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"Sie konnte sich nicht auf sich besinnen" - Identitäts- und Sprachkrisis in Robert Musils Erzählung "Die Vollendung der Liebe"

Titre: "Sie konnte sich nicht auf sich besinnen" - Identitäts- und Sprachkrisis in Robert Musils Erzählung "Die Vollendung der Liebe"

Exposé Écrit pour un Séminaire / Cours , 2012 , 24 Pages , Note: 1,3

Autor:in: Thérèse Remus (Auteur)

Philologie Allemande - Littérature Allemande Moderne
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Résumé Extrait Résumé des informations

In seinen 1911 bis 1931 verfassten Essays fordert Robert Musil eine neue Literaturbetrachtung, die Geschriebenes nicht an Bekanntem misst, sondern den Versuch unternimmt, „[…] gerade die Einmaligkeiten […] nebeneinander auszubreiten […].“ Ziel für das eigene Schreiben war für Musil vor dem Hintergrund dieser Forderung, „[…] die Grenzkurve unseres Fühlens u. Denkens, die Verbindungslinie der Endpunkte aller Wege, wo sie vor dem Nochnichtbegangenen abbrechen“, abzubilden. Jene Zielsetzung ist Ausdruck für eine Erkenntnishaltung des Autors, welche die sich seinerzeit im Umbruch befindlichen Konzepte von Identität und Individuum als unvereinbar mit traditionellen Darstellungsformen empfindet und daher nach neuen Erzählweisen strebt. Nietzsches radikale Sprachkritik, Freuds Dekonstruktion der Einheit des Subjekts, Ernst Machs „Analyse der Empfindungen“ sowie Hermann Bahrs Ausspruch von der Unrettbarkeit des Ichs bilden einen Horizont für Musils Schreiben, vor dem sich seine Protagonisten als moderne Subjekte zwischen eben jenen im Auflösen
begriffenen Konstanten ausnehmen. Thomas Pekar nennt das Problem der Selbstspaltung und
die prinzipielle Unvereinbarkeit der Spaltungsdualismen als grundlegendes Zeitphänomen und Merkmal von Musils Schreiben und Martin Siegel konstatiert die Uneinheitlichkeit des
Ich als Folie für die Handlungen der „Heldinnen“ in Musils Erzählungen.
Mit der Figur der Claudine zeichnet Musil eine
Frauenfigur, die zwischen krisenhafter Identitäts- und Spracherfahrung einen Ehebruch begeht, der
ihr als „letzte Vermählung“ die Vollendung ihrer Liebe bedeuten soll. Zusammengenommen
ergeben Titel und inhaltlicher Gang der Novelle den paradoxen Gedanken, eine Vollendung
der Liebe durch Ehebruch erreichen zu können. Das Oxymoron ʻVereinigung durch Bruchʼ
verweist zum einen auf den Musil` schen Möglichkeitssinn, in dessen Rahmen dieser Denk- und
Handlungsplan keineswegs paradoxen, sondern realistischen Charakter hat. Zum anderen
spiegelt das die gesamte Erzählung strukturierende Begriffspaar die grundlegende Erfahrung
einer umfassenden Sprachskepsis der Moderne wider, wonach Sprache als Instrument der Wirklichkeitsvermittlung und Identitätskonstruktion in Zweifel gezogen wird. In diesem Sinne soll in den folgenden Ausführungen untersucht werden, wie Musil anhand
der Figur der Claudine Schwierigkeiten der Identitätskonstitution vor dem Hintergrund der
Spaltung des modernen Subjekts und einer umfassenden Sprachkrise verhandelt.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Exkurs I: Relevanz des Liebesthemas für die Verhandlung von Identität und Sprache

3. „Erschöpft von der Schwere ihres Glücks“ – krisenhafte Zweisamkeit

3.1. Claudines Ehe als (un)tauglicher Raum der Selbstentfaltung

3.2. „Dann sagten sie nichts“ – Vermögen und Versagen der Sprache als Mittel der (Selbst)Verständigung

