlaubt beispielsweise, die Geldmenge als Instrument antizyklischer Wirtschaftspolitik einzusetzen. Bleiben nominale Preise starr, ändert sich mit der Geldmenge die Nachfrage auf allen Märkten. Einziges verbliebenes Mittel zum Ausgleich dieser Nachfrageänderung ist eine Anpassung der ausgebrachten Menge. Geldpolitik erhält auf diese Weise Einfluss auf die Realwirtschaft [Blinder et al. (1998), Gordon (1990)].

Mit der Begründung von Preisstarrheiten tut sich die Forschung schwer. Einer von vielen Erklärungsansätzen ist der Einfluß von Preisanpassungskosten auf das Verhalten der Wirtschaftsakteure. Voraussetzung für das Auftreten von Preisstarrheiten ist Marktmacht der Anbieter, die ihnen erlaubt, Preise zu setzen. Auf perfekten Märkten nehmen alle Anbieter den (Markt-)Preis als exogen gegeben hin. Sie haben keinen Einfluss auf ihn und können damit auch nicht über Preisänderungen entscheiden [Akerlof und Yellen (1991)].

Das folgende Kapitel skizziert zunächst theoretische Ansätze zur Untersuchung des Einflusses von Preisanpassungskosten auf das Preissetzungsverhalten von Unternehmen und auf die soziale Wohlfahrt. Dabei wird speziell der Menu Cost-Ansatz betrachtet. Menu Costs sind pauschale Preisanpassungskosten pro Preisänderung. Mit Blick auf die Empirie scheint dies plausibler als beispielsweise eine Preisanpassungs-Kostenfunktion in Abhängigkeit des Ausmaßes der Preisänderung [Blinder et al. (1998)].

Kapitel 3 verschafft einen Überblick über die Ergebnisse der wichtigsten empirischen Studien zum Thema Preisanpassungskosten. Lange Zeit wurde in der Literatur argumentiert, Preisanpassungskosten seien zu gering, um das Verhalten von Wirtschaftsakteuren zu beeinflussen. Entsprechend seien ihre Wirkungen auf die soziale Wohlfahrt vernachlässigbar [Gordon (1990)]. Neuere Studien zeigen jedoch, dass Preisanpassungskosten durchaus entscheidungsrelevante Größenordnungen annehmen können.

Kapitel 4 diskutiert ausgewählte Kritikpunkte an den vorgestellten Theorie- und Empiriearbeiten.

2. Menu Cost-Modelle

2.1 Der Einfluss von Preisanpassungskosten auf die soziale Wohlfahrt

In seinem vielzitierten Aufsatz[2] untersucht Mankiw (1985) die Auswirkungen von Menu Costs auf das Preisanpassungsverhalten von Monopolisten sowie die daraus resultierenden Implikationen für die soziale Wohlfahrt[3].

Der Monopolist sieht sich einer realen inversen Nachfrage von Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und realen Kosten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten mit q als Umsatz (Lagerhaltung sei nicht existent) und k als konstanten Grenzkosten gegenüber. Er ermittelt daraus ex ante seinen optimalen realen Preis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und setzt den nominalen Preis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten stellt dabei den erwarteten Wert der nominalen Skalierungsvariablen, beispielsweise der angebotenen Geldmenge, in der kommenden Periode dar. Die nominalen Kosten des Monopolisten ergeben sich aus der Multiplikation der realen Kosten mit dem tatsächlich eintretenden Niveau der Skalierungsvariablen N als Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Entspricht der erwartete Wert der Skalierungsvariablen dem tatsächlich eintretenden Wert (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten), erzielt der Monopolist seinen angestrebten realen Preis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und maximiert seine Produzentenrente. Weichen die Erwartungen jedoch vom eintretenden Wert ab (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten), erzielt der Monopolist einen realen Preis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Der Monopolist erfährt eine Reduktion der Produzentenrente, da Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten für ihn suboptimal ist. Abbildung 1 zeigt den Fall einer Überschätzung der Skalierungsvariablen (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einfluss einer Überschätzung der Skalierungsvariablen auf die Wohlfahrt. Quelle: angelehnt an Mankiw (1985).

