Organisationale Veränderungen, wie der Wandel im Organisations- und Führungsverständnis, verschieben das Machtgefüge zwischen Vorgesetzten und Untergebenen hin zu niedrigeren Hierarchieebenen. Dieser Trend hat zur Folge, dass behavioral influence Wissenschaftler verstärkt das informelle Einflussverhalten der unterstellten Organisationsmitglieder untersuchen. Ferner unterstreichen einige Forscher das Hervorbringen technischer Innovationen als sozialpolitischen Entscheidungsprozess, bei dem Mitarbeitern ein weiter Handlungsspielraum zusteht und ihr Einflussverhalten eine entscheidende Rolle spielt. Bislang liegen kaum Studien vor, die Erkenntnisse der behavioral influence Forschung auf den Forschungs- und Entwicklungsbereich (F&E) übertragen. Die vorliegende Arbeit greift dieses Forschungsdefizit auf und geht zunächst der Frage nach, welche im Rahmen der behavioral influence Forschung aufgedeckten Formen und Richtungen der Einflussnahme für den Mitarbeiter im F&E-Bereich gelten. Aus 50 ausgewählten Studien werden... als wichtigste Einflusstaktiken der Mitarbeiter im F&E-Bereich für die Beeinflussung von Vorgesetzten und Kollegen identifiziert. Die Form und Richtung der Einflussnahme hängt von verschiedensten Bedingungsvariablen ab. Hiermit setzt sich die zweite Forschungsfrage auseinander und prüft welche Erkenntnisse bisheriger Bedingungsanalysen auf den Mitarbeiter im F&E-Bereich übertragbar sind. Mehr als die Hälfte der 50 Studien decken eine Vielzahl an Bedingungsvariablen auf, die folgenden Forschungsschwerpunkten zugeordnet werden: 1) Gründe der Einflussnahme, 2) Bedürfnisse/Motive, Merkmale und Fähigkeiten, 3) Führungsstil der Zielperson und andere Merkmale der Organisation, und 4) sonstige Variablen. Als besonders hilfreich für die Beantwortung der zweiten Forschungsfrage erweist sich das Champion-Konzept aus der Innovationsforschung. Teilweise entfallen die Bedingungsvariablen für Mitarbeiter im F&E-Bereich wegen des Machtdefizites gegenüber Vorgesetzten oder müssen modifiziert werden. Die Mehrheit der Variablen ist jedoch allgemeingültig, so dass sie für jeden Organisationskontext und somit auch für den F&E-Bereich zutreffend sind. Insgesamt bestätigen die Ergebnisse dieser Arbeit, dass die Übertragung der Erkenntnisse aus der behavioral influence Forschung auf den Mitarbeiter im F&E-Bereich möglich ist. Darüber hinaus liefern sie diverse Anregungen für weiterführende Untersuchungen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffliche Grundlagen
2.1 Einführung in die Einflussverhaltenstheorie
2.1.1 Macht, Einfluss und Mikropolitik
2.1.2 Richtungen der Einflussnahme
2.1.3 Einflusstaktiken und Taktikkombinationen
2.1.4 Abgrenzung gegenüber verwandten Konzepten
2.2 Innovationstheoretische Grundlagen
2.2.1 Der Innovationsbegriff
2.2.2 Innovation als sozialpolitischer Prozess
2.2.3 Champions und andere Rollen von Innovatoren
3 Überblick bisheriger Studien zu behavioral influence
3.1 Forschungsstrom
3.2 Ermittlung und Messung von Einflusstaktiken
3.2.1 Deduktive Ansätze
3.2.2 Induktive Ansätze
3.2.2.1 Profile of Organizational Influence Strategies (POIS)
3.2.2.2 Influence Behavior Questionnaire (IBQ)
3.2.2.3 Kombinationen von Einflusstaktiken
3.2.3 Kritik zur Kategorisierung von Einflusstaktiken
3.2.4 Kritische Würdigung und Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum
3.3 Zusammenfassung und Relevanz für den F&E-Bereich
4 Ergebnisse bisheriger Studien mit Bedingungsanalysen und deren Bedeutung für den F&E-Bereich
4.1 Gründe der Einflussnahme
4.1.1 Untersuchte Zusammenhänge
4.1.2 Übertragung der Erkenntnisse auf den F&E-Bereich
4.2 Bedürfnisse/Motive, Eigenschaften und Fähigkeiten des Einflussnehmers
4.2.1 Untersuchte Zusammenhänge
4.2.2 Übertragung der Erkenntnisse auf den F&E-Bereich
4.3 Führungsstil der Zielperson und andere Merkmale der Organisation
4.3.1 Untersuchte Zusammenhänge
4.3.2 Übertragung der Erkenntnisse auf den F&E-Bereich
4.4 Sonstige Variablen
5 Zusammenfassung
5.1 Ergebnisse der Untersuchung
5.2 Kritische Würdigung der Ergebnisse
5.3 Managementempfehlungen
6 Anhang
Anhang A: Profile of Influence Strategies
Anhang B: 18-Item Kurzform des POIS
Anhang C: Target Fragebogen (Erez et al. 1986)
Anhang D: Influence Behavior Questionnaire (Target IBQ-G)
Anhang E: Erster deutschsprachiger Fragebogen
Anhang F: Einflusstaktiken in Organisationen (Blickle 2004)
Anhang G: Überblick der Studien mit Bedingungsvariablen
Anhang H: Zusammenhänge zwischen Motiven, Eigenschaften oder Fähigkeiten des Akteurs und dem Einflussverhalten
Anhang I: Führungsstile
7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Einflussverhalten von Mitarbeitern in Forschungs- und Entwicklungsbereichen (F&E), basierend auf der behavioral influence Forschung. Das primäre Ziel ist es, Formen und Richtungen der Einflussnahme (upward und lateral) zu identifizieren und zu prüfen, inwieweit bisherige Erkenntnisse aus der allgemeinen Organisationspsychologie auf den spezifischen Kontext der F&E übertragbar sind.
