Erziehungsroman oder doch Satire? Satirische Elemente in Frances Burneys "Evelina"


Hausarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Erziehungsroman und Satire

3. Evelinas Status als Protagonistin
3.1.Story vs. narrative - Evelina als Erzählerin
3.2. Evelinas Freiheit als Brieferzählerin - eine indirekte Satirikerin

4. Figurendarstellung als satirisches Element -stock figures
4.1. Darstellung der Charaktere als offene Satiriker - der Erzählerin eigenes Sprachrohr

5. Fazit

1. Einleitung

Frances Burneys Evelina: or the History of a Young Lady ’ s Entrance into the World erzählt die Geschichte eines siebzehnjährigen Mädchen, das ihr Eintreten in die Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts mittels Briefen an Personen ihres Vertrauens schildert. Es erschien 1778 und barg großen Erfolg für die Autorin, besonders weil es als so genannter Erziehungsroman verkauft wurde. Sehr viele zeitgenössische Literaturwissenschaftler beschäftigten sich mit diesem Roman, vor allem unter dem Aspekt feministischer Literatur des 18. Jahrhunderts. Der Aspekt der Satire wurde dabei zwar häufiger nebenbei erwähnt, jedoch selten als im Zusammenhang eigenständig zu untersuchendes Genre verstanden. Genau das versuche ich in dieser Arbeit zu erörtern, indem ich auf die einzelnen satirischen Elemente dieses Werks eingehe.

Dabei werde ich zunächst die beiden Genres Erziehungsroman und Satire versuchen zu klassifizieren, um danach einzuschätzen zu können, inwiefern Evelina als Protagonistin sowie als Erzählerin in beide Genres einzuordnen ist und somit die grundlegenden Vorraussetzungen für weitere Untersuchungen schaffe, wobei die Untersuchung der Figurendarstellung eine zentrale Rolle spielen wird.

2. Definition Erziehungsroman und Satire

Will man erörtern, ob satirische Züge in einem Erziehungsroman zu finden sind, ist es notwendig, die relevanten Begrifflichkeiten, nämlich Satire und Erziehungsroman, zu definieren.

Der Erziehungsroman (conduct book) erlangte im 18. Jahrhundert mit dem Aufstieg der bürgerlichen Mittelschicht große Popularität. Die Gesellschaft wandelte sich schlagartig und mit ihr diverse Normen, Etiketten und Sitten. So fand man im Erziehungsroman ein Medium, mit dem man die new politenesses unter das Volk, beziehungsweise unter junge Frauen bringen konnte, die lernen sollten, sich entsprechend der gesellschaftlichen Konventionen zu verhalten. Mit dem Hintergrund natürlich am Ende in eine anerkannte Familie einzuheiraten. So definiert das Penguin Dictionary of Literary Terms and Literary Theory ein conduct book wie folgt: “A species of guide to good behaviour, concerned with morality, deportment, manners and religion.” 1

Satire hingegen, und zwar Satire wie wir sie heute verstehen, nämlich als satirisch im Sinne des Tons und des Inhalt eines Werks und nicht im Sinne der Form, wird vom Penguin Dictionary of Literary Terms and Literary Theory folgendermaßen definiert: “[...] Satire is a kind of protest, a sublimation and refinement of anger and indignation. [...] It ridicules the follies and vices of society.”2

Satire ist also eine Art von Protest gegen die Unarten einer Gesellschaft.

Für viele gehört Frances Burneys Evelina hingegen zu den Erziehungsromanen, insbesondere in Bezug auf die Handlungsstruktur, durch die dieses Genre maßgeblich geprägt worden ist.3

Nun stellt sich die Frage, wie diese beiden Genres fusionieren können, wenn sie doch sehr gegensätzliche Ziele verfolgen.

3. Evelinas Status als Protagonistin

Ein Indiz oder zumindest eine Grundvorrausetzung dafür, dass die Brieferzählerin Evelina Satire überhaupt praktizieren kann, ist die Tatsache, dass sie eine relativ objektive Sichtweise auf das Geschehen um sie herum hat.

Aufgewachsen im idyllischen Berry Hill, unter der Aufsicht ihres Ziehvaters, dem Geistlichen Mr. Villars, dem sie von ihrer verstorbenen Mutter vor deren Tod anvertraut worden war, wird sie mit moralischen beziehungsweise religiösen Tugenden schon im Kindesalter konfrontiert. Auf ihrer Reise in die Welt, einem Ausflug nach London mit der sehr respektablen Familie Mirvan, soll sie nun auch gesellschaftliche Regeln erlernen. Durch ihre eigene Geschichte und Erziehung, fern von städtischer Gesellschaft durch ihren „best of men“4, wie Evelina ihn selbst beschreibt, und durch ihre Außenseiterrolle, wird es ihr möglich, gesellschaftliche Arten oder Unarten selbstständig zu beobachten und zu beurteilen.

