Moderne Öffentlichkeit als Arenenmodell einer Weltöffentlichkeit

Gerhards und Neidhardts Modell der Öffentlichkeit übertragen auf die Weltöffentlichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Öffentlichkeit
2.1 Begriff der modernen Öffentlichkeit aus Sicht verschiedener Forscher
2.2 Vergleiche und Unterschiede zwischen den Entwürfen

3. Das Arenenmodell nach Gerhards und Neidhardt (1990)

4. Weltöffentlichkeit
4.1 Was birgt der Begriff Weltöffentlichkeit?
4.2 Fungiert Weltöffentlichkeit als Arena der modernen Öffentlichkeit?

5. Fazit

Literaturhinweise

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

„Was hat es mit der Bezugsgröße Öffentlichkeit auf sich? Man muss hier neu ansetzten und prüfen, ob sich mit einem neugefassten Begriff von Öffentlichkeit auch etwas in der Wirklichkeit beobachten und beschreiben lässt, was für das Verständnis moderner Gesellschaften bedeutsam ist“ (Gerhards/Neidhart 1990: 5).

In diesem Sinne haben die folgenden Überlegungen das Ziel die Fragestellung zu behandeln, ob das Arenenmodell der Öffentlichkeit nach Gerhards/Neidhardt (1990) ein Modell der Weltöffentlichkeit widerspiegeln kann. Das Ziel dieser Arbeit ist es erst einmal den Gegenstandsbereich Öffentlichkeit zu erschließen und ein Vergleich zu schaffen, wie der Begriff durch verschiedene Forscher definiert wird. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf dem Arenenmodell nach Gerhards/Neidhardt (1990). Demzufolge, dass Gerhards und Neidhardt (1990) ihren Ansatz auf der Luhmann’schen Theorie aufbauen, werden Ansätze von Forschern herangezogen, die ebenso auf der Systemtheorie basieren. Dieser Schritt ist wissenschaftlich relevant, da die Ansätze einen gemeinsamen Nenner aufweisen und einen Vergleich zwischen ihnen erleichtern. Somit kann ein Überblick über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Begriffs der modernen Öffentlichkeit erarbeitet werden. Darauf aufbauend folgt die Antwort auf die Fragestellung: Existiert eine Weltöffentlichkeit? Wenn ja, kann das Arenenmodell nach Gerhards/Neidhardt (1990) auf diese übertragen werden?

Die Vorgehensweise dieser Arbeit ist hermeneutisch und die herangezogenen Befunde werden argumentativ untermauert.

Die Ausdifferenzierung des Öffentlichkeitssystems ist Teil eines historischen Trends zur fortschreitenden funktionalen Differenzierung (Vgl. Wessler 2005: 13).

Luhmann (1996) konstatiert, dass Öffentlichkeit nur durch die Massenmedien existiert, weil diese Öffentlichkeit repräsentieren. Gerhards, Kohring, ähnlich wie Görke, sehen Öffentlichkeit als Funktionssystem der Gesellschaft. Sie weisen darauf hin, dass Kommunikation und Öffentlichkeit, ohne technologische Verbreitungsmedien stattfinden kann. Jedoch kann öffentliche oder journalistische Kommunikation mit diesen nicht gleichgesetzt werden. Das Arenenmodell von Gerhards und Neidhardt verortet Öffentlichkeit mit seinem Publikum auf mehreren Ebenen und ermöglicht damit den Zusammenhang von einfachen und komplexen Formen von Öffentlichkeit zu analysieren. Laut Stichweh sind Öffentlichkeit und Weltöffentlichkeit „[…] in ihrer Entstehung ungefähr gleichzeitige Phänomene“ (Stichweh 2002: 57). „What happens when „civil society“ goes international, becomes „global civil society““ (Kumar 2007: 413)?

2. Öffentlichkeit

Öffentlichkeit ist ein sehr komplexer Begriff und „es gibt unterschiedliche Theorieangebote [zu seiner] Konzeptualisierung“ (Gerhards/Schäfer 2006: 16). Eine absolute Definition dieses Begriffs ist in der Kommunikationswissenschaft erst einmal sehr schwer zu finden. Diese Hürde ist auf die unterschiedliche Betrachtungsweise dieses Konstrukts durch diverse Forscher zurückzuführen. Im folgenden Kapitel werden die bindenden Charakteristiken von Öffentlichkeit herausgearbeitet, die in den jeweiligen Ansätzen der Forscher beschrieben werden.

Es muss zusätzlich angemerkt werden, dass keine absolute Definition von Öffentlichkeit in der vorliegenden Arbeit erarbeitet wird. Die folgenden Ansätze werden ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorgestellt.

2.1 Begriff der modernen Öffentlichkeit aus Sicht verschiedener Forscher

Im Folgenden wird der Öffentlichkeitsbegriff nach Kohring, Görke und Gerhards dargelegt. Jedoch um diesen bestimmen zu können wird vorerst auf das systemtheoretische Instrumentarium der Beschreibung der Gesellschaft zurückgegriffen. Somit beginnt dieses Kapitel mit den Überregungen Luhmanns. Anzumerken ist, dass die Ansichten der drauffolgenden Forscher sich ähneln. Sie sehen die moderne Gesellschaft als eine funktional differenzierte Gesellschaft an und ihre Ansätze sind auf der Makroebene anzusiedeln.

