Das Koreanische Kino „A Tale of Two Sisters“

Psychoanalyse und Politik als Interpretationsebenen im Horrorfilm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

94 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Dramaturgie und Spannungskurve

2 Mise en Scéne
2.1 Set Design
2.2 Bildkomposition
2.3 Einstellungsgrößen
2.4 Brennweiten
2.5 Schärfe und Unschärfe
2.6 Perspektive
2.7 Kamerabewegungen
2.8 Licht und Schatten
2.9 Farbe

3 Montage

4 Symbolik

5 Ton und Musik

6 PKS Modell nach Peter Wuss

7 Ein Vergleich mit Hitchcock und „Psycho“
7.1 Das Sexuell-psychologische Thema
7.2 Architektur und Design
7.3 Isolation und Identitätsverlust
7.4 Kamera und Montage
7.5 Die Musik

8 Psychologische Hintergründe

9 Politische Hintergründe

10 Synopse 1. Exemplarische Stelle

11 Synopse 2. Exemplarische Stelle

12 Literaturverzeichnis

1 Dramaturgie und Spannungskurve

1 0:00:00 Titel und Kredits.

2 0:01:48 Ein Arzt wäscht sich die Hände. Sumi wird zu ihm in die Heilanstalt begleitet. Ein Familienphoto löst Erinnerungen bei Su-mi aus.

3 0:05:20 Ein Wagen fährt durch grüne Landschaften zu einem abgelegenen Haus. Su-mi und Su-yeon vor dem Haus, das unheimlich dun- kel und geheimniswoll wirkt.

4 0:08:47 Su-mi und Su-yeon laufen zum See. Su-mi schaut sich die Lebenserwartungslinien auf Su-yeons Hand. Die schein-idyllische Handlung und Umgebung wird durch Beobachtung aus allen Perspektiven gestört.

5 0:10:50 Die beiden gehen ins Haus und wer- den von der Stiefmutter empfangen. Das Bild der Idylle wird beim Hausbetreten zerbrochen. Der starke Kontrast zwischen draußen und drinnen bringt eine besondere Atmosphäre und lässt die Stiefmutter als Bedrohung aussehen. Sie bemüht sich zwar herzlich zu sein, doch die beiden Schwestern distanzieren sich. Besonders Su-yeon hat Ängste vor der Stiefmutter: „Du bistdeiner Mutter sehrähnlich.“ Ein tiefer innerer Konflikt zwischen der Stiefmutter und den bei- den Schwester wird angedeutet.

6 0:12:58 Su-mi alleine in ihrem Zimmer. Sie stellt die stehengebliebene Uhr von 12:45h auf 14:20h. Sie spürt etwas und geht zum roten Schrank. Im Schrank befnden sich zwei Sorten völlig identischer Kleider.

7 0:15:13 Die Stiefmutter trägt die Wäsche durch den langen verdunkelten Flur und nimmt auch die Unterwäsche des Vaters aus dem Schlafzimmer mit. Als sie entdeckt, dass Vaters Unterwäsche bereits schon vorliegt, wirft sie die, aus ihrer Hand, in einen Korb.

8 0:16:02 Der Vater telefoniert mit jemanden und äußert sich besorgt. Die Lage soll ange- spannt sein, doch Hilfe wird nicht benötigt. Er gibt bekannt das Sun-kyu und seine Frau bald zu Besuch kommen. Nach dem Telefonat will er sich eine Zigarette gönnen, doch ihm fehlt das Feuer.

9 0:16:58 Die Familie beim Abendessen in einer unterkühlten Atmosphäre. Die Stiefmutter versucht ein Gespräch zu führen, doch der Vater bleibt desinteressiert und abwesend. Er steht auf und geht. Die Stiefmutter wendet sich an die Schwester: „Habt ihr die Wäsche für euren Vater herausgelegt? Danke, aber das mache ich jetzt.“ Su-mi: “Verstehe! Aber ich will nicht, dass du mein Zimmer aufräumst. Waren im Schrank schon vorher so viele gleiche Kleider?“. Der Vater legt zwei Tabletten auf den Tisch vor die Stiefmutter. Su-mi sagt zur Stiefmutter, dass sie nicht mit ihren Gästen Sun-kyu und seiner Frau zusammnen essen wird: „Ich setze mich nicht mit diesem Typ an einen Tisch.“, worauf die Stiefmutter beantwortet: „Das ist nicht irgendein Typ, sondern dein Onkel.“ Die Schwestern ver- lassen den Tisch.

10 0:20:10 Die Stiefmutter draußen vor dem Käfig mit dem Vogel.

11 0:20:50 Der Vater nachdenklich mit der Video Kamera in der Hand.

12 0:20:56 Die Stiefmutter im Doppelspiegel. Als sie die Geräusche vom Vater hört geht sie schnell ins Bett. Parallel dazu Su-mi und Su-yeon in ihren Betten. Der Vater und die Stiefmutter liegen nebeneinander im Bett.

13 0:22:03 Der Vater legt sich im Arbeitszimmer ins Bett um zu schlafen. Die Tatsache, dass er ge- trennt von seiner Frau schläft deutet an, dass etwas nicht stimmt in ihrer Beziehung. Die Stiefmutter wird von Schritten aus der Oberen Etage geweckt.

