Die Figur des Harlekin - Seine Metamorphosen und seine Vertreibung


Hausarbeit, 2011
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das Wesen des Harlekin
Das Prinzip des Harlekin

Die Vertreibung des Harlekin
Die Komödietheorie Gottscheds
Die notwendige Verbannung des Harlekin
Komödienkonzepte nach Gottsched

Lessing und die Tragikkomödie

Bibliographie

Vorwort

[U]nd ein Poet setzet sich also in den Verdacht, als verstünde er sein Handwerck, das ist, die Satire nicht: wenn er ohne Beyhülfe eines unflätigen Possenreißers nichts lustiges auf die Schaubühne bringen kan […][1]

Die Figur, an welcher in diesem Zitat heftige Kritik geäußert wird, ist die des Harlekin. Jenes Wesen, das in wechselnder Gestalt, jahrzehntelang das europäische Theater prägte. Sind seine Eltern auch italienischer Herkunft ist er doch in der französischen Commedia dell`arte geboren. Dort erlebte er seinen Höhepunkt und war die zentrale Figur des improvisierten Stegreiftheaters. Sein buntes Kostüm prägte ihn gleichsam wie seine charakteristische Doppelgesichtigkeit. In wie vielen Darstellungen er uns auch erscheint, funktioniert er stets nach einem festen Prinzip, welches in ihm seine Vollendung findet.

Doch kurz nachdem seine Form der Darbietung ihren Zenit erreicht hatte, erfolgte die schroffe Ablehnung im neuen Theater der Aufklärung. Was sind die Gründe für seine theaterwirksame Verbannung von der Bühne?

Wird der Harlekin zunächst nur von der Tragödie ausgeschlossen- als zwecklose Überbrückung der Pausen- weitet sich der Kampf gegen ihn auf alle Formen der Darbietung aus.

Dieser Prozess steht im engen Zusammenhang mit dem (früh-) aufklärerischen Prinzip der Wirksamkeit von Theater. Aufführungen dienen ab jetzt dem Zweck der rationalen Erziehung des Menschen.

Am Ende wird die Verbannung des Harlekin von der Bühne für eine lange Zeit erfolgreich beendet sein. Doch um welchen Preis?

Die skizzierte Metamorphose des Harlekin erzählt gleichsam die Geschichte über den erzieherischen Sinn von Theater und Kunst im Allgemeinen. Wie soll Theater wirken und muss jede Form der Darstellung einem rationalen Zweck zugeordnet werden?

Diese Fragen und die damit verbundenen Entwicklungen stehen auch heute im Zentrum vieler Diskussionen über die (gesellschaftliche) Berechtigung von Kunst. Sie lassen sich an der Verbannung des Harlekin Stück für Stück abbilden und nachvollziehen.

Das Wesen des Harlekin

Die Frage, wer oder was der Harlekin ist, erscheint im Grunde doch völlig irrational, sinnlos, geradezu überflüssig. So ist doch genau diese Undefinierbarkeit das Wesen und die besondere Eigenart des Harlekin, dass er nicht (er-)fassbar ist, in keine klaren Grenzen passt und keiner Kategorie zuzuordnen ist.

Seine zahlreichen Facetten und Verwandlungen verhindern ein einheitliches Bild. In der Geschichte des Theaters spielt er zahlreiche Rollen: Den Arlecchino, den Arlequin, den Kasper oder den Hanswurst, um nur einige zu nennen. Selbst während der Aufführungen wechselt er ständig die Charaktere: Er verkörpert den „dummdreisten Tölpel“[2] genauso wie den „weisen Narr“[3] , die Melancholie und tiefe Verzweiflung gleichsam wie ausgelassene Freude und Heiterkeit. Bekannt sind auch seine zahlreichen Kunststücke auf der Bühne. Er ist Akrobat, Sänger, Tänzer und Darsteller zugleich.

Seine unendlichen Metamorphosen machen ihn dem „Joker“[4] im Kartenspiel ähnlich. Gern übernimmt er gerade die Rolle, die am sehnlichsten gebraucht wird.

