Die (De-)Professionalisierung des Journalismus: Nachrichtenproduktion im Spiegel ihrer Zeit


Bachelorarbeit, 2012
41 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffliche und geschichtliche Grundlagen
2.1 Die Schlüsselbegriffe „Nachricht“ und „Journalismus“
2.2 Hintergründe des gewählten Zeitrahmens
2.3 Der Beginn journalistischer Nachrichtenproduktion

3. Moderne journalistische Nachrichtenproduktion
3.1 Die Entwicklung des Internet
3.2 Die Nachricht im modernen Journalismus
3.3 Umriss des journalistischen Berufs der Gegenwart
3.4 Folgen der Veränderungen in vergleichender Perspektive

4. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der gesellschaftliche Einfluss des gegenwärtigen Mediensystems war in der Kommuni­kationswissenschaft schon immer der Mittelpunkt zahlreicher wissenschaftlicher Dispu­te. Jedoch sollte nicht nur hinterfragt werden, was die Medien mit den Menschen ma­chen; auch eine konträre Sichtweise mit einem Fokus auf die jeweiligen Nutzungswei­sen darf nicht außer Acht gelassen werden. So ist es gleichsam von hohem Belang zu ermitteln, wie sich die Arbeit der Medienmacher gestaltet, da diese einen maßgebli­chen Beitrag für die Entwicklung der öffentlichen Meinung leisten und somit aktiv an der Veränderung der Gesellschaft teilhaben.

Um ein Verständnis für aktuelle Diskurse bezüglich dieser komplexen Wechselwir­kungsprozesse zwischen Menschen und Medien zu erlangen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Hilfreich erweist sich dabei die Kommunikationswissenschaft, deren Wur­zeln in der Zeitungskunde liegen. In ihrem Kontext wird unter anderem ergründet, mit welcher Intention, mit welchen Mitteln und in welchen Grenzen professionelle Journa­listen damals wie heute arbeiten, um zu weiterführender Erkenntnis zu gelangen. His­torisch gesehen erscheint es zunächst jedoch schwer, eindeutige Definitionen und scharfe Abgrenzungen zu finden, da es sich um einen Berufsstand handelt, der sich in einem stetigen Wandel befindet. Auch die rapide Weiterentwicklung der Massenmedi­en lässt eine eindeutige Antwort auf diese Fragen zunächst in weite Ferne rücken. Dennoch erscheint eine historisch-vergleichende Betrachtung mit zwei festen Fixpunk­ten als sinnvoll, um mögliche Zusammenhänge und Unterschiede von vergangenen Routinen mit der Gegenwart ergründen zu können. Somit bietet es sich an, eine Ge­genüberstellung mit den Ursprüngen und dem gegenwärtigen Stand des Berufs anzu­fertigen. Vergleicht man die Merkmale der Arbeit der ersten professionellen Journalis­ten mit jenen der Gegenwärt, kann begriffen werden, inwiefern sich die Absichten für das Verfassen einer journalistischen Nachricht geändert haben könnten. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Selbstverständnis der Nachrichtenvermittler und dessen Verän­derung im Laufe der geschichtlichen Entwicklung. Zudem sollte in diesem Zusammen­hang aufgeschlüsselt werden, welcher technischen Mittel sich Journalisten damals bedienten und welche Möglichkeiten im gegenwärtigen Informationszeitalter zur Verfü­gung stehen. Dies ermöglicht im weiteren Verlauf Prognosen bezüglich der Zukunft journalistischer Arbeit.

Zentrale Fragestellungen und Thesen

Antworten auf Fragen nach den technischen und gesellschaftlichen Hintergründen so­wie den Möglichkeiten damaliger und heutiger journalistischer Arbeit können den Weg für Vorhersagen bezüglich der zukünftigen Ausrichtung des Berufsstandes ebnen. Aus diesem Grund soll diese Bachelorarbeit zunächstfolgende Fragen beantworten:

- Was zeichnete die Arbeitsweise der ersten Journalisten aus, was charakterisiert den Berufsstand heute?
- Welchen (technischen) Mitteln wurde sich früher und heute bedient? Welche Konsequenzen lassen sich daraus ableiten?
- Inwiefern haben sich Intentionen für das Verfassen einer journalistischen Nach­richt geändert?

