„Ich war Mann und Frau“. Der Buchtitel von Christiane Völlings 2010 erschienener Erzählung ihrer Version einer intersexuellen Lebensrealität mag in manchen gesellschaftlichen und auch akademischen Kontexten Verwirrung stiften. Mann und Frau zugleich? In einem System, dass auf der Trennung von Geschlechtern in genau zwei Kategorien, nämlich weiblich und männlich, beruht, scheint weder die Vorstellungsmöglichkeit noch der Platz für Menschen zu sein, die eine Position als weder das eine oder das andere, ein sowohl als auch oder ein „dazwischen“ beziehen. Die unmittelbare Frage, die sich daran anschließen lässt ist diese: Wie kommt es, dass, obwohl uns in Gesellschaft und häufig auch der in Wissenschaft vermittelt wird, dass es nur zwei streng voneinander getrennte Geschlechter gibt, es dennoch einen (nicht geringen) Teil von Menschen gibt, die sich in dieses Schema nicht einordnen können oder wollen?
Es ist genau diese Uneindeutigkeit, die verwischte Grenze zwischen den Geschlechtern, die eine kritische Hinterfragung dessen provozieren, was Menschen für „natürlich“ und „normal“ halten; eine Hinterfragung der Schemata, an denen sich Individuen in ihrem Leben orientieren. Menschen, die sich nicht eindeutig in das Schema weiblich/männlich einpassen lassen, erzeugen nicht nur Verwirrung, Unsicherheit, sondern auch wissenschaftliches Interesse, indem sie eine herrschende Geschlechterordnung stören. Die Einteilung in ein System, dass nur Mann und Frau kennt, hat eine lange und gewaltsame Geschichte, die von Ab- und Ausgrenzungen gekennzeichnet ist und lässt sich, weder in Wissenschaft noch in Gesellschaft, einfach erklären und aufbrechen. Die Trennung der Geschlechter zwischen Mann und Frau beruht dabei oftmals auf biologisch beweisbaren „Tatsachen“, die in den Genen, Chromosomen, in den Hormonen oder etwa im Gehirn auf eine deutliche Unterscheidung der zwei Geschlechter belegen.
Die Rolle der Medien im Fokus von Geschlecht lässt sich kritisch dahingehend hinterfragen, welches Wissen von Geschlecht jenseits eines Zwei-Geschlechter-Systems zugänglich gemacht wird, welche Theorien und Ansätze Eingang in einen öffentlichen Diskurs finden, die zusammen mit wissenschaftlichen Forschungen das prägen, was wir uns unter Geschlecht vorstellen. Vorstellungen von Geschlecht beziehen sich dabei häufig auf eine Vorstellung dessen, was „natürlich“ ist.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Zwischengeschlechtlichkeit im Spannungsfeld eines Zwei-Geschlechter-System
2.1. Diskurse in einem Zwei-Geschlechter System
2.2. Zur Medikalisierung und Pathologisierung von Zwischengeschlechtlichkeit
2.3. Zwischengeschlechtlichkeit in aktuellen theoretischen Ansätzen
2.4. Ein Paradigmenwechsel? Ausblicke und aktuelle Debatten
2.5. Zwischenfazit
3. Siegfried Jägers Kritische Diskursanalyse
3.1. Diskursbegriff
3.2. Methoden und Ziele der Kritischen Diskursanalyse
4. Praktische Anwendung der Kritischen Diskursanalyse
4.1. Materialaufbereitung
4.2. Der SPIEGEL: „Und Gott schuf das dritte Geschlecht“
4.3. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG: „Das verordnete Geschlecht“
4.4. Die TAZ: „Jede Bluse eine Mondlandung“
5. Gesamtanalyse
6. Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die diskursive Verortung von Zwischengeschlechtlichkeit in deutschen Print-Medien, mit einem besonderen Fokus auf den Präzedenzfall Christiane Völling. Ziel ist es, durch eine kritische Diskursanalyse aufzuzeigen, wie Medien Wissen über Geschlecht konstruieren, reproduzieren und dabei bestehende Machtstrukturen eines binären Zwei-Geschlechter-Systems stützen oder hinterfragen.
- Kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger als methodischer Rahmen
- Analyse der medialen Berichterstattung zu Christiane Völling in Spiegel, Süddeutscher Zeitung und TAZ
- Hinterfragung der Pathologisierung und Medikalisierung von Zwischengeschlechtlichkeit
- Rolle von Bildsymbolik und Sprache bei der Konstruktion von Geschlecht
- Spannungsfeld zwischen medizinischem Expertentum und den Forderungen zwischengeschlechtlicher Aktivist*innen
Auszug aus dem Buch
Methodische Vorgehensweise und Gegenstand
Gegenstand dieser Arbeit sind sowohl soziale als auch wissenschaftliche Diskurse über Zwischengeschlechtlichkeit und ihr Aufgriff durch massenmediale Texte am Beispiel der Berichterstattung zu Christiane Völlings Schmerzensgeldprozess, der im Jahr 2007 begann. Basis für die Analyse der in der Presse aufgegriffenen Diskurse bildet Siegfried Jägers Kritische Diskursanalyse, die aufgrund ihrer praxisorientierten Vorgehensweise und der starken Betonung einer gesellschaftlichen Vermittlung von Diskursen und den in ihnen enthaltenen Positionen als geeignetes Werkzeug gesehen wird, um Zugang zu der öffentliche Verhandlung von Zwischengeschlechtlichkeit zu erlangen.