Die folgenden Überlegungen werden vollzogen um die Komplexität des Begriffs Öffentlichkeit zu sichten und um abschließend ein Vergleich zwischen den Definitionen zu ziehen.

Luhmann

Die Ausgangsfrage der funktional-strukturellen Systemtheorie ist die Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung. Das wesentliche Bezugsproblem dieser Frage ist die Komplexität der Umwelt, die soziale Ordnung unmöglich macht. Doch die Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung wird minimiert, indem soziale Systeme gebildet werden, die zur Erfassung und Reduktion von Komplexität führen (vgl. Luhmann 1984: 242ff.). Luhmann differenziert die Gesellschaft: „Eine Gesellschaft kann als funktional differenziert bezeichnet werden, wenn sie ihre wichtigsten Teilsysteme im Hinblick auf spezifische Probleme bildet, die dann in den jeweils zuständigen Funktionssystemen gelöst werden müssen“ (Luhmann 2005: 36). Die primäre Differenzierung bezieht sich auf die Aufteilung der Gesellschaft in gleiche, nicht hierarchische Teilsysteme (vgl. Luhmann 1997: 634). Funktionen werden in einer ausdifferenzierten Gesellschaft nur einmal abgesichert. Funktionale Differenzierung beschreibt also die Basisstruktur der Gesellschaft (vgl. Gerhards 2001: 163). Luhmann (1996) vereint Journalismus, Unterhaltung, PR und Werbung als Programmbereiche des Begriffs Massenmedien- die als Funktionssystem fungieren. Öffentlichkeit wird als „Reflexion jeder gesellschaftsinternen Grenze“ (Luhmann 1996: 184) bezeichnet. Damit meint Luhmann, dass jedes System, beispielsweise Wirtschaft, nur innerhalb seiner eigenen Grenzen operieren kann und reflektiert, dass es von außen beobachtet werden kann „[…] im Medium der Öffentlichkeit“ (Luhmann 1996: 185). Beispielsweise ist der Markt die wirtschaftssysteminterne Umwelt wirtschaftlicher Organisationen und Interaktionen. Der Vorteil dieser Definition ist dass sie auf alle gesellschaftlichen Funktionssystem übertragbar ist (vgl. Luhmann 1996: 185). Die Massenmedien operieren im binären Code: Information vs. Nichtinformation. Sie repräsentieren die Öffentlichkeit. Massenmedien beobachten also die Prozesse in Funktionssystemen und formen sie beispielsweise zu Nachrichten oder Reportagen. Dann finden diese Eingang von außen nach innen des jeweiligen Systems. Massenmedien leisten somit „[…] einen Beitrag zur Realitätskonstruktion der Gesellschaft “ (Luhmann 1996: 183). Öffentlichkeit ist, laut Luhmann, im klassischen Diskurs zugänglich für jedes psychische System, das bedeutet, dass der Zugang nicht kontrolliert wird (Vgl. Luhmann 1996: 184, 188).

Görke

Um Öffentlichkeit zu definieren, bezieht sich Görke auf Rühl, der diese als „[…] Abgrenzung zum Publikum als „beteiligte Unbeteiligte“, kurz als potentielles Publikum“ (Rühl 1980: 240, zit. nach Görke 1999: 277) bezeichnet. Öffentlichkeit fungiert als Funktionssystem der Gesellschaft, mit dem ausdifferenzierten Leistungssystem Journalismus und seinem Publikum. Funktionale Differenzierung, führt zu verschieden Beobachterverhältnissen in der Gesellschaft. Sie vollzieht sich als ein evolutionärer Prozess, der auch stratifikatorische Formen (Hierarchie) oder ein Nebeneinander anfangs zulässt. Diese Funktionssysteme, die sich später als andere konstituieren, müssen sich an die vorherigen anpassen (vgl. ebd.: 289). Öffentlichkeit ist durch die Funktion der Synchronisation gekennzeichnet. Das bedeutet: Ausgerichtete Irritationsroutinen anderer Funktionssysteme zu durchdringen (vgl. ebd.: 287; vgl. 2008: 180), nach den binären Code: Aktuell vs. nicht aktuell. Der Grundgedanke dieser Autonomisierung von Systemen zieht mit sich, eigene Kommunikation zu steuern und Sinnesgrenzen gegen Fremdkommunikation aufzubauen. Damit jedes System seine exklusive Funktion erfüllen kann, ist es dazu gezwungen systeminterne Strukturen auszubilden. Öffentlichkeit, als Funktionssystem, beinhaltet die Struktur des Journalismus- als Leistungssystem (vgl. Görke 1999: 301). So fungiert Öffentlichkeit als Umwelt des Journalismus. Im System Journalismus können sich weitere Strukturen bilden, wie Redaktionen. Umso komplexer die Ausdifferenzierung von Strukturen, desto mehr nimmt die Komplexität des „[…] Funktionssystems Öffentlichkeit/Journalismus“ (ebd.: 301) zu. Die Möglichkeit die Umweltkomplexität reduzieren zu können steigt demzufolge auch an.

