Eiserne Vorhänge und hohe graue Mauern sind gefallen und das Wort „Grenze“ hat
seit langem seine strikte Bedeutung verloren. Die „geografische Mobilität“ hat den
Menschen das ermöglicht, was noch bis vor ein paar Dekaden für unmöglich gehalten
wurde: leben und arbeiten, wo es interessanter und schöner ist. Die Welt ist offener und
multikultureller geworden und Kontakte zwischen den Kulturen sind im 20. und im
21. Jahrhundert keine Seltenheit mehr. Der Begriff „Nation“ richtet sich nach den
konkreten sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen und der „Nationalstaat“ ist auf der
Suche nach neuen Lösungen, um weiterhin heroisch über neue Konzepte zu triumphieren.
Die nationalen Grenzziehungen üben nach wie vor ihren willkürlichen und
bemerkenswerten Einfluss auf die Individuen und ihre Selbstdefinition aus. Einiges hat
sich noch nicht geändert: die Identität jedes Menschen richtet sich nach seinem
Geburtsrecht, nach seiner Sprache, nach seiner Kultur, nach seiner Religion, nach seinem
Erbe …
Menschen, Länder, Nationen, Kulturkreise gehen nach dem Zweiten Weltkrieg und
vor allem nach dem Ende des Kalten Krieges auf neue Identitätssuche, die vor allem von
der einigenden und zugleich polarisierenden Kraft der Kultur bzw. der Kulturzugehörigkeit
stark beeinflusst wird. In allen Zeiten war die menschliche Geschichte eine Geschichte von
Kulturen und Kultur war die umfassendste Identifikation für die Menschheit. Nur welche
Rolle spielen im 21. Jahrhundert die Kulturkreise und der intensivere Kontakt zwischen
den Weltkulturen? Ist zu erwarten, dass das politische Gleichgewicht für die Welt dadurch
positiv beeinflusst wird? Wird es aufgrund dieser Kontakte zwischen den verschiedenen
Kulturkreisen der Welt zu einer universellen Weltkultur kommen oder wird sich jede
Kultur bzw. jede Religion der Welt ihren bisherigen Platz bewahren können? Die große
Illusion, dass das Ende des Kalten Krieges eine „neue Weltordnung“ sowie eine Welt ohne
Konflikte und ohne Kriege schaffen würde, blieb nur eine solche. Die ethnischen
Säuberungen in Ex-Jugoslawien, in Russland, in Somalia, Gaza und in anderen Ländern
der Erde ließen den Traum einer friedlicheren Zeit zerplatzen. Der Genozid des
ausgehenden 20. Jahrhunderts richtete sich gegen Menschen anderen Glaubens, anderer
Kultur, anderer Sprache … Die Kriege des beginnenden 21. Jahrhunderts sind als
Bruchlinienkriege zwischen „Westen“ und „Nichtwesten“ zu bezeichnen, was neue Grenzen schafft.[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I. I Zentrale Fragestellung und Thesenformulierung