Doch wie soll man sich in unserer Zeit dieser gänzlich ambivalenten Figur nähern? Ungeachtet seinem vielfältigen Auftreten und Erscheinung, lassen sich bestimmte Wesenzüge erkennen, die allen Darstellungen und Auswüchsen gemein sind. Charakteristika und unbedingte Elemente, die diese Figur notwendigerweise innehabe musste, um das zu sein, was sie ist, als solche erkannt und geliebt zu werden.

Dazu zählt zunächst der „Blick von unten auf die Welt“[5] . Seine Bodenständigkeit und Natürlichkeit steht im engen Zusammenhang mit seiner Verbindung zum Praktischen. Er ist gänzlich volkstümlich. Themen wie Fortpflanzung, Arbeit, Lebenssicherung spricht er an und beschäftigen ihn.[6] Der Harlekin ist gleichsam gemein und natürlich durch seine ungenierte Triebbefriedigung und ungehemmte Vitalität. Seine Volkstümlichkeit zentriert sich in seiner typischen Interaktionen mit dem Publikum. Dabei ist nichts geplant, sondern alles gänzlich improvisiert.

Diese Wesenszüge prädestinieren ihn zur Darstellung des rein Sinnlichen, der Erfüllung verdrängter, verpönten und gesellschaftlich geächteter Triebe. Seine Körperlichkeit und seinen nahen Bezug zur Natur lassen ihn „arational“ und „akausal“ handeln.[7]

Darüber hinaus ist er weder individuell noch berechenbar, was ihm im Zuge der aufklärerischen Theaterreform zum Verhängnis werden wird.

Alle diese Eigenschaften stigmatisieren ihn als Ausdruck des Primitiven, Obszönen und Gemeinen schlechthin.

Allerdings tritt jedem, der die Figur des Harlekin starr kategorisieren will, seine Doppelgesichtigkeit und Ambivalenz entgegen. Als Übertreter gesellschaftlicher Grenzen und gemeinschaftlicher Konventionen ist er gleichsam Störenfried und ungeliebter Modernisierer. Der Harlekin ist ein Wanderer zwischen den Welten der Wirklichkeit und des Spiels.[8] Durch seine Ungeniertheit und Schamlosigkeit entführt er das Publikum nicht nur in die Welt des absolut Sinnlichen und Natürlichen, sondern zeigt ihm ebenso durch diesen Übertritt die Grenzen der menschlichen Handlungsmöglichkeiten auf, welche auf der Grundlage gesellschaftlicher Normen gezogen wurden.

Sein enger Gegenwartsbezug, denn für ihn zählt nur der Moment, verbindet sich mit seinem typischen Auftreten: Die Sprünge oder sein „Eccomi“[9] sind zum einen Ausdruck mangelnden Respekts gegenüber Konventionen und Autoritäten. Andererseits unterstützt das plötzliche Auftreten seine Rolle als Vermittler zur der anderen Welt, zur „Utopie“, zum Spiel.[10] Er wirkt geisterhaft ohne rationale Motivation erschienen, um den Menschen die Botschaft der verdrängten Triebe zu bringen.

Für das Publikum sind seine Gesten und Gestalten dabei gleichsam unmittelbar und unverkennbar. Die Interaktion und das Verstehen basieren nicht auf der Sprache, sondern man (er-)kennt seine typische Haltung, diese allein ermöglicht die reibungslose Kommunikation.

Die Figur des Harlekins stellt durch ihre Dynamik und Undefinierbarkeit die Verkörperung des anderen, vormodernen Theaters dar, welches keine Umrahmung durch eine Bühne benötigte.

Zum einen agiert der Harlekin gänzlich antibürgerlich, wider den gesellschaftlichen Konventionen und kulturellen Ordnungsmustern. Er bringt die Verhaltensmuster ungehemmt auf die Bühne, welche gesellschaftlich geächtet sind. Hedonistische Lebensweise, Trinkgelage, Essen, aber auch Müßiggang und Feigheit.[11] Durch Verdrehung der gesellschaftlichen Ordnung verdeutlicht er die Diskrepanz des Menschen zu seinem Ursprung, indem er sie ad absurdum führt. So offenbart er den Widersinn rational kontrollierten Handels, welches sozial allgegenwärtig und kontrolliert ist.

