Freud, Foucault und Jung: Von Totem und Tabu zur Regierung des Selbst


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Totem und Tabu - das Freudsche Subjekt
1.1 Das Totem
1.2 Exogamie und Inzestverbot
1.3 Ödipus - Hypothese
1.4 Das Tabu
1.5 Das Freudsche Subjekt
1.5.1 Das Ich und die (Un)bewusstsein
1.5.2 Das Es
1.5.3 Das Über-Ich (Ichideal)
Fazit zu 1

2. Das frühere Foucaultsche Subjekt

3. Konstituierung des Wahren Subjekts (oder: des Selbst) beim späteren Foucault
3.1 Entwicklung der Hermeneutik des Selbst
3.1.1 Hellenistische Form-Parrhesia, Physiologia und Paideia
3.1.1.1 Parrhesia als Ethik des Selbst
3.1.2 Das christliche (asketische) Modell
3.1.3 Das Platonische Modell
Fazit zu

4. Das Jungsche Subjekt
4.1 Individuation als Prozess des Selbst
4.2 Das Selbst

Fazit

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Der französische Philosoph, Psychologe und Historiker Michel Foucault gehört zu den meist diskutierten Denkern der Neuzeit. Seine Machttheorien fanden in seinen Werken viele Wendungen, die auch polarisieren: Die Ideale der Aufklärung wie Freiheit, Gleichheit oder Mündigkeit betrachtet Foucault als ein raffiniertes Täuschungsmanöver einer Macht, die sich als ein allumfassendes Netz aus Machtverhältnissen in jeder Form der Sozialität bildet. Dabei entsteht eine „Mikrophysik der Macht“, die dem physikalischen Kapillargesetz ähnlich nicht nur von oben nach unten, sondern auch umgekehrt wirkt. Diese Macht nun äußert sich nach Foucault nicht nur als Repression - sie wirkt auch produktiv. Ein Subjekt, das die Handlungsmacht hat, fehlt aber in diesen Theorien.

Ein zweiter Denker, der auch bis heute stark polarisiert und diskutiert wird, ist Sigmund Freud. Mit der Entdeckung, dass die Ursachen für ein unglückliches und unerfülltes Leben die Verdrängung von traumatischen Erlebnissen und die Unterdrückung von triebhaften Impulsen aus unserem Unbewussten sind, revolutionierte Freud den Blick auf den Mensch, seine Erkenntnis und die sozialen Strukturen. Oberflächlich gesehen scheint es so, dass sich Freud und Foucault mit ihren Erkenntnissen diametral entgegengesetzt befinden. Aber erst der spätere Foucault findet die Grundsätze Freudscher Lehre als ein Teil der Sorge um sich selbst in den philosophischen Schriften der Antike. Diese Abwandlung des Standpunktes Foucaults, von außen nach innen, von den Erkenntnissen, dass nur die äußere Form der Mächte ein Individuum formen, zu der Anerkennung, dass der Mensch auch innerlich zu den Änderungen bemächtigt ist, bedeutet sicherlich nicht die Absage an seine früheren Ideen. Beide Denker zusammen ergeben ein Gemenge, das ich in dieser Arbeit strukturiert skizzieren möchte.

Freud und Foucault folgend kommt man einem dritten Denker näher, der augenscheinlich keine Gemeinsamkeiten mit beiden haben sollte: C. G. Jung. Nach der Veröffentlichung von Freuds Buch „Totem und Tabu“ haben sich die Wege von Freud und Jung getrennt. Freud blieb seiner Urvater-Mord-Hypothese und Ödipus- Legende treu, Jung stellte das kollektive Unbewusste und den Archetypus in das Zentrum seiner Betrachtungen. So werde ich neben der Darstellung der Hermeneutik des späteren Foucaultschen Subjekts und des Freudschen Subjekts in dieser Arbeit auch folgende Hypothese analysieren: War Foucault, wenn doch nicht von Freud beeinflusst, am Ende dann ein „Jungianer“? Gibt es zwischen den genannten drei Denkern, trotz eindeutigen Fehlens der Beziehung Foucaults auf Jung und Freud, doch gewissen Parallelen? Das Selbst erscheint in Foucaults späteren Werken in jedem Fall nicht scharf abgegrenzt von dem Subjekt, wie das bei Jung der Fall ist. Auch ist das Freudsche Ich bei der näheren Betrachtung dem früheren Foucaultschen Subjekt näher, und das spätere Foucaultsche Subjekt (besser gesagt, eines von möglichen handelnden Subjekten) ähnelt dem Jungschen Selbst. Dafür werde ich Jungsche Theorien des Selbst in dieser Arbeit darstellen, und in der Zusammenfassung ein Vergleich zwischen diesen drei Subjektformen skizzieren.

