Mit dem Dreißigjährigen Krieg werden vor allem Stadtbrände, verwüstete Dörfer, Raub, Mord, Vergewaltigungen, Hexenverfolgung, Unterdrückung, Pest, Tod und Zerstörung assoziiert.
Für Zeitgenossen und nachfolgende Generationen war die Zeit zwischen 1618 und 1648 eine bis dato nie da gewesene Konzentration von Gewalt, die erst durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts überboten wurde. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff Gewalt hat zwar „Konjunktur“, der Begriff bleibt allerdings weiterhin extrem unscharf. Gewalt bezeichnet in der Regel keine Brutalitäten und Gräueltaten, sondern dient als Bezeichnung für ein allgemeines, oft politisches Macht- oder gar „Drohpotential“.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich allerdings mit der Gewalt als physischen und symbolischen Akt wider den Menschen im Kontext des Dreißigjährigen Krieges. Dabei wird nur kurz auf den Unterschied zwischen legitimer und illegaler Gewalt eingegangen, da der Fokus auf den verschiedenen sozialen und gesellschaftlichen Bereichen, auf denen Gewalt passiert, liegt.
Interessant in diesem Zusammenhang sind die vielen unterschiedlichen Ebenen, auf denen die Menschen der Gewalt ausgesetzt wurden. In der folgenden Arbeit wird der Versuch unternommen, diese Ebenen voneinander zu trennen und zu beleuchten. Da die Gewaltebenen an den Menschen, bzw. dessen Beruf, Stand und Klasse gekoppelt sind, ist es sinnvoll diese Ausarbeitung in drei größere Abschnitte zu unterteilen. Zunächst wird die zentrale Gruppe des Krieges, das Militär, dargestellt.
So kann man zwischen Gewalt im Gefecht und innermilitärischen Disziplinarmaßnahmen unterscheiden. Ähnlich verhält es sich im Kapitel der zivilen Gewalt, bei der man zwischen den alltäglichen Auseinandersetzungen im Wirtshaus und den Aufständen der Bauern gegenüber dem Militär klare Grenzen ziehen kann. Im Konfessionskrieg darf dann natürlich nicht die Gewaltausübung der verschiedenen Bekenntnisrichtungen außer Acht gelassen werden, die sowohl auf physischer als auch auf symbolischer Ebene ausgeübt wurde.
An dieser Stelle ist anzumerken, dass es in dieser Arbeit weniger auf die Motivation hinter den Ausübungen von Gewalt, sondern viel mehr um eine Entwirrung der verschiedenen, oftmals ineinander verwobenen und sich gegenseitig bedingenden Ebenen der Gewaltausübung geht. Unter Gewalt wird vor allen Dingen die Anwendung physischen Zwangs gegenüber dem Menschen verstanden.
Inhaltsverzeichnis
1) Die Gewalt und der Dreißigjährige Krieg
2) Militärische Gewalt
2.1) Söldner im Gefecht
2.2) Söldner unter sich
2.3) Gewalt gegen Nichtkombattanten
2.4) Innermilitärische Disziplinarmaßnahmen
3) Zivile Gewalt
4) Religiöse Gewalt
4.1) Kalter Konfessionskrieg
5) Darstellung und Wahrnehmung der Gewalt
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Ebenen der physischen und symbolischen Gewalt während des Dreißigjährigen Krieges. Ziel ist es, die ineinander verwobenen Gewaltdynamiken zu entwirren und aufzuzeigen, wie diese je nach sozialem Stand und gesellschaftlichem Kontext variierten.
- Analyse militärischer Gewaltformen, einschließlich Gefechtssituationen und Disziplinarmaßnahmen.
- Untersuchung der Gewalt gegen Nichtkombattanten und der Rolle von Zivilisten.
- Betrachtung von Gewalt im zivilen Alltag sowie innerhalb von Herrschaftsverhältnissen.
- Symbolische Gewalt als Mittel des Konfessionskrieges zur Identitätsstärkung und Machtdemonstration.
- Reflexion über die mediale Konstruktion und Wahrnehmung der Kriegsgewalt.
Auszug aus dem Buch
4.1) Kalter Konfessionskrieg
In der Zeit zwischen 1618 und 1648 stand die Emanzipation der Konfessionen im Vordergrund des Krieges und bedingte viele physische Gräueltaten. Doch die Konfessionen bekämpften sich auch mit wirkungsvollen Mitteln außerhalb der physischen Ebene. Besonders prägnante Beispiele hierfür sind die Ereignisse in Erfurt im Januar 1634 und in Augsburg zwischen 1629 und 1631.
