Der islamistische Stereotyp in der medialen Berichterstattung bei Terror-Anschlägen

Eine Framing-Analyse medialer Stereotypisierung des Anschlags in Oslo am 22.07.2011


Bachelorarbeit, 2012

65 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mediale Ereignisse
2.1. Terrorismus und mediale Aufmerksamkeit
2.2. Zur Sonderform: Live-Berichterstattung
2.3. Zusammenfassung

3. Framing
3.1. Begriffsbestimmung
3.2. Psychologische Grundlagen
3.2.1. Schema-Theorie
3.2.2. Schemata und Framing
3.3. Framing in der Kommunikationswissenschaft
3.3.1. Medien-Frames
3.3.2. Framing–Effekte
3.3.3. Framing-Forschung
3.3.4. Kritische Anmerkungen
3.4. Zusammenfassung

4. Visuelle Kommunikation & Framing
4.1. Das Bild in der Berichterstattung
4.2. Die kognitive Verarbeitung visueller Inhalte
4.3. Dual-Coding-Theorie

5. Stereotypisierung
5.1. Begriffsbestimmungen: Stereotyp und Stereotypisierung
5.2. Medien-Framing und Stereotypisierung
5.3. Mediale Stereotypisierung

6. Zur Methodischen Untersuchung
6.1. Forschungsfragen und Hypothesen
6.2. Problemerörterung
6.3. Untersuchungsentwurf einer Vorstudie

7. Erwartbare Ergebnisse (am Beispiel Phoenix)

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

In der zivilisierten westlichen Welt explodiert eine Bombe und bringt kriegs-ähnliche Zustände in den Alltag, unterbricht die Routine. Was ist passiert? Wer ist dafür verantwortlich? Das sind die unweigerlich aufkommenden Fragen, die nach Antwort suchen. Als Ergründer und Finder von Antworten wird das mediale System angesehen. Die Betrachtung dieser Arbeit richtet den Fokus auf die Live-Berichterstattungen im Fernsehen über die Anschläge in Oslo am 22.07.2011. Gerade dahingehend, inwiefern sie ihrem Aufklärungs-Auftrag nachkommen, wenn keine detaillierte Informationen, Details und Hintergründe über das Ereignis vorliegen und die Medien sich dennoch verpflichtet fühlen, darüber zu berichten.

Tatsächlich haben nach den Anschlägen im Zentrum Oslos viele TV-Sender, Radiostationen, Zeitschriften und Zeitungen auf Live-Berichterstattung gesetzt, ohne Wissen um Attentäter, Hintergründe, Motive – ohne über jegliche Anhaltspunkte informiert gewesen zu sein. Dabei zeichnt das mediale System nicht alleinverantwortlich für diesen Zustand, vielmehr ist eine bedenkliche Verschmelzung zu identifizieren: Zum einen liegt ein Zwang der Medien vor, schnell neue und aktuellste Inhalte zu produzieren, und demgegenüber besteht der Wunsch des Publikums nach unmittelbaren Antworten auf solche Ereignisse.

Diese Arbeit beinhaltet das Anliegen, zu hinterfragen, wie sinnstiftend Live-Berichterstattungen generell bei kenntnisarmer Faktenlage sind? Weiter sollte bedacht werden, welche Effekte auf Rezipientenebene und Gesellschaft folgen.

Bei Terrorismusberichterstattungen ist oft die Aktivierung des Schemas „islamistischer Terroranschlag“ zu beobachten. Auch auf visueller Ebene scheint eine stereotype Darstellung erfassbar. Wenn nämlich in schnellem Wechsel verwackelte Bilder privater Videoaufnahmen, die hastigen Darstellungen von Augen- und Ohrenzeugen laufen und dazu die improvisierten Vermutungen von selbst ernannten Terrorismus-Experten ausgestrahlt werden, schalten sich schnell die Bilder vom „09/11-Anschlag“ auf das World Trade Center in New York im Kopf ein. Beim Zuschauer könnte zügig der Verdacht einsetzen, es hier mit einem islamistischen Anschlag zu tun zu haben.

