Diplomaten der Vernichtung

Das Auswärtige Amt und der Holocaust


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Maßnahmen gegen Juden von der „Machtergreifung“ bis zum Kriegsausbruch am 01. September

3. Das Auswärtige Amt und die „Judenfrage“ seit Beginn des Krieges
3.1 „Judenmaßnahmen“ bis zum
3.2 Die „Endlösung der Judenfrage“ im Windschatten Russlandfeldzuges

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literaturen

1. Einleitung

„Je stärker sich der deutsche Sieg abzeichnen wird, umso größer und vordringlicher werden die Aufgaben des Referats, denn die Judenfrage muß im Laufe des Krieges gelöst werden, da sie nur so ohne allgemeines Weltgeschrei erledigt werden kann.“[1]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges galt das Auswärtige Amt (AA) jahrzehntelang als unbeteiligt am Holocaust. Das Zitat Franz Rademachers, seit März 1940 Leiter des „Judenreferats“ der Abteilung Deutschland, nur zwei Monate nachdem in der Konferenz am Berliner Wannsee der Massenmord an den europäischen Juden organisiert und zentralisiert wurde[2] , lässt erahnen, dass das AA eine wichtige Rolle bei der Verfolgung der europäischen Juden einnahm.

Im Folgenden soll die Frage nach der Beteiligung des AA an der „Endlösung der Judenfrage“ beantwortet werden. Zunächst werden die Repressalien, welche die Juden seit der „Machtergreifung“ im Jahre 1933 bis zum Kriegsausbruch im September 1939 über sich ergehen lassen mussten, dargestellt. Im weiteren Verlauf soll die Mithilfe des AA bei der Deportation von Juden aus ganz Europa untersucht werden. Waren die Diplomaten bloß reine Befehlsempfänger Heydrichs, der von Göring zum „Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage“[3] ernannt wurde, oder gingen die von den Beamten des AA getroffenen Entscheidungen weit über diplomatische Belange hinaus? Dazu soll zuerst geklärt werden, welche Rolle dem AA in den ersten Jahren des Krieges bis zum Sommer 1941 zukam. Abschließend wird auf die Folgen, die der Russlandfeldzug für die weitere „Judenpolitik“ mit sich brachte, eingegangen.

Grundlage hierfür bilden besonders die Akten der auswärtigen deutschen Politik von 1937 bis 1945, die im Jahr 2010 veröffentlichten Ergebnisse der „Unabhängigen Historikerkommission Auswärtiges Amt“ sowie die im gleichen Jahr ins Deutsche übersetzten Erkenntnisse von Christopher R. Browning.

2. Maßnahmen gegen Juden von der „Machtergreifung“ bis zum Kriegsausbruch am 01.09.1939

Mit der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 veränderte sich das Leben für die deutschen Juden entscheidend. Sicherlich hatte Hitler zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Vernichtung der deutschen beziehungsweise europäischen Juden ins Auge gefasst, aber dadurch, dass er wie ein „Feudalherrscher […] über seinen zankenden Vasallen“ stand, die bei der Erarbeitung einer möglichen Lösung des „jüdischen Problems“ gegeneinander wetteiferten, überrascht es nicht, dass die endgültige „Lösung der Judenfrage“ im Holocaust gipfelte.[4]

