Der Positivismusstreit der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts bezeichnet jene Auseinandersetzung zwischen Vertretern der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus, wie er von Karl R. Popper konzipiert wurde, die als Vermittlungsversuch zwischen den unterschiedlichen Ausrichtungen der deutschen Soziologie angelegt, die vorherrschenden Differenzen wohl noch zementierte und bis in die achtziger Jahre hinein noch hohe Wellen schlug. Die in diesem Zusammenhang von der Kritischen Theorie geäußerten Vorwürfe treffen auf den als ebenfalls positivismuskritisch angelegten Kritischen Rationalismus jedoch nur äußerst bedingt zu und haben ihren Ursprung in der Geschichte des komplizierten Verhältnisses der Frankfurter Schule zum Wiener Kreis und den logischen Positivisten, sowie zum amerikanischen Pragmatismus und der empirischen Sozialforschung.
Es ist hier Hans-Joachim Dahms hoch anzurechnen, die Leistung erbracht zu haben, die Auseinandersetzungen rund um die Tübinger Soziologentagung und die nachfolgenden Dispute in eine geschichtliche Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden Schulen einzuordnen, die von Kontinuitäten, aber auch Brüchen und Zäsuren sowohl im persönlichen Umgang miteinander als auch in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Lehren der jeweils anderen begleitet war. Den roten Faden bildet dabei die stetige, teils moderate teils heftig polemische Kritik der Frankfurter Schule am (vermeintlich) von unterschiedlichen Protagonisten vertretenen Positivismus und seiner wissenschaftlichen und politisch-ethischen Implikationen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Logischer Positivismus und Kritische Theorie
2. Geschichte
2.1. Die Beziehung zwischen Wiener Kreis und Frankfurter Schule in den 1930ern. Gemeinsamkeiten und Differenzen
2.2 Die Exiljahre: geplante Zusammenarbeit und Entzweiung
2.3. Die 40er und 50er Jahre: Adorno und die empirische Sozialforschung
3. Der Positivismusstreit
3.1. Logischer Positivismus und kritischer Rationalismus: Popper ein Positivist?
3.2. Die Tübinger Arbeitstagung: Popper und Adorno
3.3. Die 60er Jahre: Adorno gegen Popper, Habermas gegen Albert
4. Was bleibt vom Positivismusstreit?
4.1. Erkenntnistheorie, Ethik und Politik
4.2. Das Verhältnis von empirischer Sozialforschung und Theorie
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die inhaltlichen Kontroversen des sogenannten Positivismusstreits zwischen der Frankfurter Schule (Kritische Theorie) und dem Kritischen Rationalismus (Karl R. Popper). Ziel ist es, die wissenschaftstheoretischen Differenzen sowie die politisch-ethischen Implikationen dieser Auseinandersetzung aufzuzeigen und die Relevanz für die zeitgenössische Soziologie zu bewerten.
- Wissenschaftslogische Grundlagen des logischen Positivismus und der Kritischen Theorie.
- Historische Entwicklung der Beziehungen zwischen dem Wiener Kreis und der Frankfurter Schule.
- Analyse der zentralen Auseinandersetzungen, insbesondere der Tübinger Arbeitstagung 1961.
- Debatte um das Verhältnis von empirischer Sozialforschung und Theorie.
- Erkenntnistheoretische und ethisch-politische Positionierung beider Schulen.
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Tübinger Arbeitstagung: Popper und Adorno
Im Folgenden soll Poppers Referat mit Fokus auf jene Aspekte besprochen werden, die seine Auffassung der Wissenschaftslogik klar von einer positivistischen unterscheiden. Es sind dies auch jene Punkte der siebenundzwanzig Thesen, die Adorno später wohlwollend aufnimmt um sie im Anschluss zu erweitern, bzw. in seinem Sinne zu konkretisieren und in einem gewissen Maße auch mit Poppers Aussagen zu kontrastieren.