1. TOTEM UND TABU - DAS FREUDSCHE SUBJEKT

Freuds Beschäftigung mit Einflüssen von subjektiven und objektiven Einwirkungen auf den Einzelnen brachte ihn zur Entwicklung der psychoanalytischen Theorie, die das seelische Leben der Menschen einheitlich interpretieren möchte. Ein Meilenstein auf dem Weg der Etablierung von Freuds Kulturtheorie und Psychoanalyse als Wissenschaft war die Schrift „Totem und Tabu - einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“, die zuerst 1912 erschien. In dem Buch stellte Freud fest, dass jede denkbare Stufe der Kultur per se ein soziales Regelsystem beinhaltet, das auf dem Triebverzicht beruht. Dieses Regelsystem ist in allen Sozialitäten geringfügig variabel vorhanden und grundsätzlich institutionalisiert durch das Totem und das Tabu. Die Religion und kulturell bedingte, aber überall vorhandene Sexualmoral sind Produkte des Totemismus und gleichzeitigen Tabuisierung von gefühlsbetonten Beziehungen innerhalb einer Sippe. Diese Beziehungen sind im Grunde geregelt durch das Inzestverbot und Exogamie.

Totem und Tabu haben, neben ihrer normativen Rolle in der Gesellschaft, auch die drei größten Weltanschauungen hervorgebracht: Die animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche Weltanschauung1.

1.1 DAS TOTEM

Von J. G. Frazer (an dessen Beschreibungen sich Freud weitestgehend orientiert) untersuchte australische Naturvölker weisen in ihrer Struktur Clans und Sippen auf, die je für sich ein unterschiedliches Totem verehren, das entweder von mütterlicher oder väterlicher Linie vererbt ist. In der Regel ist das Totem ein Tier, eine Pflanze, etwas Essbares oder eine Naturkraft, immer als Urvater verehrt und gefürchtet. Die an das eigene Totem orientierten Mitglieder weisen ihrem Stammesvater heilende, schützende, bestrafende oder orakelähnliche Fähigkeiten zu - das Totem selbst darf unter keinen freien Umständen vernichtet/getötet oder gegessen/genossen werden, da dafür bestimmte Zeremonien vorgesehen sind. Die Überschreitung dieses Verbots ist zum Tode selbstverpflichtend. Die Zugehörigen eines Totems sind auch nicht ortsverbunden und leben oft mit Anhängern von anderen Totems zusammen2. So fungiert Totemismus nach Freud als Ursprung der Religion und als Hauptsäule gesellschaftlicher Institutionalisierung. Über Totem wird in analoger Weise auch die Sexualität reguliert.