Im Fall des Osloer Anschlags stellt sich am späten Abend heraus, dass ein Norweger selbst für die Anschläge verantwortlich ist. Zur Identifizierung stereotyper Inhalte ein geeigneter Vorfall.

Wenn im Kopf nun Bilder von den Septemberanschlägen in New York auftauchen, sind wir schon bei den theoretischen Ausführungen Lippmanns (1922) angelangt, der formulierte, dass Massenmedien kollektive Vorstellungen über eine bestimmte Gruppe von Menschen, also Stereotype oder eben „pictures in our heads“, erzeugen. Medienproduzierte Realitätsbilder können dann weiter dazu beitragen, Phänomene Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu verstärken oder auch abzubauen (vgl. Heitmeyer, 2007, S. 4), da Rezipienten sich mit ihnen auseinandersetzen und daraus Einstellungsmuster entwickeln.

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit kann zunächst nur das „Framing“ mit medialen Stereotypisierungen des Osloer Anschlags am Beispiel des Nachrichtensenders Phoenix näher betrachtet werden. Frames sind hierbei als Deutungsmuster zu verstehen, welche von Journalisten zur Sinngebung und Bewertung unterschiedlicher Themen herangezogen werden. Eine intensive Auseinander-setzung mit diesem Konzept erfolgt in Kapitel 3 dieser Arbeit. Zuvor wird mit Kapitel 2 ausgeführt, wie Medien über Ereignisse berichten und welche Anforderungen die Form der Live-Berichterstattung mit sich bringt. Besonders dargelegt wird ebenfalls, welch besonderes Verhältnis Terrorismus und mediale Aufmerksamkeit miteinander haben.

Im Anschluss, in Kapitel 4, wird die visuelle Strukturierung der Medieninhalte beschrieben und dargelegt, was visuelles Framing ist. Beschrieben wird die Verwendung von Bildern in Berichterstattungen und welche kognitiven Prozesse damit verbunden sind. Da im zentralen Bereich Visueller Kommunikations-forschung eben stereotype Repräsentationsweisen stehen, wird dann in Kapitel 5 das Konzept der Stereotypisierung beschrieben, ehe es mit dem Framing-Konzept in Verbindung gesetzt wird. Denn es wird angenommen, dass über stereotype Darstellungsweisen, bestehende gesellschaftliche Stereotype durch die mediale Darstellung verstärkt oder rückbestätigt werden können. Dadurch lassen sich Framing und Stereotypisierung teilweise nur sehr schwer voneinander abgrenzen (vgl. Lobinger, 2012, S. 232).

In Kapitel 6 werden Forschungsfragen formuliert und das Anliegen wird in klare Fragestellungen gebunden, die auf Framing und Stereotypisierung abzielen.

Weiter wird in diesem Kapitel ein Entwurf zu einer möglichen Vorstudie vorgelegt, der darauf ausgelegt ist, Indizien für mediale Stereotypisierung und Frames in Live-Berichterstattungen herauszufiltern. Im anschließenden Kapitel 7 werden kurz mögliche Ergebnisse skizziert und Empfehlungen zu vertiefenden und weiterführenden Studien abgegeben, ehe Kapitel 8 resümierend ein Fazit liefert.

2. Mediale Ereignisse

Die vorliegende Arbeit legt das Hauptaugenmerk auf die mediale Präsentation eines terroristischen Attentats. Daher sollen im folgenden Kapitel die Systeme Medien und Terrorismus und deren Beziehung zueinander näher beleuchtet werden. Anschließend wird die Kultur der Live-Berichterstattung dargestellt, deren Herausforderungen, Anforderungen und Pflichten werden kritisch durchleuchtet.

