EINLEITUNG
Der französische Philosoph, Psychologe und Historiker Michel Foucault gehört zu den meist diskutierten Denkern der Neuzeit. Seine Machttheorien fanden in seinen Werken viele Wendungen, die auch polarisieren: Die Ideale der Aufklärung wie Freiheit, Gleichheit oder Mündigkeit betrachtet Foucault als ein raffiniertes Täuschungsmanöver einer Macht, die sich als ein allumfassendes Netz aus Machtverhältnissen in jeder Form der Sozialität bildet. Dabei entsteht eine „Mikrophysik der Macht“, die dem physikalischen Kapillargesetz ähnlich nicht nur von oben nach unten, sondern auch umgekehrt wirkt. Diese Macht nun äußert sich nach Foucault nicht nur als Repression – sie wirkt auch produktiv. Ein Subjekt, das die Handlungsmacht hat, fehlt aber in diesen Theorien.
Ein zweiter Denker, der auch bis heute stark polarisiert und diskutiert wird, ist Sigmund Freud. Mit der Entdeckung, dass die Ursachen für ein unglückliches und unerfülltes Leben die Verdrängung von traumatischen Erlebnissen und die Unterdrückung von triebhaften Impulsen aus unserem Unbewussten sind, revolutionierte Freud den Blick auf den Mensch, seine Erkenntnis und die sozialen Strukturen. Oberflächlich gesehen scheint es so, dass sich Freud und Foucault mit ihren Erkenntnissen diametral entgegengesetzt befinden. Aber erst der spätere Foucault findet die Grundsätze Freudscher Lehre als ein Teil der Sorge um sich selbst in den philosophischen Schriften der Antike. Diese Abwandlung des Standpunktes Foucaults, von außen nach innen, von den Erkenntnissen, dass nur die äußere Form der Mächte ein Individuum formen, zu der Anerkennung, dass der Mensch auch innerlich zu den Änderungen bemächtigt ist, bedeutet sicherlich nicht die Absage an seine früheren Ideen. Beide Denker zusammen ergeben ein Gemenge, das ich in dieser Arbeit strukturiert skizzieren möchte.
Freud und Foucault folgend kommt man einem dritten Denker näher, der augenscheinlich keine Gemeinsamkeiten mit beiden haben sollte: C. G. Jung. So werde ich neben der Darstellung der Hermeneutik des späteren Foucaultschen Subjekts und des Freudschen Subjekts in dieser Arbeit auch folgende Hypothese analysieren: War Foucault, wenn doch nicht von Freud beeinflusst, am Ende dann ein „Jungianer“? Gibt es zwischen den genannten drei Denkern, trotz eindeutigen Fehlens der Beziehung Foucaults auf Jung und Freud, doch gewissen Parallelen?
Inhaltsverzeichnis
1. Totem und Tabu – das Freudsche Subjekt
1.1 Das Totem
1.2 Exogamie und Inzestverbot
1.3 Ödipus – Hypothese
1.4 Das Tabu
1.5 Das Freudsche Subjekt
1.5.1 Das Ich und die (Un)bewusstsein
1.5.2 Das Es
1.5.3 Das Über-Ich (Ichideal)
Fazit zu 1
2. Das frühere Foucaultsche Subjekt
3. Konstituierung des Wahren Subjekts (oder: des Selbst) beim späteren Foucault
3.1 Entwicklung der Hermeneutik des Selbst
3.1.1 Hellenistische Form – Parrhesia, Physiologia und Paideia
3.1.1.1 Parrhesia als Ethik des Selbst
3.1.2 Das christliche (asketische) Modell
3.1.3 Das Platonische Modell
Fazit zu 3
4. Das Jungsche Subjekt
4.1 Individuation als Prozess des Selbst
4.2 Das Selbst
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht und vergleicht die Subjektkonzeptionen von Sigmund Freud, Michel Foucault und C. G. Jung, um Parallelen und Unterschiede in deren Theorien zur Menschwerdung und zur Sorge um das Selbst herauszuarbeiten.
- Analyse des Freudschen Subjekts im Kontext von Totemismus und Tabu.
- Untersuchung der Entwicklung vom frühen zum späten Foucaultschen Subjekt.