4. Die Fremde als Auslöser der Selbsterkenntnis

4.1. „Sie konnte sich nicht auf sich besinnen“ – Erkenntnis der Selbstentfremdung

4.2. „Eine sonderbare Wolke von Empfindungen“ – Auflösung in Gefühl als geschärfte Selbstwahrnehmung

4.3. Gefühl und Gedanke – Sprachlosigkeit als wahrhaftiger Selbstausdruck

5. Ehebruch als Moment der Vereinigung

5.1. Ich-Gefühl ohne autonome Selbst-Erkenntnis

5.2. Exkurs II: Beliebigkeit und Liebesideal

6. Schlussbemerkung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht an der Figur der Claudine aus Robert Musils Erzählung "Die Vollendung der Liebe", wie das moderne Subjekt vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Sprachkrise und der Fragmentierung der eigenen Identität Schwierigkeiten der Selbstkonstitution verhandelt.

  • Die Krise des Ich-Welt-Verhältnisses und die Rolle der Liebe als "Modellsituation".
  • Die Dysfunktionalität von Sprache als Mittel der Identitätskonstruktion und Selbstverständigung.
  • Die Bedeutung von Trennung und Fremdheit als Räume für potenzielle Selbsterkenntnis.
  • Das Spannungsfeld zwischen traditionellen Moralvorstellungen und dem Ausleben körperlicher Triebe.
  • Die Legitimierung von Schweigen und Gefühl als alternative Ausdrucksformen moderner Subjektivität.

Auszug aus dem Buch

3.1. Claudines Ehe als (un)tauglicher Raum der Selbstentfaltung

Der Beginn der Novelle – die Schilderung eines Ehepaares in trauter Zweisamkeit – mutet auf den ersten Blick trivial an. Die Ehefrau deutet ihre zeitnahe Abreise an und der Leser erfährt, dass der Ehemann aus gewissen Gründen nicht mitfahren wird. Direkt im Anschluss an die Titelüberschrift Die Vollendung der Liebe wird das Motiv der Trennung eingeführt, das den Text maßgeblich strukturiert. Dass das Experiment von der Trennbarkeit der Liebe durchgeführt werden muss, wird im ersten Abschnitt anhand zahlreicher Hinweise gezeigt, deren hauptsächlicher ein undefinierbares Ungenügen in der Liebesbeziehung zwischen Claudine und ihrem Mann ist.

Auffällig ist die Gestaltung des Gegensatzes zwischen dem Ehepaar und seiner Umgebung. Gegenständliches wird anthropomorphisiert, wogegen Claudine und ihr Mann seltsam leblos und erstarrt scheinen: Die „[…] dunkelgrünen Jalousien blickten außen auf die Straße“ und die „[…] Gegenstände hielten umher den Atem an“ während Claudine und ihr Mann „[…] steif an den Lehnen ihrer Sitze in die Höhe [gerichtet], mit unbewegten Gesichtern und unverwandten Blicken […]“ einander gegenüber sitzen. Diese Starre, welche das Beisammensein Claudines und ihres Mannes prägt, wird als solche auch von Claudine empfunden. Ihr wird später auf der Reise, versunken in Gedanken und Erinnerungen, einfallen, „daß auch sie […] in sich gefangen und auf einen Platz gebunden dahinlebte, in einer bestimmten Stadt, in einem Hause darin, einer Wohnung und einem Gefühl von sich […].“ Offensichtlich sagt Claudine in diesen Zeilen aus, dass ihr Eheleben einen Rahmen darstellt, der ihr hilft, ein „Gefühl von sich“ zu empfinden. Allerdings ermöglicht ihr dieser Rahmen nicht das Wahrnehmen und Ausleben ihrer Persönlichkeit, sondern stellt, im Gegenteil, eine Einengung für sie dar.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung verortet Musils Erzählung im Kontext zeitgenössischer Sprachkritik und der Dekonstruktion des Subjekts und definiert die Untersuchung der Identitätskonstitution Claudines als zentrales Ziel.