Grundsätzlich sind Journalisten gefordert Informationen aus öffentlicher Hand zu hinterfragen und den wahren Sinn dahinter zu entlarven. Dies wäre nach van Raden & Jäger (2011) Aufgabe eines ‚konfliktsensitiven‘ Journalismus. Neben der Ausleuchtung historischer Zusammenhänge müsste konfliktsensitiver Journa-lismus auch die Frage stellen und zu beantworten suchen, ob diverse an einem Konflikt beteiligten Akteure tatsächlich Ziele verfolgen, die öffentlich verkündet werden, oder welche anderen politischen, wirtschaftlichen oder geostrategischen Interessen womöglich eine Rolle spielen (vgl. van Raden & Jäger, 2011, S. 100–101).

Solch politisch komplexe Betrachtungen werden in den meisten Bericht-erstattungen jedoch der Versendung visuell verfügbarer Inhalte hinten angestellt. Schon 1997 beschrieb der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo eine neue „Blickkultur“, die mit dem Bildermachen und Bilderwahrnehmen verbunden ist. Sie beschreibt einen Zwang der Fernseh-Medien, das Unerwartete zu senden und sehen zu können, wenn die Bilder allein schon verfügbar sind. Beispielhaft dafür führt er die zufällige Videoaufnahme eines Mädchens an, dass zufällig die Tat des ‚Texas-Highway-Killers‘ aufzeichnet. Diese Sequenz zeigt einen beliebigen Mann am Steuer eines Autos, der plötzlich blutüberströmt zusammensackt und im US-Fernsehen wieder und wieder wie in einer Endlosschleife gezeigt wird.

„Sie zeigen es, weil es da ist, weil sie es zeigen müssen, weil sie dazu da sind, für unsere Unterhaltung zu sorgen. Je öfter du das Band siehst, desto toter und kälter und gnadenloser wird es. Das Band saugt dir die Luft aus der Brust, aber du schaust es dir jedesmal an.“ (DeLillo, 2000, S. 189). In Bezug dazu schreibt Regener (vgl. Ayaß, 2011, S. 447-448), dass „nur wenige Jahre später […] eine ähnliche Faszination für das reale Ausgeliefertsein den unstillbaren Konsum der Bilder vom brennenden und einstürzenden World Trade Center begleiten."

2.1. Terrorismus und mediale Aufmerksamkeit

Für den Begriff Terrorismus liegt noch immer keine allgemein anerkannte Definition vor und es scheint unwahrscheinlich, dass sich eine allgemeingültige Definition etablieren wird. Da der Begriff vor allem in dieser Arbeit, aber auch medial häufig gebraucht wird und für viele leicht verständlich scheint, soll an dieser Stelle ein kurzer Überblick über das Konstrukt Terrorismus geworfen werden. Eine recht allgemein gehaltene Defintion bietet beispielsweise die RAND Corporation[1] und betrachtet Terrorismus als „den Gebrauch oder die Androhung von Gewalt mit dem Ziel, eine Atmosphäre von Angst und Schrecken zu erzeugen.“ (Weimann/Brosius, 1989, S. 332, zit. nach Haußecker, 2007, S. 5).

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass der norwegische Friedensforscher Johan Galtung die heute vorherrschende Berichterstattung über internationale Konflikte und Kriege wegen einer unzureichenden Konfliktanalyse als „Kriegsjournalismus“ bezeichnet und kritisiert hat (vgl. van Raden & Jäger, 2011, S. 98). Dazu reihen sich Kommentare und Publikationen, die Medien als Terror-Komplizen oder militärische Instrumente verorten. So fragt und kommentiert Stephan Russ-Mohl[2] , am 14.01.2010 auf Carta.info[3] : „Wäre Al Qaida nicht bald machtlos, wenn selbst ‚gelungene‘ Selbstmordattentate nur noch wenig oder keine Medien-aufmerksamkeit auf sich lenkten? Die Medien ignorieren ja tagtäglich auch tausend andere Gewalttaten und Kriege auf dieser Welt. Das ist natürlich ein absurdes Gedankenspiel, aber es zeigt, dass die Medien, ob sie wollen oder nicht, zu Komplizen des Terrornetzwerks geworden sind. Es ist an der Zeit, ihre Rolle genauer unter die Lupe zu nehmen, wenn nicht im Balanceakt zwischen mehr Freiheit und mehr Sicherheit die Freiheit unter die Räder kommen soll.“