1.2 EXOGAMIE UND INZESTVERBOT

Mit dem Totem ist die Exogamie eng verbunden. Eine flüchtige Liebschaft oder gar Heirat innerhalb der Sippe die zum gleichen Totem gehört, wird von der ganzen Sippe aufs strengste geahndet. Totemismus produziert eine Art Kollektivehe. Die in dem Zusammenhang geltende Totemexogamie zwischen den Mitgliedern gleichen Totems erscheint Freud als das angemessene Mittel zur Verhütung des Inzests: die Totemschranke erzeugt nämlich ein kompliziertes Heiratssystem, das durch Phatrien (Heiratsklassen) reguliert wird. Die meisten Phatrien basieren auf zwei Teilen, die wiederum insgesamt vier Unterklassen produzieren, und so weiter. Alle Abteilungen des Systems sind exogam: so ist es in Melanesien z. B. nicht möglich, dass ein anwachsender Sohn eine affektive Beziehung zu der Mutter oder der Schwester pflegt-wenn sich zwei Jugendliche zufällig alleine begegnen, flüchtet das Mädchen dem Jungen aus dem Weg, wobei er sie dabei ignorieren solle3.

Wenn der Vater in einem australischen Stamm dem Totem Känguru, und seine Frau dem Totem Emu gehört, dann gehören alle Kinder aus der Ehe dem Totem Emu. So ist zwar dann dem Vater theoretisch der Inzest mit den Töchtern erlaubt, aber dem Sohn kein Inzest mit der Mutter und den Schwestern. Wäre die Totemvererbung von väterlicher Seite geltend, dann wären alle Kinder Känguru, und der Sohn hätte sexuellen Zugang zu der Mutter, der Vater aber kein Zugang zu den Töchtern. Freud merkt: Ein solches System übertrifft bei weitem nur die Inzestregelung. Einem Känguru-Mann ist es unmöglich, an alle Frauen seines Totems ranzukommen, auch wenn sie sich nicht in einer direkten Blutsverwandschaft befinden. Totemvererbung seitens der Mutter ist historisch betrachtet älter, und so übt sie primär die Beschränkung auf inzestuöse Gelüste des Sohnes4.

1.3 ÖDIPUS-HYPOTHESE

Angelehnt an Darwin skizziert Freud ein Bild des sozialen Urzustandes, die dem Inzestverbot keine wissenschaftliche Grundlage erlaubt (wie die Vermeidung von genetischen Schäden die Inzucht mit sich bringt, oder Hygiene z.B.) - vielmehr sehen Darwin und Freud in den Lebensgewohnheiten höherer Affen, die ähnlich wie die Urmenschen in kleineren Horden leben, ein ausgeprägtes Eifersuchtsverhalten beim Alpha-Männchen. Diese Eifersucht reguliert sexuelle Promiskuität in der Horde, und jüngere Männchen werden deswegen bei Zeiten als Nebenbuhler aus der Sozialität ausgestoßen - oder sie begehen den Vatermord in dem Alpha-Kampf. Kein Sex innerhalb der Horde gilt fortan als Imperativ für ausgestoßene Männchen die eine neue Horde gründen sollen, und die Regelung, durch eigenes Eifersuchtsverhalten die eigene Horde zu kontrollieren, setzt sich weiter5. Dieser Urzustand ist natürlich nicht dokumentiert, was aber Freud findet, sind einfachste Männerverbände in animistischen Sozialitäten, dessen Mitglieder unter sich gleichberechtigt sind und den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen6 - aufgrund der Regelung von Eifersucht und der Urschuld am Vaterstod, die die Grundlage der Freudschen Ödipus-Hypothese bilden. Die Ambivalenz, die der Vaterkomplex anregt, setzt sich in dem Totemismus und der Religion weiter fort und bringt gewisse Riten hervor, um psychische Spannungen der Ambivalenz abzubauen - Reue, Versöhnung, das sind alles Regungen die bei der sog. Totemmahlzeit ihr Ventil finden. Die rituelle Verleibung des Totems erscheint, neben der Auslebung der Reue und des Schuldgefühls, auch als Triumph über den besiegten Vater und die Annahme seiner positiven Eigenschaften7. So ist nach Freud auch in unserer Gesellschaft der Gott immer das Abbild eines erhöhten Vaterbildes und er empfiehlt, „den Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem Ahnherrn genannt haben“8.

