Arbeitersiedlungsbau in Sachsen, eine Betrachtung im nationalen Kontext

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Arbeiter- und Werkssiedlungen


Masterarbeit, 2012
130 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

1 Einordnung deutscher Arbeitersiedlungen in den europäischen Kontext
1.1 Ursprünge
1.1.1 Entstehung von Arbeitersiedlungen im Zuge der Industriellen Revolution, Exzerpt: Großbritannien
1.1.2 Anfänge des Arbeitersiedlungsbaus in Deutschland
1.2 Höhepunkte der Entwicklung des Arbeitersiedlungsbaus in Deutschland anhand realisierter Beispiele
1.2.1 Kuchen (Baden-Württemberg)
1.2.2 Kammgarnquartier Augsburg (Bayern)
1.2.3 Hannover-Körtingsdorf (Niedersachsen)
1.2.4 Siemensstadt Berlin (Berlin)
1.2.5 Hafenviertel Emden (Niedersachsen)
1.2.6 Kruppstadt/ Margarethenhöhe Essen (Nordrhein-Westfalen)
1.2.7 Kolonie Frankfurt am Main (Hessen)
1.2.8 Limburgerhof (Rheinland-Pfalz)
1.2.9 Werkssiedlung Piesteritz (Sachsen-Anhalt)
1.2.10 Daimler-Werkssiedlung Ludwigsfelde (Brandenburg)
1.2.11 Zechenkolonien (deutschlandweit)
1.2.12 Eisenbahnersiedlungen (deutschlandweit)
1.2.13 Postsiedlungen (deutschlandweit)
1.2.14 Genossenschaftlicher Siedlungsbau (deutschlandweit)
1.2.15 Arbeiterstädte wie Wolfsburg, Neue Stadt Wulfen und Eisenhüttenstadt (deutschlandweit)
1.3 Abklang des Arbeitersiedlungsbaus in Deutschland und dessen Folgen

2 Prinzip der Kopplung von der Wohnsituation an die Erwerbstätigkeit
2.1 Wohnraum im Eigentum des Unternehmers
2.1.1 Werksdienstwohnung
2.1.2 Werksmietwohnung
2.2 Wohnraum im Eigentum des Arbeitnehmers
2.3 Erbbaurechtsmodelle

3 Werks- und Arbeitersiedlungsbau in Sachsen
3.1 Charakteristik sächsischer Arbeiter- und Werkssiedlungen von der Industriellen Revolution bis 1949
3.2 Charakteristik sächsischer Arbeiter- und Werkssiedlungen in der Deutschen Demokratischen Republik
3.3 Charakteristik sächsischer Arbeiter- und Werkssiedlungen nach 1990
3.4 Realisierte Beispiele für Arbeiter- und Werkssiedlungen
3.4.1 Krochsiedlung (Leipzig-Gohlis)
3.4.2 Gartenstadt Marienbrunn/ Nibelungenring (Leipzig-Marienbrunn)
3.4.3 Erla-Siedlung (Leipzig-Thekla)
3.4.4 Siedlung der Landessiedlungsgesellschaft Sachsen/ Siedlung der Vereinigten Strohstoff-Fabriken (Coswig)
3.4.5 Siedlung „Eisoldsche Häuser“ (Radebeul)
3.4.6 Gartenstadt Hellerau (Dresden-Hellerau)
3.4.7 Gartenstadt Lauta-Nord (Lauta)

4 Zusammenfassung und Ausblick
4.1 Typologische Muster: Festgestellte Bautypen und Siedlungstypen
4.2 Bedeutung der Arbeitersiedlungen in Sachsen /Vergleich mit der Situation in Gesamtdeutschland
4.3 Zukunft der Arbeiter- und Werkssiedlungen in Deutschland

Anhang

Quellenverzeichnis

Kurzfassung

Lebenslauf

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Englische Fabrik um 1800

Abbildung 2: Das Wachstum englischer Städte zwischen 1800 und 1850

Abbildung 3: Cluster- Building in Belper/ Derbyshire

Abbildung 4: Englische Arbeitersiedlungen mit Erster, Zweiter und Dritter Reihe

Abbildung 5: Konzept einer englischen Gartenstadt

Abbildung 6: Deutsche Industriegebiete und -standorte um 1850

Abbildung 7: Der Fabrikant Arnold Straub

Abbildung 8: Shedhallen der Augsburger Kammgarnspinnerei am Schäfflerbach

Abbildung 9: Lageplan von Körtingsdorf

Abbildung 10: Verortung der Siemensstadt in Berlin-Spandau

Abbildung 11: Unternehmensgründer Alfred Krupp

Abbildung 12: Farbwerke Hoechst AG

Abbildung 13: BASF-Agrarzentrum Limburgerhof

Abbildung 14: Luftbild der Werkssiedlung Piesteritz

Abbildung 15: Luftbild Daimler-Werk Ludwigsfelde

Abbildung 16: Kreuzgrundriss ruhrgebietlicher Arbeiterhäuser

Abbildung 17: Grundriss Eisenbahnersiedlung am Rangierbahnhof Mannheim

Abbildung 18: Luftbild Postsiedlung Berlin-Zehlendorf

Abbildung 19: Betriebszeitung Werk Mücheln 1954 – Aufruf zum gemeinschaftlichen Arbeiterwohnungsbaus

Abbildung 20: VW-Werk Wolfsburg 2012

Abbildung 21: Koller-Plan für Wolfsburg, 1938

Abbildung 22: Generalbauplan Neue Stadt Wulfen-Nord, 1968

Abbildung 23: Eisenhüttenstadt - Modell des Stadtteils um die Karl-Marx-Straße und die Friedrich-Engels-Straße

Abbildung 24: Erbbaurecht - Rechtsverhältnisse

Abbildung 25: Bevölkerungsentwickung bzw. –verschiebung in Mitteldeutschland von 1850-1910

Abbildung 26: Charakteristisches Haus im Plauenschen Grund

Abbildung 27: Pfettendach

Abbildung 28: Plattenbauweise in ehemaligen Ostblockstaaten, hier: Vilnius/ Litauen

Abbildung 29: Versöhnungskirche Leipzig-Gohlis

Abbildung 30: Plan Gartenvorstadt Marienbrunn von 1912

Abbildung 31: Ringstruktur Nibelungenring Leipzig

Abbildung 32: Erla-Maschinenfabrik Leipzig-Abtnaundorf 1944

Abbildung 33: Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst mit charakteristischer Schraubzwingen-Struktur

Abbildung 34: Richard Riemerschmid, Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius, Theodor Fischer, Kurt Frick

Abbildung 35: Erster Entwurf- Gartenstadt Erika in Lauta-Nord

1 Einordnung deutscher Arbeitersiedlungen in den europäischen Kontext

Dort wo industrielle und groß-industrielle Produktion verortet ist und war, entstanden oft auch Wohngelegenheiten für Arbeiter und Angestellte. Man kann aus diesem Grund, wenn man sich mit der Thematik von Arbeiter- und Werkswohnsiedlungen auseinandersetzt, nur einen kleinen Ausschnitt der Gesamtheit betrachten. Selbstredend entwickelten sich die Arbeiterunterkünfte in den einzelnen Ländern und Regionen nicht synchron und gleichartig. Allen gemeinsam war jedoch die Fragestellung wie Arbeitszeiten, Arbeitswege und Freizeit in ein (ursprünglich für den Arbeitgeber und später für beide Seiten) günstiges Gleichgewicht zu rücken sind.[1]

In der Vergangenheit wurde diese Frage mit dem Bau von Arbeiter-und Werkssiedlungen beantwortet, die sich teilweise in unmittelbarer Nähe zum Betrieb befanden. Da wie beschrieben nicht alle Länder mit Arbeitersiedlungsbaubewegungen Betrachtungsgegenstand dieser Master-Thesis sein können, sollen die beiden „Musterländer der Industriellen Revolution“ Großbritannien und Deutschland Exempel sein für eben jene Fragestellung- im Besonderen wann sie sich stellte, warum sie sich stellte und wie sie beantwortet wurde.

1.1 Ursprünge

In der Zeit vor der so genannten Industriellen Revolution, als noch viele Waren in Form von Heimproduktion oder in kleinen Manufakturen hergestellt wurden, stellte sich die Frage nach der Wohnsituation von Knechten, Gehilfen und Angestellten nicht. Wohn- und Arbeitssituation waren identisch bzw. hatten die Städte noch nicht die heutigen Dimensionen.