I. II Zentrale Forschungsfragen
I. III Hypothesen
I. IV Methode und Klassifizierung verwendbarer Quellen
I. V Aufbau der Arbeit
II. Realismus in der internationalen Politik
II. I Grundannahmen des neoklassischen Realismus
II. II Huntingtons realistische Grundannahmen
III. Einleitung zum Gesellschaftswandel und zur Entwicklung der Kultur am Balkan
III. I Türkische Herrschaft am Balkan
III. II Das kommunistische Erbe des Balkan
III. III Postkommunismus und Transition
III. IV Elitenwechsel und Elitenwandel und die Entwicklung der Institutionen am Balkan
III. V Institutionen
IV. Die Rolle der nicht–staatlichen Organisationen und die Entwicklung der Zivilgesellschaft am Balkan
V. Die nationalistischen Hintergründe des Balkankonflikts
VI. Was sind die Gründe, die zum Krieg in Jugoslawien geführt haben?
VII. Die neue Bedeutung von Identität
VIII. Die Bedeutung des Nationalstaates im internationalen Weltgeschehen
IX. Multikulturalismus und seine Bedeutung am Balkan
X. Die Bedeutung der Religion am Balkan
XI Die EU-Perspektive des Balkans
XI. I Die Perspektiven im politischen Bereich
XI. II Die Perspektiven im Wirtschaftsbereich im Rahmen der Zusammenarbeit mit der EU
XII. Wie beschleunigt der Balkan seine Integration in die europäischen Strukturen?
XIII. Methoden, Wege
XIV. Fehler europäischer Politik am Balkan
XIV. I Kurzsichtigkeit der internationalen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina
XIV. II Das zweite Beispiel fehlerhafter EU-Politik am Balkan: Kosovo
XV. Weltzivilisationen
XV. I Kontakte zwischen den Kulturen
XV. II Konflikte zwischen Kulturen und Multipolarität im internationalen System
XV. III Was ist die Zukunft der Welt, ein „kultureller Relativismus“ oder ein „westlicher Universalismus“?
XVI. Conclusio
XVI. I Zum Konflikt in Jugoslawien
XVI. II Zur Rolle der Politik und zu ihrem Einfluss auf die Konflikte unter Berücksichtigung eigener Interesse
XVI. III Schlussfolgerungen und Perspektiven des Zusammenlebens am Balkan
XVI. IV Zu den Konflikten zwischen den Kulturen und zur Förderung des Multikulturalismus am Balkan
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die Arbeit untersucht, inwieweit der Balkan-Konflikt als ein „Clash of Civilizations“ nach Samuel Huntington eingestuft werden kann, analysiert dabei die nationalistischen Hintergründe der Konflikte sowie die Auswirkungen von Transformationsprozessen und EU-Integrationsstrategien auf das Zusammenleben am Balkan.
- Neorealistische Theorieansätze in Bezug auf moderne Konflikte.
- Die Rolle kultureller und religiöser Identität bei der Entstehung von Konflikten.
- Gesellschaftlicher Wandel, Elitenentwicklung und Institutionenbildung nach 1989.
- Chancen und Strategien für die Förderung eines friedlichen Multikulturalismus am Balkan.
Auszug aus dem Buch
Die nationalistischen Hintergründe des Balkankonflikts
Weil ich die These vertrete, dass der Balkan-Konflikt nationalistische Hintergründe hatte, werde ich in diesem Kapitel den Begriff Nationalismus näher behandeln, um danach den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Balkan-Konflikt zu erläutern. Zur kritischen Wertung „gehört, dass wir uns dem Begriff Nation skeptisch nähern, wenn es dazu dient, gegen die Humanität verstoßendes Handeln zu rechtfertigen.“
Bei der Auswahl der Sekundärliteratur bin ich auf wichtige Quellen gestoßen, die mir bei der Verifizierung meiner These behilflich gewesen sind.
Um den Begriff Nation und Nationalismus zu erklären, greift Florian Suttner erstens auf die klassische Theorie des 19. Jahrhunderts zurück, die einerseits von einem objektivem Nationsbegriff (Zugehörigkeitsgefühl, Solidarität, Bestätigung der Nation durch Zustimmung der Nationsangehörigen zu ihrer Nation) spricht und andererseits von einem subjektiven Nationsbegriff, der die Kriterien Sprache, Abstammung, Geschichte, Territorium und kulturelles Erbe umfasst. Zweitens bezieht er sich auf Friedrich Meinecke, der den Begriff „Staatsnation“ – d. h. gemeinsame politische Geschichte und Verfassung – und den Begriff „Kulturnation“ – d h. gemeinsam erlebter Kulturbesitz – einführt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Themen Identität, Nationalismus und die Bedeutung von Kultur im 21. Jahrhundert als Ausgangspunkt der Untersuchung.
II. Realismus in der internationalen Politik: Erläuterung neorealistischer Ansätze und deren Anwendung auf globale Machtstrukturen.
III. Einleitung zum Gesellschaftswandel und zur Entwicklung der Kultur am Balkan: Analyse der prägenden historischen Einflüsse wie der osmanischen Herrschaft und des Kommunismus auf die heutige Gesellschaft.
IV. Die Rolle der nicht–staatlichen Organisationen und die Entwicklung der Zivilgesellschaft am Balkan: Untersuchung der Bedeutung und der Defizite zivilgesellschaftlicher Akteure während der Transformationsphase.
V. Die nationalistischen Hintergründe des Balkankonflikts: Theoretische Auseinandersetzung mit Nationalismus, Nation-Building und deren Rolle in den Balkankonflikten.
VI. Was sind die Gründe, die zum Krieg in Jugoslawien geführt haben?: Analyse der spezifischen Ursachen für den Zerfall Jugoslawiens mit Fokus auf ethnische und nationalistische Faktoren.
