Das vorliegende Buch widmet sich dem Werk „Jakob von Gunten”, welches Robert Walser 1908 in Berlin geschrieben hat.
Bevor ich auf den zentralen Punkt meiner Arbeit, die Untersuchung der Paradoxien, eingehe, überprüfe ich, ob es sich hier um einen Anti-Bildungsroman handelt oder nicht. Anschließend folgt eine Auseinandersetzung mit den Paradoxien in „Jakob von Gunten”. Vorerst beschränke ich mich dabei auf die reine Darstellung der Erscheinungsformen der Widersprüche. Zu fragen wäre hier, ob die Paradoxien eine Struktur erkennen lassen, das heißt auf welcher Ebene sie schwerpunktmäßig zu Tage treten, auf sprachlicher Ebene oder auf inhaltlicher Ebene ?
Im dritten Teil der Arbeit liefere ich verschiedene Erklärungsansätze für die paradoxe Darstellungsweise Walsers. Letztendlich ist dieser Teil der Schlüssel für die zentrale Fragestellung meiner Arbeit: Warum schrieb Walser den Tagebuchroman „Jakob von Gunten” in einer so wiedersprüchlichen Form? Liegt diese Darstellungsweise allein in der Persönlichkeit des Dichters verankert, oder hat er bewußt die Paradoxie als Stilmittel verwendet ?
Um überhaupt Überlegungen zu der Schreibweise Walsers anzustellen, ist es notwendig, die Erscheinungsformen der Paradoxien in „Jakob von Gunten” zu beleuchten. Aus diesem Grunde habe ich dem entscheidenden Abschnitt meiner Arbeit, wo ich zwischen mehreren Erklärungsansätzen für das Auftreten der Paradoxien als Form des Schreibens, ob vom Dichter beabsichtigt oder nicht, abwäge, die Behandlung der reinen Erscheinungsformen bzw. die Darstellung der Paradoxien in „Jakob von Gunten” vorangestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Jakob von Gunten: Ein Anti-Bildungsroman ?
3. Untersuchung der Paradoxien
3.1. Paradoxien im sprachlichen Bereich
3.2. Paradoxien im inhaltlichen Bereich
4. Erklärungsversuche
4.1. Mögliche Beweggründe Walsers für die Wahl der Paradoxien als beabsichtigtes Strukturelement
4.2. Paradoxie als Teil des Schreibprozesses
5. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Paradoxien in Robert Walsers Roman "Jakob von Gunten" und analysiert, inwieweit das Werk als Anti-Bildungsroman zu verstehen ist. Ziel ist es, die Erscheinungsformen der Widersprüche auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene zu beleuchten und zu ergründen, ob diese bewusst als Stilmittel eingesetzt wurden oder aus dem Schreibprozess bzw. der psychischen Konstitution des Autors resultieren.
- Analyse der Strukturmerkmale von Robert Walsers "Jakob von Gunten"
- Untersuchung sprachlicher und inhaltlicher Paradoxien
- Einordnung des Werkes als Anti-Bildungsroman
- Diskussion von Erklärungsansätzen für die widersprüchliche Darstellungsweise
- Reflektion über das Verhältnis von Autorenschaft und literarischer Form
Auszug aus dem Buch
3.1. Paradoxien im sprachlichen Bereich
Zunächst gilt es die „offenkundigen Paradoxien” und die versteckten Paradoxien, das heißt die „Mystifikationen”, zu unterscheiden.
Das Tagebuch wird bereits am Anfang durch eine vereinfachte Form der Paradoxie eingeleitet: „Nein, ich finde das, was Fräulein Benjamenta uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig, und wir wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein Geheimnis hinter all diesen Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten. Lächerlich ? Uns Knaben vom Institut Benjamenta ist nie lächerlich zumut.” Der Protagonist stellt hier eine Aussage auf, hebt diese dann auf, indem er darauf hinweist, daß die Zöglinge nichts mehr lächerlich finden können, da ihnen das Lachen vergangen sei. Diese Form der Paradoxie, die „Selbstaufhebung”, ist im gesamten Roman enthalten und nimmt auch Züge der Ironie an. Es handelt sich dabei um die spezielle Form der relativierenden Ironie, welche oftmals am Ende der einzelnen Aufzeichnungen steht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, ob "Jakob von Gunten" als Anti-Bildungsroman zu klassifizieren ist und wie die im Werk enthaltenen Paradoxien zu deuten sind.
2. Jakob von Gunten: Ein Anti-Bildungsroman ?: Dieses Kapitel belegt durch eine Untersuchung der Strukturmerkmale und Figurenkonstellation, dass Walsers Roman die klassischen Ideale des Bildungsromans parodistisch destruiert.
3. Untersuchung der Paradoxien: Hier werden die vielfältigen Widersprüche analysiert, wobei zwischen offenkundigen Paradoxien, wie sprachlichen Oxymora, und inhaltlichen Mystifikationen unterschieden wird.
4. Erklärungsversuche: Es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen, die entweder eine bewusste künstlerische Intention oder unbeabsichtigte psychologische Ursachen für die Paradoxien annehmen.
5. Schlußbetrachtung: Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die Paradoxien überwiegend bewusst als Stilmittel eingesetzt wurden, um die Distanz zur bürgerlichen Kulturtradition und Gesellschaft auszudrücken.
Schlüsselwörter
Robert Walser, Jakob von Gunten, Paradoxien, Anti-Bildungsroman, Sprachversagen, Mystifikation, Ironie, Literaturkritik, Nullität, Konjunktivismus, Moderne, Autorschaft, Bildungsroman, Literatur um 1900, Erzählhaltung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die paradoxe Darstellungsweise in Robert Walsers Roman "Jakob von Gunten" und analysiert deren Funktion sowie Ursprung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Gattung des Bildungsromans, die Analyse rhetorischer und inhaltlicher Paradoxien, das Verhältnis von Autor und Werk sowie die Literaturtheorie der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, warum Walser den Roman in einer derart widersprüchlichen Form verfasst hat und ob dies eine bewusste Entscheidung war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Sekundärliteratur bekannter Walser-Forscher basiert und den Roman sowie dessen zeitgenössische Rezeption untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der paradoxen Erscheinungsformen (sprachlich und inhaltlich) und eine detaillierte Diskussion verschiedener Erklärungsmodelle aus der Forschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Paradoxie, Anti-Bildungsroman, Ironie, Sprachversagen, Nullität und die bewusste Negation literarischer Konventionen.
Was genau bedeutet der Begriff "Mystifikation" im Kontext des Romans?
Mystifikationen sind laut der Arbeit versteckte Paradoxien, bei denen durch bestimmte Adjektive oder Kontextverschiebungen scheinbar logische Aussagen in sich widersprüchlich werden.
Warum wird Jakob von Gunten als Anti-Bildungsroman bezeichnet?
Weil das Werk die zentralen Maximen des traditionellen Bildungsromans – wie Selbstfindung und Weltkenntnis – nicht nur negiert, sondern systematisch umkehrt und in ihr Gegenteil verkehrt.
- Quote paper
- Carsten Becker (Author), 1997, Paradoxien in Robert Walsers "Jakob von Gunten", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20135