Erfurt war seit 1631 Schwedischer Hauptstützpunkt im Reich. Die Stadt und ihre Kirche waren von Mainz losgelöst und wurden von einem protestantischen Rat regiert. Im Januar 1634 besuchte der Schwedische Reichskanzlers Axel Oxenstjern die Stadt mit einem ganz besonderen Ziel. Sein Interesse galt den „katholischen Merkwürdigkeiten“23, wie Klöstern, Stiften, Abteien aber vor allen Dingen heiligen Figuren aus Holz und Stein. Konkret wollte sich der Reichskanzler die „gebackenen Bischöfe“ – hölzerne Statuen der Ortsheiligen St. Adalbert und St. Ethelbert – sehen. In der katholischen Überlieferung hieß es, dass die Gestalten aus Holz und Gips die leibhaftigen Gebeine der beiden Heiligen in sich bergen. Oxenstjern reiste mit einer großen Delegation von Feldpredigern, Doktoren der Medizin, Barbieren, Ratsherren und Zimmermännern – die mit Sägen und Werkzeugen ausgestattet waren – an, um dieser Legende auf den Grund zu gehen. Dieser Akt war allerdings weniger aufklärerischer Natur, als propagandistischer, denn bereits einige Wochen zuvor hatten zwei „schwedische Reichsräte anlässlich ihres Besuchs in Erfurt die Grenzen respektvoller Zurückhaltung überschritten“24 und im Dezember 1633 eine Untersuchung der Figuren unternommen, die lediglich Knochenreste, statt ganzer Körper zum Vorscheinbrachte. Der darauffolgende Diskurs in Erfurt dürfte auch Oxenstjern nicht unbekannt geblieben sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Die Gewalt und der Dreißigjährige Krieg: Einleitung in die Thematik der Gewalt als physischer und symbolischer Akt im Kontext des Dreißigjährigen Krieges.
2) Militärische Gewalt: Untersuchung der Gewaltanwendung durch das Militär, unterteilt in Gefechte, Konflikte zwischen Söldnern, Übergriffe auf Zivilisten und disziplinarische Maßnahmen.
2.1) Söldner im Gefecht: Analyse der Gewalterfahrungen von Soldaten im Kampf basierend auf zeitgenössischen Tagebuchaufzeichnungen.
2.2) Söldner unter sich: Beleuchtung der konfliktgeladenen Dynamik und Gewalt innerhalb von Söldnergruppen im Lageralltag.
2.3) Gewalt gegen Nichtkombattanten: Diskussion der Übergriffe auf Zivilisten und der Unterscheidung zwischen rechtmäßiger und unrechtmäßiger Gewaltausübung.
2.4) Innermilitärische Disziplinarmaßnahmen: Darstellung der Brutalität als Mittel der Disziplinierung innerhalb der Armee.
3) Zivile Gewalt: Betrachtung der gewalttätigen Auseinandersetzungen im zivilen Alltag sowie die Rolle von Gewalt als Herrschaftsinstrument.
4) Religiöse Gewalt: Erörterung der symbolischen Ebene des Konfessionskrieges und deren Kontrast zur physischen Gewalt.
4.1) Kalter Konfessionskrieg: Analyse der symbolischen Machtdemonstrationen am Beispiel von Erfurt und Augsburg.
5) Darstellung und Wahrnehmung der Gewalt: Untersuchung der Memoria des Krieges und seiner Konstruktion als Medienereignis.
Schlüsselwörter
Dreißigjähriger Krieg, Gewalt, Militärgeschichte, Söldner, Konfessionskrieg, Symbolische Gewalt, Gewalt gegen Zivilisten, Disziplinierung, Religiöse Konflikte, Frühe Neuzeit, Kriegsgeschichte, Machtverhältnisse, Zeitzeugenschaft, Wahrnehmung, Memoria.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Ebenen, auf denen während des Dreißigjährigen Krieges Gewalt ausgeübt wurde, wobei ein besonderer Fokus auf der Unterscheidung zwischen physischen und symbolischen Akten liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Schwerpunkte liegen auf militärischer Gewalt, ziviler Gewalt, religiös motivierter symbolischer Gewalt sowie der historischen Darstellung und Wahrnehmung dieser Gewaltexzesse.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, die oftmals ineinander verwobenen Ebenen der Gewaltausübung voneinander zu trennen und zu beleuchten, wie diese an soziale Strukturen und Konfessionen gekoppelt waren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die primär auf der Auswertung von zeitgenössischen Quellen wie Tagebüchern, Berichten und zeitgenössischen Darstellungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Abschnitte, die das Militär als zentrale Gruppe, die zivile Sphäre und die Rolle des Konfessionskrieges detailliert untersuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Dreißigjähriger Krieg, Militärische Gewalt, Symbolische Gewalt, Konfession und Frühe Neuzeit.
Warum wird in der Arbeit auch von symbolischer Gewalt gesprochen?
Der Autor argumentiert, dass Gewalt nicht nur körperlich ausgeübt wurde, sondern dass Akte der „Symbolkontrolle“ – wie die Zerstörung religiöser Symbole – zentrale Mittel waren, um Macht zu demonstrieren und die Identität des Gegners zu schwächen.
Welche Rolle spielten die Ereignisse in Erfurt und Augsburg?
Diese Städte dienen als Fallbeispiele für den „Kalten Konfessionskrieg“, in dem durch symbolische Handlungen (z.B. die Untersuchung von Reliquien oder der Abriss von Kirchen) religiöse und politische Hegemonie beansprucht wurde.
Wie unterschieden Söldner zwischen verschiedenen Arten von Gewalt?
In ihren Aufzeichnungen differenzierten Söldner häufig zwischen rechtmäßiger Gewalt im Kriegsgebrauch (Soldatenvorrecht) und unrechtmäßiger Gewalt, wobei besonders die Übergriffe auf Unbeteiligte oft einer moralischen Rechtfertigung bedurften.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung zu den „gebackenen Bischöfen“?
Der Vorfall in Erfurt zeigt, wie der protestantische Reichskanzler Oxenstjern durch eine öffentliche Untersuchung religiöser Objekte den Katholizismus als Aberglauben diskreditieren und die eigene politische Vormachtstellung symbolisch manifestieren wollte.
- Citar trabajo
- Bachelor of Arts Sebastian Schellschmidt (Autor), 2010, Ebenen der Gewalt im Dreißigjährigen Krieg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201814