Wer hat Angst vorm Sechs-Millionen-Dollar-Mann?

Über die mögliche Technisierung des menschlichen Körpers im Kontext der Leibesphänomenologie von Hermann Schmitz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

37 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der beseelte Leib. Schmitz’ Position
2.1 Ontologie
2.1.1 Objektive und subjektive Sachverhalte
2.1.2 Situationen
2.1.2.1 Die persönliche Situation und die persönliche Welt
2.1.3 Allgemeine Gegenstände
2.2 Der Leib
2.2.1 Engung und Weitung
2.2.2 Der Richtungsraum
2.2.3 Einleibung
2.3 Der Übergang zur Körperlichkeit

3 Der Körper als Baustelle
3.1 Analogien zwischen Leib und Körper
3.2 Die Technik und der Körper
3.3 Möglichkeit und Grenzen von Neuroprothesen
3.4 Die Verortung des Leibs im wissenschaftlichen Kontext

4 Der Leib-Körper-Holismus
4.1 Der Radikale Konstruktivismus als Paradigma zur Neubewertung der Objektivität
4.1.1 Konsequenzen aus dem Radikalen Konstruktivismus

5 Ausblick: Holistische Veränderung

Quellenangaben

Steve Austin: a man barely alive. Gentlemen, we can rebuild him. We have the technology.

We have the capability to build the world's first bionic man. Steve Austin will be that man. We can make him better than he was before. Better. Stronger. Faster.

- Off-Stimme des Intros der Serie The Six Million Dollar Man

Der Sechs ­ Millionen ­ Dollar ­ Mann (The Six Million Dollar Man) ist eine US-amerikanische Serie aus den 70er Jahren. Sie handelt von dem Testpiloten Steve Austin, der bei einem Flugzeugabsturz beide Beine, einen Arm sowie ein Auge verliert. Im Zuge einer sechs Millionen Dollar teuren Operation werden ihm die fehlenden Körperteile durch bionische Prothesen ersetzt. Da diese künstlichen Teile leistungsstärker sind als die natürlichen, gilt er als verbesserter Mensch, der aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten fortan als Agent zur Lösung spezieller Fälle agiert, für die ein normaler Mensch nicht ausreicht.

Rund 40 Jahre wissenschaftliche Entwicklung später hat sich diese Science-Fiction- Spielerei zur bevorstehenden Realität gewandelt. Die Frage lautet nun: Sollten wir davor Angst haben?

1 Einleitung

Der Mensch steckt in den Kinderschuhen zum nächsten Schritt seiner Selbstermächtigung. Nun nicht länger nur in aufklärerischer, sondern auch in biologischer Hinsicht hat sich seine Selbstreflexion einen Weg vor ihre eigenen Ursprünge gebahnt. Mit jedem Verstehen geht die Möglichkeit eines Eingreifens, einer Veränderung des Verstandenen einher. Je umfassender die Naturwissenschaften den Menschen in seiner objektiv-materiellen, d. i. seiner biologischen Gestalt und Funktionsweise verstehen, desto mehr erweitert sich das Anwendungsgebiet, auf dem der Mensch in biologischer Hinsicht nachgeahmt, erweitert oder gar verbessert werden kann. Ein derartiger Prozess scheint unaufhaltsam.

Doch ist ein solches Verstehen wirklich ein Verstehen des Wesens des Menschen? Wird hierbei nicht ein notwendiges Element, eine Dimension vergessen, sodass im Zuge einer drastischen Veränderung des Menschen auf rein biologischer Ebene sein eigentliches Wesen verloren ginge? Das intuitive Bedenken dieses Problems bejaht derartige Zweifel. Einige Befragte werden einwenden, dass die Wissenschaften die „Seele“ nicht berücksichtigen - ein irgendwie geartetes Etwas, das sie nicht eindeutig beschreiben, aber mit Sicherheit fühlen können und ihr eigen nennen - um dessen Existenz sie bei einem Eingriff in ihre biologische Konstitution (insbesondere im Bereich des Gehirns) fürchten.

