Kulturwissenschaftliche Textanalyse

Am Beispiel Rio Reiser - König von Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die kulturwissenschaftliche Textanalyse nach Claus Altmayer

3. „König von Deutschland“ – Die kulturwissenschaftliche Textanalyse am konkreten Beispiel
3. 1 Präsupponiertes Wissen auf der Handlungsebene
3. 2 Präsupponiertes Wissen auf der allgemeinen Kommunikationsebene
3. 3 Präsupponiertes Wissen auf der Inhaltsebene

4. Schlussbemerkung

5. Anlagenverzeichnis

6. Anlagen

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um sich angemessen mit der Thematik der Kulturellen Textanalyse auseinander setzen zu können, muss zunächst der grundlegende Begriff Kultur im landeskundlichen Sinn richtig verstanden werden. Hierbei ist eine Deutung nicht unproblematisch, da sie sehr vielschichtig ist und somit auch häufig unterschiedlich interpretiert wird.

So meint Kultur nach Thomas ein „(…) universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem (…)“, welches aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft tradiert wird (Thomas, S. 380). Dieses System beeinflusst das „(…) Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln der Mitglieder der betreffenden Gesellschaft maßgeblich (…, d. V.).“ (Altmayer, 2002, S. 6). Diese definieren damit ihre Zugehörigkeit zu der jeweiligen Gesellschaft. Das heißt also, dass Kultur für den sich der Gesellschaft zugehörig Fühlenden ein spezifisches Handlungsfeld schafft, welches die Voraussetzung für die Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung darstellen. Grundlegende Merkmale einer Kultur stellen hierbei die sogenannten Kulturstandards dar, die „alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns (…d, V.), die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden.“ (Thomas, S. 380 f.). Aufgrund dieser Definition wird deutlich, dass auf Grundlage der Kulturstandards Eigenes und Fremdes beurteilt und reguliert wird. Jedoch wird in dieser Definition kaum die Heterogenität innerhalb einer Kultur beachtet. Stattdessen geht man pauschalisierend davon aus, dass alle Individuen einer Kultur ähnliche Verhaltens-, Denk- und Wertemuster besitzen. Zudem benutzt diese Definition undifferenzierte nationale Begriffe, welche sich kaum von Stereotypen unterscheiden lassen, und ihnen sogar noch eine Legitimation zu schreiben (Vgl. Altmayer, 2007, S. 12). Nach Altmayer meint „(…, d. V.) Kultur weniger die Ebene des (beobachtbaren) Verhaltens von Menschen, sondern eher die Ebene der (verstehbaren) Bedeutungszuschreibungen (…, d. V.).“ (Ebenda). Kulturelle Deutungsmuster sind hierbei überlieferte Strategien, die vom „kulturellen Gedächtnis einer Gruppe gespeicherte und abrufbare Muster von einer gewissen Stabilität (…, d. V.)“ sind. (Ebenda, S. 13). Es kann davon ausgegangen werden, dass „(…, d. V.) Lerner nicht primär Repräsentanten „ihrer Kultur“ im Sinne ihrer nationalen Herkunft, sondern zunächst einmal Individuen sind, denen ein bestimmtes Repertoire an „kulturellen Deutungsmustern“ zur Verfügung steht, aus dem sie sich für die Herstellung ihrer Wirklichkeit bedienen.“ (Ebenda, S. 20).

Unter Berücksichtigung dieses Sachverhalts wird im Folgenden eine kurze theoretische Einführung zur kulturwissenschaftlichen Textanalyse aufgezeigt und im Anschluss an einem Beispiel praktisch ausgeführt.