Die Arbeitswege waren kurz, und günstigen Wohnraum zu finden war nicht sonderlich schwer, aufgrund von bäuerlichen und kleinbürgerlichen Lebensweisen mit den entsprechenden Wohngelegenheiten im Eigentum oder unter Lehnsherrschaft stehend. Erst mit der Einführung von neuen Produktionsmethoden und Herstellungsprozessen änderte sich diese Thematik grundlegend.

1.1.1 Entstehung von Arbeitersiedlungen im Zuge der Industriellen Revolution, Exzerpt: Großbritannien

Die Erfindung der Spinnmaschine („Spinning Jenny“) und der Dampfmaschine sowie deren Kombination war für den Beginn der Industriellen Revolution, also den Übergang von der beschriebenen Arbeitssituation hin zu Arbeitsverhältnissen in Fabriken und Werken mit mehrteiligen Arbeitsschritten, der Ausgangspunkt.[2]

Abbildung 1: Englische Fabrik um 1800

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.museumgrenchen.ch/images/1800_industr_revolution_retallack_maschinensaa.jpg

Die Lebensverhältnisse auf dem Land waren von großer Armut geprägt, und in den Städten gab es die Möglichkeit - aufgrund von einem raschen Anstieg von Nachfrage und Produktion - kurzfristig das für den Lebensunterhalt (von zum Teil sehr vielköpfigen Familien) notwendige Geld zu verdienen. Sehr oft war bei dieser Überlegung aber die Hoffnung größer als sich die bittere Realität dann darstellte. Diese so genannte „Landflucht“ wurde trotz mancher Enttäuschung durch eine starke Land-Stadt-Bewegung charakterisiert.[3]

Diesem schnellen Zuzug waren die Städte auf Dauer nicht gewachsen. Soziale Konflikte entstanden und städtische Brennpunkte, die man heute Slums oder Favelas nennen würde, bildeten sich heraus. Die Industriellen hingegen, also die immer reicher werdende Mittel- und Oberschicht, konnte ihr eigenes Vermögen auf einfache Weise durch Produktionssteigerungen stetig erhöhen, nur das Fehlen der für diese Produktionsprozesse notwendigen Arbeitskräfte konnte den Aufschwung dämpfen.

Es war also essentiell für den Vermögenszuwachs der Fabrikbetreiber Arbeitskräfte zu beschaffen und langfristig an das Unternehmen zu binden. Aber auch aus anderen Überlegungen heraus war den Industriellen daran gelegen, dass viele Menschen in Lohn und Brot kamen, um gleichzeitig potenzielle Käuferschichten für die Produkte, die oft für den täglichen Bedarf bestimmt waren, zu bilden.

Mit der Zeit und verbunden mit der immer teurer werdenden Suche nach geeignete Arbeitskräften, stellte sich den Industriellen deshalb die Frage, wie der Konflikt zwischen seinen Interessen mit den Bedingungen in den Städten zu vereinbaren ist. Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass sich die Wohnsituation der (potenziellen) Arbeiter ändern musste. Der Bau von Unterkünften mit einer relativ hohen Anfangsinvestition stand einer langen Lebensdauer dieser Unterkünfte gegenüber. Für Arbeitgeber war also die Idee der Bindung des Arbeiters an Unternehmen über die Wohnsituation von großem Interesse. Zudem wurden die möglichen Arbeitszeiten durch kurze Wege positiv beeinflusst.

So entstanden erste stilbildende Arbeiterwohnsiedlungen in Großbritannien, vornehmlich in England und Schottland, beispielsweise in Manchester, Liverpool, Edinburgh und Glasgow- den Hochburgen der bestimmenden Sparten Textilproduktion und Montanindustrie.[4]

Abbildung 2: Das Wachstum englischer Städte zwischen 1800 und 1850

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.muenster.de/~gberg/AIRinEngl.html

Als Beispiel für eine typische englische Arbeitersiedlung der frühindustriellen Zeit kann Belper, südöstlich von Manchester, angeführt werden. Diese Siedlung, schrittweise erbaut ab 1790, ist noch heute geprägt durch sehr typische Reihenhäuser mit kleinen Vorgärten, die früher mit Eisengittern voneinander abgetrennt waren.[5]

Ebenfalls charakteristisch für Belper und weitere englische Arbeitersiedlungen sind so genannte „cluster buildings“[6] : An der Stelle, an der vier Grundstücke zusammenstoßen, steht ein größeres Haus mit vier separaten Eingängen. So sparte man Baumaterial und Heizenergie, und doch hatte jede Familie ihr eigenes Haus mit eigenem Garten.

Abbildung 3: Cluster- Building in Belper/ Derbyshire

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.belper-research.com/directories/belper_1947.html

An manchen Straßenecken fallen auch kleine Steinhütten mit Fenstern ins Auge. Es sind so genannte „nailshops“[7] , die als Arbeitsstätten der in den Fabriken arbeitslos gewordenen Männer dienten. Der die Siedlung Belper erbauende Industrielle erkannte das Problem, dass diese arbeitslosen Männer nicht plötzlich Hausmänner werden würden, und ließ sie Nägel herstellen: Aus genormten Eisendrähten entstanden Millionen von Nägeln, die für die verstärkte Bautätigkeit gebraucht und landesweit verkauft wurden.[8]

Übergreifend muss man den früher großbritannischen Arbeitersiedlungsbau aber eher folgendermaßen beschreiben: Obwohl mit der Ausbreitung der Städte komplette Arbeiterwohnviertel neu entstanden, herrschte Wohnungsmangel. Bei der Errichtung der Wohnstätten war den Erbauern nur die Funktion des Wohnens achtenswert, spätere planerische Errungenschaften wie etwa die Gartenstadtidee waren noch nicht geboren.[9]

Das Fehlen einer Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie die raumreduzierte, kostengünstige Bauweise ließen die Arbeiterviertel zu feuchten, unhygienischen und dunklen Arealen werden. Die Ursache für die schlechten Verhältnisse in den Arbeitervierteln fußte hauptsächlich auf deren allgemeiner Machart. Die anfangs planlosen, später zwar strukturierten, aber immer noch nicht lebenswerten Bauformen mit einem endlosen Labyrinth enger Gassen, welche keine Luftzirkulation zuließen, sind ein wesentliches Charakteristikum dieser Missstände.[10]

Es gab drei verschiedene Strukturen der Bebauung: Die erste und primitivste Form der Bebauung war häufig unkoordiniert, ohne sich blockübergreifend um Stadt- und Infrastruktur zu sorgen, und fügte sich in freie Bauflächen. Später etablierten sich auch geordnete Bauweisen, die durch lange gerade Gassen und Sackgassen geprägt sowie in viereckige Höfe aufgeteilt waren. Anstelle der Häuser, die ohne Plan die Struktur bestimmen, prägen nun die kleinen Gassen und Höfe das Bild. Diese waren ebenso planlos und verwirrend angelegt und endeten nicht selten in Sackgassen. Auch diese Bauart erschwerte die Ventilation in den Straßen.[11]

Später gab es Bemühungen die Arbeiterviertel geplanter zu gestalten. Man versuchte, den Raum zwischen den Straßen regelmäßiger zu gliedern, indem man ihn in rechteckige Räume unterteilte. Die Häuser bildeten somit zusätzlich Höfe und beschlossen diese, wo sie sich an der Rückseite tangierten. Die Höfe der Häuser wiesen keinen direkten Zugang zur Straße auf, was die Arbeiter in ihre Höfe „einsperrte“ und wiederum den Luftfluss behinderte.[12]

Als dritten Bautyp gab es die dreigliedrige Bauweise, bei der das Prinzip der „Mietdifferenzierung“ angewandt wurde. Dabei bildeten Wohnungen mit einem kleinem Hinterhof pro Mieteinheit die erste Baureihe mit entsprechend höherem Mietertrag. Hinter den Höfen wurde eine sogenannte „Hintergasse“ angelegt, welche nur eine Verbindung zur Straße vorwies und somit ausschließlich als Zugang zu den Häusern mit den geringsten Mieten diente (Mittelreihe). An deren rückwärtiger Front grenzte die dritte Reihe, welche zur entgegengesetzten Seite der Straße gerichtet ist und deren Mietpreise zwar höher als die der zweiten, jedoch geringer als die der ersten Reihe liegend waren.[13]