Das vortheoretische Erfassen dieses „Etwas“ entspringt keiner illusorischen Verwirrung oder sprachlich basierten Gewöhnung, sondern einer allgegenwärtig und immerzu uns durchdringenden und darin uns ausmachenden Ebene unseres Daseins, welche im naturwissenschaftlichen Diskurs weitestgehend unbeachtet oder zumindest falsch verortet wird: dem Leib. Die Explikation des Leibphänomens bzw. der Leiblichkeit leistet die Neue Phänomenologie Hermann Schmitz’.

Ziel meiner Arbeit ist es, die Leibesphänomenologie Schmitz’ wiederzugeben und ihr Verhältnis zur wissenschaftlichen Methode sowie deren Anwendung auf den menschlichen Körper (in Form der Neuroprothetik) darzustellen, um schließlich zu zeigen, dass diese Synthese ein hinreichend holistisches Theoriefundament liefert, um die Technisierung des Menschen in Bahnen zu leiten, die seinem Wesen angemessen bleiben - sodass der Mensch die Angst vor dem Sechs-Millionen-Dollar-Mann (und dessen erweiterten Versionen) verliert. Die Entfaltung dieser Untersuchung wird sich anhand folgender Fragen vollziehen:

1. Welche sind die ontologischen Grundelemente der Neuen Phänomenologie? Ausgehend von Schmitz’ Der unersch ö pfliche Gegenstand (DuG1 ), werde ich in diesem Abschnitt den Unterschied zwischen subjektiven und objektiven Sachverhalten und darüber hinaus die Begriffe Situation, pers ö nliche Situation und pers ö nliche Welt und allgemeine Gegenst ä nde erläutern.

2. In welcher Weise vollzieht sich die Dimension des Subjektiven, und inwiefern stellt sie eine Voraussetzung für das Objektive dar? Vom selben Werk ausgehend, werde ich das Phänomen der Leiblichkeit erläutern und beschreiben, wie daraus dasjenige des Körpers abgeleitet wird.

3. Inwiefern ist der menschliche Körper aus wissenschaftlicher Sicht ersetz- und veränderbar? Hierzu werde ich neuste Erfindungen und Ausblicke aus dem Bereich der Neuroprothetik sowie Überlegungen anführen, in welcher Weise diese sich auf die menschliche Identität sowie sein Miteinander auswirken.

4. Wie sind Leibesphänomenologie und Neuroprothetik miteinander zu vereinen? In diesem abschließenden Diskussionsteil werde ich anhand der Theorie des Radikalen Konstruktivismus zeigen, wie die objektiv-wissenschaftliche Sichtweise im Kontext der Leibesphänomenologie zu verorten ist und aus dieser Synthese Schlüsse für einen Ausblick auf die zukünftige Gestaltung des Menschen ziehen.

2 Der beseelte Leib. Schmitz’ Position

Das Leib-Seele-Problem, welches im Zuge des Fortschritts der Neurobiologie zum Geist- Gehirn-Problem umbenannt wurde, ist eines der ältesten, da niemals zufriedenstellend gelösten Dilemmata der Philosophiegeschichte. Hermann Schmitz zufolge ist ein solches falsch gestelltes Problem überhaupt erst auf dem Fundament einer philosophischen Weichenstellung möglich, die von Demokrit und Platon ins Leben gerufen wurde und bis heute das vorherrschende (wissenschaftliche) Weltbild ausmacht: der Sensualistischen Reduktion. Sie besteht aus dem Denkereignis, die ganzheitlichen, chaotisch-mannigfaltigen, vielsagenden Eindrücke, die unsere Wahrnehmung ausmachen, zu zerschlagen in Dinge und die Seele. Die Dinge werden hierbei reduziert auf das, was wir mithilfe unserer Sinne von ihnen wahrnehmen können, d. h. auf ihre objektiven Merkmale. Daraus resultiert die Möglichkeit einer Begriffsbildung von abstrahiert-reduzierten Merkmalen, die intermomentan und intersubjektiv reproduzier- und manipulierbar sind. Die Seele fungiert hingegen als „Abfallsack“ für den Rest, den wir zwar irgendwie vernehmen, aber nicht an den Dingen wahrnehmen können: die Gefühle. Dinge und Seele beschreiben nun zwei Sphären (von Descartes als res extensa und res cogitans kategorisiert), deren Momente sich parallel vollziehen; unsere Gefühle sind demnach uns innerliche Begleiterscheinungen unserer Wahrnehmung von den materiellen Dingen. Eine vom wissenschaftlichen Standpunkt ausgehende Verbindung zwischen dem Materiellen (Dinge) und dem Immateriellen (Seele) gelingt jedoch nicht.

