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Interferenzen - Fiktion und Fotografie bei W.G. Sebald

Title: Interferenzen - Fiktion und Fotografie bei W.G. Sebald

Thesis (M.A.) , 2011 , 99 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Julia Kraushaar (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Sebalds Prosa changiert zwischen Fakt und Fiktion ebenso wie zwischen fotografischem Erzählen und akribischer Geschichtsschreibung. Der Autor schafft es in seiner Rekonstruktion von Vergangenheit, der im 20. Jahrhundert mehr und mehr in Zweifel gezogenen Fotografie eine neue Relevanz als Medium der Erinnerung im literarischen Text zuzuweisen. Die Fiktion als Gedächtnisort erweist sich bei diesem Projekt als die der Zerbrechlichkeit des Individuums Raum gebende Form eines Erzählens, das sich auch als eine Kontemplation der Menschheitsgeschichte der Zerstörung und als ein Festhalten an der Hoffnung auf Einsicht und Umkehr versteht.

Diese Arbeit untersucht die fotografischen Abbildungen in ihrem Verhältnis zum Erzähltext in den drei Prosawerken Schwindel. Gefühle., Die Ausgewanderten und Austerlitz. Der Idee liegt die Tatsache zu Grunde, dass von ihnen eine Verweiskraft und Konstituierung im Gesamtwerk ausgeht, die in den Betrachtungen von Einzelwerken in der Forschung oft nur marginal zur Sprache kommt. Die vielfältigen Verbindungswege zwischen dem Erzähltext der drei Prosawerke, der zwischen dokumentarisch und fiktional schwankt, und der Fotografie zwischen banaler Tautologie und intertextuellem Verwirrspiel gaben den Anstoß zu dieser werkübergreifenden Untersuchung.
Sebalds Prosawerke werden dem neuen Genre „Foto-Text“ bzw. „Ikonotext“ zugeordnet, demnach tragen zwei unterschiedliche Medien zur Fiktionalität des Gesamtwerks bei.
Im ersten Abschnitt werden fiktionale und fiktive Erzählstrategien auf der textlichen Ebene untersucht. Nach einem kurzen Abriss über den Gegenstand Foto-Text und bisherige Forschungstexte zum Foto bei Sebald werden verschiedene Aspekte beleuchtet, die sowohl die Fotografie als Medium als auch das Foto in Sebalds Text betreffen.
Die Fotografie scheint dem Streben des Sebaldschen Textes nach Authentizität zunächst Nachdruck zu verleihen. In ihrer neuen, zusätzlichen Eigenschaft als Textbegleiter aber erhalten und verlieren die Fotos neue Dimensionen der Unschuld bzw. des Beteiligtseins.
In Bezug auf die Fiktionalisierung des Ikonotextes erlangt das eingebettete Foto aufgrund der Eigenschaft, einen unwiederbringlichen Augenblick im historischen Zeitgefüge festzuhalten, eine besondere Stellung, die sich im Text niederschlägt und an vielen Stellen ihre textliche Entsprechung findet. Einen weiteren Schwerpunkt in der Betrachtung von Sebalds Fotografien bildet die Seite der Rezeption.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

