Sprachspiele in Lewis Carrolls 'Alice' und das Problem ihrer Übersetzung


Examensarbeit, 2012
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problemfelder der Übersetzung in Alice und ihre Lösung
2.1 Theoretische Vorüberlegungen der Übersetzung
2.1.1 Identifikation der Problemfelder
2.1.2 Konzepte und Begriffe der Übersetzungswissenschaft
2.2 Carrolls Affinität zur Sprache und Sprachspielereien
2.3 Eigennamen und Kapitelüberschriften
2.4 Parodien bekannter Gedichte und Kinderlieder
2.5 Wortspiele
2.5.1 Phonologische Ebene
2.5.2 Polysemantische Ebene
2.5.3 Idiomatische Ebene
2.6 Neologismen

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

5 Wahrheitsgemäße Erklärung

1 Einleitung

Lewis Carrolls literarische Werke Alice’s Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass and What Alice Found There sind zweifelsohne Klassiker der viktorianischen Kinder- und Jugendliteratur.[1] Bis zum heutigen Tage erfreuen sich aber nicht nur junge, sondern auch erwachsene Leserinnen und Leser an diesen zwei fantastischen Erzählungen. Ein Grund für den langanhaltenden Erfolg ist die Vielschichtigkeit von Alice, die es erlaubt die Handlung aus verschiedensten geistes- und naturwissenschaftlichen Perspektiven zu betrachten, darunter z.B. politische, philosophische, psychologische, literaturkritische oder logisch-mathematische und physikalische Sichtweisen. (vgl. Guiliano 86) Deshalb bezeichnete z.B. Louis Untermeyer, ein bekannter US-amerikanischer Dichter und Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts, Alice als „[...] the most inexhaustible tale in the world.“ (Untermeyer in Guiliano 86) Ein weiterer Grund für die Erfolgsgeschichte und eines der hervorstechendsten Charakteristika dieser zwei literarischen Werke, ist sicherlich das Spiel mit der Sprache und die daraus resultierende humoristische Wirkung. Alice ist geradezu durchdrungen von teils offensichtlichen, aber auch versteckten Wortspielen, Neologismen, Syllogismen, Parodien bekannter Gedichte und Kinderlieder der damaligen Zeit und der Grundannahme, dass Wortbedeutungen völlig willkürlich gewählt werden können. (vgl. Sutherland 13)

Die große Fülle an Sprachspielen, die die Erzählungen einerseits so attraktiv und lesenswert machen, bergen andererseits auch Schwierigkeiten in zweierlei Hinsicht. Englische Muttersprachler kämpfen in der heutigen Zeit mit einer großen zeitlichen als auch meist räumlichen Distanz zum viktorianischen England, welche sie hunderte von subtilen Wortspielen und Scherzen schlichtweg überlesen lässt. (vgl. Gardner 1996, ix) Eine zweite Schwierigkeit ergibt sich für Übersetzer, die versuchen Alice, denjenigen näher zu bringen, die nicht die Möglichkeit haben den englischen Originaltext zu lesen, da sich das Übersetzen der Sprachspiele gleich in welche Sprache auch immer äußert schwierig gestaltet. (vgl. Díaz Pérez 357) Dies war Carroll selbst bewusst und so schrieb er 1866 bzgl. einer geplanten Übersetzung von AiW an seinen Verleger Macmillan: „Friends here seem to think that the book is unstranslatable into either French or German, the puns and songs being the chief obstacles.“ (Weaver 32) Paradoxerweise war es wahrscheinlich genau diese vermeintliche Unübersetzbarkeit, die viele Übersetzer als Herausforderung auffassten und annahmen, sodass AiW bis 1963 in 47 Sprachen übersetzt wurde.[2] (vgl. Weaver 58 f.) Darunter befanden sich damals 16 deutsche Übersetzungen, wobei bis 1984 noch sieben weitere Versionen in deutscher Sprache hinzukamen.[3] (vgl. Lehnert-Rodiek 79)