Die gleiche Richtung schlägt ebenso Thomas Schuster ein und konstatiert eine Umwandlung der Medien in militärische Instrumente: „Die Terroristen […] funktionieren Medien gezielt zu Waffen um. Kommunikationsmittel fungieren ihnen als Kanonen, mit denen sie auf das Bewusstsein der Menschen zielen […].“ (Schuster, 2001, S. 55, zit. nach Beuthner, 2003, S. 68).

Die Problematik besteht oft in der Inszenierung der Aktualität. Solch Inszenierung aktueller Ereignisse zeigt sich u.a. in visueller Überfrachtung der Bildschirme[4] , in der Permanenz der Berichterstattung, der z.T. übereilten Auswahl von Experten, sowie der Zuschaltung von Korrespondenten, die selbst nicht viel mehr wissen und sagen können, als der Redakteur oder Moderator im Studio. Durch solch einen „optischen Informations-Overkill“ gelingt es, den Eindruck von absoluter Information zu erwecken ohne wirklich Informationsmehrwert anzubieten (vgl. Beuthner, 2003, S. 140).

2.2. Zur Sonderform: Live-Berichterstattung

Nachrichten berichten über aktuelles Weltgeschehen und bestimmen damit die Sichtweise der Zuschauer von der täglichen Wirklichkeit und die Kenntnisse über aktuelle Ereignisse (vgl. Bleicher, 1999, S. 60). Neben journalistischen Selektions-mechanismen spielt auch die Inszenierung der Information eine Rolle. Diese dient nicht nur der Vermittlung von Informationen, sondern versucht auch die Aura des Seriösen, den Wahrheitsanspruch und damit die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. In diesem Prozess der Inszenierung kann folglich Authenzität nicht nur gefährdet, sondern auch hergestellt werden (vgl. Hickethier & Bleicher, 1998, S. 472).

Das Fernsehen ist stärker als andere Nachrichtenmedien in der Lage im Rahmen seiner täglichen Berichterstattung, dem Zuschauer die politischen Geschehnisse und beteiligten Akteure und Funktionsträger in Aktion zu zeigen. In Analogie zum ‚Zitat‘ schlägt Schulz (1992) vor, diese visuellen Darbietungen als 'visuelle Zitate' zu bezeichnen (vgl. Schulz, 1992, S. 192). Sie geben den Zuschauern die privilegierte Möglichkeit, Personen der Zeitgeschichte aus nächster Nähe zu betrachten und sich gefühlt aus erster Hand über Akteur und Ereignis zu informieren. Umgekehrt geben sie den Akteuren selbst Gelegenheit, den Zuschauer direkt anzusprechen und ihn für seine Ziele und Vorstellungen zu gewinnen (vgl. ebenda).

Live-Berichterstattungen durchbrechen das fixierte Zeitschema des Fernsehens und besitzen allein durch diese Unterbrechung des regulären Programmflusses bereits die Information: „A catastrophe or political event has occured.“ (Mellenkamp, 1990, 244, zit. nach Beuthner, 2003, S. 63). Durch Live-Über-tragungen verstärkt sich ebenfalls der Nimbus von Authenzität, sie faszinieren und binden den Zuschauer mit der Illusion des Dabei-Seins. Der Konkurrenzkampf zwischen Sendern um den Aktualitätsvorsprung scheint bei zunehmender Konvergenz der Themenagenden in den Nachrichtensendungen den Faktor „ Schnelligkeit zum wichtigsten Unterscheidungskriterium, zu einem primären Nachrichtenwert und Qualitätskriterium zu erheben.“ (Beuthner, 2003, S. 134).