14 0:23:19 Auch Su-yeon wird wach und sieht, wie eine weibliche Hand die Tür in ihr Zimmer öffnet. Su-yeon versucht sich unter der Decke zu verstecken, doch sie wird aufgespürt. Die Türen gehen zu und die laufenden Schritte im Flur ent- fernen sich. Su-yeon rennt verängstigt zu Su-mi ins Bett: „Ich höre ständig merkwürdige Stimmen da draußen. Jemand war vorhin in meinem Zimmer.“

15 0:26:19 Su-mi geht die Treppen runter. Sie deckt den schlafenden Vater zu und streichelt sein Gesicht. Die Stiefmutter kommt ins Zimmer und mischt sich ein. Sie will nicht das Su-mi den Vater weckt. Su-mi geht zum Kühlschrank, nimmt ein Wasser heraus und erschreckt sich vor blutig verpackten Fischresten. Die Stiefmutter sitzt alleine im Wohnzimmer vor dem programmlosen, rauschenden Fernseher.

16 0:29:37 Su-mi und Su-yeon liegen im Bett. Su-mi übernimmt nicht nur die Rolle der größe- ren Schwester sondern versucht auch die Rolle der Mutter zu übernehmen: „Diese Frau ist so merkwürdig. So wie das ganze Haus. Hast du Angst? Es ist alles in Ordnung. Ich bin doch bei dir. Na komm her! Schlaf gut! Ich werde immer bei dir sein. Das verspreche ich dir.“

17 0:31:28 Es ist Morgen und der Vater wird wach. Das Bett von der Stiefmutter ist leer. Su- mi erlebt Albträume. Der Geist ihrer gehängten Mutter erschreckt sie in ihrem Zimmer. Die sexuellen Elemente wie Blut und Hand zwischen den Beinen der Mutter sowie die gestrigen Versuche von Su-mi die Rolle der Mutter zu übernehmen deuten auf einen Elektra Komplex hin. Der Geist der Mutter revoltiert dagegen in Su-mis Unterbewusstsein, in ihren Träumen.

18 0:35:08 Su-mi erwacht aus dem Albtraum. Der Vater ist nach oben gekommen: „Kann ich reinkommen?“. Su-mi:„Nein“. Der Albtraum der Mutter hat in Su-mi neue Ängste ausgelöst, sie distanziert sich jetzt von dem Vater. Sie bemerkt blutige Flecken auf dem Bett; Su-yeon hat ihre Menstruation bekommen.

19 0:37:11 Su-mi in dem Zimmer der Stiefmut- ter, wo sie Damenbinden sucht. Auch die Stief- mutter hat ihre Tage zum gleichen Zeitpunkt bekommen: „Wir haben am selben Tag und zu selber Zeit die Tage bekommen“. Su-mi auf der Motor des Films: Identitätssuche /verlust Verarbeitung einer familiären Trauma-Tragödie Toilette. Hat Su-mi auch ihre Menstruation? (Da es sich um ein und dieselbe Person handelt, hat der Regisseur dies offen gelassen, sonst hätte man zu viel verraten.)

20 0:39:22 Die beiden Schwestern draußen. Su- yeon versucht verzweifelt das Lieblinglied ihrer verstorbenen Mutter zu pfeifen. Die Vögel der Stiefmutter zwitschern mit. Su-mi: „Sollen wir sie töten?“ Su-yeon: „Nein, lassen wir sie lieber frei.“ Su-mi: „Die doofe Kuh flippt völlig aus, wenn wir ihre Lieblinge umbringen. Das würde ich zu gern sehen.“ Als der Vater kommt, fordert Su-mi von ihm, den Schrank aus Su-yeons Zimmer wegzuwerfen. Der Schrank wird immer mehr zu Geheimnis. Der Vater versucht eine Klarung: „Ich weiß, dass du böse auf mich bist. Ich bin leider ein schlech-ter Vater.“ Su-mi: „Du bistüberhaupt kein Vater“

21 0:42:07 Su-mi alleine im Wald. Während sie aus dem maroden Schuppen im Wald einen Koffer mit Sachen von der Mutter bringt, hat der Vogel aufgehört zu zwitschern.

22 0:43:20 Sie zieht sich die Kleider der Mutter an und betrachtet die Familenphotos. Ihr Blick ändert sich, als sie die Stiefmutter auf den Fotos entdeckt. Su-yeon kommt ins Zimmer und die beiden schauen sich die Sachen an. Su- mi entdeckt blaue Flecken an Su-yeons Arm. Sie will wissen, ob Su-yeon von der Stiefmutter tyrannisiert wird.

23 0:46:55 Während sich der Vater rasiert, streiten sich Su-mi und die Stiefmutter. Su-mi: „Warum bist du so böse?“ Stiefmutter: „Su-yeon hat diese Strafe verdient, denn sie war sehr ungehorsam.“ Su-mi: „Weißmein Vater, was du getan hast?“ Stiefmutter: „Bildest du dir ein, dass dein Vater dir helfen könnte? Hol ihn doch her! Setz dich! Du hast keine Manieren. Warst du bei deiner Mutter auch so?“ Su-mi: „Lass meine Mutter aus dem Spiel!“

Stiefmutter: „Ich bin jetzt deine Mutter. Du hast keine andere Mutter mehr. Hör auf, dir ständig alte Fotos anzuschauen und herumzuheulen. Das passt dir nicht, nicht wahr? Aber so ist das Leben, Kleines. Hör auf, die Welt durch eine rosarote Brille zu sehen. Jeder erlebt mal etwas Schlimmes. Ich muss euch beide auch ertragen.“

24 0:49:06 Der Vater geht hinter Su-mi her und hält sie an: „ Was ist los mit dir?“ Su-mi: „Hast du wirklich keine Ahnung? Warum bin ich daran schuld? Warum verlangst du nur von mir Verständniss?“ Vater: „Ja ... vielleicht, ich weißes nicht. Daher frage ich dich. Bitte sag mir, was los ist! Ich bin schließlich dein Vater.“ Su-mi: „Würde das irgendetwasändern?“ Vater: „Du darfst das nicht für dich behalten. Du kannst mir alles erzählen. Bitte! Willst du wieder so krank werden?“ Su-mi deutlich entäuscht darüber, dass neben der Stiefmutter auch ihr Vater sie für krank hält: „Na gut. Von jetzt an bist du verantwortlich für all die schmutzigen Dinge, die hier passiert sind.“

25 0:52:07 Abendessen mit den Gästen Sun-kyu und seiner Frau Mi-hee. Der Konversations- Versuch der Stiefmutter mit Sun-kyu geht dane- ben. Mi-hee bekommt einen Anfall und fällt zu Boden. Der Vater und Sun-kyu versuchen ihr zu helfen.