Ist Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, entspricht die Konsumentenrente der Fläche ACpm. Die Produzentenrente beträgt pmCFk. Die Wohlfahrt beträgt, ausgedrückt als Summe von Produzenten- und Konsumentenrente, ACFk.

Überschätzt der Monopolist den Wert der Skalierungsvariablen (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten), beträgt sein realer Preis nicht pm, sondern p0. Die Konsumentenrente beträgt ABp0, die Produzentenrente p0BGk und die Wohlfahrt ABGk. Gegenüber dem Optimum entsteht ein Wohlfahrtsverlust von BCFG.

Ohne Menu Costs wird der Monopolist seinen Nominalpreis so korrigieren, dass er real pm erhält. Mit Preisanpassungskosten kann es für ihn jedoch vorteilhaft sein, auf p0 zu verharren. Dies ist der Fall, wenn die Menu Costs z höher sind als der dadurch verursachte Verlust an Produzentenrente (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten). Bezogen auf die gesamte Wohlfahrt, ist Preisstarrheit jedoch erst vorteilhaft, wenn Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Da Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, gilt Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Der Monopolist hält seinen Preis also schon bei Menu Costs starr, bei denen eine Preisanpassung noch wohlfahrtssteigernd wäre.

Mankiw (1985) nennt dies den ‚externen Effekt der Preisanpassung’. Der Monopolist würde bei Preisanpassung im Bereich Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten die Wohlfahrt erhöhen, aber seine Produzentenrente senken. Bei einer Überschätzung der Skalierungsvariablen gilt daher im Bereich Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, dass der Wohlfahrtsverlust bei Nichtanpassung größer ist als die Menu Costs.

Mankiw (1985) zeigt weiterhin, dass eine Unterschätzung der Skalierungsvariablen (der Monopolist erzielt einen zu geringen realen Preis) maximal zu Wohlfahrtsverlusten in Höhe der Menu Costs führt. Da im Monopolfall verglichen mit einem perfekten Markt generell zu hohe Preise gesetzt werden, führt der niedrige reale Preis zunächst (solange Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten) zu Wohlfahrtsgewinnen in Form einer höheren Konsumentenrente. Da die Produzentenrente (trotz insgesamt steigender Wohlfahrt) jedoch sinkt, passt der Monopolist seinen Preis an, wenn der Verlust an Produzentenrente größer als die Menu Costs ist. Passt der Monopolist seinen Preis an, resultiert das Optimum, abzüglich der Menu Costs.

Für Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten ist die Produzentenrente zumindest teilweise (bei konstanten Grenzkosten: vollständig) negativ. Im Optimum des Monopolisten beträgt die Wohlfahrt ABGk (Abbildung 2). Der Wohlfahrtsgewinn bei Nichtanpassung beträgt BEG. Über den Punkt E hinaus ergeben sich keine weiteren Wohlfahrtsgewinne, da jeder Steigerung der Konsumentenrente eine negative Produzentenrente (hier: kECp0) in gleicher Höhe gegenüber steht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Einfluss einer Unterschätzung von N auf die Wohlfahrt. Quelle: angelehnt an Mankiw (1985).

Darüber hinaus existiert eine negative Produzentenrente EFC. Preisstarrheit ist genau dann wohlfahrtserhöhend, wenn der Wohlfahrtsverlust durch Preisstarrheit kleiner den Menu Costs ist (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten). Der Monopolist hält den Preis genau dann starr, wenn sein Verlust an Produzentenrente kleiner den Menu Costs ist (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten).

Da Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, folgt, dass der Wohlfahrtsverlust verglichen mit dem Optimum genau dann maximal ist, wenn der Monopolist den Preis anpasst. In diesem Fall beträgt der Wohlfahrtsverlust z. Passt der Monopolist seinen Preis nicht an, ist der Wohlfahrtsverlust kleiner den Menu Costs.

