Genderrollen und ihr Einfluss auf kommunikatives und professionelles Leben am Beispiel der Akademiker/innen aus der Russischen Föderation


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
10 Seiten

Leseprobe

Genderrollen und ihr Einfluss auf

kommunikatives und professionelles Leben

am Beispiel der Akademiker/innen aus der Russischen Föderation.

Im Rahmen der Habilitation, die ich an der Universität Bielefeld zum Thema “Local and global living environments: the influence of study in Germany on the professional life and individual concept of academic representatives from the Russian Federation” schreibe, habe ich unter Anderem das Verhältnis der erwähnten Zielgruppe zu Genderrollen in Russland und Deutschland erforscht. Das Hauptziel der Befragung, die sich auf biographische, problemzentrierte Leitfadeninterviews stützt, ist zu erfahren, wie das Studium oder die akademische Arbeit in der Bundesrepublik die Person der Interviewenden, ihre professionelle Karriere und bestimmte Entwicklungen in der russischen Gesellschaft beeinflussen.

Bei der Erforschung des Einflusses der akademischen Erfahrung auf die Person der Interviewenden und auf ihre berufliche Karriere kamen interessante Ergebnisse bezüglich der Genderverhältnisse heraus, die ich im Folgenden präsentieren werde. Im Endeffekt wird es möglich sein, darüber zu urteilen, inwieweit das Studium oder die Arbeit in universitären Kontexten in Deutschland bestimmte Veränderungen bei den Teilnehmern dieser Studie hinsichtlich der eigenen Rolle in der Gesellschaft bewegen oder die früher existierenden Einstellungen verfestigen. In einigen Fällen kann man eine besser ausgeprägte positive Selbsteinschätzung konstatieren, einen umfassenderen Überblick über die Kultur der Geschlechterkommunikation in unterschiedlichen Ländern und seine eigene Position hierzu. Manche Respondenten berichten dagegen über die Abneigung der in Deutschland typischen Geschlechterbeziehungen und entwickeln ihre eigene Stellungsnahme im Kontext der deutschen und russischen Kultur. Im Großen und Ganzem kann man sagen, dass die erforschte Gruppe im Verhältnis zu Geschlechterrollen keine großen Differenzen im Vergleich zu der Bevölkerung in Deutschland aufzeigt: der überwiegende Teil der Interviewenden (insgesamt 14 Personen, davon – 4 Männer und 10 Frauen) sehen keine Schwierigkeiten für sich, sich in die Gesellschaft der Bundesrepublik zu integrieren. Sowohl in der sozialen Kommunikation unter den Kollegen und ihren Freunden als auch in den professionellen Kontexten kommen die Akademiker sehr gut zurecht. Das heisst, ihre Bewertung der in der Bundesrepublik existierenden Genderrollen unterscheidet sich von dem, was sie aus Russland kennen, kaum. Nichtsdestotrotz ist es interessant, einen detaillierten Blick auf die festgestellten Unterschiede zu werfen, um darüber nachzudenken, inwieweit sie bedeutungsvoll für die bessere Planung der Politik im akademischen/ internationalen Bereich sein können bzw. eine bessere Erwägung der sozialen Kommunikation mit der Zielgruppe ermöglichen.

Am Anfang dieses Artikels möchte ich einige theoretische Informationen präsentieren, die die Spezifik der Genderverhältnisse in Russland besser explizieren. In erster Linie ist es signifikant zu erwähnen, dass sich das Spektrum des potentiellen Interests für das Thema “Genderrollen” in westlichen und östlichen (europäischen) Ländern voneinander unterscheidet. Während in den östlichen Ländern dieses Interesse ist weniger ausgeprägt und findet ihren Ausdruck in der Achtsamkeit zu professionellen Erfolgen von allen Personen, Männern und Frauen, ist dieses Interesse in den westlichen Ländern ein wenig anders. Aus meiner Sicht kann man in den westlichen Staaten mehr den Fokus darauf beobachten, inwieweit die Genderdifferenzen auf die professionelle Entwicklung von Männern und Frauen und auf ihr soziales Verhalten Einfluss nehmen. Selbstverständlich gibt es in jedem Land unterschiedliche soziale Gruppen, die verschiedene Einstellungen zu wichtigen Lebensbereichen einschliesslich Genderrollen pflegen. Es ist die Frage der Erziehung, des Zuganges zu wichtigen sozialen Positionen und eigener Erfahrung hiermit. Trotzdem kann man im Kontext der östlichen und westlichen Ländern über bemerkbare Unterschiede bezüglich des Verhältnisses zu Geschlechterrollen sprechen, die sich durch unterschiedliche Wahrnehmung von den zu überwiegenden sozialen und beruflichen Barrieren andeuten lassen. Wenn die westliche Mentalität eher versucht die Frage nachzuverfolgen, wie schwer war es für eine Frau bestimmte Ergebnisse im professionellen und kommunikativen Bereich zu erreichen,[1] haben die Menschen in den östlichen Ländern mehr ein allgemeines Interesse und wenn sie auch in entsprechenden Fragen interessiert sind, sie tun es orientierend auf die westliche Mentalität und typische Diskussion in diesen Ländern.[2] Mit anderen Wörtern – Menschen in Russland folgen mehr dem Gedanken, Frauen haben die selben Integrationsmöglichkeiten als jeder Andere und die Menschen in der Mehrheit der westlichen Ländern verfolgen eher die Einstellung, Frauen müssen für ihre Rechte kämpfen.