Abbildung 4: Englische Arbeitersiedlungen mit Erster, Zweiter und Dritter Reihe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Lage_der_arbeitenden_Klasse_in_England

Vor allem die Lebensumstände der Bewohner der Mittelreihe stimmten viele gebildete Leute nachdenklich. Dieses System war dennoch das am häufigsten vertretende in den Arbeiterbezirken der großen Industriestädte. Gleichwohl entwickelte sich auch daraus vor allem in der Hochindustrialisierung um die Jahrhundertwende die vormals erwähnte Gartenstadtidee.[14]

Gartenstädte sollten im Umland großer Städte auf bisherigem Ackerland neu gegründet werden. Sie sollten aus mehreren eigenständigen Teilen bestehen, die durch breite Agrargürtel voneinander getrennt und durch Eisenbahnen miteinander verbunden waren. Damit sollte die bisherige strikte Trennung von Stadt und Land aufgehoben und die Nachteile der Großstadt vermieden und die Vorteile der Großstadt (etwa leicht erreichbarer Kultureinrichtungen) beibehalten werden.[15]

Ein weiterer Aspekt der Gartenstadt-Konzeption war die Nutzungstrennung: Die einzelnen Funktionen sollten konzentrisch angeordnet und durch breite Grünstreifen voneinander getrennt werden. Um einen gartenähnlich gestalteten zentralen Platz sollten die öffentlichen Gebäude angeordnet werden. Diesen Kernbezirk umschließend sollte ein erster Parkring (und zwar genau 58 Hektar groß) angeordnet werden, der von einem etwa 600 Meter tiefen Ring mit Wohngebäuden umgeben sein sollte. In der Mitte des Wohnringes sollte die "Grand Avenue" angelegt werden, die einen Grüngürtel besitzt, in dem Schulen, Kirchen und Spielplätze angeordnet werden sollten. Außerhalb des Wohnringes sollten die industriellen und gewerblichen Arbeitsplätze liegen.[16]

Abbildung 5: Konzept einer englischen Gartenstadt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www2.klett.de/sixcms/media.php/76/gartenstadt2.jpg

Die Gartenstadtidee fand auch in Deutschland starken Anklang, wo schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts ähnliche Vorstellungen bei der Gründung großer Villenkolonien für das Bürgertum entwickelt worden waren. Doch vorab mussten auch in Deutschland Vorstufen hin zu diesen sehr ansehnlichen gartenstadtähnlichen Arbeitersiedlungen genommen werden.

1.1.2 Anfänge des Arbeitersiedlungsbaus in Deutschland

Deutschland hatte für den Prozess der Industriellen Revolution ebenso glänzende Voraussetzungen wie Großbritannien. Der Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland wird von verschiedenen Historikern zwischen 1815-1835 verortet. Die Pioniere der deutschen Industrie wie Krupp, Borsig oder Harkort konnten in Deutschland vor allem dort blühende Industriestandorte aufbauen, wo auch die Rohstoffe für die Produktion vorhanden waren. Das Vorhandensein von Energie und Eisen, wie sie vor allem im Ruhrpott oder den Mittelgebirgen wie dem Erzgebirge zu finden waren, zählten zu den Grundvoraussetzungen erfolgreicher Industrieansiedlungen.[17]

Selbstverständlich entstanden in allen großen Städten, auch mit weiteren Wegen zu Rohstoffvorkommen, Industrieproduktion, da dort die Infrastruktur beste Voraussetzungen für die Produktion schuf sowie der Weg zu den Abnehmern kurz war.[18]

Abbildung 6: Deutsche Industriegebiete und -standorte um 1850

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.geschichte.attendorn.de/industrialisierung/grafiken/indus_karte.jpg

Die bereits beschriebenen Probleme, die aus England bekannt waren, wie Verslumung und soziale Problematiken, waren auch an den deutschen Standorten von Bedeutung. Jedoch waren die in England, Schottland und Irland gewonnenen Erfahrungen hilfreich und teilweise vorbeugend.

1.2 Höhepunkte der Entwicklung des Arbeitersiedlungsbaus in Deutschland anhand realisierter Beispiele

Während der Hochindustrialisierung Deutschlands, die zeitlich etwa 1871 begann, wurden die bereits vorhandenen Industrieansammlungen ausgebaut, beziehungsweise entstanden neue Standorte. So gesehen gab es auf der Fläche deutscher Gebiete viele verschiedene Industriestandorte, die sich aber wie bereits beschrieben regional entsprechend den Gegebenheiten konzentrierten. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele der heute noch bekanntesten und schönsten Arbeiterreviere an diesen Häufungen finden.

Im Folgenden sollen die für den deutschen Raum repräsentativsten Arbeiter- und Werkswohnungen der Früh- und Hochindustrialisierung in chronologischer Reihung beschrieben werden. Der Überblick über die deutschlandweit verteilten Arbeiterwohnstätten soll eine Grundlage schaffen, für die spätere Betrachtung des sächsischen Raumes, so dass dort spezifische Besonderheiten besser herausgearbeitet werden können. So wird insbesondere in allen Fällen zur Vergleichbarkeit auf Bauzeitpunkt, Bauart und weitere leicht erhebbare Fakten einzugehen sein.

Ein besonderer Fokus soll auch auf den Wohnanlagen von Reichsbahn, Post und anderen genossenschaftlichen Arbeiter- und Angestelltenquartieren gelegt werden. Schlussendlich existieren neben den Stadtvierteln und Siedlungen noch so genannte Arbeiterstädte, die „vom Reißbrett her“ entstanden. Auch diese sollen in der folgenden Abhandlung untersucht werden.

1.2.1 Kuchen (Baden-Württemberg)

Ein interessantes Beispiel für eine relativ früh im Industrialisierungsprozess entstandene, heute denkmalgeschützte Arbeiterwohnsiedlung ist die historische Arbeiterwohnsiedlung Kuchen in Baden-Württemberg. Bauherr war der Fabrikant Arnold Straub, ein Pionier der Industriellen Revolution in Baden-Württemberg. Er betrieb in Kuchen die größte Textilfabrik Baden-Württembergs mit zeitweise über 30.000 Spindeln und 500 Webstühlen. Das Werk machte den Standort Kuchen zu einem der süddeutschen Textilstandorte.[19]

Abbildung 7: Der Fabrikant Arnold Straub

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://members.virtualtourist.com/m/p/m/1f044c/

Die industrielle Textilindustrie war eine sehr personalintensive Branche. Da die Personalbeschaffung im ländlich geprägten Baden-Württemberg sich schwerer gestaltete als etwa in Großstädten und Ballungsgebieten, musste sich der Fabrikant Straub frühzeitig mit einem Anreiz für Personaleinstellungen auseinandersetzen. Er nutzte dabei den Weg des sozialen Wohnungsbaus für seine Angestellten.[20]

Die dabei entstandene Arbeiterwohnsiedlung in Kuchen war für damalige Verhältnisse mit vorbildlichen und fortschrittlichen Kultur-, Freizeit-, Versorgungs- und Gesundheitseinrichtungen ausgestattet. Die Werkswohnsiedlung Kuchen wurde ein Vorreiter für weitere Arbeiterwohnsiedlungen in Gesamtdeutschland. Der Charakter kann als experimentell beschrieben werden, da im Laufe der Zeit und den damit einhergehenden Erweiterungen verschiedene Baustile zum Ansatz kamen.[21]

Im Jahre 1858 wurde das erste Arbeiterwohnhaus mit fünf Wohneinheiten erbaut dem wenig später weitere folgten, mit einem Kleingarten vor dem Haus. (Für diesen Kleingarten gab es genaue Nutzungsvorschriften, orientiert an der Kleingartenbewegung um Moritz Schreber.) Dieser Garten vor dem Haus, so unspektakulär es erscheinen mag, war für die damals bekannten Wohnverhältnisse sensationell. Er war für die Produktion und den Umsatz des Betriebs nicht notwendig, und wurde rein zur Erholung für die Angestellten der Firma Straub geschaffen.[22]

Zwischen 1860 und 1870 kamen weitere soziale Einrichtungen auf dem Werksgelände hinzu, beispielsweise das so genannte Stiegenhaus mit einem Speise- und Festsaal. Hier kam eine weitere experimentelle Neuerung zum Einsatz: wasserdampfbetriebene Aufwärmapparate zur Erwärmung von hausgemachten, von den Arbeitern mitgebrachten Speisen standen zur freien Verfügung.[23]