26 0:57:04 Sun-kyu und seine Frau Mi-hee auf dem Weg nach Hause. Mi-hee behauptet ein Kind unter dem Waschschrank gesehen zu haben. 27 0:58:20 Der Vater geht schlafen. Die Stief- mutter in der Küche sieht den Geist in einem grünen Kleid.

28 1:01:22 Die Stiefmutter erschrocken mit zwei Tabletten in der Hand. Sie spricht zum Vater: „Hier geschehen seltsame Dinge.“

29 1:03:36 Der Vater entdeckt, das ein Vogel tot ist. Die Stiefmutter beobachtet ihn aus der Ferne.

30 1:04:52 Die Stiefmutter rächt sich für den toten Vogel und sperrt Su-yeon im Kleider- schrank ein. Sie demonstriert ihre Macht: „Ich will, dass du mich um Verzeihung bittest!“

31 1:09:39 Su-mi wird wach und entdeckt Su- yeon im Kleiderschrank: „Es tut mir leid. Ich habe dich nicht gehört. Das passiert nie wieder, niemals.“ Der Vater begräbt draußen den toten Vogel. Su-mi tröstet Su-yeon. Der Vater komt rein und will wissen, warum sie den Vogel getötet hat. Su-mi sagt, dass die Stiefmutter Su-yeon gequält hat: „Sie ist eiskalt. Sie sperrt Su-yeon zur Strafe immer in den Schrank ein.“ Der Vater kann es nicht fassen: „Hör auf damit. WENDE 1 ... Deine Schwester ist tot! Wie lange willst du das noch verdrängen?“ Während Su-mi weint, bebt das Kamera Bild von Su-yeon.

32 1:15:13 Der Vater telefoniert und bittet um Hilfe, denn Su-mi gehe es schlechter und er schaffe es nicht mehr alleine.

33 1:15:35 Der Morgen danach. Die Stiefmuter zieht hinter sich einen blutigen Sack. Sie schlägt mehrmals mit einem Golfschläger da drauf. Su-mi wird wach und entdeckt die Blutspuren. Sie ver- sucht den blutigen Sack aufzumachen. In Panik geraten, befürchtet sie, dass Su-yeon da drinnen ist. Der Wasserkocher kocht. Es kommt zum emo- tionalen Höhepunkt. Su-mi erlebt erste „Flash- back“ Effekte. Ihre Gedanken springen hin und her zwischen Realität und Einbildung, wobei es noch unklar bleibt, was real und was irreal ist.

34 1:22:15 Die Blutspuren am Boden teilen sich in zwei Wege. Su-mi folgt die Spur die zum Schrank in Su-yeon Zimmer führt. Die Stiefmuter mit dem Wasserkocher greift Su-mi an. Es kommt zum Kampf, in dem die Stiefmutter zum Sieger wird.

35 1:24:03 Die Stiefmutter zieht Su-mi mit sich. Su-mi am Ende ihrer Kräfte. Die Stiefmutter hat sich durchgesetzt: „Weißt du was wirklich beäng- stigend ist? Du würdest am liebsten alles verges- sen, einfach vergessen. Aber das wirst du niemals können. Du kannst es nicht ungeschehen machen. Es wird dich immer verfolgen. Du kannst es nicht abschütteln. Es geht einfach nicht weg. Verstehst du? Du wirst aus diesen Alptraum nie erwachen. Niemals!“ Su-mi liegt hilflos am Boden und bittet die Stiefmutter: „Hilf mir!“ Die Stiefmutter: „Sicher! Ich werde dir helfen. Gleich ist alles zu Ende.“ Sie nimmt eine Statue und will sie auf Su-mis Kopf werfen.

WENDE 2

36 1:27:24 Der Vater betritt den Raum und fin- det Su-mi am Boden. Er geht in die obere Etage und findet den demolierten Erste Hilfe Kasten und andere Kampfspuren. Im Schrank findet er eine Puppe im Sack. Er bringt die Tablette zur Stiefmutter runter. Die sitzt jetzt an der Stelle wo kurz zuvor noch Su-mi saß. Als die wahre Stiefmutter durch die Tür kommt, enthüllt sich mit „Flash-Back“ Effekten, dass Su-mi, Su-yeon und die „falsche“ Stiefmutter ein und dieselbe Person sind. Su-mi hat eine schwere schizophre- ne Psychose.

37 1:32:58 Su-mi in der Heilanstalt. Sie hält die Hand der Stiefmutter fest. Diese befreit ihre Hand mit Gewalt.

38 1:35:39 Su-mi erinnert sich an die Tage, als die Mutter noch lebte und der Vater mit der Stiefmuter nach Hause kam. Die Stiefmutter ist jetzt für den Haushalt zuständig, sie bringt die Einkäufe ins Haus. Su-yeon fällt es schwerer, das zu verkraften. Su-mi empfindet mit ihrer kleine- ren Schwester. Su-mi rebeliert am Esstisch gegen die Stiefmutter. Diese bestraft Su-yeon, sie nimmt ihr den Löffel weg.