Zum anderen widersetze sich die Figur des Harlekin der modernen Lebensweise: „Gegen die Neubestimmung von Arbeits- und Freizeit, […] gegen die Zähmung herkömmlicher Gebräuche und Sitten […] gegen die Umbewertung des Sinnlichen“.[12]

Gemeint ist hier die Verneinung alles Natürlichen des Menschen, indem er durch zivilisatorische Erziehungsinstanzen zu einem rational denkenden, vermeintlich besseren Wesen wird und seine unbewussten Wünsche und Affekte zu unterdrücken lernt. Auf der einen Seite mag diese Botschaft des Harlekins als anachronistisch und mittelalterlich gegenüber den Gedanken der Moderne angesehen werden. Andererseits haben die Verneinung und das Abstreiten der menschlichen Natur, mit ihren Trieben, Leidenschaften und Sinnlichkeiten, auch immer eine Unterdrückung derselben zur Folge. Die Natur des Menschen lässt sich nicht rational und kulturell eingrenzen.

Das Prinzip des Harlekin

Um das Wirken und das Prinzip des Harlekins nachvollziehen und verstehen zu können, ist es nötig, sich die spezifisch anderen Denkmuster seiner Epoche vor dem 16. Jahrhundert zu vergegenwärtigen. Das plastische, intuitive Bild und Verständnis seiner Figur ist uns nämlich in der heutigen Zeit verloren gegangen, nachdem die Modernisierung des Volkstümlichen in allen Bereiche des Lebens Einzug gehalten hat.[13]

Wie lässt sich das das visuelle Denken in einer Welt beschreiben, die das Primat der Bühne und das Prinzip der Frontalität noch nicht kannte?

[...]


[1] Gottsched, Christoph Johann: Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730). In: Profitlich, Ulrich (Hrsg.): Komödietheorie. Texte und Kommentare vom Barock bis zur Gegenwart. Hamburg: Rowohlt 1998, S. 48.

[2] Bartl, Andrea: Die deutsche Komödie. Metamorphosen des Harlekin. Stuttgart: Reclam 2009, S. 9.

[3] Bartl, Andrea: Die deutsche Komödie. Metamorphosen des Harlekin., S. 9.

[4] Stackelberg, Jürgen von: Metamorphosen des Harlekin. Zur Geschichte einer Bühnenfigur. München: Wilhelm Fink 1996.

[5] Bartl, Andrea: Die deutsche Komödie. Metamorphosen des Harlekin, S. 23.

[6] Münz, Rudolf: Das Harlekin-Prinzip. In: Ders.: Theatralität und Theater. Berlin. Schwarzkopf und Schwarzkopf 1998, S. 61.

[7] Münz, Rudolf: Das Harlekin-Prinzip, S. 63.

[8] Bartl, Andrea: Die deutsche Komödie. Metamorphosen des Harlekin, S. 9.

[9] Münz, Rudolf: Das Harlekin-Prinzip, S. 62.

[10] Münz, Rudolf: Das Harlekin-Prinzip, S. 62.

[11] Bartl, Andrea: Die deutsche Komödie. Metamorphosen des Harlekin, S. 24.

[12] Münz, Rudolf: Das Harlekin-Prinzip, S. 63.

[13] Münz, Rudolf: Das Harlekin-Prinzip, S. 60.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Figur des Harlekin - Seine Metamorphosen und seine Vertreibung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V201970
ISBN (eBook)
9783656278207
ISBN (Buch)
9783656278887
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figur, harlekin, seine, metamorphosen, vertreibung
Arbeit zitieren
Sören Witt (Autor), 2011, Die Figur des Harlekin - Seine Metamorphosen und seine Vertreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201970

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