Zum weiteren Besatz der Werkssiedlung gehörte ein 1864 errichtetes Flügelgebäude in englischer Laubenhauskonstruktion, dass als Mehrzweckgebäude mit Wohnräumen, Ladengeschäft, Schule, Kindergarten, Bibliothek, Apotheke und Krankenhaus diente. Im selben Jahr wurde auch das so genannte Schweizer Haus im Schweizer Landhausstil mit weiteren Wohnräumen und Sozialeinrichtungen geschaffen.[24]

Das Juwel der Werkssiedlung, das Bade- und Waschhaus mit integriertem Schwimmbecken, Dampfbad und Waschgelegenheiten mit Bügelraum kam 1869 hinzu, ein Glockenturm schmückte das Gebäude. 1886/87 wurde eigens für das von außerhalb zugezogene Meister- und Aufsichtspersonal ein weiteres Gebäude errichtet. 1867 erhielt Arnold Straub auf der Weltausstellung in Paris 1867 für seine Siedlung den Großen Preis mit Goldmedaille und wurde von Kaiser Napoléon III. zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.[25]

In der Neuzeit, nach der Insolvenz der Süddeutschen Baumwolle AG Kuchen im Jahr 1983 wurde das Areal der Gemeinde Kuchen zugeschlagen. Die denkmalgeschützte Werkssiedlung und die Produktionsanlagen wurden in das baden-württembergische Landessanierungsprogramm aufgenommen. So konnten die Gebäude instandgesetzt, modernisiert und teilweise umgenutzt werden.[26]

Heute sind 27 dem heutigen Stand angemessene Wohnungen in der Gesamtanlage vorhanden, im ehemaligen Wasch- und Bäderhaus befindet sich wieder ein Kindergarten. Der zentrale Platz innerhalb der Werkssiedlung wurde ebenso wie die Straßen neu gestaltet. Die ehemaligen Fabrikgebäude konnten keiner Nutzung zugeführt werden, und wurden teilweise abgerissen. Die freigewordenen Flächen wurden mit Wohnhäusern bebaut, zudem wurde ein öffentlicher Parkplatz für den Besuch der historischen Arbeitersiedlung angelegt.[27] (Weiteres Informationsmaterial zu Kuchen siehe Anhang 1.)

1.2.2 Kammgarnquartier Augsburg (Bayern)

Ein gutes Beispiel dafür wie und wo sich Industriestandorte niederlassen, wird durch die Augsburger Kammgarnspinnerei Merz & Co. beschrieben. Dieses Unternehmen wurde ursprünglich in Nürnberg gegründet, verlegte jedoch zur besseren Ausnutzung von Wasserkraft ihren Standort nach Augsburg.[28] Ähnlich wie die Textilfabrik in Kuchen, war die Augsburger Kammgarnspinnerei von einer beeindruckenden Größe. Zu Hochzeiten standen etwa 100.000 Spindeln in den Augsburger Produktionsgebäuden.[29]

Abbildung 8: Shedhallen der Augsburger Kammgarnspinnerei am Schäfflerbach

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Augsburger_Kammgarn-Spinnerei

Das zur Kammgarnspinnerei gehörige Kammgarnquartier war eine Werkssiedlung, erbaut ab 1854, die 25 Wohnungen und einige Schlafsäle beherbergte. Rund 20 Jahre später, 1876 entstand das "Neue Wohnquartier", seit 1879 als "Kammgarnquartier" benannt. 1936 umfasste der Augsburger-Kammgarn-Spinnerei-Wohnungsbau (AKS-Wohnungsbau) 44 Häuser und 355 Wohnungen. Jeder vierte Angestellte der Arbeiterschaft wohnte in den der Augsburger Kammgarn Spinnerei zugehörigen Arbeiterwohnungen.[30]

Die Wohnungen für die einfachen Textilarbeiter und Textilmeister waren durchschnittlich zwischen 30 m² und 40 m² groß, nur höhere Verwaltungsangestellte hatten bedeutend mehr Raum zur Verfügung. Zu der über den reinen Wohnraum hinausgehenden Ausstattung des Kammgarnquartiers zählte ein Bade- und Waschhaus, ein Doktorzimmer, eine Säuglingsstation und Speisehaus.[31]

Mit dem Abklang der Nachfrage nach Produkten der Augsburger Kammgarn-Spinnerei in den 1970er Jahren veränderte sich auch das gesamte Kammgarnquartier. Etwa seit den 70er Jahren wurde das Quartier überwiegend von Emigranten bewohnt. Bis auf ganz wenige Häuser wurden in den 1980er Jahren sämtliche Gebäude zurückgebaut und durch Neubauten ohne Bezug zur Kammgarnspinnerei ersetzt.[32] (Abbildungen der noch existenten Häuser und weiteres Informationsmaterial ist in Anhang 2 zu sehen.)

1.2.3 Hannover-Körtingsdorf (Niedersachsen)

Ein weiteres Beispiel einer Werkswohnsiedlung mit besonderem Ruf findet sich im niedersächsischen Hannover. Das Unternehmen Körting Hannover AG, ein Apparate-Bau-Unternehmen mit einer Firmenhistorie zurückreichend bis 1871, ist bis heute am Markt präsent. Im Jahr der Reichsgründung entwickelte sich Körting von einer Hinterhofwerkstatt mit Büro – ähnlich der später noch zu beschreibenden Siemens AG- hin zu einem hoch geachteten Unternehmen mit etwa 2.100 Angestellten.[33] Die Brüder Körting schafften so einen für Hannover bis heute nicht zu überschätzenden Erfolg, der auch das Stadtbild nachhaltig prägte.

Abbildung 9: Lageplan von Körtingsdorf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.hannover.de/nananet/ahbada/Stadtteile/Badenstedt/Koertingsdorf/

Die Ausmaße von über 2.000 Beschäftigten machten auch für Körting den Bau von Werkswohnungen notwendig. Im Außenbereich Hannovers entstand auf einer freien Fläche die Siedlung Körtingsdorf, wie der Name bereits sagt mit einem dorfähnlichen Charakter. Der Baubeginn liegt um 1890. Zeitgleich entstand in unmittelbarer Nachbarschaft ein neues Werksgelände der Körting AG.[34]

Man kann hier also von einer sorgfältigen Planung von Werk und Werkswohnen ausgehen, im Gegensatz zu anderen Unternehmen, die aus der Notwendigkeit heraus das sie mit der Zeit immer größer wurden, ihre Werke mehrfach erweitern mussten.

Die bereits genannte Freifläche, die Körting für den Bau der Werkssiedlung nutzte hatte eine Größe von 33 ha, und wurde einer bäuerlichen Gemeinschaft durch das Unternehmen Körting abgekauft. Die Siedungshäuser für die Angestellten von Körting, die auf diesem Areal entstanden, waren in Form von Doppelhäusern mit angeschlossenen Stallungen ausgebildet. Aufgrund der Größe der Freifläche wurden jeder Doppelhaushälfte ein ca. 800 m² großer Garten zugeschlagen. In jeder Doppelhaushälfte entstanden zwei Wohnungen mit unter anderem einem ausgebauten Dachgeschoss.[35]

Das hehre Ziel des Unternehmens Körting bestand darin, seinen Angestellten gesunde, lebenswerte Verhältnisse zu schaffen, die es in der näheren Umgebung so nicht gab. Für Arbeiter gab es im nahen Hannover-Linden zwar bezahlbaren Wohnraum, die Grundrisse dieser Unterkünfte waren jedoch stark verwinkelt und düster.[36] Aufgrund der durch Körting geschaffenen günstigen Wohngelegenheiten, band das Unternehmen einen festen Stamm an Mitarbeitern an sich (wie bereits beschrieben, ein oft im Hintergrund stehendes Ziel der Arbeitgeber).