Eine Schlüsselszene für diese Erkenntnis ist Evelinas erster Ball. Zuerst ist sie beeindruckt von den Menschenmassen, die sie dort antrifft, doch schnell schaut sie sich etwas genauer um und beschreibt die Geschehnisse um sich herum etwas abweichend von ihren ersten Eindrücken:

The gentlemen, as they passed and repassed, looked as if they thought we were quite at their disposal, and only waiting for the honour of their commands; and they sauntered about, in a careless indolent manner, as if with a view to keep us in suspense. I don’t speak of this in regard to Miss Mirvan and myself only, but to the ladies in general; and I thought it so provoking, that I determined, in my own mind, far from humouring such airs, I would rather not dance at all, than with any one who should seem to think me ready to accept the first partner who would condescend to take me.

Not long after, a young man, who had for some time looked at us with a kind of negligent impertinence, advanced, on tiptoe, towards me; he had a set smile on his face, and his dress was so foppish, that I really believe he even wished to be stared at; and yet he was very ugly.5

Das Getue und die Oberflächlichkeit der ganzen Veranstaltung verunsichern sie sichtlich. Als der oben beschriebene Mr. Lovel sie anspricht, muss sie sich sogar das Lachen verkneifen, so sehr verspottet sie diesen übertriebenen Stil sich zu präsentieren.6

Doch wenig später muss sie erkennen, dass gerade dieses Verhalten und diese Leute ihr auch zum Verhängnis werden können. Nachdem sie Mr. Lovel als Tanzpartner abgelehnt hat, tanzt sie mit dem nächsten, der sie auffordert. Dass dies ihr späterer Ehemann und eine der Hauptpersonen des Romans ist, sei hier nur nebenbei erwähnt. Tatsache ist, dass dieses Verhalten, der Verstoß gegen die gesellschaftliche Etikette, nämlich nur einen Mann als Tanzpartner anzunehmen oder auch abzulehnen, schnell unter den Leuten die Runde macht und über Evelina schlecht gesprochen wird. Sie wird als ‘a country parson’s daughter’ und als ‘rustick’ bezeichnet7, was sie eigentlich eher erschüttert, da sie eben nicht mit diesen Sitten und Etiketten vertraut ist.

3.1. Story vs. narrative - Evelina als Erzählerin

Dass sie, zumindest nach außen, sehr beschämt darauf reagiert, rettet ihr das Ansehen. Dennoch schildert sie in ihren journal letters eine ganz gegensätzliche Reaktion, die in ihr vorgeht: Innerhalb des Textes herrscht eine große Differenz zwischen der story und dem narrative, sprich zwischen der Evelina als Protagonistin und der Evelina, die die Geschichte erzählt.

Auf der einen Seite zeigt sie sich als hübsches, intelligentes und vor allem höfliches Mädchen: Auf der Ebene der story erfüllt sie ihre Rolle als Erziehungsromanprotagonistin hervorragend. Sie gibt sich still, zuvorkommend und scheu, als ein Mädchen, die ihre einzige Gefühlsäußerung, ein spontanes Lachen, am liebsten wieder zurücknehmen würde; eben ganz stereotypisch für das Genre. Auf der Ebene des narrative hingegen kann Evelina über diese Zurückhaltung sehr gewandt und flüssig berichten; Verhaltensauffälligkeiten der Menschen um sie herum durchschauen und kritisieren, wobei Worte wie ‘satire’ und ‘raillery’ von Evelina als Kritik an gewollter Geistreichigkeit durch gemeinte boshafte Gesinnung gebraucht werden8. So zeigt sich auch hier ein eher nichttypisches Element des Erziehungsromans.

3.2. Evelinas Freiheit als Brieferzählerin - eine indirekte Satirikerin

Eine weitere Auffälligkeit im Text ist die Art wie sie schreibt. Briefe an Mr. Villars haben einen sehr formellen Stil, der auch von Lady Howard und Mr. Villars selbst geteilt wird; ein Schreibstil, der sehr auf anerkannte Sprache und Rationalität abzielt.

[...]


1 J.A. Cuddon, Dictionary of Literary Terms and Literary Theory, (London: Penguin Books Ltd, ³1991)173.

2 Ebd., 780.

3 Vgl. Silvia Mergenthal, Erziehung zur Tugend: Frauenrollen im englischen Roman um 1800 (Tübingen: Niemeyer, 1997)275.

4 Frances Burney, Evelina: or the History of a Young Lady ’ s Entrance into the World, (New York: Oxford University Press, 2002) 406.

5 Burney, Evelina, 30.

6 Ebd.

7 Ebd. 37,38.

8 Vgl. Arno Löffler.„‘ The World … What it Appears to a Girl of Seventeen ’ . Fanny Burneys Evelina als satirischer Roman”. Anglia 112 (1994): 50-74.

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Details

Titel
Erziehungsroman oder doch Satire? Satirische Elemente in Frances Burneys "Evelina"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Anglistisches Seminar)
Note
1,7
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V201792
ISBN (eBook)
9783656282051
ISBN (Buch)
9783656283621
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Burney, Evelina, Frauenroman
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Erziehungsroman oder doch Satire? Satirische Elemente in Frances Burneys "Evelina", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201792

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