2. EINLEITUNG

3. ASPEKTE DES ERZÄHLENS BEI W.G. SEBALD

3.1 Fiktionale Strategien des Erzählens

3.1.1 Erzähler und Autor: Die Erfindung des Ich

3.1.2 Biografien weiterschreiben. Das Dokument und das reflexive Hineinversetzen

3.1.3 Der zweite Erzähler: Zeugenschaft als erzählerisches Mittel in Die Ausgewanderten

3.1.4 Fotografisches Erzählen

3.2 Fiktive Strategien des Erzählens

3.2.1 Reise und Exil bei Sebald

3.2.1.1 Sebalds Reisen – Ortswechsel als Grundvoraussetzung der Fiktion

3.2.1.2 Ambros Adelwarth: Die Ausreise des Onkel Kasimir

3.2.2 Fühlen, Denken, Verzweifeln: Erinnern und Erinnerungslosigkeit in All'estero

3.2.3 Austerlitz' Schreibkrise und die Gedächtnislosigkeit der Fotografie

4. DIE FOTOGRAFIEN IN SEBALDS WERK

4.1 Verweise zur Theorie von Text und Bild sowie Ikonotexten

4.2 Theoretische Vorbetrachtungen zur Fotografie

4.2.1 Der besondere Realitätsbezug der Fotografie

4.2.2 Fotos als Vergangenheitsbilder

4.3 Sebalds Fotos: Die vermittelte Verwendung eines (scheinbar) distanzlosen Mediums

4.3.1 Formelle Aspekte zu Sebalds Bildern

4.3.2 Der Autor und die Fotos

4.3.3 Der Erzähler und die Fotos

4.3.4 Zur Verbindung von Foto und Text bei W.G. Sebald

4.3.5 Rezeption der Ikonotexte

4.4 Funktionen von Foto-Text-Relationen

4.5 Fotos vom Erzähler

4.5.1 Erzählerfoto in Die Ringe des Saturn: Die absolute Vergangenheit

4.5.2 Erzählerfoto in Die Ausgewanderten: Der Fotograf im Text

4.5.3 Erzählerfoto in Schwindel. Gefühle.: Ein Zuzwinkern

5. BETRACHTUNGEN EINZELNER FOTOGRAFIEN

5.1 Fotografien in Austerlitz

5.1.1 Kuppel des Bahnhofs von Antwerpen / brennender Bahnhof von Luzern: Das Wichtige liegt im Abseits

5.1.2 Zwei Fotos auf dem Weg zur Vergangenheit: Das Mosaik und das Treppenhaus

5.1.3 Die Fotos von Věra

5.1.3.1 Das Bühnenbild mit zwei Schauspielern

5.1.3.2 Der Page der Rosenkönigin

5.1.3.3 Der vergessene Fundort der Fotografien

5.1.3.4 Balzacs Erzählung Le Colonel Chabert als Prätext

5.2 Fotografien in Henry Selwyn

5.2.1 Der Tennisplatz

5.2.2 Der Küchengarten

5.2.3 Gemeinsamkeiten der Fotos

6. SCHLUSSBETRACHTUNG

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht das Verhältnis von fotografischen Abbildungen zu den Erzähltexten in den drei Prosawerken "Schwindel. Gefühle.", "Die Ausgewanderten" und "Austerlitz" von W.G. Sebald. Ziel ist es, die Verweiskraft der Fotos und ihre Funktion im Spannungsfeld zwischen Dokumentarismus und Fiktion zu ergründen, da diese in der bisherigen Forschung oft nur marginal behandelt wurden.

  • Fiktionale Strategien und das Erzählen bei W.G. Sebald
  • Die Funktion von Fotografie als "Foto-Text" oder Ikonotext
  • Das Spannungsfeld zwischen Authentizitätsanspruch und erzählerischer Fiktionalisierung
  • Analyse der Vermittlung von Erinnerung durch Bild-Text-Relationen
  • Interpretation ausgewählter Schlüsselfotografien aus dem Gesamtwerk

Auszug aus dem Buch

Die Fotografien in Sebalds Werk

Da die Theorie von Bild und Text sowie die zahlreichen Verbindungen der beiden Medien nicht im Zentrum dieser Arbeit stehen, sollen an dieser Stelle die Arbeiten anderer Sebald-Forscher genannt werden, die in der Hinführung zu ihren Untersuchungen aufschlussreiche Zusammenfassungen der einschlägigen Theorien gegeben haben. Die Geschichte von Illustration und Bildbeigabe zu Text bis zum neuen Genre Foto-Text hat Thomas von Steinaecker in seiner Einführung in "Literarische Foto-Texte" ausführlich erläutert. Theoretische Ausführungen zur Text-Bild-Forschung fasst Antje Tennstedt aufschlussreich zusammen. Auch Alex Seiler stellt theoretische Ansätze der Text-Bild Forschung vor.

Wir müssen fotografische Bilder nicht erst lesen, damit wir sie verstehen – auch wenn sich uns nach genauerer „Lektüre“ möglicherweise der ganze Inhalt des Dargestellten öffnet, sagen Fotos doch dem Betrachter sofort irgendetwas, denn sie sind keinem Sprachcode unterworfen. Jeder versteht Fotos, weil sie Dinge so abbilden, wie sie man mit eigenen Augen sehen könnte und daher wirken sie zunächst per se dokumentarisch:

„So werden Fotos, im Gegensatz zu geschriebenen Texten, nicht als Interpretationen, sondern vielmehr als Fakten wahrgenommen.“

Gerade das Foto muss jedoch, weil es spezifische Aussagen über ein in der Vergangenheit stattgefundenes Ereignis machen, in einen Kontext eingebunden werden. Die Fotografie in unkommentierter Form ist ein bedeutungsoffenes Zeichen. Das Medium Fotografie kann also bebildern, nicht jedoch einordnen und Beziehungen herstellen. Trotz dieses Umstands bringen wir dem Foto noch immer ein besonderes Vertrauen entgegen, da wir es als eine Repräsentationsform wahrnehmen, „[...] that does have a privileged relationship to past reality.“ Diesen besonderen Realitätsbezug der Fotografie fasst Barthes im Vergleich mit anderen Künsten zusammen.