Ziel dieser Arbeit kann es nicht sein, alle diese deutschsprachigen Übersetzungen zu analysieren und zu vergleichen. Vielmehr sollen Grundtendenzen bzgl. der Übersetzbarkeit von Alice an ausgewählten Übersetzungsproblemen und deren Lösungsversuchen herausgearbeitet werden. Eingangs wird hierzu ein Einblick in übersetzungstheoretische Vorüberlegungen gegeben, wobei zunächst die Grundelemente der Alice -Erzählungen und die Problemfelder der Übersetzung knapp identifiziert werden. Bei den Problemfeldern handelt es sich um Eigennamen und Kapitelüberschriften, Parodien bekannter Gedichte und Kinderlieder, Wortspiele und Neologismen. Anschließend werden einige Konzepte und Begriffe aus der Übersetzungswissenschaft, die Übersetzern als theoretische Hilfsmittel dienen können, betrachtet. Diesem übersetzungstheoretischen Fundament folgt ein Überblick über Carrolls Affinität zur Sprache und Sprachspielereien. Jener Überblick lässt verstehen, warum Alice so viele übersetzungstechnische Problemfelder beherbergt, die daraufhin in der oben genannten Reihenfolge im Detail analysiert werden. Das Problemfeld der Wortspiele erfährt dabei eine auf sprachwissenschaftlichen Eigenschaften basierende Untergliederung in die phonologische, polysemantische und idiomatische Ebene. Jedes der Problemfelder wird anhand aussagekräftiger Beispiele aus dem Originaltext charakterisiert; wo sinnvoll werden spezielle Übersetzungsstrategien angegeben. Danach werden zu jedem Beispiel bzw. nun auch übersetzungstechnischem Problemfall deutsche Übersetzungen herangezogen, verglichen und so die Schwierigkeiten, aber auch die Möglichkeiten der adäquaten Übersetzung demonstriert. Bei den verwendeten Übersetzungen handelt es sich um die AiW -Versionen von Antonie Zimmermann[4] und Walther G. Schreckenbach, und um die AiW - und TLG -Versionen von Christian Enzensberger, Günther Flemming und Barbara Teutsch. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Betrachtung zur Übersetzbarkeit der Sprachspiele in Alice und einem zusammenfassenden Resümee der verglichenen deutschen Übersetzungen.

2 Problemfelder der Übersetzung in Alice und ihre Lösung

2.1 Theoretische Vorüberlegungen der Übersetzung

2.1.1 Identifikation der Problemfelder

Bevor man sich in die theoretischen Überlegungen, die zeitlich vor jeder Übersetzungsarbeit angesiedelt sein sollten, begibt, ist es ratsam, sich zunächst über den Aufbau und die grundlegenden Elemente des zu übersetzenden Textes, also des Ausgangstextes, im klaren zu werden. Problematische Textstellen, d.h. Problemfelder, können so frühzeitig erkannt, in den Gesamtzusammenhang des Textes eingeordnet und dadurch ihr Stellenwert im Bezug auf das Gesamtwerk abgeschätzt werden. Außerdem soll die folgende Zusammenfassung als eine Erinnerung an den grundlegenden Aufbau der beiden Alice -Bücher dienen.

In einer, wenn auch eher groben, dennoch treffenden Zusammenfassung der Grundelemente der Alice -Erzählungen beschreibt Rickard die beiden Bücher als [...] a narrative of marvellous and comic adventures which befall a child, an intelligent and well-mannered little raisonneuse who has a sense of fun, whose patience has its limits, who frequently asks questions and is mystified or outraged by the replies she receives, [...]. She undergoes magical transformations of size and shape, [...]. The other characters include birds, animals, flowers, fabulous creatures, animate playing cards and animate chess-pieces, all with gift of speech and a considerable appetite for argument and for logic-chopping. All this, within the frame-work of a dream [...]. (49)

Diese Elemente, also die wundersamen und lustigen Abenteuer einer kindlichen Protagonistin, die in einer Traumwelt mit allen nur erdenklichen Arten von fantastischen Figuren und deren ganz besonderen Art Konversation zu betreiben konfrontiert wird, erscheinen als ein normales bzw. nicht unüberwindbares Hindernis bei der Übersetzung. Es sind die als „Carrollian features“ bezeichneten und hervorstechenderen literarischen Charakteristika von Alice, die sich auch als schwerer lösbare Problemfelder für eine geplante Übersetzung identifizieren lassen. (Rickard 50)