39 1:37:14 Su-yeon weinend in ihrem Zimmer. Die Mutter kommt zu ihr. Sie weint auch. Die beiden umarmen sich.

40 1:37:52 Su-mi in der Heilanstalt. Sie hört Su- yeons Pfeifen. Die Stiefmuter alleine am Tisch. Sie hört auch Su-yeons Pfeifen und Laufgeräu- sche von der oberen Etage her. Die Tritte der Stiefmutter hinterlassen im Parkett blutige Spuren.

41 1:38:59 Die Stiefmutter betritt Su-yeons Zimmer. Sie spürt unheimliche Kälte. Das Licht geht aus und aus dem Schrank kommt der Geist eines Kindes in einem grünen Kleid auf die Stiefmutter zu. Auch die wahre Stiefmutter hat ihre Geheimnisse und reale Albtraum-Ängste. Der Schrei der Stiefmutter weitet sich nach drau- ßen in die Nacht aus.

NEU-TRALISIERUNG DER GEGENSÄTZE

42 1:41:56 Su-mi weint in der Heilanstalt. Sie verarbeitet Erinnerungen und trauert gleichzeitig.

43 1:42:13 Su-yeon wird wach und entdeckt die Mutter, die sich im Schrank erhängt hat. In Panik geraten, versucht sie sie loszuziehen. Dabei fällt der Schrank auf sie.

44 1:43:16 Unten haben alle gehört, dass etwas nicht stimmt, doch sie machen ihre Arbeiten wei- ter. Su-mi, der Vater, Sun-kyu und seine Frau Mi- hee. Die Stiefmutter geht als einzige nach oben, um nachzuschauen.

45 1:43:53 Die Stiefmutter sieht den umgefalle- nen Schrank auf Su-yeon und ihrer Mutter. Das Bild von Su-yeon im grünen Kleid fällt um und das Glas zerbricht. Su-yeon lebt noch, doch die Stiefmutter dreht sich um und geht wieder runter.

46 1:43:53 Die Stiefmutter eine Etage tiefer. Als sie sich umdrehte, um vielleicht doch der Kleinen zu Hilfe zu kommen, kommt Su-mi aus ihrem Zimmer: „Warum bist du hochgekommen? Mein Vater ist nicht da.“ Stiefmutter: „Wie meinst du das?“ Su-mi: „Du bist nicht unsere Mutter, klar!!! Hör zu! Lass uns einfach in Ruhe! Geh mir aus dem Weg. Ich will hier durch!“

Stiefmutter: „Warte! Das wirst du eines Tages bitter bereuen. Das verspreche ich dir.“ Su-mi: „Was gibt es schlimmeres, als sich mit dir zu unterhalten? Ich wäre am liebsten weit weg, damit ich dich nicht ertragen muss. Hast du mich jetzt verstanden?!!!“

47 1:45:53 Su-mi geht aus dem Haus, weit weg und bleibt auf einer Distanz stehen. Su-yeon stirbt in diesem Moment und ihre Augen schlie- ßen sich. Su-mi empfindet etwas, sie dreht sich um in Richtung Haus und sieht die Stiefmutter auf dem Balkon. Sie macht die Balkontüren zu und schließt sich im Haus ein. Su-mis Hass gegenüber der Stiefmutter unterdrückt alle ande- ren Gefühle, sie dreht sich wieder weg von dem Haus und geht nachdenklich weiter. Das Bild bleibt stehen auf ihrem unklaren Gesichtsausdruck. Die Farben verblassen und das Bild wird nur noch Schwarz-Weiss.

48 1:47:47 Su-mi sitzt alleine am Dock. Sie schaut vor sich in Richtung See, die Farben kehren zurück, doch der Horizont ist von allen Seiten teilbegrenzt.

2 Mise en Scéne

2.1 Set Design

Kim Jee Woon gehört neben Park Chan-wook (Old Boy, Sympathy for Mr. Vangance), Bong Joon-Ho (Memories of Murder), zu der neuen Generation Koreanischer Filmemacher. Geboren 1964 in Seoul arbeitet er erst einige Jahre im Theater. Sein Übergang zum Film beginnt 1987 als Drehbuchautor für Wonderful Season. Ein Jahr später dreht er „A Quiet Family“, seinen ersten Spielfim. Als „A Tale of Two Sisters“ 2003 einen weltweiten Erfolg ereicht, ist er selbst überrascht. Der Film ist eher als Horrorfilm für Cineasten gedacht, doch dank seiner Suspense Qualitäten wird er bald als Geheimtip gehandelt. Trotz einiger Kritiken, dass der Film unüberschaubar und unstrukturiert wirke, hat er sehr posi- tives Echo, nicht nur bei dem Publikum bekommen, sondern auch Preise an verschiedenen Filmfestivals weltweit gewonnen. In Korea ist der Regisseur mittelweile zum Star gekrönt. Kim Jee Woon: „Dieser Film zeigt den Horror und das Chaos, dass durch Erinnerungen hervorgeru- fen wird. Die Geschichte entfaltet sich rückwärts. Ich wollte das Publikum einladen in das wahrhafte Drama und die Maskerade der Figur. Deshalb sind der Plot oder die Erzählstruktur etwas verwirrend. Ich glaube, die Verwirrung war sehr angemessen, um die schrecklichen Erinnerungen zuübermitteln“. 1 )

A Tale of Two Sisters ist eine Verfilmung, basiernd auf ein koreanisches Volksmärchen „Janghwa, Hongryeom“ und die Orte sowie die Geschichte sind in die heutige aktuelle Zeit projiziert. „Janghwa“ bedeutet auf koreanisch „Rose“ und „Hongryeom“ bedeutet „Lotus“. Schon in den Kredits Einblendung sehen wir William Morris´s2 ) Blumentapete. In Abwechslung mit der Einblendung der Namen werden die Blumen, wie vom Wind gepflückt und aus dem Bild ausgetragen. Dieses Motiv sehen

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A Tale of two sisters Abb. 2 © 2005 DVD e-m-s new media AG

wir an den Tapeten im Wohnzimmer und rund um den Esstisch.