Nach Silverstone (1990) folgt die Live-Berichterstattung nach Anschlägen sogar standardisierten Erzählstrukturen von Verletzung und Wiederherstellung geltender Normen:

„(1) Pollution - What norms are violated and cast as disruptive to the social system involved? (2) Guilt - Who or what is generally held responsible for the pollution? (3) Purification - What kinds of acts are generally initiated to eliminate the pollution and guilt? and (4) Redemption - What social system or order is created as a result of passing through the pollution, guilt and purification stages?”

(Silverstone, 1990, S. 22, zit.nach Beuthner, 2003, S. 63)

Mithilfe dieses Ordnungsprinzips und seiner kausalen Abfolge von Ereignissen wird erst die Wahrnehmung und weitere Anschlusskommunikationen ermöglicht. „Zuerst muss das Ereignis zu einer Geschichte werden, bevor es zum kommuni-kativen Ereignis werden kann.“ (Hall, 1999, S. 94, zit.nach Beuthner, 2003, S. 64). Durch heute vielfältig verfügbarer, leicht transportabler und schnell übertragender Kommunikationstechnologien stehen Journalisten und vor allem Auslands-korrespondenten unter großem Druck ihre Heimatzentralen, zügig mit Filmen, Bildern und Originaltönen zu versorgen. Dieser Zeitdruck sorgt dann dafür, dass die journalistischen Recherchen ausbleiben, die jedoch erforderlich wären, um in der Berichterstattung den tatsächlichen Ereignissen möglichst nahe zu kommen (vgl. van Raden & Jäger, 2011, S. 97). Dem Vermittlungszwang von Aktualität in der Live-Berichterstattung liegt somit das Risiko bei, dass Richtigkeit nicht mehr gewährleistet wird. Innerhalb dieser Arbeit soll auf die Wirkung dieses Risikos hingedeutet werden. Mit welchen Folgen agiert der Journalismus, wenn überhastet Antworten, Erklärungen und Konsequenzen in „Hintergrundberichten“ gesucht werden. Wie schnell wird mit dem Begriff Krieg argumentiert? Wie schnell werden Schuldige auserkoren, ohne angemessen nachgefragt und recherchiert zu haben? Und wie schnell werden damit simple Feindbild-Klischees erzeugt?

2.3. Zusammenfassung

Wie in 2.1. dargestellt worden ist, zielt Terrorismus darauf ab, eine Atmosphäre von Angst und Schrecken zu erzeugen. Terroristen beabsichtigen psychologische Effekte, wie Schrecken, Panik und das Gefühl von Unsicherheit. Medien sind damit von grundlegender Bedeutung für den Terrorismus, da durch die Anschläge selbst kaum ein Publikum zum ‚Verängstigen‘ erreicht wird. Erst durch die mediale Berichterstattung über einen Anschlag und über das Phänomen Terrorismus. Die Ängste werden erst gefördert, weil Attentäter einen medialen Zugang erhalten.

Diese „Angstproduktion“ wird wiederum durch die inszenierte mediale Darstellung gestärkt. Zudem besteht im Mediensystem ein Grundsatzproblem durch einen „Aktualitäts-Hype“ (vgl. Beuthner, 2003, S. 137–139), das nicht allein die Sonderform der Synchronizität von Ereignis und Berichterstattung betrifft.

Der Informationsgehalt bei der Übertragung von gerade geschehenen Ereignissen kann nur bei Null liegen, weil keine Zeit für journalistische Arbeit ist. Darauf hat bereits der Journalist und frühere NDR-Moderator Hermann Schreiber (1994, S. 30, zit. nach Beuthner, 2003, S. 139) hingewiesen: „Wer ein Ereignis beschreiben und bewerten muss, während es noch stattfindet, […] der hat kaum eine faire Chance, dieses Ereignis in Zusammenhänge einzuordnen oder Hintergründe deutlich zu machen.“ Dem Journalisten bleibt nur übrig, sich zu wiederholen oder dem blanken Anblick der (Schreckens-) Bilder Platz zu bieten. Damit fehlt nicht nur die nötige Reflexion, auch Orientierung kann dem Zuschauer nicht angeboten werden (vgl. Beuthner, 2003, S. 139).