Weaver identifiziert in seiner Abhandlung Alice in many tongues fünf verschiedene Charakteristika des Originaltextes, die sich besonders problematisch für eine Übersetzung erweisen: „A) the verses [...] B) the puns C) [...] specially manufactured words or nonsense words [...] D) the jokes which involve logic. E) [...] otherwise unclassifiable Carroll twists of meaning [...].“ (80 f., seine Hervorhebungen) In der vorliegenden Arbeit werden die Problemfelder A) bis C) behandelt, d.h. verses – Parodien bekannter Gedichte und Kinderlieder, puns – Wortspiele auf drei unterschiedlichen Ebenen und specially manufactured/nonsense words – Neologismen. Jedoch wird ein weiteres, bei Weaver nicht erwähntes Problemfeld vorangestellt, nämlich die Übersetzung der Eigennamen und Kapitelüberschriften.[5] Alle Problemfelder werden im Folgenden lediglich umrissen, um zu einem späteren Zeitpunkt der Arbeit im Detail analysiert und mit den dazugehörigen Übersetzungsversuchen verglichen zu werden.

Das erste Problemfeld der Übersetzung gliedert sich in zwei Teile. Der erste und gewichtigere Teil sind die Eigennamen einiger Haupt- und Nebenfiguren, die unter anderem verschiedenste Tiere, Blumen, aber auch fantastische Kreaturen, und lebendige Spielkarten und Schachfiguren beinhalten. Die Mehrzahl der Eigennamen dieser Figuren lässt sich glücklicherweise relativ leicht und verlustfrei in die deutsche Sprache übertragen. Ein weißes Kaninchen, ein Löwe, ein Greif oder Namen für Spielkarten und Schachfiguren stellen bei der Übersetzung keinerlei Probleme dar. Diese Eigennamen sind meistens mit den eigentlichen Bezeichnungen bzw. Merkmalen der Figuren identisch. So heißt z.B. das weiße Kaninchen in Carrolls Original einfach nur White Rabbit. (vgl. Anastasaki 19) Weitaus schwieriger erscheint die Aufgabe der Namensübersetzung jedoch bei solchen Figuren, deren eigentliche Eigennamen bereits Anspielungen enthalten. So spielen z.B. Dodo[6] , Cheshire Cat, Mad Hatter und March Hare auf, zumindest für Muttersprachler geläufige, englische Vergleichskonstruktionen an und Tweedle-Dum, Tweedle-Dee und Humpty Dumpty auf bekannte Kinderreime der damaligen Zeit. (vgl. Rickard 50) Der zweite Teil dieses Problemfeldes beschäftigt sich mit problematischen Kapitelüberschriften aus AiW. A Caucus-Race and a Long Tale und The Rabbit Sends in a Little Bill[7] enthalten unter anderem Wortspiele, die nur schwierig im Deutschen nachzubilden sind. (vgl. Mango 66) Hinzukommt, dass die übersetzten Kapitelüberschriften trotz aller künstlerischen Freiheit des Übersetzers immer noch eine Zusammenfassung des folgenden Kapitelinhalts liefern sollten.

Ein zweites Problemfeld jeder Alice -Übersetzung, das Carroll selbst als eines der beiden größten Hindernisse einer fremdsprachlichen Übertragung identifizierte[8] , sind sicherlich die zahlreichen Parodien bekannter Gedichte und Kinderlieder des viktorianischen Englands. Allein AiW enthält neun dieser parodierten Gedichte und Kinderlieder[9] , die den Übersetzer vor ein ganz eigenes Übersetzungsproblem stellen. (vgl. Weaver 80) Carrolls Parodien dienten damals hauptsächlich der Belustigung und Erheiterung der jüngeren Rezipienten von Alice, wobei dies natürlich eine Kenntnis der Originallieder und -gedichte und ein Erkennen der Parodien als solche voraussetzte. Dies kann heutzutage nicht einmal von einem durchschnittlichen Leser aus Großbritannien, geschweige denn aus anderen Teilen der Welt erwartet werden und so gestaltet sich eine Übersetzung und gleichzeitige Erhaltung der humoristischen Wirkung äußerst problematisch. (vgl. Chaparro Martínez 88) Sowohl Chaparro Martínez (vgl. 88) als auch Weaver (vgl. 85) bieten theoretische Übersetzungsstrategien für diese spezielle Art von Übersetzungsproblem an. Die Sinnhaftigkeit dieser Strategien wird in Abschnitt 2.4 unter zu Hilfenahme der Übersetzungen der Parodie Twinkle, Twinkle, Little Bat[10] ausführlicher betrachtet.