2 Die kulturwissenschaftliche Textanalyse nach Claus Altmayer

In der Diskussion um den Begriff Landeskunde hat sich in den letzen Jahren der Begriff der „interkulturellen Landeskunde“ stärker hervorgetan. Hierbei wurde vor allem der Schwerpunkt auf die Lernprozesse und die Individuen/ Lerner selbst gelegt. Unter dem Begriff des interkulturellen Lernens fallen demnach die Begriffe „Empathiefähigkeit, Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, Ambiguitätstoleranz oder auch Fähigkeit zum Umgang mit Verschiedenheit.“ (Altmayer, 2003, S. 4). Zudem ist es jedoch auch unabdingbar, dass die Lerner neben der fremden Sprache auch eine „(… d. V.) auf die je bestimmte „Kultur“ bezogene(…, d. V.), „interkulturelle(…, d. V.) Kommunikationsfähigkeit““ erreichen (Ebenda). Der Lerner muss die Möglichkeit haben, sich mit den kulturellen Besonderheiten nicht nur über die Sprache oder äußere Merkmale wie zum Beispiel die Lebensweise des fremden Volkes zu informieren. Es müssen vielschichtige emotionale Prozesse durchlaufen werden, um den Lernern ein Kennenlernen der fremden Mentalität und Kultur zu ermöglichen. Hierfür spielen nicht nur Themen wie z. B. das Klima oder der finanzielle Stand des Landes eine Rolle. Vor allem die Geschichte und die oft daraus begründeten emotionalen Verhaltensweisen einer Kultur können aufschlussreiche Informationen über das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln für einen Fremden erschließbar machen. Es wird nicht verlangt, dass der Lerner alle Hintergründe für das Verhalten einer Kultur durchschaut. Jedoch ist eine offene Aufnahme der fremden Perspektive, das Können, sich in Andere hinein zu versetzen, von grundlegender Tragweite für eine erfolgreiche Kommunikation sowie das Verständnis einer fremden Kultur. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung soll hier verdeutlichend helfen. In einem Gespräch mit einer jungen, engagierten und tolerant wirkenden Inderin kamen wir auf das Thema der arrangierten Hochzeiten zu sprechen. Natürlich war es mein erster Impuls, kein Verständnis dafür zu haben. Wohl erwartete ich auch, dass eine gebildete und selbstständige Frau, wie eben diese Inderin, auch eine sogenannte „love marriage“ bevorzugen würde. Jedoch erklärte mir diese Frau, dass sie der Meinung ist, dass ihre Eltern die richtige Wahl für sie treffen würden, weil sie sie ihr gesamtes Leben kennen und am besten wüssten, was gut für sie sei. Eine solch rationale Entscheidung (rational wegen dem Einbezug von Familie, Beruf, Charakter bei der Auswahl des Ehemannes) sei aufgrund der Dauer von Vorteil und die Liebe entwickelt sich dann sowieso fast automatisch. Ich war beeindruckt von dieser Ansichtsweise und konnte mir, aufgrund meines persönlich sehr guten Verhältnisses zu meinen Eltern, auch auf einmal eine solche Hochzeit (rein theoretisch zumindest) vorstellen.

Um solche Hintergründe und Erklärungen für das Handeln einer fremden Kultur zu erfahren, aber auch um darauf angemessen reagieren zu können, bedarf es einer differenzierten und aufmerksamen Blickweise auf die fremde Kultur.

Dies kann über jegliche Art von Texten (Slogans, Werbespots, Nachrichten, Glossen, Lieder, Gedichte, Sprichwörter usw.) geschehen. Bedenkt man allein, welches Hintergrundwissen bereits für einen deutschsprachigen Leser notwendig ist, um den Text so zu verstehen, wie er vom Autor gedacht ist, wird schnell bewusst, wie komplex die Aufgabenstellung der kulturwissenschaftlichen Textanalyse ist. Stellt man sich als Ziel, einen Text genau so verstehen zu wollen, wie der Autor ihn meint, müsste man im Grunde alle Bücher und Texte gelesen haben, welche der Autor bereits las. Zudem müsste man sich intensiv mit dem Leben des Autors auseinander setzen, am besten eigentlich dabei sein, um seinen Text so zu erfassen, wie er es meinte. Da schon dies unmögliche Anforderungen an den Leser sind, beschränkt sich die Textanalyse im Allgemeinen auf einen gröberen Einblick und das implizite Verständnis des Lesers, welches sich intuitiv beim Muttersprachler einstellt. Nach Altmayer stellt sich das implizite Verständnis über folgende Ebenen ein: „(…, d. V.) auf der Ebene der allgemeinen Kommunikation (…, d. V.), auf der situativen Ebene (Wissen über die beteiligten Kommunikationspartner und deren Beziehung zueinander, Zeit und Raum), auf der kontextuellen Ebene (Wissen über den inhaltlichen Kontext), auf der pragmatischen Ebene (Identifikation einer Äußerung als kommunikative Handlung), auf der inhaltlichen Ebene usw.“ (Ebenda, S. 9). Diese Komplexität eines Textes in einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse zu erfassen ist für den fremdsprachlichen Lerner weniger von Bedeutung, da sich alle Informationen der verschiedenen Ebenen eher auf Detailbereiche des gesamten Textes beziehen. Wichtiger ist es für den Deutschlerner, sich auf „(…, d. V.) grundlegende Bereiche der Weltdeutung bezogene(s, d. V.) Wissen, das man als „kulturelle Deutungsmuster“ bezeichnen kann (, konzentriert, d. V.).“ (Ebenda).