Ursprünglich plante das Unternehmen etwa 100 Doppelhäuser zu errichten, fertiggestellt wurden am Ende jedoch nur ca. 50. Zurückzuführen war dies auf die Rücknahme der bereits erteilten Baugenehmigung durch die Gemeinde. Diese fürchtete für die Infrastruktur, Anbindung und Peripherie aus der Gemeindekasse zu viele Investitionen tätigen zu müssen. Körting verpflichtete sich aus diesem Grund freiwillig für eine angemessene Verwaltung zu sorgen, die Infrastruktur auf eigene Kosten zu schaffen sowie eine Schule zu gründen und zu betreiben. Diese Schule für 120 Kinder entstand im Jahr 1893. Darüber hinaus wurden in Körtingsdorf kleine Geschäfte zur Selbstversorgung und eine Gastwirtschaft betrieben.[37]

Zum heutigen Zeitpunkt sind von den 50 Doppelhaushälften und der zugehörigen Peripherie nur noch 2 Gebäude vorhanden, die aufgrund ihres Denkmalschutzstatus liebevoll instandgesetzt und –gehalten werden. Das Areal der Körting AG wurde desweiteren in den 1960er Jahren großflächig mit Neubauwohnblocks bebaut.[38] (Bildmaterial und weitere Informationen zu Körtingsdorf finden sich in Anhang 3.)

1.2.4 Siemensstadt Berlin (Berlin)

Ein weiteres noch heute weltweit tätiges Industrieunternehmen mit entsprechenden Ambitionen im Bau von Unterkünften für ihre Werksangehörigen ist die im Jahr 1847 unter dem Namen „Telegraphen Bauanstalt von Siemens & Halske“ und heute als Siemens AG bekannte Unternehmung, mit ihrem Firmensitz in Berlin. Die Geschichte von Siemens begann in Person von Werner von Siemens als kleine Werkstatt[39] , und entwickelte sich bis zum heutigen Tag hin zu einem weltweit agierenden Elektronikunternehmen.

Siemens Aufstieg ist eng mit dem Beginn des Kommunikationszeitalters verbunden. Die Produkte, die Siemens zu einem wohlhabenden Unternehmen machten, waren vor allem der Bau von Telegraphenlinien und Atlantikkabeln. Da sich das Geschäftsfeld damals wie heute in einem stetigen Wandel befand, wurde das Berliner Werk bereits in der Anfangsjahren mehrmals verlegt und anschließend erweitert.[40]

Mit der Zeit ging Siemens über die Grenzen Deutschlands hinaus, wurde zum multinationalen Unternehmen und war mit Niederlassungen in allen aufkeimenden Industrienationen (Japan, China, Russland, England etc.) präsent. Dies sei nur erwähnt um folgenden Sachverhalt näher zu beschreiben: aufgrund der vielfältigen Erfahrungen auch aus ausländischen Märkten entwickelte sich eine stark sozialausgerichtete Ausrichtung des Gesamtunternehmens[41] , wodurch Arbeiterwohnen schon frühzeitig eine tragende Rolle im Gesamtkonzept spielte. Umgesetzt wurde es in der Siemensstadt im Norden Berlins, wo sich bis zum heutigen Tag die Hauptzentrale befindet.

Verortet im Bezirk Berlin-Spandau besteht die Siemensstadt aus den Siemenswerken sowie großflächige Arbeitersiedlungen auf der Spandauer Nonnenwiese. Noch heute sind die Siemens-Werke annähernd vollständig erhalten und spiegeln weitläufige Industrie- und Werksanlagen durchmischt mit grünen Arbeiterwohnensembles wider. Zu Hochzeiten verrichteten auf dem Gelände 25.000 Arbeiter ihre Aufgaben.[42]

Abbildung 10: Verortung der Siemensstadt in Berlin-Spandau

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Siemensstadt

Der Baustil der Siemensstadt wird durch enorm große Gebäude in rotem Backsteinstil abgebildet. Die Aneinanderreihung von vier- bis fünfstöckige Produktionsgebäuden mit mehreren hundert Meter langen Fronten wird nur von ebenso gewaltigen flachen Maschinenhäusern unterbrochen. Zum Zwecke des innerbetrieblichen Transportes wurden große Schienenstränge verlegt, eigene Kanalanschlüssen dienten dem Zu- und Abtransport von Rohstoffen oder Endprodukten.[43]

Neben den beschrieben Einzelbauwerken aus der Zeit um die Jahrhundertwende entstanden in der Berliner Siemensstadt Arbeiterwohnsiedlungen, geprägt von Baustilen des so genannten „Neuen Bauens“ und „Großsiedlungsbaus“. Ein gutes Beispiel ist die Siemens-Siedlung am Rohrdamm, erbaut zwischen 1922 und 1929. Weitere bedeutende Siedlungen sind die Siedlung Heimat (1929), die Ringsiedlung/ Reformsiedlung (1929-1931) sowie die Siedlung Rohrdamm-West (1953–1955). Mit der Zeit entstand so eine Gesamtkapazität von mehreren Tausend Wohngelegenheiten. In den meisten Fällen war der planende und ausführende Architekt Hans C. Hertlein.[44] (Darüber hinaus gehende Fakten und Informationen: siehe Anhang 4)

Aufgrund seine Ausmaße und Prägung für die allgemeine Baukultur hat das Welterbekomitee der UNESCO die Siedlungen der Siemensstadt Berlin in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Begründet wurde dies explizit mit dem ungeheuren Einfluss auf die Architektur und den Städtebau. Zugleich sei ein neuer Typ des sozialen Wohnungsbaus der klassischen Moderne durch Siemens in Berlin verwirklicht worden.[45]

1.2.5 Hafenviertel Emden (Niedersachsen)

Die Nordseewerke Emden wurden im Jahr 1903 gegründet. Der Umschlag von Steinkohle aus dem Ruhrgebiet und von Eisenerz für das Ruhrgebiet nahm um die Jahrhundertwende rapide zu. Emden wurde in dieser Zeit zum Seehafen des „Kohlepotts“. Die Einwohnerentwicklung von Emden zeigte stetig nach oben, und besonders für die Beschäftigten in den wachsenden Industrie- und Hafenbetrieben entstand Bedarf an Wohnraum – im Idealfall sollten diese in der Nähe der Arbeitsstätte liegen.[46]

Der Emdener Stadtteil Port Arthur/ Transvaal genügte diesen Anforderungen und entstand etwa um 1900. Port Arthur befindet sich im Süden der ostfriesischen Hafenstadt und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Emdener Hafen. Der Stadtteil entstand in der Zeit der zuvor beschrieben, beginnenden Industrialisierung Emdens. Durch die unmittelbare Nähe zur West-Seite des Hafens, war das Transvaal von Beginn an für die Hafenangestellten geplant und „reserviert“. Teilhaber bei Planung, Bau und Eigentum der Arbeiterwohnhäuser war unter anderem die Emdener Cassens-Werft.[47]

Die Gebäude werden zum Teil bis heute genutzt. Ein Rückbau und Abriss erfolgte nur im Einzelfall. Nahezu alle Wohnhäuser des Viertels sind Klinkergebäude, der in Ostfriesland allgemein am weitesten verbreitete Baustoff. Interessant ist auch die Tatsache, dass sich in Port Arthur/Transvaal wie im sonstigen Stadtgebiet noch eine Reihe von Bunkeranlagen finden. Diese Bunker werden heute etwa als Proberaum für Bands oder als Lagerraum für ortsansässige Betriebe genutzt.[48]

Entstanden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt auch der Emder Stadtteil Friesland als eine bis heute fast vollständig erhaltene Arbeitersiedlung mit maritimem Hintergrund. Der Stadtteil wird auch als „Kolonie“ bezeichnet, und wurde annähernd vollständig von der Beschäftigten der Nordseewerke genutzt. Die Kolonie in Emden ist durch kleine Häuser im Stil der 30er und 40er Jahre mit angehangenem Garten zur Selbstversorgung und Heimtierhaltung charakterisiert. Die Häuser sind durchweg vermietet und in einem restaurierten Zustand. (Ansehnliche Bilder und weitere Ausführungen finden sich in Anhang 5.)

Die industrielle Entwicklung von Emden machte es notwendig, die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gebäude, darunter auch viele Arbeiterwohnhäusern von Matrosen und Werft- sowie Dockarbeitern, nach Kriegsende wieder aufzubauen. Der Emdener Hafen war weiterhin für den Ruhrpott von nicht geringer Bedeutung. Um der Wohnungsnot Herr zu werden entstanden in den 1950er Jahren eine Viel von Wohnhäusern und Arbeiterwohnhäusern. Nach der Ansiedlung von VW, verbunden mit dem Bau eines Autowerks entstanden in den 60er Jahren weiterhin Zweckwohnbauten für VW-Angestellte in vierstöckigen Gebäuden.

