Im heutigen bildungspolitischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs ist das Konzept des interkulturellen Lernens zu einer festen Bezugsgröße geworden. Angetrieben von der zunehmenden Annäherung politischer, ökonomischer und sozialer Systeme unterschiedlicher Gesellschaften, sowie einer durch Migration und kulturelle Pluralität gekennzeichneten Bundesrepublik, hat dieses Konzept auch Eingang in die Schulcurricula gefunden. Trotz der herausragenden Stellung, die interkulturellem Lernen insbesondere im Fremdsprachenunterricht inzwischen eingeräumt wird, sind in den Bildungsstandards und Kernlehrplänen kaum Hinweise darauf zu finden, auf welche Weise die Lernenden die als „Interkulturelle Kompetenzen“ bzw. „Interkulturelle Handlungskompetenzen“ bezeichneten Lehr- und Lernziele erreichen sollen. Viele Pädagogen und Fremdsprachendidaktiker weisen deshalb mit Recht auf die Einsamkeit der Lehrkräfte bei der Umsetzung interkultureller Kompetenzziele hin.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. INTERKULTURELLES LERNEN UND FREMDVERSTEHEN
2.1 Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht - eine bildungspolitische Perspektive
2.2 Fremdverstehen als zentrale Kategorie interkulturellen Lernens
2.3 Die Umsetzung interkulturellen Lernens in der Schule
2.4 die Förderung des Fremdverstehens durch literarische Texte
2.5 Interkulturelles Lernen in der Sekundarstufe I
3. DRAMAPÄDAGOGIK – EINE VIELFÄLTIGE METHODE
3.1 Persönlichkeitsbildung als gemeinsames Leitziel von Dramapädagogik und interkulturellem Lernen
3.2 Dramapädagogischer Unterricht als Dezentrierungsmaßnahme
3.3 Durch szenische Verfahren zur Perspektivenübernahme und Perspektivenkoordination
3.4 Der Einsatz dramapädagogischer Methoden im interkulturellen Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe I
4. ZUR DRAMAPÄDAGOGISCHEN GESTALTUNG INTERKULTURELLEN FREMDSPRACHENUNTERRICHTS – EINE UNTERRICHTSEINHEIT ZUM THEMA „GROWING UP IN MULTICULTURAL BRITAIN – TORN BETWEEN TRADITIONAL VALUES AND MODERN BELIEFS” AM BEISPIEL DES ROMANS SHEMAZ VON ERIC ORTON
4.1 Zum interkulturell-dramapädagogischen Potenzial der Lektüre Shemaz
4.2 Unterrichtsbedingungen
4.3 Didaktische Transformation
4.4 Lehrziele
4.5 Darstellung der geplanten Unterrichtsreihe und methodisch-didaktische Begründung der Vorgehensweise
4.5.1 Sensibilisierungsphase
4.5.2 Kontextualisierungsphase
4.5.3 Reflexionsphase
4.6 Analyse und Evaluation der geplanten Unterrichtsreihe
5. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie dramapädagogische Methoden im Englischunterricht der Sekundarstufe I genutzt werden können, um das interkulturelle Fremdverstehen bei Lernenden zu fördern, die sich in einer Phase der Identitätsentwicklung befinden.
- Interkulturelles Lernen und die Rolle des Fremdverstehens im Fremdsprachenunterricht.
- Theoretische Grundlagen und Praxis der Dramapädagogik als ganzheitliche Methode.
- Die Bedeutung von Empathie, Perspektivenwechsel und Perspektivenkoordination.
- Konzeption und Evaluation einer Unterrichtsreihe zum Roman Shemaz von Eric Orton.
- Herausforderungen in heterogenen Lerngruppen der Sekundarstufe I.
Auszug aus dem Buch
3.2 DRAMAPÄDAGOGISCHER UNTERRICHT ALS DEZENTRIERUNGSMAßNAHME
Normalerweise schauen wir aus dem Fenster unseres kulturellen Zuhauses in die Welt hinaus und verhalten uns so, als ob unser Zuhause das Normale wäre und sich die Menschen anderer Kulturen durch eine landestypische Besonderheit von uns unterscheiden würden. Es gibt aber in kulturellen Angelegenheiten keine «normale» Position, eben gerade weil jede Kultur ihre Praktiken als das «Normale» betrachtet. (Tselikas 1999: 99)
Dieses Zitat von Elektra Tselikas verweist auf eine entscheidende Voraussetzung für das interkulturelle Fremdverstehen. Es macht uns nämlich darauf aufmerksam, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen nur dann von ethnozentrischen Einstellungen Abstand nehmen und in einen ebenbürtigen Dialog treten können, wenn sie sich der Kulturbedingtheit eigener Handlungen und Vorstellungen bewusst werden. Um zu einer critical cultural awareness, die unter anderem auch die Fähigkeit beinhaltet „to see one’s own behaviour and values from `outside`“ (Fleming 2006: 60), zu gelangen, bedarf es jedoch bestimmter Methoden, die den SchülerInnen im Unterricht reflektierte Einsichten in ihre sozio-kulturelle Eingebundenheit erlauben. Hierbei kommt Drama eine Schlüsselrolle zu, denn wie Fleming betont: „All drama can be conceived as forms of cultural expression“ (1998: 149). Der Entwurf oder die Darstellung einer dramatischen Welt im Klassenraum kann somit auch immer als eine Repräsentation der eigenen kulturell geprägten Sichtweise auf die Welt verstanden werden. Benedikt Kessler zufolge, besteht eines der Hauptziele der Dramapädagogik nun darin, diese Sichtweisen bewusst zu machen, die eigenen Handlungsweisen und Handlungsmotive zu erkunden und zu hinterfragen (2008: 48). Bedenkt man, dass es bei der dramapädagogischen Arbeit vor allem „um die Schaffung bzw. Analyse einer zwar fiktiven, jedoch auf persönlich und kulturell geprägten Erfahrungen und Einstellungen basierenden dramatischen Welt“ geht, so wird ersichtlich, warum wir bei der Arbeit mit Drama notwendigerweise offenbaren müssen, „wie wir leben, wie wir denken und wie wir handeln“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in das Konzept des interkulturellen Lernens und die Zielsetzung der Arbeit, dramatische Arbeitsformen zur Förderung des Fremdverstehens in der Sekundarstufe I zu untersuchen.