Bereits im April 1933 riefen die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte auf.[5] Obwohl dieser in der deutschen Bevölkerung keinen großen Anklang fand, war er richtungweisend für das zukünftige Vorgehen gegen die Juden.[6] Im Jahre 1935 wurden die Nürnberger Gesetzte erlassen, welche unter anderem die Ehe „zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ unter Strafe stellten.[7] Als 1936, auf Anregung Großbritanniens, die Schaffung eines möglichen jüdischen Staates in Palästina diskutiert wurde, sprach sich die Auslandsorganisation des AA zunehmend gegen die weitere Auswanderung jüdischer Personen aus, da man die Gründung eines „jüdischen Nationalstaates mit Hilfe deutschen Kapitals“[8] nicht unterstützen wollte. Die Wirtschaftabteilung des Amtes beharrte dagegen weiterhin an der Festhaltung der Emigration jüdischer Personen im Sinne des 1933 geschlossenen Haavara-Abkommens, welches die Auswanderung zahlungsfähiger Juden nach Palästina erleichterte[9] , da eine Abwanderung der deutschen Juden nach Palästina aus wirtschaftlichen Gründen wünschenswerter sei, als ihre Verteilung auf viele verschiedene Länder, in denen sie den Boykott deutscher Exporte verstärken könnten.[10] Zu einer Übereinkunft in diesem Streitpunkt gelangten die beiden Abteilungen des AA in den folgenden Monaten nicht und erst als die Briten 1938 die Bildung eines Palästinastaates auf unbestimmte Zeit verschoben, und somit die Gefahr der Gründung eines jüdischen Staates gebannt war, wurde die Emigration der Juden wie bisher vorangetrieben.[11] In einem streng vertraulichen Runderlass vom 22. Juni 1937 nahm das AA Stellung zur möglichen Gründung eines „Judenstaates in Palästina“. Aus ihm geht hervor, dass Deutschland nach außen hin zwar den Eindruck erwecken wolle, „der Bildung eines Judenstaates in Palästina wohlwollend“ gegenüberzustehen, das „deutsche Interesse“ aber „in Wirklichkeit“ an einer „Zersplitterung des Judentums“ bestünde. Ein eigener jüdischer Staat würde „das Judentum nicht absorbieren, sondern ihm […] eine zusätzliche völkerrechtliche Machtbasis schaffen, die sich für die deutsche Außenpolitik verhängnisvoll auswirken könnte.“[12] Auch wenn sich daraus (noch) nicht die Inkaufnahme einer völligen Vernichtung der Juden ablesen lässt, so wird aus diesem Erlass doch die deutliche Haltung erkennbar, dass man auch im AA der Meinung war, dass man den Juden jedes Recht auf völkerrechtliche Selbstverwaltung verwehren müsse und dass die Juden unter deutscher Aufsicht an irgendeinem Ort konzentriert werden mussten.

Einen Höhepunkt antisemitischen Handelns stellt die „Reichskristallnacht“ in der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938 dar. Nach dem gewaltsamen Tod des deutschen Legationssekretärs Ernst Eduard vom Rath, der in Paris von Herschel Grynszpan, einem Juden, erschossen worden war, wurden zahlreiche jüdische Synagogen und Geschäfte zerstört und hunderte von Juden fielen den „Vergeltungsmaßnahmen“ zum Opfer.[13] Das Ausbleiben eines Aufschreies seitens des Auslandes, ließ die Verantwortlichen im Deutschen Reich annehmen, dass ihnen das Schicksal der Juden in Deutschland gleichgültig sei.[14] Diese Annahme wurde zudem noch durch die Aussage des französischen Außenministers Bonnet gestärkt, der einen Monat nach dem Pogrom in Berlin eintraf und darauf hinwies, dass auch Frankreich „zehntausend Juden irgendwohin loswerden“ müsse und man deshalb an „einer Lösung des Judenproblems interessiert sei.“ Des Weiteren erklärte Bonnet, dass man dabei an Madagaskar dachte.[15] Schon im Vorfeld der „Reichskristallnacht“ hatte der Schweizer Gesandte den Leiter der Politischen Abteilung des AA, Ernst Woermann, darauf aufmerksam gemacht, dass man den „Zuzug von Juden aus Deutschland einzudämmen“ gedachte.[16] Durch solche Berichte musste den verantwortlichen Beamten der „Abteilung D“ klar sein, dass es in Zukunft Probleme geben würde, das „Judenproblem“ auf dem Weg der Emigration zu „lösen“. Das Interesse des AA, bei Maßnahmen gegen Juden mitzuwirken, trat am 12. November 1938 offen zutage, als Hermann Göring eine Konferenz einberief, in der es um das „Judenproblem“ ging. Woermann, der neben Emil Schumburg als Vertreter des Amtes an der Konferenz teilnahm, ließ Ribbentrop eine Auflistung der bei der Konferenz festgehaltenen Maßnahmen gegen Juden zukommen, in der er festhielt, dass er eine „Beteiligung [des] Auswärtigen Amts an allen Maßnahmen generell und im Einzelfall sichergestellt“ habe.[17]

Wie aus einem Runderlass des AA vom 25. Januar 1939 hervorgeht, indem die Emigration der deutschen Juden als „Ziel der deutschen Judenpolitik“[18] ausgegeben wurde, waren Pläne über eine systematische Ermordung der Juden allerdings noch nicht im Gespräch. Und sogar das Judenreferat des Sicherheitsdienstes (SD) fokussierte in diesen Jahren noch immer eine Auswanderung der deutschen Juden.[19] So ist in einem Schreiben des SD vom Februar 1939 an das AA von einer „Judenauswanderungsfrage“[20] die Rede. Aus dem Schreiben Schumburgs lässt sich jedoch schon erahnen, welche Richtung die „Judenpolitik“ in den zukünftigen Jahren einschlagen sollte, wenn es heißt: „Das Ziel dieses deutschen Vorgehens soll eine in der Zukunft liegende internationale Lösung der Judenfrage sein, die nicht von falschem Mitleid“ gefährdet werden solle, vielmehr sollen die Völkern erkennen, „welche Gefahr das Judentum für den völkischen Bestand der Nationen bedeutet.“[21]