Für Popper ist die Erkenntnislogik innerhalb der Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen angesiedelt, wobei das Nichtwissen überwiegt, und der Wissenszuwachs immer größere Felder des Nichtwissens freilegt. Der Wissenszuwachs erfolgt jedoch nicht über Verifikation, die niemals vollständig sein kann, und auch die Hilfskonstruktion der Wahrscheinlichkeit kann diesen Anspruch nicht erfüllen. Vielmehr ist es die Falsifikation, die es erlaubt im Sinne einer umgekehrten Deduktion, nämlich der Rückführung falscher Konklusionen auf falsche Prämissen, ein Maß für mehr oder weniger Wahrheitswert zu generieren. Popper stellt auch ganz klar das Primat der Theorie gegenüber der Empirie fest, wenn er sagt, dass Erkenntnis nicht bei der Erfahrung beginnt, sondern bei Problemen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung definiert den Positivismusstreit als die grundlegende Auseinandersetzung zwischen Kritischer Theorie und Kritischem Rationalismus und erläutert das Ziel der Arbeit, die historische Genese dieser Debatte aufzuarbeiten.
1. Logischer Positivismus und Kritische Theorie: Dieses Kapitel skizziert die konkurrierenden wissenschaftstheoretischen Konzepte des logischen Positivismus (Wiener Kreis) und der Kritischen Theorie (Frankfurter Schule) sowie deren unterschiedliche erkenntnistheoretische Fundierungen.
2. Geschichte: Es wird die historische Beziehung zwischen Wiener Kreis und Frankfurter Schule untersucht, von den anfänglichen Annäherungsversuchen über die Entzweiung während der Exiljahre bis hin zu den Konflikten im Kontext der empirischen Sozialforschung.
3. Der Positivismusstreit: Hier werden die spezifischen Debatten, insbesondere die Tübinger Arbeitstagung 1961 und die nachfolgenden Auseinandersetzungen zwischen Adorno, Popper, Habermas und Albert, analysiert.
4. Was bleibt vom Positivismusstreit?: Dieser Teil beleuchtet die aktuelle Rezeption der Debatte, diskutiert Fragen der Ethik in den Sozialwissenschaften und untersucht das Verhältnis von empirischer Forschung und Theoriebildung.
Fazit: Das Fazit resümiert die Gefahr einer Soziologie, die Methoden von der Methodologie entkoppelt und warnt vor einem Verlust der theoretischen Reflexionskraft durch mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition.
Schlüsselwörter
Positivismusstreit, Kritische Theorie, Kritischer Rationalismus, Wiener Kreis, Frankfurter Schule, Erkenntnistheorie, Empirische Sozialforschung, Wissenschaftslogik, Falsifikation, Wertfreiheit, Dialektik, Ideologiekritik, Wissenschaftstheorie, Soziologie, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Karl R. Popper.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den sogenannten Positivismusstreit der 1960er Jahre, eine zentrale wissenschaftstheoretische Kontroverse zwischen der Frankfurter Schule und dem Kritischen Rationalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Wiener Kreis und der Frankfurter Schule, die wissenschaftslogischen Differenzen der beiden Strömungen sowie die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und empirischer Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die historisch-inhaltliche Aufarbeitung der Debatte, um zu klären, wie sich die Soziologie hinsichtlich ihrer erkenntnistheoretischen Fundierung und ethisch-politischen Positionierung aus diesen Auseinandersetzungen heraus entwickeln konnte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin stützt sich primär auf eine fundierte Literatur- und Theorieanalyse, wobei sie insbesondere das Werk von Hans-Joachim Dahms als analytischen Rahmen heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Aufarbeitung der Kontakte und Brüche zwischen den Denkschulen, die Analyse der zentralen Streitpunkte (wie die Tübinger Arbeitstagung) und die Erörterung der Frage, was vom Positivismusstreit für die heutige Soziologie bleibt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Positivismusstreit, Kritische Theorie, Kritischer Rationalismus, Dialektik, Falsifikation, Erkenntnistheorie und Ideologiekritik charakterisiert.
Warum wird Popper im Text kritisch hinterfragt?
Popper wird kritisch betrachtet, weil er im Zuge des Streits oft fälschlicherweise als Vertreter eines einfachen Positivismus eingestuft wurde, obwohl sein Kritischer Rationalismus sich in vielen Punkten grundlegend von diesem unterschied.
Welche Bedeutung hat das "Fazit" der Autorin für die heutige Soziologie?
Die Autorin warnt davor, dass die heutige Soziologie bei zunehmender Spezialisierung und Methodenfixierung Gefahr läuft, ihre theoretische Tiefe und die kritische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte zu verlieren.
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- Sandra Kerschbaumer (Author), 2010, Der Positivismusstreit - Inhalt, Geschichte, Rezeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201275