Variationen von ähnlichen Blumentapeten Mustern sehen wir permanent später im Film. In den Zimmern der beiden Schwester sind es die großen, im Elternwohnzimmer sind es dagegen abstrakte Blumen. In den Fluren sind es Kletterpflanzen und nur der Bereich des Vaters, also das Arbeitszimmer hat einfache grafische Muster.

Die Grundidee des Regiseurs für das Set Design war Traurigkeit, Schönheit und Schrecken. Die Motive mit Blumen im Hintergrund haben etwas zerbrechliches und gleichzeitig schönes und romantisches. Dagegen steht die Architektur und die Haus Struktur mit dunklen massiven antiken Möbeln und langen Flurgängen.

Das alte Haus und die antiken Möbel in „A Tale of Two Sisters“ erzeugt eine ähnlich- düstere Wirkung wie die gothischen Gebäude im angelsächsischen Raum. In west-europäi- schen und nordamerikanischen Horror Filmen wie z.B. beim Haus über Bates Motel in Hitchcocks Psycho steht der gotische

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A Tale of two sisters Abb. 3-4 © 2005 DVD e-m-s new media AG Baustil als Sinnbild für Konservativismus.

Hier dagegen haben wir keine typischen traditionel-koreanische3 ) Innengestaltung des Hauses. Eine Verwechslung mit einem europäischen oder nord-amerikanischen Haus (ohne den gesamten Kontext des Film vorher zu kennen) ist durchaus möglich.

Das Haus als das Zentrum des familiären Lebens und als Symbol des allgemein gesellschaftlichen trägt im Horror Genre eine

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A Tale of two sisters Abb. 5 © 2005 DVD e-m-s new media AG

besondere Bedeutung. Jedes Haus hat sein besonderes Geheimnis und das Geheimnis liegt in einem der beiden Extreme: der Klassische Horror hat es in dem Keller versteckt. Eine andere Variante ist das Dachgeschoss. Im Gegensatz zum klassischen Horror Geheimnis, (wo im Keller z.b. die Leichen verborgen liegen) haben wir in „A Tale of Two Sisters“ ein Geheimnis im Dachgeschoss, nämlich den Kleiderschrank in Su-yeons Zimmer. In Keller-Horror Filmen handelt es sich meistens um negative Horror Gestalten wie Monster oder fleischgierige Zombies, die dort ihr Unwesen treiben. Da fungiert der Keller als Symbol für die dunkle Seite des Unterbewusstseins, in dem die verdrängten unkontrollierten psychoti- schen oder animalischen Triebe irgendwann an die Oberfläche in das reale Leben greifen. In Dachgeschoss-Horror Filmen dagegen handelt es sich meistens um eine kontrollierte Isolation vor der Außenwelt, also eher um eine Sperre der Triebe und zwar in erster Linie, um die Außenwelt vor den Trieben zu schützen oder auch umgekehrt. Hier emp- findet man teilweise sogar Mitleid mit den „Weggesperrten“, die zwar oft als Monster behandelt werden, die aber in Wirklichkeit keine sind. Trotz vieler Türen und Fenster im Film, die meistens verdeckt oder geschlossen sind, machen die Räumlichkeiten einen isolierten, klaustro- phobischen Eindruck.

Die ödipale Beziehung zwischen Su-mi/Stiefmutter und dem Vater sind in dem Set Design deutlich hervorgehoben. Zum Beispiel in der Szene am Tisch, wo Su-mi in der Rolle der Stiefmutter ein Gespräch mit dem Vater sucht. Hinter der Stiefmutter sind Teller und andere runde Formen zu sehen, während das

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A Tale of two sisters Abb. 6-7 © 2005 DVD e-m-s new media AG

Bild des Vaters mit einer Flasche in Vordergrund als „phalisches“ Gestaltungs Element sowie vertikaler Linien im Hintergrund dargestellt wird.

Die dunklen und langen Flurgänge wirken wie Katakomben in dem man sich leicht ver- laufen kann. Deutlich zu sehen in der Szene, wo die Stiefmutter die Treppen runtergeht und die Wäsche für den Vater in Händen trägt. Als sie bemerkt, dass die Unterwäsche schon parat liegen, wirft sie die andere

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A Tale of two sisters Abb. 8-9 © 2005 DVD e-m-s new media AG

Unterwäsche in einen Korb. Die ganze Szene ist mit der Stadycam Handkamera gedreht worden und die langen Flur Korridore führen uns durch das komplexe ödipäle Labyrinth

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A Tale of two sisters Abb. 10

© 2005 DVD e-m-s new media AG der Su-mi´s (alias Stiefmutter´s) Seele.

Im Film sind viele Dopplungen von Gegenständen, die als eine Art „Symptom“ fungieren, wie z.B. zwei Tagebücher, zwei A Tale of two sisters Abb. 11 © 2005 DVD e-m-s new media AG Tabletten, zwei Spiegelbilder sowie identische Bücher oder Kleidung. Auch horizontale und vertikale Linien, die sich kreuzen sowie Streifen und Gitter Muster bringen die Zweideutigkeit und Zwielichtigkeit der Persönlichkeit zum Vorschein.

Auch die Friseur der wahren psychisch labilen Mutter ist eine Dopplung der Frisur der Stiefmutter. Auf den Familien Fotos sehen wir das Ihre Frisuren früher anders waren. Doch jetzt bleibt das eine Auge versteckt und die zweite Gesichtshälfte verborgen. Die unterbewusste Persönlichkeitsspaltung und hervorgehoben.