Aufgrund der umfassenden Thematik soll auf einige besonders wichtige Faktoren ein erhöhtes Augenmerk gelegt werden. So befasst sich die vorliegende Arbeit verstärkt mit zwei modernen Erscheinungen, die einen starken Einfluss auf den gegenwärtigen journalistischen Schaffensprozess ausüben: Zum einen spielen Multimedialität und Interaktivität neuer Medien wie dem Internet eine große Rolle. Die technische Entwick­lung vollzieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und wirkt sich somit auch auf jour­nalistische Aktivitäten und Denkweisen aus. Wie werden vor diesem Hintergrund nach­richtenrelevante Ereignisse wahrgenommen und vermittelt und wie unterscheidet sich dieser Prozess zur journalistischen Arbeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts? In diesem Zusammenhang steht zum anderen das Phänomen des Laien- oder Bürgerjournalis­mus: In Zeiten des Internet wird es immer einfacher, auch ohne professionelle Ausbil­dung am journalistischen Schaffensprozess zu partizipieren. Von daher ist die Frage zu stellen, welchen Einfluss nutzergenerierte Nachrichten auf den professionellen Journa­lismus ausüben.

Ausgehend von diesen Gedankengängen haben sich als Vorüberlegung drei Thesen herausgebildet, auf deren Grundlage diese Arbeit vorgehen wird:

1. Mit steigender Technologisierung steigt zwar die Quantität von journalistischen Nachrichten, die Qualität verschlechtert sich jedoch, weil aufgrund des verein­fachten Zugangs zu Informationen eine strengere und vor allen Dingen schnel­lere Selektion erfolgen muss.
2. Dieser Selektionsprozess gestaltet sich als weitaus komplexer als damals und führt zu einem kontraintuitiven Informationsverlust, da bestimmte Informationen „auf der Strecke bleiben“.
3. Aufgrund zahlreicher Partizipationsmöglichkeiten verschwimmen die Grenzen journalistischer Aktivitäten gegenwärtig zunehmend. Der Berufsstand des Jour­nalisten hat sich demzufolge entscheidend verändert und befindet sich noch immer in einer Phase des Umbruchs.

Forschungsstand

Während historische Abhandlungen über den Journalismus bereits Ende des 19. Jahr­hunderts durchgeführt worden sind (vgl. Wilke 1984, S. 3), lässt sich der Ursprung wis­senschaftlicher Betrachtungen auf das Jahr 1910 datieren, in dem Max Weber eine Soziologie des Zeitungswesens vorschlug (vgl. Requate 1995, S. 13-14; Wilke 1984, S. 4-5). Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde diese Thematik jedoch nur selten von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet; vielmehr rückten rein historische Untersuchungen in das Zentrum des Interesses. Aufgrund dieser Unbeständigkeit ist die originäre Publizistikwissenschaft bis heute „in auffälliger Weise durch Fehlschläge, Diskontinuität und Inkonsequenz bestimmt“ (Wilke 1984, S. 1). Obwohl in der gegen­wärtigen Kommunikationswissenschaft die historische Sichtweise immer mehr von em­pirischen Untersuchungen abgelöst wird, kann es sich als günstig erweisen, beide Standpunkte miteinander zu verknüpfen (vgl. ebd., S. 7-10). Für die gegenwärtige Be­trachtung existiert eine unüberschaubare Anzahl von Publikationen, die sich mit dem Einfluss der neuen Medien auf die Gesellschaft im Allgemeinen sowie auf den Journa­lismus im Speziellen befassen. Demgegenüber gibt es jedoch nur wenige Untersu­chungen, die eine Verknüpfung zu den Anfängen des Journalismus herstellen und die Entwicklung der journalistischen Nachricht sowie den Einfluss von medientechnischen und gesellschaftlichen Veränderungen auf organisatorische Prozesse vergleichend umschreiben. Diese Arbeit soll nun den Kenntnisstand innerhalb dieses speziellen Be­reichs erweitern.