Um diese Verlegenheit zu beseitigen, braucht es eine grundlegend andere, holistische Sichtweise, innerhalb derer der Leib-Seele-Dualismus aufgehoben wird. Einen solchen Versuch stellt die Leibesphänomenologie Schmitz’ dar, welche ich im Folgenden bezüglich der für diese Arbeit relevanten Züge wiedergeben werde.

2.1 Ontologie

Ontologie als Lehre vom Sein wird gerne als unnütz abgestempelt, doch ist sie in der Weise nicht so hermetisch wie oft angenommen, dass sie die vordisziplinären Urmomente eines Phänomens bestimmt, aus denen man ableiten kann, welche Disziplinen herangezogen werden müssen, um ein Phänomen ganzheitlich zu bestimmen. Sie liefert somit eine weichenstellende Grundorientierung. Insbesondere in Bezug auf das Phänomen Mensch (und noch einmal mehr, wenn es um dessen mögliche Veränderung geht) ist eine solche Vorgehensweise vonnöten.

2.1.1 Subjektive und objektive Sachverhalte

Sachverhalte sind Abhebungen von der Wirklichkeit, d. h. vereinzelt-umgrenzte, aus der Ganzheit unseres Daseins explizierte Korrelate von Momenten. Sie stellen sozusagen die grundlegende Einteilung des großen Ganzen des In-der-Welt-seins2 dar und bilden somit die Grundlage für Aussagen (über sie), wobei sie in ihrer Grundform von der Sprache unabhängig sind.

Objektive Sachverhalte sind solche der Sensualistischen Reduktion. Sie sind Korrelate aus Objekten, die (neutralisert-abgeschwächt) auf ihre sinnlich wahrnehmbaren Merkmale reduziert und somit verlustfrei sprachlich mitteilbar sind. Darin bilden sie das Grundelement der wissenschaftlichen Methode.

Subjektive Sachverhalte hingegen stellen eine gesteigerte Tatsächlichkeit (d. h. einen begrenzten und damit evidenten Befall durch die Wirklichkeit) dar. Sie sind diejenigen Sachverhalte, die uns auf besonders intensive, persönliche Weise angehen. Man kann sie als spürbar tiefgehend oder auch als beseelt bezeichnen. Ihre besondere Auszeichnung besteht darin, dass sie nicht verlustfrei mitteilbar sind - sich als Subjekt verstehend, ist man sozusagen mit ihnen allein gelassen, oder vice versa: Sie sind diejenigen Sachverhalte, die notwendig für die Subjektbildung sind, da man anhand ihrer erst erfährt, dass es eine Weise des In-der-Welt-seins gibt, die man nicht mitteilend an andere abgeben kann, ohne sie in ihrem eigentlichen Wesen aufzulösen. Ein Beispiel hierfür ist der (in der Philosophie oft thematisierte) Sachverhalt, dass man Zahnschmerzen hat. Diese Schmerzen sind auf das eigene Erleben beschränkt. Mit der mitteilenden Aussage „Ich habe Schmerzen“ übermittelt man dem Empfänger nicht die Schmerzen selbst. Dieser kann die Aussage insofern nur verstehen, indem er sie mit seiner eigenen Erfahrung, einmal Zahnschmerzen gehabt zu haben (oder sie auch gerade selbst zu haben), abgleicht. Der Sachverhalt, der sich dem Empfänger darstellt, ist demnach nur die objektivierte Version des ursprünglich subjektiven Sachverhalts.3

Subjektive Sachverhalte sind keiner wissenschaftlichen Erforschung zugänglich; deshalb bleiben sie als solche im wissenschaftlichen Diskurs unbeachtet.4 Dennoch ist es möglich, die Weise ihres Auftretens, ihr Zusammenspiel sowie ihren Spielraum und Ermöglichungsgrund zu beschreiben. Einen Versuch hierzu liefert die Leibesphänomenologie (s. u. 2.2).