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A Tale of two sisters Abb. 12-13 © 2005 DVD e-m-s new media AG

2.2 Bildkomposition

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A Tale of two sisters Abb. 14-15 © 2005 DVD e-m-s new media AG

die unbekannte Seite wird damit besonders Die kompositorische Auflösung besteht mei- stens aus Einzelpersonen und die sind wiede- rum in ihre Körperteile wie Kopf, Schulter, Hinterkopf, Hände, Füße und Unterleib zer- gliedert. Die Person in Ganzen sehen wir sehr selten in einigen wenigen Totalen Einstellungen. Es ist eine körperlich zerrisse- ne und zerhackte Bildkomposition. Dies erinnert an Robert Bresson4 ) und seine Art der Geschichtenerzählung. Für Bresson war das Wesentliche nicht im Ganzen sondern im Detail versteckt. Diese Körperteile sind mit einer Art der „Puzzle Montage“ in eine Einheit „zusammenmontiert“. Dies ermög- licht engere Einstellungsgrößen und einen dynamischen Bildaufbau, der sich besonders gut für einen schnellen bis fast hektischen Montagerhythmus (siehe auch Montage) eig- net.

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A Tale of two sisters Abb. 16-18 © 2005 DVD e-m-s new media AG

Die Dialog Szenen sind dagegen größtenteils in klassische Schuss-Overschuss Verfahren gelöst. Dies bringt den nötigen stimulativen Zweitakt, Ruhe und Ausgewogenheit in der Bildgestaltung sowie im gesamten Film Rhythmus. In der Szene am Esstisch, wo sich die Stiefmutter und Su-mi in kleineren

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A Tale of two sisters Abb. 19-20 © 2005 DVD e-m-s new media AG

Streitdiskussionen anlegen, haben wir kompositorische „Spiegelbilder“, die Personen tauschen ihre Plätze, doch die Kadrage bleibt die gleiche. Die Bilder wirken wie gespiegelt und in ihrer Abwechslung entsteht eine kompositorische Zwielichtigkeit.

Die Tiefenmontage wird meist durch Untersichtsperspektive unterstützt, was eine Extra Dosis von Entfernung und Raum-Tiefe in der Gestaltung von Vor-Mittel-und Hintergrund Ebenen bringt. Dabei ist es bemerkenswert, dass während die Akteure (meistens die Stiefmutter) im Mittelgrund agieren, stehen im Vordergrund nicht andere Akteure son- dern materielle Gegenstände, meistens Möbelteile oder die Haus Strukturen/Elemente. Das Haus wird dadurch selber zum „Akteur“ oder noch besser gesagt

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A Tale of two sisters Abb. 21 © 2005 DVD e-m-s new media AG

zum „Objekt der Begierde“. In der Szene, wo die Stiefmutter zum ersten Mal die Geister sieht, steht die Tisch Ecke im Vordergrund auf gleicher Linie mit ihr. Die eckige Tischform wirkt dabei für den Zuschaeur bedrohlich und sticht in die Augen. Danach schaut die Stiefmutter unter den Waschschrank. Die Gegenstände links und

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A Tale of two sisters Abb. 22-23 © 2005 DVD e-m-s new media AG

rechts verengen ihren Horizont und treiben sie in die Enge. Später als sie Su-yeon terrorisiert und im Schrank ein- sperrt sind es wieder Möbelteile, die dieser Gewalttat einen „versperrten Blick“ geben.

Die mittig gestaltenen Personen und Komponenten in „A Tale of Two Sisters“ haben allerdings keine harmonische sondern eine hierarchische Bedeutung (oft unterstützt mit Untersicht Perspektiven), wo die Person in der Mitte ihre „Macht“ gegenüber den anderen präsentiert (nach R. Arnhaim; „Die Macht der Mitte“). Diese „Macht“ kann auch geschwächt werden dadurch, dass man nur den Rücken oder die Schulter von der Person zeigt. So wie in der Szene beim Familien Abendessen. Der Vater ist zwar mit- tig positioniert und nimmt die wichtigste Stelle in der Familie ein, aber dadurch dass

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A Tale of two sisters Abb. 24

© 2005 DVD e-m-s new media AG er von hinten (also unpersönlich) gezeigt wird, wirkt er als ein Oberhaupt ohne jegliche Autorität, also, er fungiert als eine Art Verwalter aber keinesfalls als ein Machthaber.

Eine ganz andere Wirkung hat dagegen eine Person in der Kompositions Mitte, die von vorne gefilmt wurde. Beim Empfang der zwei Schwestern im Haus ist die Stiefmutter mittig positioniert und die leichte Untersicht Perspektive gibt ihr „Macht“, die die beiden Schwester voneinander spaltet. Zwei vertikale Linien im Hintergrund umarmen die Stiefmutter und bringen die Zweideutigkeit in Spiel, eine horizontale Linie führt zu Su-mis Kopf und

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A Tale of two sisters Abb. 25

© 2005 DVD e-m-s new media AG stellt damit eine direkte Augenlinien Verbindung zwischen den beiden dar, während zu Su-yeon keine grafische Verbindung besteht. Ein Bild, in dem sich die fast ganze Idee des Films versteckt.