So beschränkt sich Altmayer auf die Aufgabe der kulturwissenschaftlichen Textanalyse als „(…, d. V.) die in „Texte“ eingehenden und dort als allgemein und selbstverständlich bekannt vorausgesetzten kulturellen Deutungsmuster im Hinblick auf eine angemessene Textrezeption sichtbar, nachvollziehbar und potenziell erlernbar zu machen.“ (Ebenda, S. 10).

3 „Rio Reiser - König von Deutschland“ – Die kulturwissenschaftliche Textanalyse am konkreten Beispiel

3. 1 Präsupponiertes Wissen auf der Handlungsebene

Situatives Kontextwissen:

Autoreninstanz:

Rio Reiser, bürgerlicher Name Ralph Christian Möbius, wurde im Januar 1950 in Berlin geboren und starb im August 1996 in Fresenhagen, Nordfriesland. Als Sänger und Musiker den meisten bekannt, war er auch Komponist, Texter und Schauspieler. Seine Karriere begann zunächst in der Band „Ton, Steine, Scherben“; nach deren Auflösung arbeitete er als Solokünstler weiter. Seine bekanntesten Hits waren neben „König von Deutschland“ u. a. auch die nun gern gecoverten Lieder „Junimond“, „Für immer und dich“ oder „Halt dich an deiner Liebe fest“. „Mit den beiden im Selbstvertrieb erschienenen Alben „Warum geht es mir so dreckig“ (1971) und vor allem „Keine Macht für Niemand“ (1972) brachten die Scherben die Zustände, Gedanken und Strömungen der radikalisierten Linken im West-Deutschland nach 68 auf den Punkt.“ (Wikipedia, Rio Reiser). Die Vermischung von politisch aggressiv angehauchten Inhalten in rockiger Umsetzung erhielt den Namen „Agirock“ (vom Begriff Agitation). Besonders bei der linken Hausbesetzer- Szene in Berlin- Kreuzberg, aber auch in anderen westdeutschen Städten, findet die Band „Ton, Steine, Scherben“ großen Anklang. 1975 wendet sich die Band von den sogenannten „Politparolen“ ab, hin zu privateren Themen.

1985 löst sich die Band aufgrund der ständigen finanziellen Probleme (auch durch Fehlkalkulationen der Manager zustande gekommen) auf.

„Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren auf Grund seines Alkoholkonsums.“ (Rio Reiser, Wikipedia, 22.04.2010). Erst nach seinem Tod „(…, d. V.) wurde einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welche Qualität Reisers Umgang mit der deutschen Sprache und seine Texte auf andere Musiker hatten und immer noch haben.“ (Ebenda). So gibt es neben zahlreichen gecoverten Liedern von Rio Reiser auch eine Vielzahl deutscher Bands, welche Rio Reiser als Einfluss auf ihre eigene Musik benennen.

raum- zeitlicher/ situativer und thematischer Kontext:

Das Lied wurde 1986 als Single in Deutschland veröffentlich, jedoch entstand es schon 1975 für „Ton, Steine, Scherben“. Was den raum- zeitlichen sowie situativen Kontext betrifft, so kann dieses Lied als Satire auf die Bundesrepublik Deutschland in den 80er Jahren gesehen werden. Im Hinblick auf seine Vergangenheit als sogenannter „Agrirocker“ mit doch recht radikalen Anhängern, scheint es nicht verwunderlich, dass Reiser trotz der Abwendung der starken politischen Stellungnahmen in seinen Texten, doch Kritik (welche hier das gesamte öffentliche Leben in Deutschland einschließt) nicht ganz unterlassen kann.

Textmusterwissen

Der hier behandelte Text ist dem Genre Lieder zuzuordnen, wobei eine stark satirische Grundhaltung bestimmend ist. Das Lied ist zunächst als ein Hit des Jahres 1986 in der populären Musikszene einzuordnen. Rückblickend ist das Lied heute ein Teil der deutschen Folklore (Vgl. „König von Deutschland“, wikipedia, 22.04.2010) geworden und allgemein bekannt.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kulturwissenschaftliche Textanalyse
Untertitel
Am Beispiel Rio Reiser - König von Deutschland
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V200938
ISBN (eBook)
9783656269915
ISBN (Buch)
9783656270720
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturwissenschaftliche, textanalyse, beispiel, reiser, könig, deutschland
Arbeit zitieren
Anne Fischbach (Autor:in), 2010, Kulturwissenschaftliche Textanalyse , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200938

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