3. Framing

Als Stärke des Framing-Ansatzes wird allgemein angesehen, dass er sowohl Nachrichtenproduktion als auch Medienwirkung erklären kann. Das macht ihn auch für diese Arbeit bedeutend. Das Framing-Konzept lässt sich unter kommunikator- als auch unter wirkungszentrierte Ansätze der Kommunikations-wissenschaft einordnen (vgl. Scheufele, 2003, S. 218). Auf den Massen-kommunikationsprozess bezeichnen Scheufele (2001) und Haußecker (2012) die mediale Inszenierung als Framing . Da in diesem Fall ebenso eine journalistische Strukturierung von Ereignissen und Situationen in bedeutungsvolle Einheiten medialer Inhalte erfolgt (vgl. Scheufele, 2001, S. 145; Haußecker, 2012, S. 55).

3.1. Begriffsbestimmung

Wie zuvor beim Terrorismus-Begriff (vgl. 2.1.) gibt es auch bei der Framing-Forschung keine Einigkeit über eine Definition und Operationalisierung von Frames (vgl. z.B. Dahinden, 2006; Entman, 1993; Scheufele, 2003; Haußecker, 2012).

Der Framing-Gedanke tauchte erstmals 1974 in Arbeiten von Goffman auf, als er postulierte, dass Kontext und Ordnung („organization“) von „messages“ Einfluss auf des Rezipienten anschliessende Gedanken und Handlungen über diese Informationen haben (vgl. Rodriguez/Dimitrova, 2011, S. 49). Später schlug mit Entman (vgl. 1991, S. 7) ein weiterer Pionier der Massenkommunikationsforschung vor, dass auf zwei Ebenen “news frames” existieren: (1) als mental gespeicherte Prinzipien der Informationsverarbeitung, bezeichnet als „audience frames” und (2) als Charakteristiken der Nachrichten selbst, den „news frames“.

Frames

„Frames sind als Interpretationsmuster zu verstehen. Ihnen kommt die Funktion zu, Informationen einzuordnen und zu verarbeiten. Framing ist ein Prozess, der beschreibt, wie gewisse Aspekte der Realität betont werden und andere in den Hintergrund treten. Es handelt sich also um einen Selektionsprozess, der bestimmte Bewertungen und Entscheidungen beinhaltet.“

(Entman, 1993, zit. nach Suckfüll et al., 2011, S. 186).

Framing

Framing bezieht sich darauf, dass bestimmte „aspects of perceived reality“ (Entman, 1993, S. 52) betont und andere ignoriert werden (vgl. Scheufele, 2004, S. 30). In der Kommunikationsforschung bezieht sich Framing darauf, dass Medien über ein Thema in verschiedener Art und Weise berichten, womit bestimmte Bewertungen und Sichtweisen eines Themas hervorgehoben und andere vernachlässigt werden (vgl. Lobinger, 2012, S. 92).

Eine genauere Betrachtung des Framing-Konzeptes im Bereich der Kom-munikationswissenschaft folgt in Kapitel 3.3. Zuvor werden kurz psychologische Grundlagen zur schematischen Informationsverarbeitung dargelegt, um nicht nur Voraussetzungen für Framing darzustellen, sondern auch um eine Differenzierung zwischen Frames und Schemata zu erarbeiten, da diese meist analog zueinander definiert werden (z. B. Entman, 1993). Der Frame-Begriff wäre somit aber obsolet, da er nur Konstrukte wie ‚Schema‘ ersetzt (vgl. Scheufele, 2004a, S. 32).