VII. Die neue Bedeutung von Identität: Diskussion der Identitätsfindungsprozesse und deren politische Instrumentalisierung.
VIII. Die Bedeutung des Nationalstaates im internationalen Weltgeschehen: Betrachtung der Rolle des Nationalstaates in einer zunehmend globalisierten Welt.
IX. Multikulturalismus und seine Bedeutung am Balkan: Auseinandersetzung mit dem Multikulturalismus als Charakteristikum und Herausforderung der Region.
X. Die Bedeutung der Religion am Balkan: Kritik am Mythos einer jahrhundertelangen religiösen Konfrontation.
XI Die EU-Perspektive des Balkans: Darstellung der europäischen Integrationswege und -herausforderungen.
XII. Wie beschleunigt der Balkan seine Integration in die europäischen Strukturen?: Analyse notwendiger politischer und rechtlicher Anpassungsprozesse.
XIII. Methoden, Wege: Theoretischer Überblick über Integrationsmodelle wie Neo-Funktionalismus und Intergouvernementalismus.
XIV. Fehler europäischer Politik am Balkan: Kritische Reflexion des internationalen Handelns am Beispiel Bosniens und des Kosovos.
XV. Weltzivilisationen: Einordnung regionaler Entwicklungen in den globalen Kontext von Zivilisationen und kulturellen Kontakten.
XVI. Conclusio: Zusammenfassende Bewertung der Untersuchungsergebnisse und Perspektiven für ein friedliches Zusammenleben.
Schlüsselwörter
Balkan, Multikulturalismus, Nationalismus, Identität, Zivilgesellschaft, EU-Integration, Transformation, Religion, Ethnizität, Internationale Politik, Neorealismus, Nation-Building, Konfliktanalyse, Minderheitenrechte, Zivilisationen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Hintergründe der Balkankonflikte, wobei insbesondere die Frage untersucht wird, ob diese als Zusammenprall der Kulturen („Clash of Civilizations“) gewertet werden können oder ob nationalistische Interessen und politische Instrumentalisierung die eigentliche Ursache darstellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Auswirkungen von Transformation und EU-Integration auf den Balkan, die Rolle von Identität und Ethnizität in Konfliktsituationen sowie die Bedeutung der Zivilgesellschaft für eine friedliche Zukunft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Ursachen der Balkankonflikte zu entwickeln und fundierte Zukunftsstrategien aufzuzeigen, wie Multikulturalismus und gegenseitiger Respekt als Basis für ein friedliches Miteinander am Balkan gefördert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt vorwiegend die qualitative Politikforschung, ergänzt durch einen historisch-genetischen und komparativen Ansatz, um Konfliktmuster über längere Zeiträume zu verfolgen und zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Analysen des Realismus und Nationalismus, die Untersuchung historischer Erblasten (osmanische Zeit, Kommunismus), Analysen zum Institutionenwandel sowie konkrete Fallstudien zu Fehlern internationaler Politik in Bosnien und im Kosovo.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Balkan, Multikulturalismus, Nationalismus, Identität, Zivilgesellschaft, EU-Integration und Transition.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Nationalstaats?
Die Autorin sieht den Nationalstaat weiterhin als wichtigen Akteur, betont jedoch, dass im Zuge der Internationalisierung und Globalisierung eine Neuausrichtung hin zu mehr Kooperation und Minderheitenförderung notwendig ist, um Konflikte zu vermeiden.
Was schlägt die Autorin konkret zur Lösung der Konflikte vor?
Sie plädiert für einen „integrativen Multikulturalismus“, die Stärkung staatlicher Institutionen, die Förderung der Zivilgesellschaft sowie eine konsequente Umsetzung demokratischer Standards und Minderheitenrechte nach dem Vorbild erfolgreicher Modelle, wie etwa dem deutsch-dänischen Minderheitenmodell.
Wie steht die Autorin zum EU-Beitritt des Balkans?
Sie sieht die europäische Integration als die einzige realistische und sichere Perspektive für den Balkan, mahnt jedoch kritisch an, dass Reformen nachhaltiger gestaltet werden müssen und die internationale Gemeinschaft aus Fehlern der Vergangenheit lernen sollte.
- Citation du texte
- Mag. Mag. MA, Dr. Mirela Shira (Auteur), 2009, Der Balkan-Konflikt. Hintergründe, Zukunftsstrategien und -perspektiven des balkanischen Multikulturalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201644