2. INTERKULTURELLES LERNEN UND FREMDVERSTEHEN: Analyse bildungspolitischer Ansätze und theoretischer Konzepte, wobei das "Fremdverstehen" als zentrale Kategorie und Prozess des Perspektivenwechsels herausgearbeitet wird.
3. DRAMAPÄDAGOGIK – EINE VIELFÄLTIGE METHODE: Erläuterung der Dramapädagogik als handlungsorientierte Lehrmethode und Darstellung ihrer Parallelen zum interkulturellen Lernen bezüglich Persönlichkeitsbildung und Empathieförderung.
4. ZUR DRAMAPÄDAGOGISCHEN GESTALTUNG INTERKULTURELLEN FREMDSPRACHENUNTERRICHTS – EINE UNTERRICHTSEINHEIT ZUM THEMA „GROWING UP IN MULTICULTURAL BRITAIN – TORN BETWEEN TRADITIONAL VALUES AND MODERN BELIEFS” AM BEISPIEL DES ROMANS SHEMAZ VON ERIC ORTON: Dokumentation und Evaluation einer konkreten Unterrichtsreihe, die den Roman als Ausgangspunkt für szenische Interpretationen nutzt.
5. SCHLUSSBETRACHTUNG: Fazit der Arbeit mit der Bestätigung, dass dramapädagogische Methoden auch bei jungen, heterogenen Lerngruppen komplexe interkulturelle Lernprozesse erfolgreich anstoßen können.
Schlüsselwörter
Interkulturelles Lernen, Fremdverstehen, Dramapädagogik, Sekundarstufe I, Perspektivenwechsel, Empathie, Identitätsbildung, Fremdsprachenunterricht, Rollenspiel, Kulturvermittlung, kritische kulturelle Bewusstheit, szenische Interpretation, kulturelle Heterogenität, Handlungsfähigkeit, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen und praktischen Möglichkeiten der Dramapädagogik als Lehrmethode, um interkulturelles Fremdverstehen im Englischunterricht der Sekundarstufe I zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind interkulturelle Kompetenz, fremdsprachendidaktische Konzepte, die Rolle des literarischen Textes, der Perspektivenwechsel und die praktische Anwendung dramapädagogischer Techniken.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, aufzuzeigen, wie durch fiktive, handlungsorientierte Kontexte die affektive Dimension interkulturellen Lernens gestärkt werden kann, um Lernende zur Empathie und zur Relativierung eigener Standpunkte zu befähigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Fachliteratur und einer praxisorientierten Fallstudie in Form einer selbst durchgeführten und evaluierten Unterrichtsreihe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit Dramapädagogik und Interkulturellem Lernen sowie die detaillierte Planung, Durchführung und Reflexion einer Unterrichtseinheit zum Roman "Shemaz".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Fremdverstehen, Dramapädagogik, Perspektivenkoordination, Identität und kulturelle Diversität.
Wie unterscheidet sich die Dramapädagogik von der Theaterpädagogik?
Während die Theaterpädagogik oft auf die künstlerische Qualität einer Aufführung vor Publikum abzielt, steht in der Dramapädagogik der Lernprozess der Teilnehmenden und die Auseinandersetzung mit Inhalten im Vordergrund.
Was leistet die im Buch behandelte Lektüre "Shemaz"?
Der Roman dient als Ausgangspunkt für interkulturelle Auseinandersetzungen, da er durch seine multiperspektivische Struktur und die thematisierten kulturellen Dilemmata (traditionelle Werte vs. moderne Lebensführung) ideale Anlässe für den Perspektivenwechsel bietet.
- Citation du texte
- Anna Schütz (Auteur), 2011, Die Förderung interkulturellen Fremdverstehens durch Dramapädagogik im Englischunterricht der Sekundarstufe I, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201000