- Analyse von über 50 empirischen Studien zu Einflusstaktiken.
- Untersuchung von Bedingungsanalysen (Motive, Persönlichkeit, Organisationskontext).
- Kategorisierung von Einflusstaktiken und deren Kombinationen.
- Transfer der Ergebnisse auf den F&E-Bereich unter besonderer Berücksichtigung des Innovationsprozesses.
- Erstellung von Managementempfehlungen zur Förderung eines konstruktiven Einflussverhaltens.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Macht, Einfluss und Mikropolitik
Macht ist ein vieldiskutiertes sozialwissenschaftliches Phänomen, das in der Arbeitswelt eine große Rolle spielt. Die klassische Machtdefinition stammt von Weber (1980):
„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“
Seit langem versuchen Wissenschaftler, die Begriffe Macht und Einfluss klar voneinander abzugrenzen. Buschmeier (1995) wählt den Grad der Freiwilligkeit, mit der die Zielperson reagiert, als Abgrenzungskriterium. Er nimmt folgende definitorische Trennung vor:
Machtausübung – soziale Einwirkung, die den Interessen des/der Betroffenen zuwiderläuft;
Einflussnahme – soziale Einwirkung, die sich im Einklang mit den Interessen des/der Betroffenen befindet (Interessen werden nicht beeinträchtigt oder gefördert).
Fraglich ist, ob solch eine Differenzierung sinnvoll ist, denn wie auch aus Webers (1980) Definition hervorgeht, kann die Willens- oder Einstellungsänderung freiwillig oder unfreiwillig erfolgen. Mechanic (1962) schlägt vor, dass anders als bei Macht, Einfluss nicht gänzlich von der formalen Position innerhalb der Organisation abhängt. Mowday (1978) knüpft an diese Denkweise an, behauptet aber, dass Autorität auf einer hierarchischen Position beruht, wogegen Macht und Einfluss als breitere Konzepte auszulegen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung benennt die Forschungsdefizite hinsichtlich der Einflussnahme von Mitarbeitern in F&E-Bereichen und definiert die zentralen Forschungsfragen.
2 Begriffliche Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Fundamente, insbesondere die Abgrenzung von Macht, Einfluss und Mikropolitik sowie die Relevanz des Innovationsbegriffs.
3 Überblick bisheriger Studien zu behavioral influence: Es wird ein systematischer Überblick über den Forschungsstrom gegeben, Methoden der Taktikerhebung erläutert und die Forschung im deutschsprachigen Raum kritisch gewürdigt.
4 Ergebnisse bisheriger Studien mit Bedingungsanalysen und deren Bedeutung für den F&E-Bereich: Hier werden die Einflussfaktoren (Gründe, Bedürfnisse, Führungsstil) analysiert und deren Anwendbarkeit auf den spezifischen F&E-Kontext geprüft.
5 Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen, liefert eine kritische Würdigung und leitet konkrete Managementempfehlungen ab.
Schlüsselwörter
Behavioral Influence, Einflusstaktiken, Forschungs- und Entwicklung (F&E), Innovation, Upward Influence, Lateral Influence, Mikropolitik, Organisationspsychologie, Promotorenmodell, Innovationsmanagement, Macht, Führungsstil, Bedingungsanalyse, Commitment, Persönlichkeitsmerkmale.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Mitarbeiter in Organisationen – insbesondere im F&E-Bereich – Einfluss auf ihre Vorgesetzten und Kollegen ausüben, um ihre Ziele zu erreichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die "behavioral influence" Forschung, die Typologie von Einflusstaktiken, die Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Wahl dieser Taktiken und der Kontext von Innovationsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Identifikation der relevanten Formen der Einflussnahme und die Klärung der Frage, welche Erkenntnisse aus der allgemeinen Forschung auf den F&E-Bereich übertragbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktiv-induktive Literaturanalyse von über 50 empirischen Studien sowie die Zusammenführung von Bedingungsanalysen zur Ableitung von Managementempfehlungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Kapitel 2), die Übersicht des Forschungsstandes (Kapitel 3) und die Analyse von Bedingungsvariablen, die das Einflussverhalten beeinflussen (Kapitel 4).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Einflusstaktiken, Upward/Lateral Influence, Innovationsmanagement, Macht und organisatorisches Verhalten.
Welche Rolle spielt das "Champion"-Konzept?
Champions werden als zentrale Akteure identifiziert, die durch eine spezifische Kombination von Fachwissen, Netzwerk und politischem Geschick sowie einem ausgeprägten Einflussverhalten maßgeblich zum Erfolg von Innovationen beitragen.
Wie unterscheidet sich die Einflussnahme in F&E-Teams?
Im Vergleich zu hierarchischen Standardprozessen ist die Einflussnahme in F&E-Teams stärker durch laterale Beziehungen, flache Hierarchien und die Notwendigkeit zur informellen Überzeugung mittels rationaler Argumente geprägt.
Welche taktische Kombination ist laut der Untersuchung am effektivsten?
Es gibt keine einzelne "beste" Taktik; jedoch zeigen Studien, dass rationale Argumente, Konsultation und inspirierende Appelle in F&E-Kontexten eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit zur Erzeugung von Commitment aufweisen.
- Citar trabajo
- Marika Dertz (Autor), 2010, Form und Richtung der Einflussnahme von Mitarbeitern im F&E-Bereich, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201577