Vorgehensweise

Wie bereits erwähnt, ist die moderne Kommunikationswissenschaft in aller Regel durch empirische Methoden geprägt - obwohl in der vorliegenden Arbeit gewisse Qualitäten von Journalismus miteinander verglichen werden, ist es aufgrund des knappen Zeit­rahmens nicht möglich, eine empirische Studie anzulegen. Von daher wird das Thema von einer kommunikationshistorisch-vergleichender Sichtweise aus bearbeitet. Für einen effektiven Erkenntnisgewinn erscheint dabei eine hermeneutische Vorgehens­weise sinnvoll. In diesem Kontext sollen jedoch keine expliziten Theoriebezüge herge­stellt werden, um nicht in den Grenzen etwaiger Modelle zu verfallen und somit den Fokus auf die historische Sicht zu gewährleisten. Auch eine Wirkungs- oder Rezipien­tenanalyse kann und soll in dieser Arbeit nicht vorgenommen werden, sodass sich ausschließlich auf die Nachrichtenwahl und Nachrichtenproduktion im Kontext der technischen und gesellschaftlichen Umgebung konzentriert wird. Der historische Fix­punkt soll auf den Beginn des Zeitungsjournalismus gelegt werden, da das Medium „Zeitung“ zu den relevantesten Auslösern für die Entstehung eines professionell­journalistischen Berufs gehörte. Die relevanten Merkmale dieses geschichtlichen Ab­schnitts, der sich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert abspielte, werden in Kontrast zum journalistischen Schaffensprozess des 21. Jahrhunderts gestellt. Die „neuen Medien“ sind ihrerseits ein derart weites Feld, dass im Zuge der vorliegenden Arbeit nolens volens mit eingeschränktem Spielraum vorgegangen werden muss. Wie bereits erwähnt wird deshalb vordergründig auf den Einfluss des Internet als (all)gegenwärtig rezipierbare Kommunikationsplattform eingegangen. Nachdem zu­nächst historische und definitorische Grundlagen wie der Begriff der Nachricht oder die Entstehung des professionellen Journalismus in Mitteleuropa dargestellt werden, fo­kussiert sich diese Arbeit auf die Eigenschaften und Merkmale früher journalistischer Nachrichten und stellt ihre Veränderungen im Laufe der Zeit in Kontrast zu den Bedin­gungen und Einflüssen, denen die Schreiber gegenwärtig ausgesetzt sind. Besonders hinsichtlich der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen soll somit eine Grundlage für mögliche neue Betrachtungsweisen und Perspektivenerweiterungen der Materie geschaffen werden.

2. Begriffliche und geschichtliche Grundlagen

Um ein Verständnis über die Arbeitsweise von Journalisten zu bekommen, werden in diesem Abschnitt zunächst der Nachrichten- und Journalismusbegriff sowie die Hinter­gründe des gewählten Zeitrahmens thematisiert. Mit den gewonnenen Erkenntnissen soll im Anschluss daran ergründet werden, wie sich der Beruf der Journalisten zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert herausgebildet hat.

2.1 Die Schlüsselbegriffe „Nachricht“ und „Journalismus“

Der Begriff der Nachricht

Der Nachrichtenbegriff lässt sich auf einen detaillierten Bedeutungshintergrund zurück­führen und ist noch nicht so alt wie die Nachricht selbst. Bereits um 1450, zeitgleich mit der Erfindung des Buchdrucks, kam es in Europa zur Zirkulation von Informationen in Form von Flugblättern, Flugschriften und „neuen Zeitungen“ (vgl. Stöber 2005, S. 34­35). Diese Medien dienten zunächst größtenteils der Verbreitung religiöser, amtlicher, naturkundlicher oder literarischer Inhalte (vgl. Wilke 2008, S. 19). Eine Bedeutungszu­schreibung dieser Informationen als „Nachricht“ blieb jedoch aus. Erst im 17. Jahrhun­dert fand der Begriff eine Verwendung als „Anweisung“ oder „Anordnung“, bis er im Laufe des 19. Jahrhunderts einen Bedeutungsumschwung hin zu der gegenwärtig be­kannten Interpretation der „Botschaft“ oder „Neuigkeit“ erfuhr (vgl. Frerichs 2000, S. 119-120). Da man zu dieser Zeit noch nicht glauben konnte, dass wirklich so viele be­achtenswerte Ereignisse parallel ablaufen können, wurde fiktionales nur selten von non-fiktionalen getrennt. Eine Unterscheidung von „Information“ und „Unterhaltung“ existierte demzufolge noch nicht (vgl. Ruhrmann 2010, S. 95-96). Kurz nach der ersten Verwendung des Begriffs erlebten in der Mitte des 18. Jahrhunderts neu gegründete Vereine, Salons, Bibliotheken oder Lesegesellschaften einen regelrechten Auf­schwung, der zum Ende des Jahrhunderts hin seine Blütezeit fand. In diesen neuarti­gen Lokalitäten und Gesellschaften wurden nicht nur aktiv Diskurse geführt und Gesel­ligkeit gefördert, sondern auch „Neuigkeiten“ ausgetauscht.