Der Begriff „Zwischengeschlechtlichkeit“ wurde in dieser Arbeit bewusst gewählt, um ihn von dem medizinisch geprägten Begriff „Intersexualität“ abzugrenzen und somit gleichzeitig auf die starke gesellschaftliche Komponente des Begriffs zu verweisen, die geschlechtliche Uneindeutigkeit aus dem Zugriff der Medizin löst. Laut medizinischer Definition bezeichnet Zwischengeschlechtlichkeit, oder in diesem Fall konkret Intersexualität „ […] diejenigen Erscheinungsformen, bei denen biologische Geschlechtsmerkmale (v.a. Chromosomen, Gonaden, äußere und innere Geschlechtsmerkmale) voneinander abweichen“ (Richter-Appelt 241), also nicht als eindeutig männlich oder weiblich benannt werden können.
Die Geschlechtszuweisung nach der Geburt eines zwischengeschlechtlichen Kindes erfolgt allerdings vornehmlich durch Beurteilung und Klassifizierung der äußeren, sprich: der unmittelbar sichtbaren Genitalien. Da jedoch nicht nur biologische Tatsachen, sondern vielmehr auch soziale Komponenten in die Betrachtung von Zwischengeschlechtlichkeit mit einfließen, wird hier von einer rein medizinisch-biologischen Betrachtung und die mit ihr einhergehenden Begrifflichkeiten abgesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Zwischengeschlechtlichkeit ein und hinterfragt das binäre Zwei-Geschlechter-System, das Menschen mit uneindeutigen Körpermerkmalen oft an den Rand drängt oder pathologisiert.
2. Zwischengeschlechtlichkeit im Spannungsfeld eines Zwei-Geschlechter-System: Dieses Kapitel analysiert, wie Zwischengeschlechtlichkeit medizinisch und gesellschaftlich in ein binäres System eingepasst wird, wobei insbesondere Medikalisierungsprozesse und rechtliche Rahmenbedingungen kritisch beleuchtet werden.
3. Siegfried Jägers Kritische Diskursanalyse: Hier werden die theoretischen Grundlagen und methodischen Instrumente von Siegfried Jägers Kritischer Diskursanalyse vorgestellt, die als Werkzeug für die anschließende mediale Analyse dienen.
4. Praktische Anwendung der Kritischen Diskursanalyse: Dieser Hauptteil widmet sich der konkreten Analyse der Berichterstattung über Christiane Völling in Spiegel, Süddeutscher Zeitung und TAZ unter Anwendung der zuvor erläuterten Diskursanalyse-Methode.
5. Gesamtanalyse: Die Gesamtanalyse führt die Ergebnisse der einzelnen Zeitungsartikel zusammen und setzt sie in den größeren Kontext der medialen Wissenskonstruktion und der gesellschaftlichen Sichtbarkeit von Zwischengeschlechtlichkeit.
6. Resümee und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und reflektiert das Potential sowie die Grenzen der vorliegenden Diskursanalyse im Hinblick auf aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Zwischengeschlechtlichkeit, Intersexualität, Kritische Diskursanalyse, Zweigeschlechtlichkeit, Geschlechterrollen, Medikalisierung, Pathologisierung, Christiane Völling, Gender Studies, Medienanalyse, Körpernorm, Menschenrechte, Identität, Diskursstrang, Doing Gender
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie öffentliche Print-Medien in Deutschland über Zwischengeschlechtlichkeit berichten, insbesondere im Kontext des Gerichtsverfahrens von Christiane Völling.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die mediale Konstruktion von Geschlecht, die Rolle der Medizin bei der Pathologisierung intergeschlechtlicher Körper sowie die Bedeutung des Rechts auf Selbstbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzudecken, welche Diskurse Print-Medien nutzen, um Intergeschlechtlichkeit in der Öffentlichkeit darzustellen und wie diese Berichterstattung bestehende gesellschaftliche Normen prägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Kritische Diskursanalyse (KDA) nach Siegfried Jäger, um Texte auf ihre ideologischen Hintergründe und ihre Rolle bei der Wissensproduktion zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit einer detaillierten Feinanalyse von Artikeln aus dem SPIEGEL, der Süddeutschen Zeitung und der TAZ, wobei sowohl sprachliche Rhetorik als auch die Verwendung von Bildsymbolik kritisch hinterfragt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Zwischengeschlechtlichkeit, Medikalisierung, Zweigeschlechter-System, Diskursanalyse und Geschlechtszuweisung.
Warum wurde Christiane Völling als Fallbeispiel gewählt?
Christiane Völling ist eine zentrale Figur, da ihr Gerichtsverfahren als Präzedenzfall für die rechtliche Anerkennung intergeschlechtlicher Menschen und als Auslöser für eine breitere öffentliche Auseinandersetzung mit Zwangsoperationen gilt.
Inwiefern spielt das "Zwei-Geschlechter-System" eine Rolle?
Es dient als das vorherrschende, normgebende Ordnungssystem, gegen welches Zwischengeschlechtlichkeit als "Abweichung" oder "Störung" definiert wird, was die Grundlage für medizinische Eingriffe bildet.
Welche Kritik übt die Arbeit an der Berichterstattung?
Die Arbeit kritisiert unter anderem, dass intergeschlechtliche Menschen oft als "das Andere" dargestellt werden, die Deutungsmacht der Medizin unhinterfragt bleibt und die Stimmen der Betroffenen hinter "Expertenwissen" zurücktreten.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Bilder in den Medien?
Bilder werden als "Kollektivsymbole" analysiert, die einerseits helfen, Unsichtbarkeit zu durchbrechen, andererseits aber oft geschlechtliche Stereotype reproduzieren oder die Komplexität der intergeschlechtlichen Lebensrealität durch "Pop-Inszenierungen" verzerren.
- Citation du texte
- Annika Peter (Auteur), 2012, „Ich war Mann und Frau“. Zwischengeschlechtlichkeit und ihre diskursive Verortung in Print-Medien am Beispiel des „Zwitter Prozesses“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202047