Migration und Minoritäten in Deutschland – Ein Abriss


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012

17 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Migration und Minoritäten in Deutschland – Ein Abriss

Die Geschichte der Migration in Deutschland ist kein soziales Phänomen der letzten Jahrzehnte oder der Nachkriegszeit. Schon mit Beginn der Industrialisierung in Deutschland um 1870, demnach in der Zeit der deutschen Reichsgründung, war der Bedarf als billigen und genügsamen Arbeitskräften enorm. Waren vorher bestimmte Teile der Arbeiterschaft und der ländlichen Bevölkerung aus allen Teilen Deutschlands gezwungen, ihr Überleben in der Auswanderung zu suchen, so sollte sich dieser Sachverhalt ändern. Doch vorher, in der Zeit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, gab es eine starke deutsche Auswanderungsbewegung nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa bis zur Krim und Wolga.[1] Parallel dazu kam es auch zu ersten Auswanderungswellen nach Nordamerika in die britischen Kolonien. Pennsylvania war das bevorzugte Ziel dieser Auswanderer, die überwiegend aus dem deutschsprachigen Elsaß-Lothringen, der Pfalz, der Eifel aber auch aus der deutschsprachigen Schweiz stammten.[2]

Zwischen 1830-1855, kam es aufgrund großer ökonomischer Probleme im deutschen Reichsgebiet zu einer Massenauswanderung von Deutschen in die Vereinigten Staaten. Zwischen 1847 und 1858 wanderten rund 1,3 Millionen Deutsche fast ausschließlich in die USA aus. Doch der eigentliche Höhepunkt der Auswanderung erfolgte in den Jahren zwischen 1880 und 1883, wonach nochmals rund 1,8 Millionen Personen auswanderten.[3] Zwischen 1830 und 1914 dürften rund 5,5 Millionen aus unterschiedlichen Bewegungen nach Übersee auswanderten sein. Wobei nicht nur Nordamerika, sondern auch Kanada, Brasilien, Argentinien aber auch Australien als Auswanderungsländer gewählt wurden.[4]

Das benötige Arbeitskräftepotential in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts für die stark expandierende deutsche Industrie konnte zunächst durch die in der Landwirtschaft tätigen Personen gedeckt werden. Die Landwirtschaft selber konnte aufgrund ihrer strukturellen Defizite keine neuen Arbeitskräfte schaffen. Als Folge einer bis dahin kaum denkbaren Binnenwanderung vom Land in die Stadt, veränderte sich vielfach das bis dahin ländlich geprägte Gesicht Deutschlands. Von nun an kam es zur Bildung von städtisch-industriellen Siedlungsräumen aufgrund des ungeheuren Bedarf an Arbeitskräften für den Bergbau und der Schwerindustrie. Als Folge des Bedarfs entwickelte sich das Deutsche Reich nach den Vereinigten Staaten zu einem „Arbeitseinfuhrland“.

Schon 1913 erreichte die Ausländerbeschäftigung einen vorläufigen Höchststand von 1,3 Millionen ausländischen Beschäftigen. Überwiegend waren es Polen (Saisonarbeitskräfte), die in West- und Ostpreußen in der patriarchalisch strukturierten Landwirtschaft einer Beschäftigung nachgingen. Darüber hinaus wurden auch Italiener im Bereich des Eisenbahnbaus und im Tiefbau eingesetzt. Erwähnt werden muss im Kontext der Ausländerbeschäftigung im 19. Jahrhundert auch die Zuwanderung von rund 300.000 Polen ins Ruhrgebiet (Ruhrpolen).

Analog zum Arbeitskräftemangel der deutschen Rüstungsindustrie im 2. Weltkrieg war der Arbeitskräftemangel bereits im 1. Weltkrieg ein grundlegendes Problem. Vor allem der Arbeitskräftebedarf im Bereich der Landwirtschaft, Bergbau und Rüstung konnte nicht mehr gedeckt werden. Nach Oltmer waren bei Kriegsende 1918 rund 2,5 Millionen ausländische Arbeitskräfte, darunter rund 1,5 Millionen Kriegsgefangene[5] im deutschen Kaiserreich im Arbeitseinsatz.

Auch in der Zwischenkriegszeit, in der Zeit der Weimarer Republik, schwankte die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte zwischen 200 und 300.000 Personen.

Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 ging einher mit einer permanenten Abnahme der Arbeitslosigkeit u. a. aufgrund der deutschen Aufrüstungspolitik.. 1939 herrschte faktisch Vollbeschäftigung. Der Arbeitskräftemangel war schon vor 1939 spürbar und verschärfte sich zunehmend. So wurden beispielsweise bestimmte gesetzliche Bestimmungen aus dem Jahre 1933 trotz NS-Ideologie bereits im November 1937 aufgehoben, um die Frauenarbeit wieder attraktiver zu machen.[6] Mit Datum Stand 31.3.1939 befanden sich im Deutschen Reich (altes Reichsgebiet) folgende angeworbene nichtdeutschen Arbeiter:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Doch das vorhandene Arbeitskräftepotential von deutschen wie ausländischen Arbeitskräften reichte zur Umsetzung der ökonomischen Ziele nicht aus. Mit Beginn des Krieges wurde auch das 3. Reich mit dem Problem des Arbeitskräftemangels konfrontiert und das NS-Regime stand ständig vor dem Problem des kriegsnotwendigen und kriegswirtschaftlichen Personalkräftebedarfs. Der Bedarf an Facharbeitern für die Rüstungsindustrie konnte auf der Basis der vorhandenen Personalressourcen nicht gedeckt werden.