2.1.2 Situationen

Der Begriff Situation betitelt abstrakt gesprochen das Konzept eines chaotisch-mannigfaltigen Ganzen, das als Quelle und Rahmen für die Explikation von Sachverhalten dient; im weitestgehenden Sinn könnte man auch von einem Kontext sprechen. Somit kann man einerseits von einer Situation im herkömmlichen Sinn sprechen: dem (gegenwärtigen) Moment (als einer Ausprägung des In-der-Welt-seins) mitsamt all seiner dinglichen, emotionalen, gedanklichen und zeitlichen Elemente, die zwar in ihrer Gesamtheit vielsagend, aber noch nicht eindeutig expliziert sind (denn die Explikation erfolgt erst in Form von Sachverhalten5 ). Andererseits ist z. B. auch (eine) Sprache eine Situation, da sie zwar als Ganzes ins jeweilige Sprechen hineinwirkt (was sich graduell mit der Sprachgewandtheit des Sprechers ändert), dabei jedoch nie in all ihren Facetten explizit zutage tritt.6

2.1.2.1 Die persönliche Situation und die persönliche Welt

Die pers ö nliche Situation ist in diesem Sinne ein anderes Wort für Persönlichkeit (jenseits des psychologischen Kontextes). Sie ist ein chaotisch-mannigfaltiges Ganzes aus potenziell explizierbaren Sachverhalten, Verhaltens- und Denkprogrammen und Problemen, die andauernd wiederkehren und/oder sich in mehr oder weniger kontinuierlicher Entwicklung befinden. In ihrem Zusammenspiel bzw. ihrer staffellaufartigen Abfolge machen sie das aus, was man die eigene Person (in ihrer Welt) nennt. Dabei beschränkt sich die persönliche Situation nicht auf Subjektives - denn nicht alle subjektiv empfundenen Tatsachen müssen Teil der eigenen Identität sein, während auch nicht alle einem (durch andere) zugeschriebenen Eigenschaften subjektiv als solche wahrgenommen werden. Diese letzte Bemerkung weist darauf hin, dass die persönliche Situation in ihrer Ausprägung und ihrem Bestehen von der Einbettung in andere Situationen abhängt, ob nun sozialer, kultureller, sprachlicher oder klimatischer Art. Oder: Wir sind, mit wem und worin wir sind.

Die pers ö nliche Welt einer Person hingegen umfasst alle Sachverhalte, die diese Person kennt. Die pers ö nliche Eigenwelt hingegen beschreibt alle subjektiven Sachverhalte für eine Person, die pers ö nliche Fremdwelt alle objektiven. Dabei ist die Grenze zwischen diesen beiden Sub-Welten flexibel, da zuvor objektiv-fremde Sachverhalte eine Person in einer neuen Situation subjektiv betreffen können, ebenso wie subjektive Sachverhalte durch Abstraktion objektiv werden können. Beide Bereiche sind jedoch notwendig zur Personbildung, da es einer entfremdeten Au ß enseite (in Form von objektiven Tatsachen, die die subjektiven umgrenzen) bedarf, damit man sprichwörtlich auch weiß, was nicht zu einem gehört. Da die persönliche Situation subjektive und objektive Sachverhalte beinhalten kann, ist leicht herauszufinden, wie sich die Grenzverschiebung der zwei Sub-Welten vollzieht.7

Grundsätzlich ist noch zu bemerken, dass das Leben eines Menschen in einer reinen Eigenwelt beginnt, aus der sich im Zuge persönlicher Emanzipation die Fremdwelt herausschält. Demnach bildet Subjektivität die Voraussetzung für Objektivität. Welche besondere Rolle Objektivität in Bezug auf Kreativität spielt, werde ich an anderer Stelle erläutern (s. u. 4.1.1).

2.1.3 Allgemeine Gegenstände

„Allgemeine Gegenstände sind Gattungen und Arten. Wir benötigen sie zu so trivialen und unentbehrlichen Tätigkeiten wie dem Zählen. Wenn jemand nur aufgefordert wird, zu sagen, wie viel Sachen - im Sinne von irgend etwas - im Zimmer sind, weiß er nicht, was er zählen soll. Erst wenn ihm eine Gattung (Mensch, Stuhl, usw.) vorgegeben wird, hat er eine Aufgabe.“ (DuG, S. 80)