Eine andere Art der kompositorischen Trennung sehen wir in der Szene, wo der Vater versucht mit Su-mi über Ihre Probleme zu reden. Zuerst sehen wir einen symetri-

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A Tale of two sisters Abb. 26 © 2005 DVD e-m-s new media AG schen Bildaufbau mit Su-mi und Su-yeon. Das anscheinend idyllische symetrische Bild wird mit grafischen Streifen und Kreuz Elementen im Hintergrund gestört. Horizontale und vertikale Streifen dienen als Fragmente von Identitätsverlust, innerer Zerrissenheit, Schuldübertragung, traumatischer Kindheits-Erfahrungen, (das vielleicht bekannteste Beispiel ist Saul Bass´s Vorspann für Psycho). Als der Vater zu Su-mi kommt, werden die beiden durch einen Holzbalken in der Mitte getrennt. Auf der Seite des Vaters ist ein mehr oder weniger farbig gleichmässiger

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A Tale of two sisters Abb. 27

© 2005 DVD e-m-s new media AG dunkler Hintergrund mit, auf den ersten Blick nicht deutlich sichtbaren, horizontalen und vertikalen Linien, während auf der Seite von Su-mi das Streifen und Kreuz Muster weiterhin Bestandteil sind. Auch der Käfig des Vogels der Stiefmutter steht jetzt über Su-mis Kopf. Die Gitter und der Käfig stehen hier als Symbole für „eingesperrt“ und „gefangen“ sein.

Gleich in der nächsten Einstellung danach werden die beiden komposito- risch und psychoanalytisch voneinander getrennt: „Ich weiß, das du böse auf mich bist. Ich bin leider ein schlechter Vater“, worauf Su-mi antwor- tet: „Du bistüberhaupt kein Vater“. Die kompositorische Trennung der Personen deutet auf eine komunikative sowie soziale Spaltung und in bestimmten Situationen auch egoistische Sturheit der Charaktere hin. Die zwei syme- trischen vertikalen Linien hinter dem Rücken des Vaters kann man hier durchaus als seine

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A Tale of two sisters Abb. 28

© 2005 DVD e-m-s new media AG symbolische Doppelrolle unter dem Elektra Komplex von Su-mi interpretieren („Vater = Mann“ ). In Verbindung mit dem Vogelkäfig der Stiefmutter in der vorherigen Szene auch als doppelten „Phallus“ (nach Freud). Su-mi ist aus dem Bildzentrum etwas zu Su-yeon gerutscht, der Hintergrund ist im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A Tale of two sisters Abb. 29-30 © 2005 DVD e-m-s new media AG

zum Hintergrund des Vaters undefiniert, etwas chaotisch, womit man eigentlich den traumatischen Zustand von Su-mi am besten deuten kann. Su-yeon bildet mit dem quadratischen und gitterförmigen Hintergrund eine Ergänzung zum vorherigen Bild von Su-mi.

Die „zentrierte“ Bildkomposition mit dem Schwerpunkt in der Bildmitte ist in „A Tale of Two Sisters“ sehr labil und hat keine längere Konstanz. Das Bildgewicht wird permament aus der Mitte „ausgekegelt“ und links oder rechts von der Bildmitte her ins „Kippen“ gebracht. Damit ent- steht eine Art Kampf der Bildkomponenten, in dem sich die beiden Seiten gegenseitig neutralisie- ren. So wie in der Szene, in der es zum Kampf zwischen der Stiefmutter und Su-mi kommt, wo das visuelle Bildgewicht hin und her kippt und damit eine futuristische „neuro-motorische“ Bilddynamik erzeugt wird. Das alles beginnt mit einem Bild, in dem die wichtige Komponente mit- tig positioniert ist, diese wird aus der Mitte „aus- gekegelt“ und durch viele Turbulenzen kommt das Bildgewicht am Ende der Szene wieder in die Mitte zurück. In diesem Fall eine Horizontale mit

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A Tale of two sisters Abb. 31-36

© 2005 DVD e-m-s new media AG Su-mis Auge in der Mitte. Sie fällt zu Boden und bleibt bewusstlos liegen.

Die Kamera hinter dem Akteur ist ein klassisches Horror Gestaltungselement. Wir, als Zuschauer, sehen neben der Schulter und dem Hinterkopf der Schauspieler auch das, was er sieht, wir sind sozu- sagen im Hintergrund versteckt und während wir hinter den Akteuren stehen, beobachten und belauschen wir, was passiert, so wie in der Szene, wo die Stiefmutter die Geister in der Küche sieht. Doch die Kamera von hinten kann auch eine bestimmte Intimität hervorheben. Die Szene, in der der Vater telefoniert, sehen wir kein Gesichtsausdruck, sondern nur seinen Hinterkopf und den Telefonhörer. Sein Gespräch bleibt ein Geheimnis. Bei der Szene, wo sich die Stiefmutter zu Su-mi in der Heilanstalt setzt versucht sie ihre Nähe zu

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A Tale of two sisters Abb. 37-39 © 2005 DVD e-m-s new media AG finden. Die Kamera hinter ihrem Rücken zeigt eindeutig, dass die beiden noch einiges zu klären haben, es ist noch zu viel unbekanntes und verborgenes in ihrer Beziehung.

2.3 Einstellungsgrößen

Da die Kamera fast ständig in Bewegung ist, variieren auch die Einstellungsgrößen. Wenn man solche penetranten und ständig bewegenden Kameraszenen in SchussGegenschuss Technik gegeneinander schnei- det, entstehen Ran-sprünge in der Kadrage. In der Szene, wo Su-mi an Su-yeons Händen die Verletzungsnarbe entdeckt, vedichten sich die Einstellungsgrößen auf Su-mis/ Su-yeon´s Gesichts Ausdruck. Damit verdichtet sich die Kadrage auf das Wesentliche und das

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A Tale of two sisters Abb. 40-42

© 2005 DVD e-m-s new media AG Emotionale wird mit jeder Vergrößerung intensiviert. Die Narbe zeigt, dass sie von ihrer Stiefmutter tyrannisiert wurde, als sie noch lebte.