1.2.6 Kruppstadt/ Margarethenhöhe Essen (Nordrhein-Westfalen)

„Krupp.“ Diese Familiendynastie der bereits TV-Sagas gewidmet wurden, gehört zu den wichtigsten Vertretern an Industriellendynastien des 19. und 20. Jahrhunderts. Zu seinen Hochzeiten war Krupp das größte Unternehmen Europas. Und bis heute noch ist der Name Krupp als ThyssenKrupp AG sehr präsent. Den Grundstein für diese erfolgreiche Industriegeschichte begann im eigentlichen Sinne zu Beginn der Industriellen Revolution ab 1811, vorangetrieben von Friedrich und Alfred Krupp in Essen.

Abbildung 11: Unternehmensgründer Alfred Krupp

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/biografien/tid-11125/portraet-kanonen-koenig-krupp_aid_317908.html

Überhaupt ist die Geschichte der Familie Krupp stark mit der Geschichte Essens verzahnt. Ab etwa 1590 waren die Krupps in wechselnden Positionen etwa als Bürgermeister oder Kämmerer in der Verwaltung der Stadt Essen tätig.[49] So konnten sie für das weitere Fortkommen ihrer selbst und später ihres Unternehmens wichtige Verbindungen schaffen.

Aber nicht nur zwischenmenschliche Netzwerke in Essen wurden von Mitgliedern der Familie Krupp bestimmt. Vielmehr wurde das gesamte Stadtbild von Essen nachhaltig durch die Firmentätigkeiten und das über mehrere Dekaden rasch wachsende Werksgelände der Familiendynastie Krupp geprägt. Hauptproduktionsartikel des Krupp‘schen Unternehmens waren Stahl, Erzeugnisse der Rüstungs- und sonstiger Schwerindustrie. Diese Industriezweige bedürfen in aller Regel großer Werkflächen und vieler Arbeitskräfte.[50]

Essen, mitten im rohstoffreichen Ruhrgebiet liegend, steht seit jeher als Sinnbild für Bergbau und Industrie im heutigen Nordrhein-Westfalen. Nicht nur die Familie Krupp hatte hier ihren Sitz. Weitere große Unternehmen sind in Essen verwurzelt. Vor allem die Stahlindustrie machte Essen zeitweise zur wichtigsten Industriestadt innerhalb der deutschen Länder.[51]

Doch kein Unternehmen prägte Essen so nachhaltig wie Krupp. Die Bevölkerungsentwicklung Essens war jahrzehntelang abhängig von der Personalentwicklung der Krupp-Werke, was auch die enge Beziehung von Essens Infrastruktur und den Krupp-Werken widerspiegelt. Man kann gar von einer Dominanz der so genannten Kruppstadt (Krupp-Werke und Peripherie) über Essen sprechen, da das Werksgelände zu Zeiten der Hochindustrialisierung größer als die „Reststadt Essen“ war. Jedenfalls haben sich bis heute die ab 1861 entstandenen Zeugnisse Krupp‘schen Wohnungsbau im so genannten „Kruppgürtel“ erhalten beziehungsweise werden diese bis heute genutzt.[52]

Bestandteile dieser Ensembles sind die Meisterhäuser und die Arbeiterkolonie Westend auf dem Werksgelände, sowie die Kolonien Nordhof, Schederhof und Kronenberg, welche direkt an diesen Komplex angegliedert sind. Von allergrößter Bedeutung ist jedoch die Margarethenhöhe in Essen, die auch aufgrund ihrer überregionalen Bekanntheit der Status einer mustergültigen Arbeitersiedlung zukommt. (Nähere Ausführungen zur Margarethenhöhe mit aussagekräftigen Bildern findet sich in Anhang 6.)

1.2.7 Kolonie Frankfurt am Main (Hessen)

In Frankfurt am Main befindet sich die so genannte „Kolonie“ im Ortsteil (Neu)-Zeilsheim. Es handelt sich hierbei um eine Arbeiterwohnsiedlung im Stile einer Gartenstadt, namentlich die letzte in Gänze erhaltene Werkswohnsiedlung der Farbenwerke Hoechst. Diese Werkssiedlung steht heute unter flächendeckendem Denkmalschutz.

Abbildung 12: Farbwerke Hoechst AG

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/main-taunus/das-erbe-der-hoechst-ag_rmn01.c.9123138.de.html

1899 gründete Hoechst zum Zwecke des Baus und der Bewirtschaftung der betriebseigenen Werkssiedlung eine Wohnungsbaugesellschaft. Das Areal in Zeilsheim wurde durch Hoechst von der Stadt Frankfurt am Main erworben. Ab 1900 wurde der erste Bauabschnitt dieser Siedlung begonnen. Der zweite, neuere Bauabschnitt startete ab dem Jahr 1925.[53]

Ziel der Siedlung war den Arbeitern von Hoechst ein arbeitsnahes, aber dennoch „grünes“ Wohnen zu ermöglichen. Aufgrund der Größe und Bauzeit der Arbeiterkolonie von über 25 Jahren spielten verschiedene Stilepochen in den Bauprozess hinein. Es finden sich in der Siedlung also die unterschiedlichsten Bauformen, vorwiegend aber im eleganten und zeitlosen Jugendstil.[54]

Am häufigsten lässt sich in der Kolonie Zeilsheim die Bauform des Doppelhauses finden. Je Doppelhaushälfte (doppelstöckig) fanden sich ursprünglich eine Küche, ein Wohn- und Esszimmer, eine Toilette und ein Hauswirtschaftsraum/ Hühnerstall ebenerdig, sowie zwei Schlafzimmer im Obergeschoss. Mit der Zeit bauten sich die Arbeiter in Eigenregie in den als Hühnerstall geplanten Raum größere Bäder ein.[55]

Auch für die religiöse Versorgung wurde durch die Hoechst Werke gesorgt. Im Jahre 1912 wurde die evangelische Kirche eingeweiht, die schnell zum Zentrum der Kolonie avancierte. Die evangelikale Ausrichtung war eine Besonderheit im katholischen Frankfurter Westen. Der Bau der Kirche wurde von den Farbwerken Hoechst finanziell und organisatorisch unterstützt.[56]

Zur Komplettierung der Wohnsiedlung wurde von Hoechst im Jahr 1901 ein Schulgebäude errichtet mit einer über die reine Schulausbildung der Anwohnerkinder hinausgehenden Funktion. Innerhalb des Schulgebäudes befand sich ein Tiefwasserbrunnen, der die komplette Kolonie mit Wasser versorgte.[57]

Die Schule dient noch heute ihrem erdachten Zweck und bietet Schulplätze für ca. 800 Kinder. Die Besitzverhältnisse haben sich dahingehend gewandelt, dass die Doppelhaushälften privatisiert wurden, unter Denkmalschutz stehen und unter den durch die Denkmalschutzämter gemachten Auflagen saniert wurden.[58] (Weitere Informationen und Daten sind in Anhang 7 erläutert.)

1.2.8 Limburgerhof (Rheinland-Pfalz)

Bisher wurde bereits geschildert, dass ganze Regionen durch Unternehmen geprägt wurden. Ein weiteres gutes Beispiel hierfür ist der so genannte Limburgerhof in Rheinland-Pfalz. Limburgerhof ist eine kleine Gemeinde im Rhein-Pfalz-Kreis, der heutigen Metropolregion Rhein-Neckar zugehörig. Deutschlandweit in Fachkreisen bekannt ist dieser Ort durch das BASF-Agrarzentrum Limburgerhof.

Das BASF-Agrarzentrum ist die Zentrale der Firma BASF im Bereich Forschung Pflanzenschutz und Pflanzenbiotechnologie. Zudem werden im Zentrum Limburgerhof neue Arten von Dünger entwickelt und getestet. Diese Historie reicht zurück bis ins Jahr 1914, als es von Carl Bosch gegründet wurde. Als Besonderheit des Limburgerhofs gilt die älteste Lysimeteranlage Deutschlands.[59]

Abbildung 13: BASF-Agrarzentrum Limburgerhof

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.kununu.com/de/all/de/pc/basf-se/fotos

Als 1914 die Arbeit im Limburgerhof aufgenommen wurde, arbeiteten dort vier Menschen. Bis zum heutigen Tag hat sich diese Zahl auf etwa 1.400 Arbeiter und Angestellte erhöht, was natürlich in engem Zusammenhang mit der rasanten Entwicklung der Branche und deren bis heute anhaltendem Bedeutungsgewinn zusammenhängt.[60] Dort wo so viele Menschen konzentriert arbeiten, entstehen oft zwangsläufig Werkssiedlungen, gerade wenn der Arbeitgeber ein multinationaler Konzern wie die BASF ist.