Das dritte Problemfeld und gleichzeitig das zweite große Hindernis einer Übersetzung von Alice, dessen Carroll sich auch bewusst war, sind die zahlreichen Wortspiele. Unter dem Begriff Wortspiel (engl. pun)[11] sollen in dieser Arbeit alle rhetorischen Figuren verstanden werden, die in irgendeiner Weise bestimmte Ähnlichkeiten bis hin zur Identität in der Struktur von Worten ausnutzen, um Mehrdeutigkeit, d.h. um einen rhetorischen Effekt, wie z.B. Humor, zu erzeugen. Diese Ähnlichkeiten können dabei phonologischer und orthographischer Natur sein. (vgl. Díaz Pérez 358) Diese relativ breite Arbeitsdefinition soll es erlauben, möglichst viele Arten von Carrolls Wortspielen abzudecken. Davies (vgl. 91 ff.) und Low (vgl. 62 ff.) greifen den theoretischen Aspekt der Übersetzung von Wortspielen auf. Sie diskutieren die eigentliche Übersetzbarkeit dieser besonderen Sprachkonstruktionen und bieten darüber hinaus Übersetzungsstrategien für dieses ganz spezielle Übersetzungsproblem an. Als Ausgangspunkt für die Erläuterung dieser Übersetzungsstrategien und die Analyse von Textstellen und deren Übersetzung sollen die möglichen sprachwissenschaftlichen Eigenschaften von Wortspielen herangezogen werden, wobei eine Untergliederung in die phonologische, polysemantische und idiomatische Ebene erfolgt – d.h. die Wortspiele verdanken ihren spielerischen Charakter entweder der klanglichen Ähnlichkeit zweier Worte, der Mehrdeutigkeit ein- und desselben Wortes oder der übertragenen Bedeutung einer festen Wortverbindung.

Als viertes und letztes Übersetzungsproblemfeld in Alice lassen sich die Neologismen, und hier insbesondere Carrolls sog. portmanteau words, identifizieren. Unter einem Neologismus soll in dieser Arbeit das Phänomen der Wortneuschöpfung verstanden werden, d.h. die Kreation von Worten, bei denen sowohl Ausdruck als auch Bedeutung zuvor nicht existent waren. Die umfangreichste Anhäufung von Neologismen oder auch specially manufactured/nonsense words (vgl. Weaver 80 f.), nämlich 28 an der Zahl, findet sich in Carrolls Unsinnsgedicht Jabberwocky. (vgl. Elwyn/Gladstone 134) Carroll realisiert hier die meisten seiner Neologismen durch portmanteau words (engl. portmanteau – Reisekoffer), auch blends genannt (engl. to blend in – sich vermischen), zu denen Humpty Dumpty im späteren Verlauf von TLG folgende Erklärung liefert: „[...] You see it's like a portmanteau— there are two meanings packed up into one word.“ (Carroll 1998, 192) Es werden also, wortwörtlich, zwei Worte in einen Koffer gepackt und so ein Kofferwort gebildet. Durch die große Anzahl der Neologismen in Jabberwocky eignet sich dieses Gedicht besonders gut zur Veranschaulichung der Probleme, die bei der Übersetzung von nonsense bzw. portmanteau words, aber auch von Unsinnsgedichten im Allgemeinen auftreten. Deshalb soll im späteren Verlauf der Arbeit die erste Strophe des Gedichtes und die dazugehörigen Übersetzungen zum Vergleich herangezogen werden. Theoretische Einsichten in das Strickmuster des Originals und mögliche Übersetzungsstrategien liefern Davies (vgl. 92) und Rickard (vgl. 55 ff.).

2.1.2 Konzepte und Begriffe der Übersetzungswissenschaft

Nachdem die Problemfelder einer Übersetzung von Alice identifiziert wurden, sollen nun übersetzungstheoretische Vorüberlegungen aus dem Bereich der Übersetzungswissenschaft unternommen werden. Dabei werden verschiedene Konzepte und Begriffe aus diesem wissenschaftlichen Arbeitsfeld, nämlich Übersetzungstypen nach Reiß, die Skopostheorie, Texttypen nach Reiß und Übersetzungstypen und -verfahren nach Nord betrachtet und daraus Schlussfolgerungen für eine Alice -Übersetzung gezogen. Aufgrund des Ausmaßes und der Natur der übersetzungswissenschaftlichen Disziplin, die sich in einem relativ frühen Stadium und deswegen in permanenten Diskursen über einige ihrer Konzepte befindet, und des Umfangs dieser Arbeit, werden sich diese Überlegungen jedoch auf eine oberflächliche Betrachtung beschränken müssen.