Die meisten Einstellungsgrößen im Film sind Nah und Halbnah, die sich gegenseitig abwechseln und ergänzen. Es sind Zweier oder aber auch Einzel Einstellungen, in der die bestimmte Person im Raum von der Kamera begleitet/verfolgt wird. Das Detail / die Großeinstellung (Close-Up) sind dage- gen für visuelle Höhepunkte reserviert. Besonders die Füße und Hände sind sehr oft wiederholende Detail/ Close-Ups. Während die Füße eher den sexuellen Kontext des Films anspre- chen (siehe auch Psychologische Hintergründe) sind die Hände eher als ein emotionales Beziehungs Leitmotiv dargestellt. Mit Händen im Detail werden die Beziehungen gesucht, aufgebaut, bestätigt, oder aber auch bestraft.

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A Tale of two sisters Abb. 43-47 © 2005 DVD e-m-s new media AG

Das Einstellungs-Umschalten von einer Nah / Halbnah Bildreihe auf eine Groß- oder Halbtotalen Bildreihe (Zuspitzung oder Entfernung) wird oft mit einem Close Up angetrieben. Also erst kommt eine rhythmi- sche Abfolge von Nah und Halbnah Einstellung, dann folgt ein Close Up der als eine Art „Hebel“ funktioniert d.h. der Einstellungsgrößen-Fluss wird umgeleitet. Die Kadrage wird danach geöffnet in die Totale/ Halbtotale Einstellungsgrößen-Bilderreihe oder anders- rum, verengt in eine Nah-/ Großeinstellungs- Bildreihe. Eine solche visuelle Wende (was die Einstellungsgrößen angeht) sehen wir in der Szene wo sich Su-yeon und Su- mi vor dem Haus umschauen. Zuerst kommt eine längere Abfolge von Nah und Halbnah. Dann kommt ein Close Up, wo sich ihre Hände „suchen“. Nachdem sie sich ihre Hände halten öffnet sich die Kadrage in eine Halbtotale bis hin zur Aufsicht-Totale. Die beiden laufen durch das Tor in Richtung der untergehenden Sonne zum See. Es scheint als ob ihre

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A Tale of two sisters Abb. 48-51

© 2005 DVD e-m-s new media AG

Freundschaft und Verbindung sowie ihre Neugierde und Freude, die Welt gemeinsam zu entdecken, keine Grenzen hat.

Das Detail funktioniert als Wende oder als visueller Höhepunkt. In der Szene beim Abendessen bekommt Mi-hee einen Anfall und fällt zu Boden. Auch sie hat Schuldgefühle und ist in die Familien Tragödie verwickelt, was zeigt, dass die ganze Familie krank ist. Wie schon bei der Kompositionsbeschreibung erklärt, wird der kritische Moment von Mi-hees Zustand in kleinere Einstellungsgrößen zerlegt. Die „Spitze“ des schrecklichen Anfalls wird mit einer Reihe von hektischen Details zur „Übersteuerung“ gebracht. Die Einstellungsgrößen sind nur noch zappelnde

„Reste“ einer zerschlagenen Einheit und Mi-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A Tale of two sisters Abb. 52-55

© 2005 DVD e-m-s new media AG hee sieht plötzlich Geister. Ihre physisch-psy-

chische Grenze wird überschritten, das ganze geht über das Limit ihrer Möglichkeit hinaus.

2.4 Brennweiten

In Horrorfilmen treten meistens Bösewichter in extremen Weitwinkeln auf, ihre Gesichtszüge werden deformiert in die Länge und Breite gezo- gen, doch hier ist dies nicht der Fall. Der Weitwinkel wird meistens für die Entfernungen und Distanzierungen benutzt.

[...]


1 ) Audiokommentar von Regisseur Kim Jee-Woon auf den 2 DVDs Special Edition „A Tale of Two Sisters“ e-m-s new media AG © 2005

2 ) Die William Morris´s Arbeiten waren geprägt von mittelalterlichen vorindustriellen Handwerkerstill. Er lehnte strikt den industriellen technischen Fortschritt und ließ seine Tapeten Bilder nach altmodischen Handruckverfahren herstellen. Das karakteristische an Morris´s Muster war seine Bemuhung die Wiederholungen von Motiven zu verbergen oft durch Motiv verschiebung in mehreren Ebenen, so dass die Arbeiten damit äußertste Komplexität und eine bewegende Dynamik ausweisen.

3 ) Dies u.a. entspricht der tatsache das Süd Korea seit dem Korea Krieg sozial-kulturell stark an die USA gebunden ist. Siehe auch Politische Hintergrunde

4 ) In Robert Bressons Pickpocket (1959) wird mit Deteil und Großaufnahmen virtuositeät eines taschen- diebes Dargestelt. Es entsteht eine spektakuläre Welt der Händen. In Geld (1982) wandert ein Bündel Geldscheine von Hand zu Hand womit entsteht eine Art Reigen, an dessen Ende mehrere Menschen in ihr Verderben laufen.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Das Koreanische Kino „A Tale of Two Sisters“
Untertitel
Psychoanalyse und Politik als Interpretationsebenen im Horrorfilm
Hochschule
Fachhochschule Dortmund  (Studiengang Kamera)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
94
Katalognummer
V201619
ISBN (eBook)
9783656286530
ISBN (Buch)
9783656287698
Dateigröße
6121 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
A Tale of Two Sisters, Kim Jee-Woon, Yeom Jeong-Ah, Im Soo-Jung, Kim Kab-Su, Moon Geun-Young, Viktor Gasic, Lee Mo-gae, Ko Im-Pyo
Arbeit zitieren
Viktor Gasic (Autor), 2006, Das Koreanische Kino „A Tale of Two Sisters“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201619

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