Hieraus wird klar, dass allgemeine Gegenstände eine notwendige Bedingung zur Ausbildung einer wissenschaftlichen Sichtweise sind, indem sie (auf dem Fundament der Sensualistischen Reduktion sowie der (Aristotelischen) Metaphysik) eine Mathematisierung der Welt und somit Berechnung ermöglichen, welche die Voraussetzung für ein wissenschaftliches Experimentieren schafft. Schmitz betont, dass allgemeine Gegenstände (in Form von Arten, Halbarten und Gattungen8 ) nicht erst induktiv aus einzelnen Dingen ermittelt werden, sondern mit diesen phänomenologisch gleichursprünglich sind, dass sie eine (apriorische) Auslegungstendenz darstellen. Dies wird vor allem daran deutlich, dass wir viele Dinge zunächst in Hinsicht auf ihre allgemeinen Merkmale wahrnehmen: Farben, eine in verschiedenen Stücken wiederkehrende Melodie, das Wetter, jeden Tag den Bus nehmen etc.

Für diese Arbeit ist diesbezüglich folgender Gedankengang wichtig: Auch wenn allgemeine Gegenstände vorzüglich zur Bildung objektiver, wissenschaftlicher Tatsachen dienen, geben sie auch die Möglichkeit, wissenschaftliche Tatsachen als solche zu charakterisieren. Dadurch können wir sie aus subjektiver Sicht innerhalb unserer lebensweltlichen Situation, unserem In-der-Welt-sein, verorten. Dazu bedarf es jedoch einer theoretischen Einbettung, auf deren Versuch ich später eingehen werde (s. u. 4.1).

2.2 Der Leib

„[D]er Leib ist keine abgesonderte Provinz, sondern der universale Resonanzboden, wo alles Betroffensein des Menschen seinen Sitz hat und in die Initiative eigenen Verhaltens umgeformt wird; nur im Verhältnis zu seiner Leiblichkeit bestimmt sich der Mensch als Person.“ (DuG, S. 116)

Der Leib stellt das zentrale Element der Philosophie Schmitz’ dar. Ausgehend von den subjektiven Sachverhalten, kann man sagen, dass sein Begriff die Quelle, das Zentrum sowie die Seinsweise der Subjektivität beschreibt. Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Gegenstand K ö rper (den man, auf seine biologisch-physikalischen Merkmale reduziert, exakt analysieren und berechnen kann) ergibt sich seine Definition aus einer phänomenologischen Perspektive heraus: Er ist der Bereich des Raums, in dem das Spüren stattfindet.

Dieses Spüren ist zwar räumlich, jedoch flächen- und grenzenlos. Es ist rein voluminös und darin pr ä dimensional, d. h. nicht im euklidischen Raum durch Koordinaten verortbar. Es ist nicht unartikuliert (da eindeutig wahrnehmbar), jedoch auf eine eigentümliche Weise geformt, nämlich unteilbar und bezüglich seiner Ränder verschwimmend und wechselnd. Da es nicht durch Abstandsmessungen festgehalten werden kann, geht es stets von absoluten Orten aus. Zumeist treten mehrere absolute Orte des Spürens im Bereich des eigenen Leibs gleichzeitig (und sich teilweise überlagernd) auf. Daher spricht Schmitz hierbei von Leibesinseln. Beispiel: Man stellt sich durchgefroren unter die warme Dusche. Dabei kratzt man noch am juckenden Mückenstich am Arm (eine Leibesinsel), spürt noch einen leichten Kopfschmerz in der Schläfe (eine weitere); insgesamt ist der Kopf vom Duschstrahl bereits wohlig warm, während die Füße noch kribbelnd auftauen, bis endlich ein befreiend-weitendes Wonnegefühl von der Brust ausgehend durch den ganzen Körper strömt, und man (diese Weitung ausdehnend) gelöst ausatmet.

Ein solches Duscherlebnis kann als subjektiver Sachverhalt bezeichnet werden, da es sich dabei um ein Korrelat von Elementen handelt, die eine besondere Tiefe, Intensität bzw. Beseeltheit zum Merkmal haben, die auf den eigenen Leib beschränkt und als solche nicht kommunizierbar sind. Das eigenleibliche Spüren, die leiblichen Regungen sind somit das Merkmal, das Sachverhalte tief, intensiv bzw. beseelt und somit subjektiv macht. Subjektivität wird einem Sachverhalt durch affektives Betroffensein verliehen, d. h. dass ein leibliches Spüren mit dem Wahrgenommenen einhergeht.