3.2. Psychologische Grundlagen

Die Auseinandersetzung mit der Wirkung von Massenmedien und der gewonnenen Erkenntnis, dass Sinn- und Deutungsstrukturen von Rezipienten durch Medien beeinflusst werden, führte in der Kommunikationswissenschaft dazu, sich zunehmendend mit psychologischen und kognitionspsychologischen Forschungsansätzen auseinander zu setzen.

Tagtäglich sind Menschen einer Fülle von Nachrichten, Ereignissen, Sinnesreizen und Eindrücken ausgesetzt, die mental bewältigt werden wollen. Im Laufe der Zeit entwickeln Menschen dann gewisse Muster, um den Input und ihre Realität einzuordnen. Der Gedanke, dass die menschliche Informationsverarbeitung im kognitiven Bereich auf "Schemata" oder vereinfachten mentalen Modellen beruht, steht im Kern einer Schema-Theorie. Auf Schemata greift der Mensch immer wieder zurück, wenn neue Informationen aufgenommen und Schlussfolgerungen gezogen werden (vgl. Ziegelmaier, 2009, S. 17). In Kommunikationsprozessen wird das in Schemata gespeicherte Wissen ständig überprüft und gegebenfalls verändert. Die zentrale Funktion von Schemata besteht also darin, die Informationsflut einzudämmen, um eine schnelle und effektive Informations-verarbeitung zu gewährleisten (vgl. ebenda).

3.2.1. Schema-Theorie

Ursprünglich wurde das Konzept der kognitiven Schemata in der Psychologie, als auch in der Sozialpsychologie entwickelt. Aus diesem Bereich gibt es eine Vielzahl von Studien (vgl. dazu Brosius, 1991, S. 286; Schenk, 2007, S. 280), wie denen von Piaget (1926) und Bartlett (1932), aus denen sich eine Theorie entwickelt hat, welche erklärt, wie individuelle Selektion und Verarbeitung von Information vor sich geht, da „der Mensch nur einen Bruchteil der auf ihn einströmenden Informationen aufnehmen und verarbeiten kann“ (Brosius, 1991, S. 286). Um solch eine Informationsflut zu bewältigen, bedarf es „kognitiver Strukturen [...], die die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen erlauben“ (Schenk, 2007, S. 276). Scheufele (2004) definiert Schemata als kognitive Modelle, die im Gedächtnis als „assoziatives Netzwerk“ (zit. nach Schenk, 2007, S. 305) strukturiert sind und sich jeweils „auf eine singuläre, spezifische Objektklasse (z.B. auf Politiker; auf den Ablauf einer Vorlesung) bzw. eine singuläre Relation zwischen Objekten (z.B. Ursachen- Schemata) beziehen“ (Scheufele, 2004a, S.32). Einzelne Schemata stellen somit komplexreduzierte, „durch einige kritische Attribute“ (Brosius, 1991, S. 286) festgelegte Prototypen der jeweiligen Bezugsobjekte dar.

Mit dem ‚Basalmodell kognitiver Modelle‘ wird bei Schemata zwischen dem Bezugsobjekt und salienten Erwartungsmerkmalen unterschieden, die dem Objekt innerhalb des Schemas zugeordnet werden (vgl. Scheufele, 2004a, S. 33). Demnach erfolgt die Informationsverarbeitung sowohl stimulus- (‚bottom-up-processing‘) als auch schemageleitet (‚top-down-processing‘). Ein top-down-Prozess kann in der Art verstanden werden, dass verschiedene Schritte des Verstehensprozesses in beliebiger Reihenfolge oder auch gleichzeitig ablaufen können. Weiter wird das durch Schemata aktivierte Vorwissen der weiteren kognitiven Verarbeitung und sogar weiteren medialen Reizen zuvorkommen und kann diese auch leiten (vgl. Matthes, 2007, S. 109). Der bottom-up-Prozess dagegen beginnt mit der Aktivierung des Schemas durch einen Medienstimulus, welcher die weitere Wahrnehmung und kognitive Verarbeitung steuert (vgl. Schenk, 2007, S. 292).