Ohne den massenhaften Einsatz von Kriegsgefangenen und sog. Fremdarbeitern[7] [8] , die in den späteren Kriegsjahren überwiegenden Mehrheit Zwangsarbeiter[9] waren, wäre die deutsche Kriegswirtschaft nicht funktionsfähig geblieben. Zwischen 1939 und 1945 haben zwischen 12 bis 13 Millionen ausländische Arbeitskräfte aus über zwanzig Nationen für das Deutsche Reich gearbeitet.[10] Waren es vor Ausbruch des 2. Weltkrieges primär Deutsche jüdischen Glaubens und KZ-Häftlinge, so wurden mit Beginn des Krieges ausländische Arbeitskräfte angeworben[11] und später weiterhin aus dem Osten massenhaft Arbeitskräfte zwangsrekrutiert. Die Zwangsarbeit war als integraler Bestandteil der ns-Herrschaft.

[...]


[1] Brandes, Detlef: Die Deutschen in Rußland und der Sowjetunion, in: Bade, Klaus J.(Hrsg): Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992 , S. 89.

[2] Bretting, Agnes: Mit Bibel, Pflug und Büchse: Deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Bade, Deutsche im Ausland, a.a.O., S. 135.

[3] Bevölkerungsgeschichte 1800-1970 in: Aubin, Zorn, Handbuch S. 9-147.

[4] Burgdörfer, Friedrich: Die Wanderung über die Deutschen Reichsgrenzen im letzten Jahrhundert, in: Allgemeines Statistisches Archiv 20: S. 192ff.

[5] Oltmer, Jochen: Ausländerbeschäftigung und restriktive Integrationspolitik

Spätes 19. Jahrhundert bis Ende des Ersten Weltkriegs http://www.bpb.de/themen/QR949A,0,0,Ausl%E4nderbesch%E4ftigung_und_restriktive_Integrationspolitik.html

[6] Kuczynski, Jürgen: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1933 bis 1945. Bd. 6, Berlin 1967, S. 152.

[7] : Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, hrsg. vom Statistischen Reichsamt, 58. Jg. 1939/40, Berlin 1940, S.381.

[8] Der Begriff „Fremdarbeiter“ besitzt einen ambivalenten Charakter. Denn er umfasst sowohl die freiwillig angeworben Arbeitskräfte als auch die aus dem Osten zwangsverschleppten. Vgl. dazu Herbert, Ulrich: Europa und der „Reichseinsatz“. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1939-1945. München 1991, S. 386. Auch muss an dieser Stelle konstatiert werden, dass die wissenschaftliche Literatur zu diesem Themengebiet als umfangreich bezeichnet werden kann. Besonders hervorzuheben ist der Sachverhalt, dass die DDR-Geschichtsschreibung sich schon früh mit dem Themengebiet der Zwangsarbeiter etc. befasst hat. Hier kann sicherlich die grundlegende Arbeit von Eichholz genannt werden. Vgl. Eichholz, Dietrich: Geschichte der Deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945, 3. Bände, Berlin 1969, 1985, 1996. Weiterhin die Arbeit von Seeber. Vgl. Seeber, Eva: Zwangsarbeiter in der faschistischen Kriegswirtschaft. Berlin 1964. Als grundlegend kann die bereits 1985 von Ulrich Herbert verfasste Arbeit bezeichnet werden. Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländereinsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, erw. Neuauflage. Bonn/Berlin 1999.

[9] Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass auch deutsche Staatsbürger Zwangsarbeit leisteten, wenn sie aufgrund von religiösen, politischen oder, nach NS-Definition, „rassischen“ Merkmalen z.B. in KZ interniert waren.

[10] Rückl, Steffen, Schultze, Winfried: Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangeneneinsatz an der Berliner Universität 1933 bis 1945, in: Die Berliner Universität in der NS-Zeit, Bd. 1 Strukturen und Personen, hrsg. von Christoph Jahr unter Mitarbeit von Rebecca Schaarschmidt. Wiesbaden 2005, S. 206. Nach Angaben von Fritz Sauckel vor dem Nürnberger Militärtribunal befanden sich rund 12 Millionen im Laufe des Krieges in Deutschland. Davon maximal 8,1 Millionen gleichzeitig. Die von Seeber genannten Zahlen von 20 Millionen in Deutschland eingesetzten Arbeiter konnten nicht bestätigt werden. Noch eine Zahl ist von besonderem Interesse. Bei Kriegsende befanden sich in Deutschland noch 7,6 Millionen arbeitsfähige Ausländer. Vgl.Schiller,Thomas: NS-Propaganda für den „Arbeitseinsatz“. Lagerzeitungen für Fremdarbeiter im Zweiten Weltkrieg: Entstehung, Funktion, Rezeption und Bibliographie. Hamburg 1997, S. 75. Die von Schiller aufgeführte Zahl von rund 14 Millionen Zwangsarbeitern soll an dieser Stelle nicht weiter kommentiert werden. Vgl. Schiller, NS-Propaganda, a.a.O., S. 76.

[11] Angeworben heißt in diesem Zusammenhang, die Anwerbung von Einzelpersonen aber auch kompletter Betriebe.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Migration und Minoritäten in Deutschland – Ein Abriss
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V201178
ISBN (eBook)
9783656271666
ISBN (Buch)
9783656272670
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minoritäten in Deutschland
Arbeit zitieren
Karl-Heinz Pröhuber (Autor), 2012, Migration und Minoritäten in Deutschland – Ein Abriss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201178

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