Zusammenfassung der Kapitel

2. EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert die Relevanz von Sebalds Prosa für die Erinnerungskultur und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Verhältnisses von Text und Fotografie.

3. ASPEKTE DES ERZÄHLENS BEI W.G. SEBALD: Dieses Kapitel analysiert die erzählerischen Strategien, insbesondere die Konstruktion des Ich-Erzählers und die Vermischung von faktualen und fiktionalen Elementen.

4. DIE FOTOGRAFIEN IN SEBALDS WERK: Es wird die theoretische Grundlage für die Untersuchung der "Foto-Texte" gelegt und die Funktion sowie Rezeption der eingebetteten Fotografien diskutiert.

5. BETRACHTUNGEN EINZELNER FOTOGRAFIEN: In diesem Hauptteil erfolgt eine detaillierte Einzelanalyse ausgewählter Fotografien aus "Austerlitz" und "Die Ausgewanderten" hinsichtlich ihrer narrativen Wirkung.

6. SCHLUSSBETRACHTUNG: Die Arbeit schließt mit einem Resümee darüber, wie Sebald durch die Einbettung von Fotos das Erzählen als Medium der Erinnerung transformiert.

Schlüsselwörter

W.G. Sebald, Fotografie, Ikonotext, Fiktion, Dokumentarismus, Erinnerung, Foto-Text, Austerlitz, Die Ausgewanderten, Schwindel. Gefühle., Narratologie, Erzählstrategien, Bild-Text-Beziehung, Intermedialität, Authentizität

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Rolle von Fotografien in den drei Prosawerken von W.G. Sebald und analysiert, wie diese Bilder den Erzähltext beeinflussen und ergänzen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Felder sind die Verbindung von Literatur und Fotografie (Intermedialität), die Darstellung von Erinnerung und die Auflösung der Grenzen zwischen Faktum und Fiktion.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Ziel ist es, die systematische Funktion der in die Texte eingebetteten Fotografien zu beleuchten und ihre Bedeutung für die Konstitution des erzählten Werks zu verstehen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die narratologische Ansätze mit medientheoretischen Überlegungen zur Fotografie verbindet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des "Foto-Textes" und eine detaillierte Untersuchung konkreter Bildbeispiele aus den untersuchten Romanen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Schlüsselbegriffe sind Ikonotext, Fiktionalisierung, Erinnerungskultur, Dokumentarismus und die spezifische Erzählweise von Sebald.

Wie geht die Autorin mit der "Echtheit" der Fotos bei Sebald um?

Die Arbeit arbeitet heraus, dass Sebald die Fotos nicht als Beweisdokumente, sondern als "bedeutungsoffene Zeichen" nutzt, die erst durch den Erzählkontext ihre spezifische, oft ironisch gebrochene Wirkung entfalten.

Warum ist die Rolle des Erzählers für die Fotografie so entscheidend?

Der Erzähler fungiert als Instanz, die das Foto in den Text integriert; seine Deutung und sein Umgang mit dem Bild (z.B. durch Fußnoten oder Kommentare) steuern die Wahrnehmung des Lesers maßgeblich.

Welche Bedeutung haben die "Bühnenbild"-Fotos für die Deutung von Austerlitz?

Sie illustrieren die Verschränkung von privater Erinnerung und kulturellem Gedächtnis und dienen dem Protagonisten als Ankerpunkte, um sich seiner eigenen Geschichte und Identität anzunähern.

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Details

Title
Interferenzen - Fiktion und Fotografie bei W.G. Sebald
College
Technical University of Berlin  (Institut für LIteraturwissenschaft)
Grade
1,0
Author
Julia Kraushaar (Author)
Publication Year
2011
Pages
99
Catalog Number
V201594
ISBN (eBook)
9783656321583
ISBN (Book)
9783656324942
Language
German
Tags
Winfried Georg Maximilian Max Fototheorie Intermedialität Nachkriegsliteratur Foto-Text Photographie Ikonotext Fiktionalität Erinnerung Gedenken Holocaust Shoah Shoa Literatur
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Julia Kraushaar (Author), 2011, Interferenzen - Fiktion und Fotografie bei W.G. Sebald, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201594
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