Eine empirische Überprüfung solch schematheoretischer Überlegungen auf Prozesse der Massenkommunikation und die mediale Wirkungsforschung hat Graber (1984) vorgenommen. Im Zuge der Informationsverarbeitung unterscheidet Graber vier Funktionen von Schemata:

– „Schemata geben vor, welche Informationen rezipiert und verarbeitet werden
– Schemata unterstützen die Rezipientin oder den Rezipienten bei der Einordnung von neuem Wissen in vorhandene Wissensstrukturen
– Schemata helfen dabei, fehlende Informationen anhand des Vorwissens zu ergänzen
– Schemata fördern durch die Bereitstellung von potentiellen Lösungsszenarien die Bewältigung von Problemen und Konflikten.“
(vgl. Graber, 1984, zit. nach Brosius, 1991, S. 288)
Die Informationsverarbeitung selbst kann mithilfe von kognitiven Schemata in drei grundlegende Prozesse unterteilt werden (vgl. Schenk, 2007, S.282f.):
Inferenz: Auffüllen, Ergänzen und Erweitern von rezipierter Information mit und durch Wissen aus kognitiven Schemata
Elaboration: Verbindung von rezipierter Information mit Wissen und Erfahrungen zur persönlich passenden Interpretation der Neuinformation
Reduktion: Rezipierte Informationseinheiten werden, durch allgemeine Schemata gesteuert, vereinfacht und inhaltlich reduziert verarbeitet.

Scheufele (2004a) unterscheidet Schemata zudem hinsichtlich ihrer „Verfügbar-keit, Zugänglichkeit und Anwendbarkeit“. Verfügbarkeit ist als grundsätzliches Vorhandensein im Langzeitgedächtnis, Anwendbarkeit als die potentielle Über-einstimmung von schemaimmanenten Erwartungsmerkmalen mit Medienstimuli und Zugänglichkeit als die verstärkte und beschleunigte Zugriffswahrscheinlichkeit auf ein Schema, welches sich aufgrund vorheriger Aktivierung noch im Arbeits-speicher des Gehirns befindet, zu verstehen (vgl. Scheufele. 2004a, S. 37).

Es ist wichtig zu wissen, dass eine Person eher dazu neigt, schemakongruente Informationen zu rezipieren und zu verarbeiten. Denn Informationen, für welche keine entsprechenden Schemata auf Abruf bereitstehen, werden meist nur oberflächlich verarbeitet und schnell wieder vergessen (vgl. Schenk, 2007, S. 298f.). Zudem ist zu erwähnen, dass der Grad der Übernahme von nicht schema-konformen Informationen und der damit verbundenen Umwandlung der Schemata von der Intelligenz und dem Interesse des jeweiligen Rezipienten abhängig ist (vgl. ebenda, S. 282).

[...]


[1] RAND („Research ANd Development“) ist eine Non-Profit-Organisation, die eng mit staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen zusammenarbeitet

[2] Publizistik-Professor an der Freien Universität Berlin

[3] Blog für digitale Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie.

[4] Einblendungen von Hintergrundbildern und Laufbändern, die verschiedene Nachrichten vermitteln.

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Der islamistische Stereotyp in der medialen Berichterstattung bei Terror-Anschlägen
Untertitel
Eine Framing-Analyse medialer Stereotypisierung des Anschlags in Oslo am 22.07.2011
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
65
Katalognummer
V201034
ISBN (eBook)
9783656285014
ISBN (Buch)
9783656285069
Dateigröße
1302 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Stereotypisierung, Islam;, Terrorismus, Framing, Schema-Theorie, Visuelle Kommunikation
Arbeit zitieren
Robert Bußler (Autor), 2012, Der islamistische Stereotyp in der medialen Berichterstattung bei Terror-Anschlägen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201034

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