Vor jeder Übersetzungsarbeit muss der Übersetzer das praktische Ziel seiner Übersetzung erkennen, da von diesem alle zukünftigen Entscheidungen abhängen. Die erste Frage, die sich zu diesem Zeitpunkt stellt, ist die Wahl des Übersetzungstyps. Reiß unterscheidet unter anderem die Interlinear-, die philologische und die kommunikative Übersetzung. Eine Interlinearübersetzung ist eine Wort-für-Wort-Übersetzung, die nur zusammen mit dem Ausgangstext verständlich ist und deshalb bei der Erschließung unbekannter Sprachen verwendet wird. (vgl. Reiß 21) Die philologische Übersetzung liefert eine vollständige Erklärung des Sinns des Ausgangstextes, ohne dabei Rücksicht auf zielsprachliche Äquivalenz zu nehmen. Sie findet sich vor allem in den Geisteswissenschaften, z.B. bei der Erklärung von Sprache und Kultur eines Ausganstextes. (vgl. Reiß 21 f.) Bei der kommunikativen Übersetzung handelt es sich um eine funktionskonstante Übersetzung, d.h. die vom Autor des Ausganstextes beabsichtigte Wirkung soll auch beim Rezipienten der Übersetzung eintreten. Dabei berücksichtigt der Übersetzer den soziokulturellen Kontext der Zielkultur und versucht so eine fremdsprachliche Version des Ausgangstextes, welcher man den Übersetzungscharakter nicht anmerken soll, zu erstellen. (vgl. Reiß 22) Die Wahl des Übersetzungstyps hängt einzig und allein vom Rezipienten der Übersetzung ab. Diese Abhängigkeit beschreibt die sog. Skopostheorie.

Eine der zahlreichen übersetzungstheoretischen Ansätze der Übersetzungswissenschaft ist die Skopostheorie. Diese von Vermeer begründete und zusammen mit Reiß weiterentwickelte Theorie beschreibt das Übersetzen als eine zielgerichtete Handlung, deren oberstes Kriterium für eine erfolgreiche Übersetzung die Orientierung an ihrem Zweck (griech. skopos) ist. (vgl. Munday 226 f.) Bei einem literarischen Text ist die Kommunikation zwischen dem Autor und seinem Leser der Hauptzweck. Wenn die Übersetzung auch diesen Zweck erfüllt, wird sie zwangsläufig eine bestimmte Wirkung auf ihre Rezipienten ausüben. Diese Wirkung soll üblicherweise identisch mit der Wirkung, die der Originaltext auf seine Leser ausübt, sein. (vgl. Munday 227)

Die angestrebte Wirkung, gleich ob Original oder Übersetzung bzw. Ausgangs- oder Zieltext, ist wiederum vom Texttyp abhängig. Reiß unterscheidet drei verschiedene Arten von Texttypen, wobei ein Text in den seltensten Fällen nur aus einem dieser drei Typen besteht. Bei solchen Mischformen müssen die Texttypen auch keineswegs qualitativ gleichrangig sein, d.h. in einigen Textstellen kann ein bestimmter Texttyp überwiegen. (vgl. Reiß 84 f.) Der informative Text ist inhaltsbetont, d.h. inhaltliche Korrektheit steht im Vordergrund, wie z.B. bei einer Gebrauchsanleitung. Beim expressiven Texttyp handelt es sich um formbetonte und ausdrucksorientierte Texte, wie z.B. Romane und andere literarische Gattungen. Der operative Texttyp ist appellbetont, wie z.B. eine Predigt. (vgl. Reiß 82 f.) Ein literarischer Text ist meistens eine Mischform aus mehreren Texttypen, d.h. einzelne Textstellen können gleichzeitig inhalts-, form- und appellbetont sein. (vgl. Reiß 84 f.) Bei der Unmöglichkeit einer gleichzeitigen Wiedergabe von mehreren Textfunktionen aufgrund der Unterschiedlichkeit von Ausgangs- und Zielsprache, muss sich der Übersetzer für die Wiedergabe einer der Textfunktionen entscheiden. Der dabei auftretende Verlust kann oft die einzige Möglichkeit einer adäquaten Übersetzung darstellen.