Die mögliche Diskussion darüber, ob die Frauen in den westlichen oder in den östlichen europäischen Ländern mehr selbstbewusst sind, scheint mir in diesem Zusammenhang nicht relevant. Interessant ist meines Erachtens ausführlicher die historische Perspektive in Russland zu betrachten, um zu schauen, inwieweit sich die angedeuteten Differenzen mit der geschichtlichen Entwicklung Russlands erklären lassen.

Bedauerlicherweise viele wissenschaftliche Publikationen, die in den westlichen europäischen Ländern veröffentlicht sind, konzentrieren sich bei der Betrachtung der Genderrollen in den östlichen europäischen Ländern auf die Begriffe “Küche”; “Gender und Tourismus”, “fehlende Freiheit” etc., was verursacht maximum solche Schlussfolgerungen wie – Frauen aus den östlichen Ländern sind nicht weniger diskriminiert als westliche Frauen.[3] Darüber hinaus ist die Praxis verbreitet, den russischen Feminismus in enger, fast ausschliesslicher Beziehung mit Friedrich Engels Arbeiten zu sehen, die kommunistische Zeit in Russland zu missverstehen und Frauen aus diesem Land mehr als Traktorfahrerinnen zu assoziieren.[4] “Engels Sicht auf Frauenemanzipation war von der Kommunistischen Partei sehr genau verfolgt. Überall, wo die Kommunistische Partei an die Macht kam, haben sich die Frauen der Arbeitsklasse angeschlossen. Dieser Fakt gewinnt eine besondere Aufmerksamkeit, nicht zuletzt wegen der Geschwindigkeit von diesem Prozess und dem großen Kontrast zur Situation in Westeuropa […].”[5]

Sicherlich die unterschiedliche Politik von dem sowjetischen und kapitalistischen Regime zwang viele öffentliche Akteure und Wissenschaftler in der sowjetischen und post-sowjetischen Gesellschaft mehr diskriminierende Aspekte zu erkennen. Wenn bestimmte Erfolge auch anerkannt wurden, dann meistens nur partiell, mit vielen Einschränkungen und begrenzten Interpretationen. Praktische Erhebungen durchzuführen, die die realle Situation zu vielen wichtigen sozialen Problemen einschliesslich Genderpolitik und Gendergleichheit erforschen, war fast unmöglich. Im Endeffekt die Rede ist über maximal theoretische Ausarbeitungen und allgemeine subjektive Spekulationen, die nur einen begrenzten Bezug zur tatsächlichen Situation hatten. Die meisten Veröffentlichungen, auch wenn sie von den Wissenschaftler/innen aus den östlichen Ländern verfasst sind, haben ihren Fokus auf wissenschaftlich/ praktisch wenig fundierte Einschätzungen über schlechtere soziale Position und innenfamiliäres Leben von Frauen in dem früheren Teil des sozialistischen Europas. Hier wäre es logisch zu fragen, inwieweit diese Autoren eine ausreichende Basis für den Vergleich des innenfamiliären Lebens in den westlichen Ländern mit ihrer früheren Erfahrung haben und sich dabei nicht auf die Attribute des “guten Lebens” orientieren?

Wenn wir die Aufmerksamkeit auf die vor kurzem publizierten praktischen Studien über die Geschlechterverhältnisse von Immigranten in Deutschland werfen, die eine solche Vergleichsbasis haben, ist es signifikant zu bemerken, dass der überwiegende Teil der interviewten Frauen aus den östlichen europäischen Ländern ihre Situation hinsichtlich der Genderrollen in den Mutterländern und während ihres Lebens in Deutschland im Vergleich zu Frauen aus den westlichen Staaten als marginal nicht wahrnehmen. In einigen Fällen zwar im Gegenteil – die Respondenten sind sicher, die Erziehung in ihren Heimatstaaten und die Verhältnisse zwischen Frauen und Männern sind sogar fortschrittlicher und humaner bezüglich der Gendergleichheit.[6]

Eine weitere interessante Untersuchung, die an der Universität Hamburg abgeschlossen wurde, vergleicht die früheren sozialistischen Staaten einschliesslich Russland und stellt dabei heraus, dass sich weder die wirtschaftliche Integration von Frauen noch ihr Zugang zur Erziehung von der Situation der Männer unterscheidet. Die erwähnte Doktorstudie bestätigt die Geschlechtergleichheit im Zugang zu mehreren sozialen Sphären. Darüber hinaus sind die ökonomischen Indikatoren im Bereich der Gendergleichheit im Arbeitsmarkt ähnlich mit solchen in den OECD-Staaten.[7]

[...]


[1] Vgl. UNESCO, vgl. Mürner, vgl. Belinszki/ Nagode.

[2] Vgl. Interdisziplinäres Frauenforschungszentrum der Universität Bielefeld, vgl. Clio-online-Historisches Fachinformationssystem e.V.

[3] Vgl. Gal/ Gail, vgl. Saleel, vgl. Schmitt/ Trappe.

[4] Vgl. Fodor/ Balogh.

[5] Fodor.

[6] Vgl. Farrokhzad/ Ottersbach/ Tunç/ Meuer-Willuweit/ Lakizyuk.

[7] Vgl. Schnepf.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Genderrollen und ihr Einfluss auf kommunikatives und professionelles Leben am Beispiel der Akademiker/innen aus der Russischen Föderation
Hochschule
Universität Bielefeld
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V201353
ISBN (eBook)
9783656281771
ISBN (Buch)
9783656284093
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genderrollen, einfluss, leben, beispiel, akademiker/innen, russischen, föderation
Arbeit zitieren
Olga Lakizyuk (Autor), 2012, Genderrollen und ihr Einfluss auf kommunikatives und professionelles Leben am Beispiel der Akademiker/innen aus der Russischen Föderation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201353

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