2. Exkurs I: Relevanz des Liebesthemas für die Verhandlung von Identität und Sprache: Dieser Abschnitt beleuchtet, warum Musil die Liebe als „Modellsituation“ für die Krise des Ich-Welt-Verhältnisses nutzt und die Unzulänglichkeit normierter Liebesrhetorik betont.

3. „Erschöpft von der Schwere ihres Glücks“ – krisenhafte Zweisamkeit: Das Kapitel analysiert die eheliche Beziehung Claudines als einen Raum, der zwar Schutz bietet, jedoch die eigene Persönlichkeitsentfaltung durch Starre und Sprachlosigkeit einengt.

3.1. Claudines Ehe als (un)tauglicher Raum der Selbstentfaltung: Es wird untersucht, wie die Trennung vom Ehemann als notwendiger Schritt zur Selbstfindung und als Ausbruch aus einer als einengend empfundenen "abgeschlossenen Welt" wahrgenommen wird.

3.2. „Dann sagten sie nichts“ – Vermögen und Versagen der Sprache als Mittel der (Selbst)Verständigung: Hier steht die Dysfunktionalität der Sprache im Vordergrund; das Schweigen wird als überlegene Form der Kommunikation und als legitimer Zustand der Liebesvollendung interpretiert.

4. Die Fremde als Auslöser der Selbsterkenntnis: Dieses Kapitel beschreibt, wie die Reise und die damit verbundene Einsamkeit Claudines den Prozess der Selbsterkenntnis einleiten und ihre Identitätskrise verschärfen.

4.1. „Sie konnte sich nicht auf sich besinnen“ – Erkenntnis der Selbstentfremdung: Die Reflexionen über die Vergangenheit offenbaren Claudines tiefe Selbstentfremdung und die Unfähigkeit, ihr Handeln als eigenständig zu begreifen.

4.2. „Eine sonderbare Wolke von Empfindungen“ – Auflösung in Gefühl als geschärfte Selbstwahrnehmung: Es wird analysiert, wie Claudines Aufgehen in einem "reinen Gefühlserleben" eine Abspaltung vom körperlichen Selbst ermöglicht, um eine Versöhnung von Trieb und Liebe anzustreben.

4.3. Gefühl und Gedanke – Sprachlosigkeit als wahrhaftiger Selbstausdruck: Dieses Kapitel verdeutlicht, dass die Erzählinstanz die Sprachlosigkeit Claudines als notwendiges Mittel einsetzt, um dem Scheitern des modernen Menschen an der Sprache Ausdruck zu verleihen.

5. Ehebruch als Moment der Vereinigung: Hier wird der Ehebruch nicht als moralischer Bruch, sondern als notwendiger Schritt zur Integration verschiedener Wesensanteile Claudines und zur Vollendung ihrer Selbstsuche betrachtet.

5.1. Ich-Gefühl ohne autonome Selbst-Erkenntnis: Die Analyse zeigt, dass Claudine ihre Identität weiterhin über das Gegenüber definiert und die erhoffte Autonomie ausbleibt.

5.2. Exkurs II: Beliebigkeit und Liebesideal: Der Exkurs hinterfragt den Glauben an ein Liebesideal vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Liebeskonstellationen und die damit verbundene Identitätsstiftung zufällig und beliebig sind.

6. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass die Erzählung das Scheitern an einer vollkommenen Identität thematisiert und das Paradoxon als einzig mögliche Form der künstlerischen Wahrheitsfindung akzeptiert.