Diese interindividuelle Wahrnehmung von Ereignissen führte langsam aber sicher zu dem Bewusstsein eines Informationsaustauschs, der nicht nur auf privater sondern auch auf öffentlicher Ebene ausgetragen werden konnte. Ein Ereignis als solches ist jedoch bereits definitorisch schwierig zu umreißen. So gibt es keine „Ereignisse-an- sich“; vielmehr müssen sie „erst durch einen Beobachter aus ihren zeitlichen und sach­lichen Zusammenhang heraus abgegrenzt werden“ (Frerichs 2000, S. 177). Alles, was auf der Welt geschieht, kann somit als ein Ereignis umschrieben werden, welches wie­derum innerhalb seines Kontextes auf unterschiedliche Weise eingegrenzt oder aus­geweitet werden kann. Somit kann auch jedes Ereignis zu einer Nachricht verarbeitet werden. Gleichsam mit der Entstehung dieser neuartigen Diskurse wurde also auch auf die Selektion von Ereignissen eingegangen, indem man die Frage stellte, was eine Information zu einer Nachricht macht (vgl. Wilke 1984, S. 56-57). Das Problem der Nachrichtenwahl, das in den nächsten Jahrhunderten Mittelpunkt zahlreicher Untersu­chungen sein sollte, tritt also beinahe gleichzeitig mit Entstehung des Begriffes selbst auf. Wichtig ist zunächst also festzuhalten, dass eine Nachrichtenvermittlung schon vor der Herausbildung des journalistischen Berufs und sogar der Nachrichtendefinition selbst stattfand.

Die Nachricht in der Kommunikationswissenschaft

Für eine Definition des Nachrichtenbegriffs erscheint es als sinnvoll, zuerst die Kern­merkmale der Informationsträger zu untersuchen, um davon ausgehend die Nachrich­ten selbst klassifizieren zu können und somit eine Grundlage für die weiterführende Argumentation zu erhalten. In der beschreibenden Kommunikationswissenschaft sind deshalb bestimmte Nachrichteneigenschaften aufgestellt worden, die bereits in frühen Zeitungen zu finden sind (vgl. etwa Dussel 2004, S. 1). Auf diese Weise können Nach­richten als solche nicht nur explizit definiert werden - überdies dient es dazu, die Zei­tung als Informationsträger zu umschreiben und sie von ähnlichen Medien wie den Zeitschriften abzugrenzen (vgl. Blöbaum 1994, S. 128). Zunächst werden deshalb die universellen Eigenschaften von Zeitungen umrissen, die sich zum Großteil effizient auf deren beinhaltende Informationen - die Nachrichten selbst - übertragen lassen können (vgl. im Folgenden Groth 1998).

Die Universalität besagt, dass über alles berichtet werden kann. Im Gegensatz zu Fachzeitschriften, die sich zumeist auf bestimmte Themen fixiert haben, gilt in der Zei­tung das Prinzip, dass kein Thema ausgeschlossen sein muss. Weiterhin sollte, ab­hängig von der Nachrichtentechnik, eine gewisse Nähe der Berichterstattung zum Er­eignis existieren (Aktualität). Diese Nähe wird nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich definiert. „Je mehr Menschen [von einem Ereignis] betroffen sind, umso wichtiger ist die Nachricht.“ (Wilke 2009, S. 221) Weiterhin waren bereits frühe journalistische Er­zeugnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich (Publizität). Kein Bürger sollte ausge­schlossen sein, Zugang zu bestimmten Informationen zu haben - eine Nachricht wird stets publiziert.1 Alle diese Merkmale müssen zudem mit real geschehenden Ereignis­sen verknüpft sein; die Unwahrheit soll also ausgeschlossen werden. Allgemein ge­sprochen muss ein Ereignis also möglichst realitäts- und zeitnah für ein disperses Pub­likum zugänglich gemacht werden, damit es den Status einer Nachricht erhalten kann.