- Darstellung der Hermeneutik des Selbst und antiker Technologien der Sorge um sich.
- Betrachtung der Jungschen Individuation als Prozess der Persönlichkeitsentwicklung.
Auszug aus dem Buch
1.4 DAS TABU
Nach Wundt sieht Freud das Tabu als den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der Menschheit an. Tabuverbote sind unbekannter Herkunft und entbehren jeder Begründung - sie sind historisch älter als Religionen und Götter9. Mächtige Personen, Tote und alles was mit ihnen zusammenhängt sind permanente Tabus - als vorläufige Tabus entgegen gelten Verbote, die mit Menstruation, dem Kindbett oder mit Kriegs- und Jagdprozeduren verbunden sind. Übertretungen der Tabus werden auf härteste Weise bestraft. Allgemein gesehen kann das Tabu einen heiligen und sakralen, aber auch einen unreinen und gefährlichen Charakter haben. Privilegierte Personen unterliegen den strengsten Tabus – das Tabu wird zum Zwang der Sitte. Wundt nach findet Freud das Tabu als Ausdruck des Glaubens an dämonische Mächte. Das Tabu selbst hat sich aber von einem naiven Glauben losgelöst und ist infolge einer Art psychischer Beharrung die soziale Macht schlechthin geworden. In dieser Beharrung findet Freud Parallelen zu den Zwangskrankheiten in unserer Gesellschaft und nennt sie Tabukrankheiten, weil die Neurose und das Tabu den gleichen Kern haben – die Berührungsangst10. So ist der Grund des Tabus ein verbotenes Tun, zu dem eine starke unbewusste Neigung besteht11.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Totem und Tabu – das Freudsche Subjekt: Untersuchung der psychoanalytischen Kulturtheorie Freuds und der Rolle sozialer Regelsysteme durch Totem und Tabu.
2. Das frühere Foucaultsche Subjekt: Analyse der frühen Machttheorien Foucaults, in denen das Subjekt primär als durch Machtwirkungen konstruiertes Produkt erscheint.
3. Konstituierung des Wahren Subjekts (oder: des Selbst) beim späteren Foucault: Erörterung der späteren Wende Foucaults hin zur Sorge um sich selbst und antiken Technologien zur Subjektbildung.
4. Das Jungsche Subjekt: Darstellung der Individuation als lebenslangen Prozess der Persönlichkeitswerdung und des Selbst als archetypisches Symbol.
Schlüsselwörter
Subjekt, Totem und Tabu, Freud, Foucault, Jung, Sorge um sich selbst, Parrhesia, Hermeneutik, Individuation, Macht, Psychoanalyse, Selbst, Unbewusstes, Anthropologie, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die unterschiedlichen Ansätze von Freud, Foucault und Jung zur Konstitution und Entwicklung des menschlichen Subjekts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die psychoanalytische Theorie Freuds, die Machtphilosophie und die spätere Sorge-um-sich-Thematik Foucaults sowie Jungs Psychologie der Individuation.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, trotz theoretischer Differenzen Parallelen und Unterschiede zwischen den drei Denkern bei der Analyse der menschlichen psychischen Entwicklungsfähigkeit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse zentraler philosophischer und psychologischer Werke der genannten Autoren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der totemistischen Prägung des Subjekts bei Freud, der technologischen Subjektkonstitution bei Foucault und dem Individuationsmodell bei Jung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Subjektivität, Macht, Sorge um sich, Psychoanalyse, Individuation und der Vergleich zwischen antiken und modernen Denkweisen.
Wie unterscheidet Foucault das hellenistische vom christlichen Modell der Sorge?
Foucault sieht im hellenistischen Modell eine aktive Sorge um sich selbst zur Wahrheitsfindung, während das christliche Modell eine Selbstentsagung und Unterwerfung unter universelle Gesetze fordert.
Was bedeutet Jungs Begriff der Individuation in diesem Kontext?
Individuation beschreibt den notwendigen Prozess der Differenzierung eines Individuums von kollektiven Normen, um zu einer authentischen, psychisch gesunden Persönlichkeit zu gelangen.
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- Dragan Ahmedovic (Author), 2012, Freud, Foucault und Jung: Von Totem und Tabu zur Regierung des Selbst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201360