Aus den diesen knappen, übersetzungstheoretischen Überlegungen ergeben sich folgende Schlussfolgerungen für eine Übersetzung der Alice -Romane. Skopos oder Zweck dieser Übersetzung sollte es sein, durch das Spiel mit der Sprache eine ähnliche ästhetische Wirkung beim Rezipienten hervorzurufen wie es das Original vermag. Deshalb bietet sich der Übersetzungstyp der kommunikativen Übersetzung an. Der Texttyp lässt sich im Falle von Alice nicht ganz leicht bestimmen, da sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Textsorten in das Gesamtwerk eingearbeitet finden; darunter Rätsel, eine Adresse, ein Abschnitt aus einem Geschichtsbuch, Moralsentenzen, erzählende Passagen, Dialoge, Gedichte, Parodien und Wortspiele. Diese Textsorten sind so gekonnt miteinander verwoben, dass dem durchschnittlichen Leser ihre Vielfalt beim normalen Lesen wohl gar nicht bewusst wird. (vgl. Schleder De Borba 16) Außerdem sind viele der Figuren und Handlungsepisoden in Alice „[...] a direct result of puns and other linguistic jokes.“. (vgl. Gardner 1999, xv) Dies lässt zwei Schlussfolgerungen zu: erstens, handelt es sich bei den Alice -Erzählungen um eine Mischform aus dem informativen und expressiven Texttyp, d.h. der Text ist gleichzeitig inhalts- und formbetont. Zweitens, ordnet Carroll den Inhalt der Form unter und schuf so eigentlich einen Text um des Textes willen. (vgl. Rickard 54) Konsequenterweise muss der Übersetzer die Vielfalt der Textsorten innerhalb der beiden Texttypen erkennen, die Ordnung von Form über Inhalt erhalten und versuchen all jenes mit den Mitteln der Zielsprache auszudrücken. (vgl. Schleder de Borba 16)

Zu guter Letzt sollen in diesem Abschnitt zwei Übersetzungstypen nach Nord vorgestellt werden, die eine Untergliederung in verschiedene Übersetzungsverfahren für einzelne Textstellen zulassen. Dies soll die Schwierigkeiten einer adäquaten literarischen Übersetzung unterstreichen und die Möglichkeiten, die sich den Übersetzern bieten, aufzeigen. Nord unterscheidet zwischen dokumentarischer und instrumenteller Übersetzung. Die dokumentarische Übersetzung behandelt den Originaltext als Dokument, über das in der Zielkultur berichtet wird, d.h. der Zieltext bleibt eindeutig als Übersetzung erkennbar. Diese Art der Übersetzung passt Form und Inhalt des Textes nicht an die Konvention der Zielkultur an. (vgl. Nord 2003, 82) Die Übersetzungsverfahren für diesen Übersetzungstyp lauten Wort-für-Wort-, wörtliche, philologische und exotisierende Übersetzung.[12] Letztere versucht neben formalen und inhaltlichen Aspekten, auch die situativen Merkmale des Ausgangstextes abzubilden und wird daher häufig für Literaturübersetzungen verwendet. (vgl. Nord 2003, 82) Beim Typ der instrumentellen Übersetzung dient der Zieltext als Instrument für eine kommunikative Handlung, d.h. es erfolgen Anpassungen im Hinblick auf die Situation und die Konventionen der Zielkultur sowie die Wissensvoraussetzungen der Rezipienten, um so den Übersetzungscharakter unkenntlich zu machen. (vgl. Nord 2003, 83) Dies macht zusätzliche Übersetzungsverfahren, nämlich die paraphrasierende und adaptierende Übersetzung, notwendig.[13] Paraphrasierend bedeutet, dass im Ausgangstext dargestellte Sachverhalte mit einer Erklärung versehen werden, um sie dem Wissenstand und kulturellem Hintergrund der Rezipienten anzupassen. (vgl. Munday 214) Die adaptierende Übersetzung passt kulturspezifische Sachverhalte im Ausgangstext durch die Ersetzung mit einem äquivalenten zielkulturspezifischen Sachverhalt an. Ein Beispiel ist die Ersetzung des englischen Nationalsports cricket mit dem französischen Radrennen Tour de France, da diese Sachverhalte ähnliche Funktionen in den jeweiligen Kulturen erfüllen. (vgl. Munday 166 f.) Diese zwei zusätzlichen Übersetzungsverfahren sind legitime und oft auch die einzigen Mittel, um einzelne Übersetzungsprobleme zu lösen.