1.4 DAS TABU

Nach Wundt sieht Freud das Tabu als den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der Menschheit an. Tabuverbote sind unbekannter Herkunft und entbehren jeder Begründung - sie sind historisch älter als Religionen und Götter9. Mächtige Personen, Tote und alles was mit ihnen zusammenhängt sind permanente Tabus - als vorläufige Tabus entgegen gelten Verbote, die mit Menstruation, dem Kindbett oder mit Kriegs- und Jagdprozeduren verbunden sind. Übertretungen der Tabus werden auf härteste Weise bestraft. Allgemein gesehen kann das Tabu einen heiligen und sakralen, aber auch einen unreinen und gefährlichen Charakter haben. Privilegierte Personen unterliegen den strengsten Tabus - das Tabu wird zum Zwang der Sitte. Wundt nach findet Freud das Tabu als Ausdruck des Glaubens an dämonische Mächte. Das Tabu selbst hat sich aber von einem naiven Glauben losgelöst und ist infolge einer Art psychischer Beharrung die soziale Macht schlechthin geworden. In dieser Beharrung findet Freud Parallelen zu den Zwangskrankheiten in unserer Gesellschaft und nennt sie Tabukrankheiten, weil die Neurose und das Tabu den gleichen Kern haben - die Berührungsangst10. So ist der Grund des Tabus ein verbotenes Tun, zu dem eine starke unbewusste Neigung besteht11. Freud fasst zusammen:

„Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu übertreten, besteht in deren Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das verbotene Gelüste im Unbewussten auf anderes verschiebt. Die Sühne der Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, dass der Befolgung des Tabu ein Verzicht zugrunde liegt“12.

So ist die Projektion von eigenen bösen Regungen der Psyche des Subjekts in Dämonen und Geister nur ein Teil des Systems, das nach Freud die animistische Weltanschauung formt13. Desweiteren ergibt sich die genetisch asoziale Natur der Neurose (als Reaktion auf die Umwelt) auch als Flucht aus einer unbefriedigten Realität in eine Phantasiewelt. In gemiedener Realität herrschen die Gesellschaft und die von ihr geschaffenen Institutionen - die Neurose ist als Abkehr der Realität auch gleichzeitig der Austritt aus der Gemeinschaft14.

Dieses weitestgehend sich selbst nicht bewusste Subjekt ist nicht nur bei den Naturvölkern zu treffen. Das Freudsche Subjekt bildet die Mehrheit der Menschheit, unabhängig von dem Kulturkreis, der Bildung oder der Zeit in der sie lebt. Das totemistisch-religiös geprägte Subjekt ist auch in der modernen Gesellschaft in Überzahl vorhanden, und von den privilegierten Kreisen der Gesellschaft bewusst gewünscht und geformt, mit dem Ziel die eigene Souveränität zu schützen. Welche Struktur erweist nun das durch die Angst, das Unwissen und sexuelle Repression geformte Individuum?

[...]


1 Vgl. Freud, 1924, S: 96

2 Vgl. Ebd, S: 7

3 Vgl. Ebd, S: 13ff.

4 Vgl. Ebd, S: 10, FN 1

5 Vgl. Ebd, S: 152f.

6 Vgl. Ebd, S: 171.

7 Vgl. Ebd, S: 175.

8 Vgl. Ebd, S: 177-178.

9 Vgl. Ebd, S: 26f.

10 Vgl. Ebd, S: 29ff.

11 Vgl. Ebd, S: 36.

12 Ebd, S: 45-46.

13 Vgl. Ebd, S: 81.

14 Vgl. Ebd, S: 92.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Freud, Foucault und Jung: Von Totem und Tabu zur Regierung des Selbst
Hochschule
FernUniversität Hagen
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V201360
ISBN (eBook)
9783656273127
ISBN (Buch)
9783656273547
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freud, Foucault, C.G. Jung, Totem, Tabu, Regierung des Selbst, Das Ich, Das Selbst, Subjekt, Subjekttheorie, Gesellschaft, Philosophie
Arbeit zitieren
Dragan Ahmedovic (Autor), 2012, Freud, Foucault und Jung: Von Totem und Tabu zur Regierung des Selbst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201360

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