Diese Definition kann jedoch nicht die Frage beantworten, unter welchen Umständen eine Information in eine Nachricht transformiert wird; schließlich muss aus den Un­mengen von Informationen eine gewisse Selektion vom Journalisten erfolgen. Um die­sen Prozess der Nachrichtenwahl nachvollziehen zu können, befassen sich Forscher deshalb seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit den verschiedenen Auswahlkriterien der Nachrichtenschreiber, indem sie den Informationsgehalt von Ereignissen untersuchten. Erstmals mit dem Thema befasste sich der US-amerikanische Journalist und Schrift­steller Walter Lippmann im Jahre 1922. Er arbeitete mehrere Faktoren heraus, die für diese Auswahl relevant sein könnten. Zu diesen zählen unter anderem Bedeutsamkeit, räumliche Nähe, Konflikt und Überraschung (vgl. Frerichs 2000, S. 130). Mit seinen Ergebnissen prägte er den Begriff des Nachrichtenwerts („news value“),[1] [2] der sich aus der Gesamtheit aller Nachrichtenfaktoren eines Ereignisses zusammensetzt. Je höher dieser Wert ist, desto größer ist gleichsam die Wahrscheinlichkeit, dass intensiv über ein bestimmtes Ereignis berichtet wird. Fortan war es möglich, anhand eines theoreti­schen Modells zu erklären, welche möglichen Ereignismerkmale Journalisten dazu bewegen können, ein Ereignis zu einer Nachricht werden zu lassen. Unter dem Namen Nachrichtenwertforschung etablierte sich diese Disziplin Mitte der 1960er Jahre in Eu­ropa und wurde von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge sowie Einar Östgaard weitergeführt. Ihre Studie mit der Kernfrage „How do ,events‘ become ,news?“ übt bis heute einen großen Einfluss auf die Forschung aus. Galtung und Ruge stellten eine umfangreiche Liste von zwölf, teils untergliederten, möglichen Nachrichtenfaktoren heraus, die im Verlauf der Jahre immer wieder ergänzt wurde (vgl. Wilke 1984, S. 18­20). In Deutschland wurden Nachrichtenwerte auf einer breiten empirischen Ebene erstmals 1976 vom Kommunikationswissenschaftler Winfried Schulz überprüft und er­weitert. Schulz entwarf 18 verschiedene Nachrichtenfaktoren, die er in sechs verschie­dene Dimensionen einordnete (vgl. ebd., S. 26-27; Frerichs 2000, S. 131-132). Im Ge­gensatz zu seinen Vorgängern rückte er jedoch den Menschen selbst in den Fokus. Seiner Ansicht zufolge entscheide allein der Journalist mittels unbewussten Mecha­nismen, welche Ereignisse berichtenswert sind und welche nicht. Die Ereignisfaktoren per se seien vorrangig weniger relevant, vielmehr stünde der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung (vgl. Kepplinger 2011, S. 61-62). Auch das Finalmodell von Joachim Friedrich Staab (1990) stützte sich auf die Ausführungen von Schulz. Staab stellte im Zuge seiner Untersuchungen fest, dass die Nachrichtenschreiber zunächst das Ereig­nis nach ihren individuellen Richtlinien auswählen und dies im Nachhinein mit selbst gewählten Nachrichtenfaktoren legitimieren (vgl. Ruhrmann und Göbbel 2007, S. 8).

Hiermit wird deutlich, dass zwar klar umrissen werden kann, was eine Nachricht an sich ausmacht; jedoch existieren unterschiedliche Betrachtungsweisen über ihre Ent­stehung und Qualitäten. Hauptkritikpunkt an diesem Konzept ist demnach die nicht existente Rangfolge und Wertigkeit von zugeschriebenen Nachrichtenfaktoren (vgl. Frerichs 2000, S. 135). Weiterhin herrscht kein Konsens über deren Anzahl oder eine etwaige thematische Unterteilung. Ein objektiver Maßstab kann somit nicht gesichert werden (vgl. Frerichs 2000, S. 135). Demzufolge ist als Zwischenfazit zu ziehen, dass ,,[d]ie Auswahl und Gewichtung von Nachrichten [...] trotz aller Objektivitätsnormen letztlich davon abhängig [ist], welche beruflichen und persönlichen Besonderheiten die jeweiligen Journalisten haben“ (Frerichs 2000, S. 176). Gerade weil sich Nachrichten­faktoren jedoch in einem stetigen Wandel befinden und es somit niemals eine vollstän­dige Faktorenliste geben kann, ist die Nachrichtenwertforschung noch immer von ho­her Relevanz. Nicht zuletzt erlaubt die Nachrichtenwerttheorie einen gewissen Defini­tionsrahmen für die Umschreibung journalistischer Erzeugnisse.