So entstand auch im Limburgerhof einer Werkssiedlung, die so genannte „Alte Kolonie“. Die Alte Kolonie besteht aus eineinhalbgeschossigen, unverputzten Ziegelbauten (Doppelhäuser) auf Hausteinsockeln, mit der Dachform des Satteldachs beziehungsweise Krüppelwalmdach. An jedes Haus angeschlossen waren ein kleiner Hausgarten sowie im überwiegenden eingeschossige Anbauten für Waschküchen. Der Architekt der Alten Kolonie war Eugen Haueisen.[61]

Mit der Zeit wurde die Alte Kolonie für die zahlreichen Werksangehörigen zu klein. Es entstand die „Neue Kolonie Limburgerhof“. Die Neue Kolonie war eine geplante Erweiterung, mit einem für die Fürsorge des Arbeitnehmers im sozialen und kulturellen Bereich errichteten Feierabendhaus, das sich im Mittelpunkt der Kolonie befindet. Die Arbeiterwohnhäuser sind den bereits vorhandenen Gebäuden der Alten Kolonie angepasst. Es entstanden Einheiten mit zwei bis sechs Doppelhäusern, eineinhalb bis eingeschossig. Auch hier sind Krüppelwalmen und Gauben die bevorzugte Form der Dachausbringung. Als Neuerung beziehungsweise Fortentwicklung der Gebäudeform der Alten Kolonie waren Hauseingänge hinter Loggien mit zweiläufigen Freitreppen die bevorzugte Wahl.[62]

In der Gegenwart wurde begonnen die Häuser der Alten und Neuen Kolonie in Privateigentum umzuwandeln. Die Doppelhaushälften werden in dieser Form auch am Markt gehandelt. (Weitere Impressionen finden sich in Anhang 8.)

1.2.9 Werkssiedlung Piesteritz (Sachsen-Anhalt)

Im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt in der Nähe von Eisleben, in Piesteritz findet sich ein über die Landesgrenzen hinaus bekanntes Beispiel für ein noch heute genutztes Wohngebiet, das als Arbeiterwohnsiedlung errichtet wurde.

Entstanden ist diese Arbeiterwohnsiedlung um 1915/ 1916, gebaut durch die Reichsstickstoffwerke Piesteritz. Ziel der Stickstoffwerke war es, Chilesalpeter zu erzeugen, deren Import über den Seeweg aufgrund des Ersten Weltkriegs, verbunden mit Seeblockaden der Alliierten, schwierig bis unmöglich geworden war. Auch die Produktion des ebenfalls benötigten Karbid konnte in diesem Werk gewährleistet werden.[63]

1920 wurde das Piesteritzer Werk aus dem Vermögen des Reichs ausgegliedert, und gelangte in die Hände privater Investoren. Es entstand die Mitteldeutsche Stickstoffwerke AG Piesteritz beziehungsweise im Jahr 1923 die VIAG als Holdinggesellschaft. 1933 ging das Unternehmen in die Bayerischen Stickstoffwerke AG ein. Dieser Zusammenhang sei nur erwähnt, um zu verstehen, dass in Bezug auf das hergestellte Produkt und den Standort innerhalb weniger Jahre großes Interesse entbrannte. So entstanden Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre weitläufige Anlagen zur chemischen Produktion.[64]

In den Jahren 1916 bis 1919 entstand die dem Werk zugehörige Piesteritzer Arbeiterwohnsiedlung in Anlehnung an die englische Gartenstadtidee. Die Pläne zur Umsetzung des Bauvorhabens stammten von Paul Schmitthenner und Otto Rudolf Salvisberg. Die Werkssiedlung war für ca. 2.000 Anwohner, die Beschäftigten des in unmittelbarer Nähe gelegenen Stickstoffwerks, geplant.[65]

Abbildung 14: Luftbild der Werkssiedlung Piesteritz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.fotofliegen.de/stadtteil-Dateien/piesteritz.jpg

Der Siedlungskomplex bestand aus 363 Reihenhäusern beziehungsweise größeren Einfamilienhäusern, sowie einem größeren Gebäude, das als Damenheim, also als Wohnstätte für unverheiratete weibliche Angestellte diente. Als soziale Einrichtungen und Peripherieobjekte kamen eine katholische Kirche, das heute als Gymnasium genutzte Rathaus, ein Vereins- und Kaufhaus mit dem Namen „Feierabend“ sowie eine Schule hinzu. Das Haus „Feierabend“ ist heute ein 3-Sterne-Hotel.[66]

Bereits 1986, zu DDR-Zeiten, wurde die Siedlung als Gesamtobjekt in die Denkmalliste aufgenommen. Sie stellt sich nach einer vollständigen, denkmalgerechten Sanierung für die Expo 2000, wo sie als Ausstellungs-Projekt auftrat, heute als die größte autofreie Wohnsiedlung in Deutschland dar.[67] (Nähere Eindrücke können in Anhang 9 gewonnen werden.)

1.2.10 Daimler-Werkssiedlung Ludwigsfelde (Brandenburg)

Im heutigen Bundesland Brandenburg, genauer gesagt in Ludwigsfelde, befand sich das in den Jahren 1936/37 auf Initiative der deutschen Luftkriegsführung gebaute Flugzeugmotorenwerk Daimler Ludwigsfelde. Zur Unterbringung der Arbeiter des Werkes errichtete die so genannte Kurmärkische Kleinsiedlungsgesellschaft eine Werkswohnsiedlung mit größtenteils billigen, einfachen Wohnungen. Es war zur damaligen Zeit eine der größten Siedlungsanlagen in Deutschlands und ging schnell in den Besitz von Daimler über. Die Siedlung wurde über die Zeit des Krieges stetig erweitert, wobei der Baustandard auch aufgrund der Rohstoffumverteilung immer mehr zurückging. So entstand im Norden der Daimler-Siedlung um 1944 eine einfache Holzhaussiedlung ohne großen Zeit- und Kosteneinsatz, auch zur Unterbringung von Zwangsarbeitern.[68]

Für Ludwigsfelde bedeutete der Bau des Flugzeugmotorenwerks und der anhängigen Werkssiedlung den ausschlaggebenden Antrieb zur Etablierung als Industriestandort in Brandenburg. Mit Beendigung des Zweiten Weltkriegs wurde das teilweise zerstörte Flugzeugmotorenwerk als Reparationsleistung demontiert und in die Sowjetunion abtransportiert. Jedoch ließ sich die weitere Industrialisierung Ludwigsfeldes dadurch nicht verhindern. Ab dem Jahr 1952 entstand das Industriewerk Ludwigsfelde, aus dem kurze Zeit später auch ein LKW-Werk mit annähernd 10.000 Beschäftigten hervorging.[69]

Abbildung 15: Luftbild Daimler-Werk Ludwigsfelde

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.mercedes-fans.de/news/news_artikel/id=1508

Die Zuwanderungszahl nach Ludwigsfelde zeigte stetig nach oben, auch durch viele Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten, und so wurde der Bau neuer Werkswohnungen unumgänglich. In der Folge dessen entstanden mehrere Siedlungen in unterschiedlichsten architektonischen Ausformungen. Ein hervorzuhebendes Beispiel ist hierbei die in der Nationalen Bautradition zum Ende der 1950er Jahren entstandene „sozialistische Wohnstadt“, das auch überregional bekannte Ludwigsfelder Dichterviertel.[70] (Hierzu mehr Informationen in Anhang 10.)

[...]


[1] Großbritannien war das Mutterland der Industriellen Revolution. Ein Vergleich mit Großbritannien lohnt deshalb immer, wenn man Entwicklungen in einzelnen Ländern im Bezug zur industriellen Entwicklung miteinander vergleichen will. Da diese Masterthesis nicht den Anspruch erhebt den Arbeiter- und Werkssiedlungsbau aller europäischen Länder zu eruieren, werden die britischen Entwicklung als stilbildendes Beispiel herangezogen.

[2] Vgl. Hahn, Hans- Werner [Die Industrielle Revolution in Deutschland, 2011]: S.3f.

[3] Vgl. Kiesewetter, Hubert [Industrielle Revolution in Deutschland, 2004]: S.69.

[4] Vgl. Sochorik, Sven [Ausgangsbedingungen für Industrielle Revolution in England, 2009]: S.5.