Trotz dieser theoretischen Hilfsmittel der Übersetzungswissenschaft, die hier lediglich durch eine kleine und oberflächliche Auswahl repräsentiert wurden, bleibt die Übersetzung literarischer Texte eine Herausforderung. Denn [...] anyone who has seriously tried to translate from [a foreign language, d.V.] or into one, must have few illusions left as to the feasibility of the task in absolute terms. [...] [There, d.V.] simply is no absolute correspondence between the vocabulary, the sounds, the morphology, or the structures of languages. (Rickard 46)

Handelt es sich zusätzlich um ein so vielschichtiges und sprachlich komplexes Werk wie Lewis Carrolls Alice, trifft sicherlich Ortega y Gassets allgemeine Aussage bzgl. Übersetzungen zu und aus der Herausforderung wird eine „[...] Utopian enterprise“. (Ortega y Gasset in Mango, 82) Bei der späteren, detaillierten Analyse der Problemfelder wird sich zeigen, wie die Übersetzer diese Hilfsmittel eingesetzt und dieses utopische Unterfangen angegangen haben. Es wird sich auch herausstellen, welche Übersetzer sich für welchen Übersetzungstyp entschieden haben und welche Übersetzungsverfahren in den einzelnen Problemfeldern mit welchem Erfolg im Bezug auf die Adäquatheit der Übersetzung angewendet wurden. Doch zunächst wird im Folgenden ein möglicher Grund für die vielen in Alice vorkommenden Übersetzungsproblemfelder eruiert.

2.2 Carrolls Affinität zur Sprache und Sprachspielereien

Es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass die beiden literarischen Werke Alice’s Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass and What Alice Found There ihren Autor, Lewis Carroll, unsterblich machten. Ersteres ist ein Kartenspiel, letzteres ein Schachspiel und beide Werke sind in sich eigentlich gewaltige Sprach- und Logikspiele. (vgl. Davies 85) Unter anderem macht diese spezielle Verwendung von Sprache eine Übersetzung von AiW und TLG besonders schwierig. Jedoch sind nicht nur jene beiden, sondern auch Carrolls andere literarische Werke, wie z.B. The Hunting of the Snark, Sylvie and Bruno und Sylvie and Bruno Concluded, mit Merkmalen durchdrungen, die darauf schließen lassen, dass der Autor ein besonderes Interesse an Sprache und linguistischen Phänomenen gehabt haben muss. Dieses Interesse wurde allerdings nie direkt geäußert, sondern lediglich durch die spielerisch-virtuose Verwendung der Sprache aufgezeigt. (vgl. Sutherland 5) Die Verwendung der linguistischen Werkzeuge, mit denen er humoristische Effekte erzielte, fand dabei meist unbewusst statt, d.h. dass ihm z.B. die Existenz und damit auch die verschiedenen Bezeichnungen für bestimmte linguistische Phänomene nicht bekannt waren, dennoch verwendete er sie und kommentierte, wenn auch nur indirekt, ihre Wirkung. (vgl. Sutherland 15)

Carrolls Interesse an Sprache äußerte sich aber noch in weiteren Aspekten seines kreativen Schaffensprozesses. Da er die Buchstaben des Alphabets, ganze Wörter, zusammenhängende Phrasen und Lautsequenzen als Objekte betrachtete, die man beliebig manipulieren bzw. mit denen man spielen kann, wie mit den Spielfiguren in einem Gesellschaftsspiel, beschäftigte er sich ausgiebig mit Buchstaben- und Wortspielereien. (vgl. Sutherland 21) Susina geht sogar soweit und behauptet der Autor von Alice wäre von den Buchstaben des Alphabets und dem Briefeschreiben besessen gewesen. (vgl. 15) Er untermauert diese Behauptung mit der Tatsache, dass Carroll während seines Lebens 98.721 Briefe schrieb, die er in einem Verzeichnis mit einer kurzen Zusammenfassungen jedes Briefes festhielt. (vgl. Collingwood in Susina 15) Diese fast unglaubliche Anzahl an Briefen und die pedantische Führung des Registers unterstreichen Carrolls Faszination für Sprache. In diesen Briefen fanden sich auch zahlreiche seiner Sprachspielereien wieder und zwar besonders dann, wenn die Briefe an seine zahlreichen Kinderfreunde adressierten waren. (vgl. Susina 16) Drei seiner Steckenpferde unter den Buchstaben- und Wortspielereien, nämlich Anagramme, Akrosticha und Doublets, seien im Folgenden kurz beleuchtet.