Entstehung des Journalismus[3]

Die Definition des Journalistenberufs gestaltet sich bei näherer Betrachtung als kom­plex und undurchsichtig. Wurde bereits im 19. Jahrhundert festgestellt, dass der Beruf des Journalisten nicht eindeutig definiert werden kann, ist es auch heute noch schwie­rig, ein klares Sozialprofil zu erstellen (vgl. Requate 1995, S. 131-132). Jedoch ist eine Definition für die Wissenschaft (etwa für die Erstellung von Samples) eine unabdingba­re Notwendigkeit.

Dass Journalismus ein sehr dehnbarer Begriff ist, wird in der historischen Betrachtung klar. Bereits Urvölker verfügten über Methoden der Mitteilungsübertragung; so setzten etwa die alten Griechen Leuchtfeuer zur Informationsvermittlung ein (vgl. Wilke 2008, S. 9). Streng genommen liegen die Wurzeln des modernen Journalismus bereits in derlei Methoden. Diese Art der Kommunikation ist jedoch von einer hohen raumzeitli­chen Begrenztheit gekennzeichnet. Auch im 15. Jahrhundert, noch vor der Erfindung der Druckerpresse, wurden umherziehende Spielmänner als „wandernde Journalisten“ bezeichnet, da sie Lieder sangen, deren Inhalt alle eingangs beschriebenen Merkmale von Nachrichten enthalten konnten (vgl. Wilke 2009, S. 372). Selbst während der Etab­lierung des Buchdrucks konnte man noch nicht von „Journalisten“ in dem Sinne, wie man sie heute kennt, sprechen. Vielmehr waren die Drucker der Presswerke auf Post von Korrespondenten angewiesen, was dieser Form von Nachrichtenvermittlung die Umschreibung des korrespondierenden Journalismus einbrachte (vgl. ebd.). Der Nach­richtenvermittler dieser Zeit war „in der Regel um nüchterne Information und Fakten­schilderung bemüht [...]. Er wollte im Prinzip nicht mehr sein als ein neutraler Chronist des Zeitgeschehens“ (ebd., S. 373).

Die ersten Zeitungen erschienen erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts, ungefähr 150 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks, zunächst noch in geringem Umfang von vier oder acht Seiten (vgl. Wilke 1984, S. 38). Da diese Medien nicht nur Meldungen mit den eingangs aufgezählten charakteristischen Nachrichteneigenschaften enthiel­ten, sondern zusätzlich durch das Merkmal der Publizität bestimmt waren, kann hier erstmals von genuinen journalistischen Erzeugnissen gesprochen werden. Nicht zuletzt wird das Journal, von dem sich der Begriff des Journalismus ableitet, auch als Syno­nym für die Zeitung verstanden (vgl. Requate 1995, S. 132). Da der Zeitungsjournalis­mus also erst weit nach dem Beginn des Buchdrucks entstanden ist, kann es also als Fehlschluss angesehen werden, dass sich beide Elemente zeitgleich etabliert haben. Vielmehr handelt es sich um ein Potential, das sich 1450 neu herausgebildet hat und erst viel später ausgeschöpft wurde.

Die eben geschilderten Ausführungen bezüglich des Nachrichten- sowie Journalismus­begriffs sind ein Beleg für die Schwierigkeit, einheitliche Begriffsbestimmungen zu fin­den und die Ursprünge journalistischer Tätigkeiten tatsächlich zu datieren. Eine ein­wandfreie Definition journalistischer Botschaften fällt auch gegenwärtig schwer. Bevor dieses Thema jedoch beleuchtet wird, soll zunächst die Entwicklung des Journalismus im Europa des aufkommenden 19. Jahrhunderts als Grundlage für die gegenwärtige Verortung des Berufsstandes in den Fokus genommen werden.

2.2 Hintergründe des gewählten Zeitrahmens

Im Zuge der gegenwärtigen Debatten über eine Verortung des Journalismus erscheint eine historische Sicht nicht nur als hilfreich sondern auch als nötig: „Eine unhistorische Sicht führt nicht selten zu Verzerrungen und falschen Verabsolutierungen, zu Perspek- tivlosigkeit und Horizontverengung.“ (Wilke 1984, S. 9) Von daher sollen kurz die ge­schichtlichen Rahmenbedingungen zusammengefasst werden, mit denen sich die vor­liegende Arbeit befasst.