Kohring

Die funktionale Differenzierung führt, laut Kohring, auf der einen Seite zu einer größeren Unabhängigkeit der einzelnen Funktionssysteme und auf der anderen Seite auch zu einer größeren Abhängigkeit zwischen ihnen. So untermauert er seine Aussage mit Luhmann:

„[…] Das Risiko der Indifferenz gegenüber anderen gesellschaftlichen Funktionen, die in jeweils anderen Bereichen der Gesellschaft zu tragen sind, zum Beispiel der Notwendigkeit der Anpassung an Veränderungen, die durch Spezialisierung und Abstraktion der Mechanismen ein immer rascheres Tempo gewinnen“ (Luhmann 1984: 147, zit. nach Kohring 1997a: 243).

Das Funktionssystem Öffentlichkeit wird durch den Code: Mehrsystemzugehörig vs. Nicht-mehrsystemzugehörig als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium definiert (vgl. ebd.: 250; 2001: 79).

Journalismus wird als Leistungssystem der Öffentlichkeit betrachtet. „[…] Ohne die Ausbildung journalistischer Organisationen wie z.B. Redaktionen, ist im Öffentlichkeitssystem keine dauerhafte (zeitliche Dimension) Kommunikation denkbar, die sich prinzipiell auf alle mehrsystemzugehörigen/ umweltrelevanten Ereignisse in der Gesellschaft erstreckt (sachliche Dimension) und potenziell jedes Gesellschaftsmitglied einbezieht (soziale Dimension)“ (Kohring 1997b: 23). Laut Kohring handelt es sich erst dann um journalistisch hergestellte Informationen, wenn aktuelle Informationen produziert werden, die für diverse gesellschaftliche Systeme relevant sind. Journalismus beobachtet die Umwelt ausschließlich der Unterscheidung folgend, ob Ereignisse mehrsystemzugehörig sind oder nicht (vgl. Kohring 1997a: 242, 2001: 81). Damit ist gemeint ob ein Thema für mehrere (Teil-)Systeme von Bedeutung ist. Als Beispiel dient die vor einer gewissen Zeit angefochtene Debatte um Hartz-IV-Marken für Kinder aus ärmeren deutschen Familien. Dieses Thema hat für Aufsehen in Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und bei den Bürgern gesorgt. Kohring definiert die Funktion von Öffentlichkeit durch „[…] Generierung und Kommunikation von Beobachtungen über die Interdependenzen, also die wechselseitigen Abhängigkeits- und Ergänzungsverhältnisse einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft“ (Kohring 1997b: 21). Um Erwartungen ausbilden zu können, muss ein System seine Umwelt beobachten. Ein System wäre überfordert, müsste es diese Funktion selbst übernehmen. Deswegen wurde das System Öffentlichkeit herausgebildet.

Gerhards

Öffentlichkeit ist laut Gerhards und Neidhardt „ein spezifisches Kommunikationssystem, das sich gegenüber anderen Sozialsystemen abgrenzt“ (Gerhards/Neidhardt 1990: 15). Es wird als Diskussionssystem angesehen. Dieses System ist durch den Austausch von Meinungen und Informationen fundiert. Im Gegensatz zu Luhmann (vgl. Luhmann 1984: 67), sehen Gerhards und Neidhardt Menschen als Personen und nicht psychische Systeme. Hinzukommen Gruppen und Institutionen, die bestimmte Themen fokussieren und ihre Meinung äußern. Die primäre Funktion (binärer Code) von Öffentlichkeit ist es Allgemeinheit herzustellen. Alle Teilnehmer der Gesellschaft dürfen an dieser teilnehmen und das Publikum ist unabgeschlossen. Offenheit fungiert als Konstitutionsbedingung von Öffentlichkeit (Vgl. Gerhards/Neidhardt 1990: 15f.). Öffentliche Kommunikation ist somit Laienkommunikation (Vgl. Gerhards/Neidhardt 1990: 17), die einfach strukturiert und allgemein verständlich ist.

[...]

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Details

Titel
Moderne Öffentlichkeit als Arenenmodell einer Weltöffentlichkeit
Untertitel
Gerhards und Neidhardts Modell der Öffentlichkeit übertragen auf die Weltöffentlichkeit
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Öffentliche Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V200977
ISBN (eBook)
9783656269892
ISBN (Buch)
9783656271147
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weltöffentlichkeit, Systemtheorie, Luhmann, Öffentlichkeit, Arenenmodell, Gerhards Neidhardt
Arbeit zitieren
Sonia Robak (Autor), 2012, Moderne Öffentlichkeit als Arenenmodell einer Weltöffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200977

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