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit werden die beiden Werke im Folgenden abgekürzt: Alice’s Adventures in Wonderland entspricht AiW und Through the Looking-Glass and What Alice Found There entspricht TLG; Bezug auf beide Werke wird mit Alice hergestellt.

[2] Im Gegensatz zu AiW wurde TLG wesentlich weniger oft übersetzt. 1964 existierten neben dem englischen Original lediglich 14 anderssprachige Versionen. (vgl. Weaver 67) Ein möglicher Grund könnte der explizitere philosophische Tenor von TLG und die daraus resultierende weniger gute Eignung für Kinder sein. (vgl. Weissbrod 232)

[3] Seit 1984 erschienen weitere deutsche Übersetzungen. Eine exaktere Recherche über die Anzahl ist jedoch weder im Rahmen dieser Arbeit noch ihrem Zweck dienlich. Einen ersten Anhaltspunkt für die gesamte Anzahl der deutschen Versionen bis 2005 liefert die Liste der deutschen Übersetzer in The German Alice, wobei 108 Übersetzer namentlich bekannt sind. (vgl. Pasterny/Wagner 125 ff.)

[4] Erste veröffentlichte fremdsprachliche und deutsche Version von AiW aus dem Jahre 1869. Zimmermann arbeitete mit Carroll bei der Übersetzung zusammen. (vgl. Elwyn/Gladstone 266)

[5] Die Problemfelder D) und E) aus Weavers Abhandlung sind nicht Teil dieser Arbeit.

[6] Bei dem törichten und oft weitschweifig erzählenden Dodo aus AiW handelt es sich um eine Karikatur des Autors selbst bzw. seines bürgerlichen Ichs. Carroll, dessen bürgerlicher Nachname Dodgson war, stotterte häufig und hatte Probleme seinen eigenen Nachnamen auszusprechen. (vgl. Gardner 1999, 27) So wurde aus Dodgson oft „Dodo-Dodgson“. (Gardner 1999, 27)

[7] Es handelt sich hierbei um die Überschriften von Kapitel III und IV. (vgl. Carroll 1998, 24 ff., 31 ff.)

[8] Das entsprechende Zitat findet sich in Anschnitt 1 auf Seite 4 dieser Arbeit.

[9] Außerdem enthält AiW ein von Carroll selbst kreiertes, einleitendes Gedicht und einen Kinderreim, den er unverändert wiedergibt. (vgl. Weaver 80) Von den insgesamt 11 Gedichten bzw. Liedern in TLG sind lediglich drei Parodien. (vgl. Rickard 54)

[10] Parodie des Kinderreimes The Star von Jane Taylor aus dem Jahre 1806. (vgl. Weaver 81)

[11] Soweit nicht anders angegeben, stammen alle deutschen Übersetzungen für Einzelwörter aus PONS Wörterbuch Englisch-Deutsch, Deutsch-Englisch (vgl. Agbaria) und alle englischen Worterläuterung aus Oxford advanced learner’s dictionary of current English. (vgl. Hornby)

[12] Die ersten drei Übersetzungsverfahren sind für den Zweck dieser Arbeit nicht von Bedeutung und werden deshalb nicht weiter erläutert. Erläuterungen finden sich bei Reiß. (vgl. 21 f.)

[13] Als weiteres Übersetzungsverfahren existiert die Auslassung. Sie wird für Informationen verwendet, die für den Rezipienten der Übersetzung nicht relevant sind. (vgl. Munday 212) Über Relevanz und letztendlich Auslassung entscheidet der Übersetzer, wobei diese Entscheidung nur in extremen Fällen Anwendung finden sollten.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Sprachspiele in Lewis Carrolls 'Alice' und das Problem ihrer Übersetzung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
43
Katalognummer
V201460
ISBN (eBook)
9783656273745
ISBN (Buch)
9783656274353
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lewis Carroll, Alice in Wonderland, Through the Looking-Glass, Sprachspiele, Puns, Übersetzung, Alice im Wunderland, Alice im Spiegelland, Komparatistik, Enzensberger, Teutsch, Schreckenbach, Flemming
Arbeit zitieren
Michael Schiller (Autor), 2012, Sprachspiele in Lewis Carrolls 'Alice' und das Problem ihrer Übersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201460

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