„Bombengeschwader dröhnen. Sturzkampfflieger heulen. Luftminen krachen. Alles vom Tonband. Dazu ein Bild vom zerstörten Dresden und die Projektion von Hauptmanns Klage über die zerbombte Stadt. […] Soweit wäre es gut gewesen. Was niemand bezweifelt – dass hinter Hauptmanns Darstellung der Fabel vom Götterfluch über dem Haus der Atriden die Schrecken des Weltkrieges stehen – kann man einem Publikum, das man für begriffsstutzig hält einhämmern. […] Nachdem der Krieg mit der ersten Tragödie [Iphigenie in Aulis] zu Ende war, fragte sich der ratlose Zuschauer, weshalb Granatenlärm das Haus erschüttert, wenn eine Frau ihren Mann, wenn ein Sohn seine Mutter umbringt.“ Mit diesen kritischen Worten reagiert der Feuilletionist Rolf Michaelis auf die 1962 im Theater am Kürfürstendamm erstmals uraufgeführte Inszenierung der Atriden-Tetralogie Gerhart Hauptmanns unter dem damaligen Intendanten Erwin Piscator. Unter dem Titel „Bomben über Delphi“ schließt er sich dem Tenor der zeitgenössischen Theaterkritik an. Darin ist von einer zwanghaften Politisierung, einer gewaltsamen Brechung der originalen Vorlage, dem verloren gegangenen Wiedererkennungswert des Stücks, gar von einem Relikt der hochpolitisierten Zwanziger Jahre die Rede. Mit dem Alterswerk von Hauptmann habe dieses Stück nur noch wenig gemein, so das allgemeine Echo in der damaligen Medienlandschaft. Ein Blick in das Theaterprogramm nimmt die von Piscator vorgenommene Interpretation und angenommene Intention des Stücks vorweg. [...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Zeitbezüge und Verarbeitung von Zeiteindrücken in „Iphigenie in Aulis“
2. „Iphigenie in Aulis“ als Dramenstück des kritischen Zeitbezugs unter Einbezug der Rolle Hauptmanns in NS-Deutschland
3. Mythos und Gegenwart bei Hauptmann
4. Abschließende Betrachtungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von antiker Mythosadaption und zeitgenössischer NS-Ideologie in Gerhart Hauptmanns Spätwerk „Iphigenie in Aulis“. Dabei wird insbesondere die Forschungsfrage verfolgt, ob das Stück als antifaschistische Anklage zu werten ist oder ob es, geprägt durch die fatalistische Weltsicht des Autors und sein opportunistisches Verhältnis zur nationalsozialistischen Führung, eher als eine Flucht in eine mythische Welt zu verstehen ist.
- Analyse der Zeitbezüge und NS-Anspielungen in „Iphigenie in Aulis“
- Untersuchung der Rolle Hauptmanns im nationalsozialistischen Kulturbetrieb
- Vergleich der Mythosauffassung Hauptmanns mit zeitgenössischen Autoren wie Thomas Mann
- Kritische Bewertung der Piscator-Inszenierung „Bomben über Delphi“
- Reflektion über die Möglichkeiten und Grenzen von Mythen als Instrument der Zeitkritik
Auszug aus dem Buch
1. Zeitbezüge und Verarbeitung von Zeiteindrücken in „Iphigenie in Aulis“
Die Atriden-Tetralogie gilt in der heutigen Forschung als das letzte Spätwerk Hauptmanns, vielen Interpreten als die Krönung seines dramatischen Schaffens, gleichsam als „eine Art geistigen Testaments“ seines Verfassers. Der Dramenzyklus zeichnet sich durch die Uneinheitlichkeit der verschiedenen Einzelstücke und den damit einhergehenden Brüchen und Widersprüchen im Handlungsgeschehen aus, worin auch vorrangig die Schwierigkeit einer schlüssigen Interpretation und die Rätselhaftigkeit des Gesamtwerks begründet liegt. Endet das zuerst entstandene Dramenstück „Iphigenie in Delphi“ durch den selbst gewählten Freitod der Iphigenie in einem optimistischen und hoffnungsvollen Ausblick auf die Möglichkeit einer existenziellen Mitwirkung des Menschen an seinem Schicksal, so erfährt diese Erkenntnis im nachfolgenden Stück (das auf der Handlungsebene den Zyklus eröffnet) eine absolute Negation. „Iphigenie in Aulis“ ist durchzogen von einem düsteren, pessimistisch-fatalistischen Grundton und steht mit der darin offenbarten unentrinnbaren Schicksalsgebundenheit der Figuren in einem starken Kontrast zu dem als messianisches „Erlösungsdrama“ verklärten Vorgängerstück.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zeitgenössische Kritik an der Inszenierung „Bomben über Delphi“ ein und umreißt das Ziel der Arbeit, die Ambivalenz von Hauptmanns Mythosverarbeitung im Kontext der NS-Zeit zu untersuchen.