3. Das Auswärtige Amt und die „Judenfrage“ seit Beginn des Krieges

„Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!“[22]

3.1 „Judenmaßnahmen“ bis zum 22.06.1941

Mit Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 wurde die von der SS verfolgte Taktik der Auswanderung völlig umgeworfen. Die Schließung vieler Grenzen durch Kriegseinflüsse sowie die zunehmende Zahl von Juden im Einflussbereich des Deutschen Reiches machte eine „Lösung der Judenfrage“ auf dem Weg der Emigration nahezu unmöglich.[23] Nach dem schnellen Sieg über Polen wurden Überlegungen laut, man könne die Juden in einem sogenannten „Judenreservat“ in der Nähe von Lublin konzentrieren. Diese Idee wurde aber frühzeitig wieder verworfen, da sich der Generalgouverneur des besetzten Polen, Hans Frank, bei Göring über dieses Vorgehen beschwerte. Dieser ließ daraufhin die Umsetzung eines solchen Reservats im März 1940 stoppen.[24]

[...]


[1] Aufzeichnung Franz Rademachers vom 24.03.1942, zitiert nach: Döscher, Hans-Jürgen: Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der „Endlösung“, Berlin 1987, S.213.

[2] Conze, Eckart u.a.: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010, S 188.

[3] ADAP, E I, Nr. 150: Undatiertes Protokoll der Wannsee-Konferenz, S. 268.

[4] Browning, Christopher: Die "Endlösung" und das Auswärtige Amt. Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940-1943, Darmstadt 2010, S. 14.

[5] Röhr, Werner: Der Krieg vor dem Krieg : Ökonomik und Politik der "friedlichen" Aggressionen Deutschlands 1938/1939, Hamburg 2001 , S. 194.

[6] Vgl. Browning: Die „Endlösung und das Auswärtige Amt, S. 15.

[7] Przyrembel, Alexandra: Rassenschande. Reinheitsmythos und Vernichtungslegitimation im Nationalsozialismus. Göttingen 2003, S. 128

[8] ADAP, D V, Nr. 562: Aufzeichnung Ehrichs im Auswärtigen Amt, Berlin, 05.06.1937.

[9] Vgl. Browning: Die „Endlösung und das Auswärtige Amt, S. 28.

[10] Ebd., S. 29.

[11] Vgl. Browning: Die „Endlösung und das Auswärtige Amt, S. 29.

[12] ADAP, D V, Nr.: 564: Runderlaß Bülow-Schwantes, Berlin, 22.06.1937.

[13] Vgl. Browning: Die „Endlösung und das Auswärtige Amt, S. 18.

[14] Vgl. Conze: Das Amt und die Vergangenheit, S. 172.

[15] ADAP, D IV, Nr. 372: Aufzeichnung Ribbentrops, Berlin, 09.12.1938.

[16] ADAP, D V, Nr. 642: Aufzeichnung Woermanns, Berlin, 10.08.1938.

[17] ADAP, D V, Nr. 649: Aufzeichnung Woermanns, Berlin, 12.11.1938.

[18] ADAP, D V, Nr. 664: Runderlaß des Auswärtigen Amtes, Berlin, 25.01.1939.

[19] Vgl. Browning: Die „Endlösung und das Auswärtige Amt, S. 17

[20] ADAP, D V, Nr. 665: Heydrich an das Auswärtige Amt, Berlin, 14.02.1939.

[21] ADAP, D V, Nr. 664: Runderlaß des Auswärtigen Amtes, Berlin, 25.01.1939.

[22] Reichstagsrede Adolf Hitlers am 30. Januar 1939, zitiert nach: Domarus, Max: Hitler Reden und Proklamationen 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Band 2, Würzburg 1963, S. 1058.

[23] Vgl. Browning: Die „Endlösung und das Auswärtige Amt, S.19-20.

[24] Ebd., S.20- 21.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Diplomaten der Vernichtung
Untertitel
Das Auswärtige Amt und der Holocaust
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V201454
ISBN (eBook)
9783656280033
ISBN (Buch)
9783656280835
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
diplomaten, vernichtung, auswärtige, holocaust, Auschwitz, Endlösung, auswärtiges, göring, hitler, rademacher, himmler, heydrich, wannseekonferenz, vergasung
Arbeit zitieren
Matthias Jansen (Autor), 2012, Diplomaten der Vernichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201454

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