[5] Vgl. Derwant Valley Mills World Heritage Site (Hrsg.) [The Strutt industrial settlement in Belper, o.D.]: abgerufen 31.03.2012.

[6] Derwant Valley Mills World Heritage Site (Hrsg.) [The Strutt industrial settlement in Belper, o.D.]: abgerufen 31.03.2012.

[7] o.V. [Photographs of Belper, o.D.]: abgerufen 12.04.2012.

[8] Vgl. o.V. [Belper's "uncivilised" nailers, 2004]: abgerufen 06.07.2012.

[9] Vgl. Barking, Jan [Adam Smith und die Industrielle Revolution, 2006]: S.7f.

[10] Vgl. Engels, Friedrich [Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845]: S.76.

[11] Vgl. ebd.: S.75.

[12] Vgl. ebd.: S.72.

[13] Vgl. ebd.: S.76.

[14] Vgl. Giedeon, Sigfried [Raum, Zeit, Architektur, 1996]: S.466.

[15] Vgl. Schroeteler von Brandt, Hildegard [Stadtbau, 2007]: S.149f.

[16] Vgl. Heineberg, Heinz [Stadtgeographie, 2001]: S.125.

[17] Vgl. Kiesewetter, Hubert [Industrielle Revolution in Deutschland, 2004]: S. 32.

[18] Vgl.ebd.: S. 36.

[19] Vgl. Köhle-Hezinger, Christel [Geschichte von Dorf und Baumwollspinnerei Kuchen, 1991]: S.11.

[20] Vgl. Lang, Walther [Fabrik und Arbeiterwohnsiedlung in Kuchen, 1982]: S.4f.

[21] Vgl. Lang, Walther [Fabrik und Arbeiterwohnsiedlung in Kuchen, 1982]: S.8.

[22] Vgl. Köhle-Hezinger, Christel [Geschichte von Dorf und Baumwollspinnerei Kuchen, 1991]: S.13.

[23] Vgl. ebd.: S.185.

[24] Vgl. ebd.: S.188.

[25] Vgl. ebd.: S.183ff.

[26] Vgl. Ziegler, Walter [Sanierung der historischen Arbeiterwohnsiedlung Kuchen, 1998]: S.11ff.

[27] Vgl. ebd.: S.14.

[28] Vgl. Genzmer, Werner [Hundert Jahre Augsburger Kammgarn-Spinnerei, 1936]: S.10.

[29] Die großflächigen Bombardierungen Augsburgs im 2. Weltkrieg hatten große Auswirkungen, nicht nur auf die Werke sondern auch auf die Arbeiterwohnsiedlungen.

[30] Vgl. Grünsteudel, Günther [Augsburger Stadtlexikon, 1998]: S.

[31] Vgl. Fischer, Ilse [Sozialgeschichte Augsburgs 1840–1914, 1977]: S.213f.

[32] Vgl. Stadt Augsburg [Tag des offenen Denkmals, 2003]: S.7.

[33] Vgl. Leonhardt, Wolfgang [List und Vahrenwald, zwei prägende Stadtteile von Hannover, 2005]: S. 147.

[34] Vgl. Leonhardt, Wolfgang [List und Vahrenwald, zwei prägende Stadtteile von Hannover, 2005]: S. 148.

[35] Vgl. Stadt Hannover (Hrsg.) [Geschichtliches aus Körtingsdorf, o.D.]: abgerufen 01.06.2012.

[36] Vgl. Leonhardt, Wolfgang [List und Vahrenwald, zwei prägende Stadtteile von Hannover, 2005]: S. 148.

[37] Vgl. Stadt Hannover (Hrsg.) [Geschichtliches aus Körtingsdorf, o.D.]: abgerufen 01.06.2012.

[38] Vgl. Bornemann, Andreas-Andrew [Körtingsdorf bei Linden, o.D.]: abgerufen 03.06.2012.

[39] Vgl. Feldenkirchen, Wilfried [Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen, 2003]: S.12.

[40] Vgl. Feldenkirchen, Wilfried [Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen, 2003]: S. 38.

[41] Vgl. Homburg, Heidrun [Arbeitsmarkt, Management, Arbeiterschaft im Siemens-Konzern Berlin 1900–1939, 1991]: S.306ff.

[42] Vgl. Siemens, Georg [Geschichte d. Hauses Siemens, 1961]: S.5.

[43] Vgl. Feldenkirchen, Wilfried [Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen, 2003]: S.47.

[44] Vgl. Ribbe, Wolfgang [Die Siemensstadt., 1985]: S.177.

[45] Vgl. Zöbl, Dorothea [Siemens in Berlin, 2008]: S.7.

[46] Vgl. Wittstock, Uwe [Klinker kann sehr kalt sein, 2008]: abgerufen 03.06.2012.

[47] Vgl. Cassens Werft (Hrsg.) [Cassens Werft, o.D.]: abgerufen 04.06.2012.

[48] Vgl. Luftschutzbunker Emden (Hrsg.) [Luftschutzbunker Emden, o.D.]: abgerufen 04.06.2012.

[49] Vgl. Gall, Lothar [Krupp, 2000]: S.10.

[50] Nicht unerwähnt gelassen soll das eher dunklere Familienkapitel der Krupps in der NS-Zeit. Der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeiter ist nur ein heute nicht mehr gerne erwähnter Aspekt. Auch hierfür wurden Arbeiterunterkünfte in großen Maßstab gebraucht.

[51] Vgl. Borsdorf, Ulrich [Essen: Geschichte einer Stadt, 2002] S.295.

[52] Vgl. Mager, Thomas [Stadtplanung: Krupp-Gürtel, 2010]: S.91.

[53] Vgl. Krohn, Helga [Geschichte der Farbwerke Hoechst, 1989]: S.25ff.

[54] Vgl. ebd.: S.28.

[55] Vgl. Maull, Otto [Frankfurter Geographische Hefte, 1991]: S.23.

[56] Vgl. Krohn, Helga [Geschichte der Farbwerke Hoechst, 1989]: S.25.

[57] Vgl. ebd.: S.26.

[58] Vgl. Berk, Brendan [Ein Händchen für die Kolonie, 2009]: abgerufen 05.06.2012.

[59] Vgl. BASF (Hrsg.) [BASF-Geschichte, o.D.]: abgerufen 05.06.2012.

[60] Vgl. Lörch, Herbert [1899-1999. 100 Jahre BASF in Limburgerhof., 1999]: S.47.

[61] Vgl. Abelshauser, Werner [Die BASF: Eine Unternehmensgeschichte, 2002]: S.79.

[62] Vgl. Abelshauser, Werner [Die BASF: Eine Unternehmensgeschichte, 2002]: S.80.

[63] Vgl. Deutsches Chemie-Museum Merseburg (Hrsg.) [Wittenberg/Piesteritz, o.D.]: abgerufen 07.06.2012.

[64] Vgl. Jasche, Klaus [Chemie in Piesteritz - Innovation seit 1915, 2009]: S.32.

[65] Vgl. Müller-Hilgerloh [80 Jahre Stickstoffwerke Piesteritz, 1995]: S.41.

[66] Vgl. o.V. [Industriekultur Wittenberg, o.D.]: abgerufen 08.06.2012.

[67] Vgl. fantastisch reisen (Hrsg.) [Werkssiedlung Piesteritz, o.D.]: abgerufen 08.06.2012.

[68] Vgl. Barth, Holger [Grammatik sozialistischer Architekturen, 2001]: S.83ff.

[69] Vgl. Grimme, Karin [Die Werkssiedlung Ludwigsfelde, 1999]: S.97.

[70] Vgl. Noell, Matthias [Die Siedlung am Heinrich-Heine-Platz, 2000]: S.41ff.

Ende der Leseprobe aus 130 Seiten

Details

Titel
Arbeitersiedlungsbau in Sachsen, eine Betrachtung im nationalen Kontext
Untertitel
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Arbeiter- und Werkssiedlungen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Grundlagen des Bauens und Planungsmanagements)
Veranstaltung
Bau- und Planungsmanagement
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
130
Katalognummer
V202139
ISBN (eBook)
9783656335603
ISBN (Buch)
9783656336242
Dateigröße
15834 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeitersiedlungsbau, sachsen, betrachtung, kontext, vergangenheit, gegenwart, zukunft, arbeiter-, werkssiedlungen
Arbeit zitieren
Christian Rau (Autor), 2012, Arbeitersiedlungsbau in Sachsen, eine Betrachtung im nationalen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202139

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