1. Zeitbezüge und Verarbeitung von Zeiteindrücken in „Iphigenie in Aulis“: Dieses Kapitel analysiert die im Stück enthaltenen Anspielungen auf den Nationalsozialismus, den Bombenkrieg und die totale Kriegsführung sowie die psychologische Wandlung der Figur Agamemnons.
2. „Iphigenie in Aulis“ als Dramenstück des kritischen Zeitbezugs unter Einbezug der Rolle Hauptmanns in NS-Deutschland: Hier wird das opportunistische Verhalten Hauptmanns gegenüber dem NS-Regime beleuchtet und hinterfragt, ob das Werk eine echte systemkritische Intention verfolgt oder lediglich eine mythisch verbrämte Anpassung darstellt.
3. Mythos und Gegenwart bei Hauptmann: Dieses Kapitel ergründet die theoretische Grundlage von Hauptmanns Mythosverständnis, welches den antiken Stoff eher als statisches Bild zur Darstellung existenzieller Ängste statt als transformierbares Instrument für gesellschaftliche Fortschrittsgedanken nutzt.
4. Abschließende Betrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass eine antifaschistische Lesart des Werkes zu kurz greift, da Hauptmanns fatalistische Weltsicht eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Realität eher verhindert als fördert.
Schlüsselwörter
Gerhart Hauptmann, Iphigenie in Aulis, Atriden-Tetralogie, NS-Zeit, Mythos, Nationalsozialismus, Fatalismus, Schicksal, Zeitbezüge, Literaturwissenschaft, Dramenanalyse, Widerstand, Erwin Piscator, Thomas Mann, Weltanschauung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die in Gerhart Hauptmanns Atriden-Tetralogie, insbesondere „Iphigenie in Aulis“, enthaltenen Zeitbezüge zum NS-Regime und hinterfragt deren intendierte kritische Wirkung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Mythos und Zeitgeschichte, die Rolle des Autors im nationalsozialistischen Kulturbetrieb, sowie die Frage nach fatalistischer Schicksalsergebenheit versus Widerstand.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird geklärt, ob „Iphigenie in Aulis“ als gezielte antifaschistische Kritik zu verstehen ist oder ob die mythologische Gestaltung lediglich als Flucht vor der historischen Realität fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkanalytische Vorgehensweise, kombiniert mit biografischer Forschung zu Hauptmanns Verhältnis zum Nationalsozialismus und einem Literaturvergleich mit zeitgenössischen Autoren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Textbelege für Zeitbezüge (wie den Bombenkrieg oder die Indoktrination der Jugend), vergleicht Hauptmanns Mythosverständnis mit dem von Thomas Mann und untersucht das Spannungsverhältnis zwischen historischer Zensur und künstlerischer Freiheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Mythos, Nationalsozialismus, Schicksalsfatalismus, Hauptmann-Rezeption und Zeitbezug.
Wie bewertet der Autor die Piscator-Inszenierung „Bomben über Delphi“?
Die Arbeit reflektiert, dass die Kritik an dieser Inszenierung berechtigt war, da Piscator das Stück massiv auf aktuelle politische Fakten reduzierte, was zwar eine Interpretation ermöglichte, den ursprünglichen Charakter des Dramas aber stark veränderte.
Welche Rolle spielt der „Antisemitsmus“ in der Analyse des Werkes?
Der Autor thematisiert, dass Hauptmann zwar eine Distanz zum antisemitischen Geist seiner Zeit zeigte, jedoch durch seine Verherrlichung des "Schicksals" und seine Loyalität zum Regime die Verbrechen an den Juden in seinen privaten Aufzeichnungen fatalistisch legitimierte.
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- Hannes Engl (Author), 2011, Grenzen einer zeitkritischen Exegese und die Funktion des Mythos in Gerhart Hauptmanns "Iphigenie in Aulis", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201734