Die Ergebnisse von Mankiw (1985) zeigen, dass Menu Costs keineswegs vernachlässigbar sind, sondern Auswirkungen auf die Wohlfahrt einer Ökonomie haben. In den meisten Fällen sind diese Auswirkungen negativ, wobei keine Aussage über die Häufigkeit des Auftretens jedes Falles getroffen werden kann.

Das in diesem Abschnitt vorgestellte Modell nimmt ein sehr einfaches Entscheidungsverfahren auf Seiten des Anbieters an (Vergleich von Menu Costs und Produzentenrente). Die in den folgenden Kapiteln 2.2 und 2.3 skizzierten Ansätze gehen näher auf das Preissetzungsverhalten von Anbietern bei existierenden Menu Costs ein.

2.2 Das Akerlof/Yellen-Modell des ‚fast rationalen Verhaltens’

Akerlof und Yellen (1991) entwickeln ein Modell, das kurzfristig rigide Preise mit dem Konzept des ‚fast rationalen Verhaltens’ (‚near rational behavior’) erklärt. Obgleich in der Originalarbeit Menu Costs keine explizite Rolle spielen, handelt es sich neben Mankiw (1985) um eine weitere, vielzitierte Arbeit in der Menu Cost-Literatur (siehe die Beispiele aus Fußnote 2).

Akerlof und Yellen (1991) wählen einen Markt mit monopolistischer Konkurrenz als Grundlage ihres Modells. Langfristig setzen alle Anbieter ihre Preise als Bertrand-Optimierer, das heißt sie bestimmen ihren Optimalpreis unter der Annahme, dass durch ihre Entscheidung das allgemeine Preisniveau und die Preise der Wettbewerber unbeeinflusst bleiben.

Kurzfristig passt der Anteil 1-b der im Markt agierenden Anbieter seine Preise nach denselben Regeln an wie in der langen Frist. Der Anteil b hingegen passt seinen nominalen Preis nicht an kurzfristig auftretende Marktschwankungen (Schocks) an, sondern verharrt in seinem langfristigen Optimum. Das Verhalten der letzteren Gruppe wird als ‚fast rational’ bezeichnet[4]. Die entsprechenden Anbieter nehmen einen kurzfristig suboptimalen Preis und damit Gewinneinbußen in Kauf. Diese Einbußen sind jedoch sehr gering verglichen mit den Gewinnen, die anpassende Unternehmen erzielen.

[...]


[1] Für Löhne gelten ähnliche Überlegungen, die im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht explizit betrachtet werden.

[2] z.B. Blanchard und Kiyotaki (1987), Blinder et al. (1998), Dutta et al. (1999), Gordon (1990), Hall et al. (1997), Levy et al. (1997), Zbaracki et al. (2004).

[3] Die wohlfahrtsreduzierenden Folgen eines unregulierten Monopols im Vergleich zum perfekten Wettbewerb (Gleichgewichtspunkt E in Abbildung 1) werden nicht weiter betrachtet. Das „Optimum“ an Wohlfahrt bezeichnet im Rahmen dieses Modells die Summe aus Produzenten- und Konsumentenrente, die sich bei Gewinnmaximierung des Monopolisten ergibt. Es ist nicht identisch mit dem Wohlfahrtsoptimum bei vollständigem Wettbewerb.

[4] Der Begriff ‚fast rational’ ist etwas unglücklich gewählt, da es sich gerade bei der Nichtanpassung an das veränderte Marktumfeld um eine rationale Entscheidung handelt. „’Near Rationality’ [...] is equivalent to rationality subject to second order costs of taking decisions“ [Blanchard und Kiyotaki (1987), S.655].

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Begründung starrer Preise durch Preisanpassungskosten
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Professur für Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik)
Veranstaltung
Proseminar: Neuere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V200932
ISBN (eBook)
9783656270058
ISBN (Buch)
9783656661399
Dateigröße
1102 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menükosten, Menu Costs, Preisanpassungskosten, Preisrigidität, starre Preise
Arbeit zitieren
Dr. Christopher Müller (Autor), 2005, Begründung starrer Preise durch Preisanpassungskosten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200932

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