Gesellschaftlicher Hintergrund

Die Französische Revolution hat 1789 in ganz Europa für einen einschneidenden ge­sellschaftlichen Wandel gesorgt: So bildete sich zum Ende des 18. Jahrhundert ein neues bürgerliches Bewusstsein heraus, dass sich vom bis dahin herrschenden Abso­lutismus immer mehr abspaltete. Diese neuen, freiheitlich geprägten Denkweisen spie­gelten sich in einem starken Bedürfnis nach Wissenserweiterung wider, was sich auf geistiger und auf materieller Ebene deutlich bemerkbar machte und den Grundstein für die Industrialisierung legte. Parallel dazu war ein enormes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen, das für die Entstehung vieler Großstädte sorgte. Ferner entwickelte sich die Schulpflicht zu einer Selbstverständlichkeit, was eine steigende Alphabetisierungs­rate mit sich brachte (vgl. Wilke 2008, S. 156). Folglich stieg die Nachfrage nach Bü­chern im Laufe der Zeit stetig an und „[d]as Leseinteresse verlagerte sich zunehmend von religiösen hin zu weltlichen Titeln“ (Telesko 2010, S. 228). Mit neuen Lexika und Enzyklopädien wurden ideale Plattformen für Wissensspeicherung und -vermittlung entworfen und zur Verfügung gestellt (vgl. ebd., S. 221). Auch eine Politisierung breiter Bevölkerungsschichten war nicht von der Hand zu weisen.

Der Kampfbegriff dieser Zeit war also ganz klar jener der „Bildung“. Sie wurde als höchstes Gut angesehen und bot einen optimalen Nährboden für die Verbreitung der Massenmedien (vgl. Wilke 2010, S. 51).

[...]


[1] Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass Groth als vierte Zeitungseigenschaft die Peri­odizität aufzählt. Demnach werden Zeitungen zusätzlich dadurch definiert, dass sie in einer bestimmten Regelmäßigkeit erscheinen. Die Periodizität kann jedoch nicht a priori auf die Nach­richt selbst angewandt werden; um überhaupt rezipierbar zu werden, muss sie stets an einen Träger gekoppelt werden, dersich in diesem Zusammenhang in derZeitung manifestiert.

[2] Wichtig ist hierbei anzumerken, dass sich bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts ein Vorläu­fer dieser Theorie herausgebildet hat. Joachim von Schwarzkopf unterschied 1795 in seiner Schrift „Über Zeitungen“ in Nachrichtenfaktor und Nachrichtenwert und entwickelte somit ein Konzept, dass erst über 100 Jahre später wieder aufgegriffen wurde (vgl. Ruhrmann 2010, S. 105).

[3] In diesem Abschnitt soll zunächst auf die Ursprünge des Berufs und frühjournalistische Arbei­ten eingegangen werden. Eine Umschreibung des Berufsprofils im Rahmen des gewählten Zeitraumes erfolgt im Abschnitt 2.3. Weiterhin ist es im Kontext dieser Arbeit nicht möglich, detailliert auf die frühe Geschichte der Nachrichtenübertragung einzugehen, sodass in diesem Zusammenhang auf weiterführende Literatur von Mitchell Stephens (2007, S. 16-31) verwiesen wird.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die (De-)Professionalisierung des Journalismus: Nachrichtenproduktion im Spiegel ihrer Zeit
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
41
Katalognummer
V201213
ISBN (eBook)
9783656292135
ISBN (Buch)
9783656294115
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internet, medien, geschichte, journalismus, mediennutzung, medienmacher, online-journalismus, redaktion, massenmedium, historie, journalistische arbeit, multimedia, laienjournalismus, bürgerjournalismus, technologisierung, information, selektion, publizistik, veränderung, nachrichtenwahl, nachrichtenproduktion, nachricht, technik, partizipativ, partizipatver, entwicklung, revolution, print, online, shortnews, ohmynews, struktur, zeitung, mediensystem, partizipation, profession, objektivität, berufsstand, beruf, twitter, soziologie, professionalisierung, buchdruck, gatekeeper, kommunikationsrevolution, begriff, definition, nachrichten, blog, blogs, umbruch, ausbildung, qualität, tv, verpflichtungen, pflichten, pflicht, www, massenmedien
Arbeit zitieren
Danilo Rößger (Autor), 2012, Die (De-)Professionalisierung des Journalismus: Nachrichtenproduktion im Spiegel ihrer Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201213

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