Schlüsselwörter

Robert Musil, Die Vollendung der Liebe, Identitätskrise, Sprachkrise, Moderne, Selbstentfremdung, Liebesrhetorik, Subjektivität, Ehebruch, Sprachlosigkeit, Möglichkeitssinn, Gefühlserleben, Identitätskonstitution, Paradoxon, Erzählweise.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert die Erzählung "Die Vollendung der Liebe" von Robert Musil und untersucht, wie die Protagonistin Claudine versucht, ihre Identität in einer modernen Welt zu definieren, die durch Sprachverlust und die Fragmentierung des Ich geprägt ist.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Arbeit behandelt Themen wie die Krise des Ich-Welt-Verhältnisses, die Unzulänglichkeit konventioneller Sprache für authentische Gefühle, die Rolle der Ehe und des Ehebruchs im Identitätsbildungsprozess sowie die Bedeutung des Schweigens.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musil mittels der Figur der Claudine die Schwierigkeiten der Identitätskonstitution eines modernen Subjekts vor dem Hintergrund der Sprachkrise und der Spaltung des Ichs literarisch verhandelt.

Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?

Die Autorin stützt ihre Analyse auf literaturwissenschaftliche Lektüre, wobei sie auf philosophische und psychologische Ansätze (etwa von Ernst Mach oder Sigmund Freud) zurückgreift, um Musils Darstellung der Subjektivität und der Sprachskepsis zu interpretieren.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil wird zunächst die krisenhafte Zweisamkeit der Ehe analysiert, dann die Rolle der Fremde und der Reise für die Selbsterkenntnis, sowie der Ehebruch als Versuch einer "Vereinigung", wobei der Fokus stets auf dem Zusammenspiel von Sprache, Gefühl und Identität liegt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?

Wichtige Begriffe sind insbesondere: Robert Musil, Identitätskrise, Sprachkrise, Moderne, Selbstentfremdung, Subjektivität und die "Vollendung der Liebe".

Warum wird das Schweigen in der Arbeit so intensiv diskutiert?

Das Schweigen wird als "sprachlose" Form der Reflexion diskutiert, die dem modernen Menschen ermöglicht, sich einer normierten und als defizitär empfundenen Sprache zu entziehen, um so eine "wahrhaftigere" Erfahrung jenseits starrer Begrifflichkeiten zu machen.

Wie bewertet die Arbeit Claudines Ehebruch?

Die Arbeit interpretiert den Ehebruch nicht als bloße Untreue oder moralisches Versagen, sondern als einen notwendigen, wenn auch paradoxen Akt der Selbstsuche, durch den Claudine versucht, ihre gespaltenen Wesensanteile zu integrieren.

Was schließt die Arbeit über das Ende der Erzählung?

Die Schlussfolgerung besagt, dass Musil die Offenheit und Vieldeutigkeit des Endes nutzt, um beim Leser ein Hinterfragen von Erwartungen an "vollkommene" literarische Sinnstiftung anzuregen, und dass die Vollendung des Subjekts nur in der Kunst durch die Legitimation des Paradoxen möglich scheint.

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Résumé des informations

Titre
"Sie konnte sich nicht auf sich besinnen" - Identitäts- und Sprachkrisis in Robert Musils Erzählung "Die Vollendung der Liebe"
Université
Humboldt-University of Berlin  (Institut für Germanistik)
Cours
Seminar: Robert Musil - Erzählungen
Note
1,3
Auteur
Thérèse Remus (Auteur)
Année de publication
2012
Pages
24
N° de catalogue
V202039
ISBN (ebook)
9783656279815
ISBN (Livre)
9783656282433
Langue
allemand
mots-clé
Robert Musil Vollendung der Liebe Sprachkrise Identitätskrise Claudine Frauenfigur
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Thérèse Remus (Auteur), 2012, "Sie konnte sich nicht auf sich besinnen" - Identitäts- und Sprachkrisis in Robert Musils Erzählung "Die Vollendung der Liebe", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202039
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Extrait de  24  pages
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