Dieser Zusammenhang wird sich in der folgenden Explikation der Leiblichkeit noch deutlicher herausstellen.

2.2.1 Engung und Weitung

Leibliche Regungen können sich sowohl teilheitlich (auf einzelne Leibesinseln beschränkt) als auch ganzheitlich („wie man sich fühlt“) vollziehen.

[...]


1 Bei allen Zitaten aus „Hermann Schmitz: Der unersch ö pfliche Gegenstand, Bonn 1990“ verwende ich im Folgenden die Abkürzung DuG.

2 Um den unverblümten Gebrauch dieses Heideggerischen Begriffs zu rechtfertigen, möchte ich darauf hinweisen, dass ich (ohne dies weiter auszuführen) an allen Ecken und Enden der Schmitz’schen Philosophie (positiver Weise) Gedanken Heideggers herauslese. In Bezug auf den Begriff des „In-der-Welt-seins“ gibt Schmitz jedoch offen Auskunft, indem er sagt, dass seine Aufdeckung der Strukturen der Leiblichkeit sowie der Situationen eine weniger formale Ausschmückung jenes Gedankens darstellen. Vgl. DuG, S. 116.

3 Mit den subjektiven Sachverhalten ist somit die positive Kehrseite von Wittgensteins Privatsprachenargument beleuchtet, welches besagt, dass Aussagen über unmittelbare, private Empfindungen (wie z. B. Freude) unsinnig sind, dass sie keine vermittelnde, sondern eine praktische Funktion haben (z. B. für Krankheitsdiagnosen). Vgl. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, §§ 243, 293; in: ders.: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt a. M. 1984.

4 Wenn man nämlich alle biochemischen und physiologischen Merkmale eines unter Schmerzen leidenden Menschen restlos thematisiert und sagt: „Das ist Schmerz“, so handelt es sich um eine falsche Aussage.

5 An dieser Stelle kann ich mir ein Zitat Nietzsches nicht verkneifen, um dessen geistige Verwandtschaft mit Schmitz zu verdeutlichen: „Alles, was als ‚Einheit’ ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer complizirt: wir haben immer nur den Anschein von Einheit. Das Phänomen des Leibes ist das reichere, deutlichere, faßbarere Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas auszumachen über seine letzte Bedeutung.“ (Friedrich Nietzsche: Nachla ß 1885 - 1887, KSA, München 1999, S. 205f.)

6 Ebenso sollte es das Ziel einer jeden philosophischen Arbeit sein, eine Situation zu werden, d. h. ein bestimmtes Problem so umfassend (und unter logischer Verknüpfung seiner Punkte) zu beleuchten, dass der dabei entstandene Gedankengang - einmal vom Leser verinnerlicht - wie ein chaotisch-mannigfaltiges Ganzes „im Hintergrund“ wirkt, sodass man aus ihm in entsprechenden anderen Situationen (Kontexten) die passenden Sachverhalte explizieren kann.

7 Vgl. hierzu Schmitz’ Bemerkungen zur spielerischen Identifikation: DuG, S. 174-182.

8 Für eine detaillierte Erläuterung siehe DuG, S. 80-114. 10

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Wer hat Angst vorm Sechs-Millionen-Dollar-Mann?
Untertitel
Über die mögliche Technisierung des menschlichen Körpers im Kontext der Leibesphänomenologie von Hermann Schmitz
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Geteilte Intentionalität
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V201394
ISBN (eBook)
9783656273318
ISBN (Buch)
9783656273578
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin: "Ihre Arbeit stellt eine wirklich großartige Synthetisierungsleistung dar, und auch die Schmitz-Interpretation finde ich sehr gelungen. Der Begriff der Kreativität taucht mehrmals recht unvermittelt auf, ohne motiviert zu werden, und gegen Ende fällt das hohe Niveau ein wenig ab. Aber insgesamt eine tolle Leistung!"
Schlagworte
Schmitz, Leibesphänomenologie, Neuroprothesen, Transhumanismus, Heidegger, Leib, human enhancement, Ontologie
Arbeit zitieren
Tassilo Weber (Autor:in), 2012, Wer hat Angst vorm Sechs-Millionen-Dollar-Mann?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201394

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