„Dass aber der gerechte Mann allenthalben gegen den Ungerechten im Nachteil ist, das muss man sich, du einfältiger Sokrates, an folgendem klar machen: (...) Wenn beide ein Amt bekleiden, muss es der Gerechte erleben, dass er, ganz abgesehen von anderem möglichen Nachteil, in seinem Hauswesen geschädigt wird, weil er sich dann wenig darum kümmern kann, aus dem Staate aber keinen Vorteil zieht, eben weil er gerecht ist; zudem macht er sich auch noch bei seinen Angehörigen und Bekannten verhasst, wenn er es nicht über sich gewinnt ihnen Vorteile zu verschaffen wider das Recht.“ (Platon)
Diese Aussage Platons über die Nachteile der Ehrlichkeit hat bis heute nichts von ihrem Wahrheitsgehalt eingebüßt. Im Gegenteil – Korruption und die Nutzung informeller Systeme und Strukturen ist zum Teil so weit in das politische Geschehen, gesellschaftliche Strukturen und unseren Alltag verstrickt, dass es nicht immer leicht ist sie überhaupt als solche zu erkennen und als etwas „Unrechtes“ wahrzunehmen.
Werden in Deutschland korrupte Machenschaften, zumindest in der Politik, gesellschaftlich sanktioniert, ist das in vielen anderen Ländern in geringerem Maße der Fall. So werden in Argentinien korrupte und illegitime Akte gesellschaftlich ganz anders wahrgenommen als hier, auf andere Weise sanktioniert, sind in anderem Maße in das politische und gesellschaftliche Leben eingewoben...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die politische und gesellschaftliche Situation Argentiniens
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Die politische Situation Argentiniens
2.2.1 Regierungssystem
2.2.2 Soziales System
2.3 Die gesellschaftliche Situation Argentiniens
2.3.1 Politische Kultur
2.3.2 Abstieg der Mittelschicht
3. Informelle Strukturen
3.1 Normen und Korruption
3.2 Nutzung informeller Strukturen in der Politik
3.3 Korruption im Alltag
3.4 Umgang der Medien mit Korruption
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verbreitung und Nutzung informeller Strukturen sowie Korruption im heutigen Argentinien unter Berücksichtigung des politisch-gesellschaftlichen Kontextes. Das Ziel besteht darin, nachzuvollziehen, wie historische und soziale Faktoren, wie etwa der Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und der Abstieg der Mittelschicht, korruptes Handeln begünstigen oder legitimieren.
- Historische Entwicklung Argentiniens und politische Instabilität
- Struktur des Regierungssystems und Hyperpräsidentialismus
- Soziologische Analyse von Anomie und Normensystemen
- Die Rolle der Medien bei der Thematisierung von Korruption
Auszug aus dem Buch
3.1 Normen und Korruption
Um der Frage, weshalb und in welcher Weise in Argentinien informelle Strukturen genutzt werden, auf den Grund zu gehen, ist es wichtig, sich den Begriff der Anomie anzuschauen. Anomie bezeichnet den Mangel einer Gesellschaft (oder eines Teilbereiches einer Gesellschaft) an gesetzlichen und sozialen Normen, beziehungsweise der Ungenauigkeit oder Unstimmigkeit solcher Normen (vgl. Waldmann 1996: 58). Oder kurz, einen „Zustand sozialer Desorientierung (...), der auf das Fehlen klarer und verbindlicher Normen zurückgeht.“ (Waldmann 1996: 60).
Um das „Fehlen klarer und verbindlicher Normen“ untersuchen zu können ist es hilfreich, sich den Begriff der „Norm“ genauer anzuschauen. So dienen soziale Normen (laut Waldmanns Aufgriff gängiger Untersuchungen zu dem Thema) vor allem dazu, „soziale Verhaltensweisen berechenbar, erwartbar und damit enttäuschungsfest zu machen.“ (Waldmann 1996: 60). Dies mache jegliche soziale Interaktion überhaupt erst möglich, da diese auf dem Vertrauen in die Vorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens basiere. Um eine Abweichung vom „regulären“ Verhalten zu verhindern und somit Vertrauen zu ermöglichen, müssen solche sanktioniert werden – aus Eigeninteresse werde sich nun, falls der Verlust durch Sanktionierung größer ist als der Gewinn durch abweichendes Handeln, an die Regeln der Gesellschaft gehalten (vgl. Waldmann 1996: 60f.). Gleichzeitig gebe es ein (von Sanktionsmechanismen unabhängiges) Interesse der Gesellschaftsmitglieder an moralischer Verbindlichkeit aus Überzeugung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, wie informelle Strukturen und Korruption tief in den argentinischen Alltag und das politische System eingewoben sind, und umreißt den methodischen Ansatz der Arbeit.
2. Die politische und gesellschaftliche Situation Argentiniens: Dieses Kapitel analysiert den historischen Hintergrund sowie das politische System, wobei insbesondere der „Hyperpräsidentialismus“ und die soziale Krise als Faktoren für instabile demokratische Verhältnisse hervorgehoben werden.
3. Informelle Strukturen: Hier werden die soziologischen Hintergründe von Korruption (Anomie-Begriff) sowie deren Anwendung in Politik, Alltag und Medien kritisch untersucht, wobei die Existenz paralleler, informeller Normen betont wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Korruption in Argentinien als Resultat eines mangelnden Vertrauens in den Staat und der Existenz widersprüchlicher Normensysteme zu verstehen ist, was zu einer Normalisierung korrupten Verhaltens führt.
Schlüsselwörter
Korruption, Argentinien, informelle Strukturen, Anomie, politische Kultur, Demokratie, Mittelschicht, soziale Ungleichheit, Normensysteme, Vertrauensverlust, Hyperpräsidentialismus, Medien, Skandal, Sozialpolitik, Rechtsstaatlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tief verwurzelten informellen Strukturen und das Phänomen der Korruption im heutigen Argentinien sowie deren Einfluss auf die politische und soziale Lage.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören der historische Hintergrund des Landes, das Regierungssystem, der soziologische Begriff der Anomie, die Rolle der Mittelschicht sowie die mediale Berichterstattung über Korruptionsfälle.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Untersuchung fragt danach, inwieweit informelle Strukturen in Argentinien existieren, warum sie genutzt werden und wie das politische und soziale Umfeld diese Praktiken begünstigt oder legitimiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Literaturanalyse soziologischer und politikwissenschaftlicher Konzepte, um das Verhalten der argentinischen Gesellschaft und der politischen Elite im Kontext von Korruption zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der historischen und politischen Rahmenbedingungen sowie eine Untersuchung informeller Strukturen in Politik, Alltag und Medien, unter Rückgriff auf soziologische Definitionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Korruption, Anomie, politische Kultur, informelle Strukturen, Vertrauensverlust, Hyperpräsidentialismus und soziale Ungleichheit.
Welche Rolle spielt das Konzept der "Anomie" bei der Korruptionserklärung?
Anomie beschreibt das Fehlen oder die Unstimmigkeit von Normen, was in Argentinien dazu führt, dass sich Menschen parallel zu staatlichen Gesetzen nach einem inoffiziellen, informellen Normenkodex richten.
Warum wird Korruption im Alltag laut der Autorin oft nicht als Unrecht empfunden?
Aufgrund der gelebten Doppelmoral, der politischen Instabilität und des individualistischen Selbstverständnisses wird korruptes Verhalten im eigenen Fall oft als notwendig und im Alltag als normal betrachtet.
- Citation du texte
- Franziska Richter Levin (Auteur), 2010, Die Auswirkungen von Korruption auf die politische sowie soziale Situation im heutigen Argentinien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202065