In ihrem zweiten Roman Das kunstseidene Mädchen (1932) erzählt Irmgard Keun einen Auschnitt aus der bewegten Lebensgeschichte der 18jährigen Stenotypistin Doris gegen Ende der Weimarer Republik. Keuns Werk wurde in der Erstrezeption, neben der Einordnung als Zeitroman, häufig auch als Entwicklungsroman bezeichnet. In der neueren Sekundärliteratur finden sich diesbezüglich jedoch gegensätzliche Positionen. Einerseits gibt es Autoren, wie Volker Sack oder Kerstin Haunhorst , die von einer inneren Entwicklung der Protagonistin Doris schreiben, andererseits finden sich auch Autoren, welche die Ansicht vertreten, dass keine Entwicklung zu erkennen ist. Vor allem Irene Loriska betont ausdrücklich, Das kunstseidene Mädchen sei „kein Ent-wicklungsroman, in dem sich die Protagonistin vorwärts entwickelt, geläutert wird, sich verändert“. Im Gegenteil, sie schreibt über die Hauptfigur: „sie bleibt sich gleich, bleibt von der ersten bis zur letzten Seite dieselbe Doris“. Die Tatsache, dass auch weitere Autoren eine Entwicklung der Titelfigur weitestgehend ausschließen , belegt, dass diese Frage nicht abschließend geklärt ist und gibt Anlass, den Entwicklungsaspekt im Ro¬man kritisch zu hinterfragen. Eine ausführliche Begründung für die These der aus¬bleibenden Entwicklung findet bei Loriska und den anderen Autoren jedoch nicht statt. Daher wird in der vorliegenden Arbeit eine systematische Untersuchung vorgenommen, um herauszufinden, ob und wenn ja, inwieweit eine innere Entwicklung bei der Pro-tagonistin Doris nachweisbar ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Entwicklung einer Person im Jugendalter
2 Ausgangssituation der Protagonistin Doris zu Beginn der Romanhandlung
3 Zentrale Stationen der Protagonistin im Romanverlauf
3.1 Die mittlere Stadt
3.2 Die große Stadt
3.3 Der Wartesaal
4 Fazit
Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht systematisch, inwieweit bei der Protagonistin Doris in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" eine innere Entwicklung nachweisbar ist, und setzt sich dabei kritisch mit gegensätzlichen Positionen der Forschungsliteratur auseinander.
- Analyse der inneren und äußeren Entwicklungsaspekte von Doris
- Einflussfaktoren der Weimarer Republik auf die Entwicklung junger Frauen
- Chronologische Untersuchung zentraler Stationen der Romanhandlung
- Vergleichende Diskussion des Persönlichkeitsbildes und der Werteverschiebung
Auszug aus dem Buch
3 Zentrale Stationen der Protagonistin im Romanverlauf
Nach einigem Herumirren gelangt Doris in den Wartesaal eines Bahnhofs. Sie hat kein Geld, keine Bleibe und auch keine Papiere. Während Doris bislang trotz aller Rückschläge zielstrebig ihr Ziel verfolgt hat, ein Glanz zu werden, dominieren nun Hoffnungslosigkeit und Resignation. Sie ist sich nicht mehr sicher, was sie eigentlich will:
Ich will nicht nach Hause, ich will nicht zu Tilli, ich will nicht zu dem Lippi und den anderen Armleuchtern – ich will nicht mehr, ich mag nicht mehr. [...] Ich will – ich will – was?
Bei der zuvor so zielstrebigen Doris machen sich Lustlosigkeit und Gleichgültigkeit breit. Zu bemerken ist jedoch, dass sie noch immer den Fehmantel besitzt, den sie trotz ihrer aussichtslosen Lage nicht verkaufen will: „Ich will den Feh nicht versetzen, ich will nicht [...] Tilli wüßte eine, die kaufte ihn. Ich will aber nicht.“ Da Doris edle Kleidung als wichtige Voraussetzung ansieht, um in der Gesellschaft aufzusteigen, bedeutet der Besitz des Mantels für sie ein letztes Stück Hoffnung.
In dieser Situation lernt sie Karl kennen. Dieser ist arbeitslos und lebt unter einfachsten Bedingungen in einer Laubenkolonie. Er bietet Doris an, bei ihm in der Laube unterzukommen und mit ihm in Haushalt und Garten zu arbeiten. Obwohl sie hungrig, ohne Unterkunft und ohne finanzielle Mittel ist, lehnt sie das Angebot ab. „Nein - ich hab mein Ehrgeiz“, entgegnet sie Karl stolz.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage zur inneren Entwicklung der Protagonistin Doris im Kontext der Sekundärliteratur vor und erläutert das methodische Vorgehen der Arbeit.
1 Die Entwicklung einer Person im Jugendalter: Dieses Kapitel definiert theoretische Grundlagen innerer Entwicklung sowie relevante Einflussfaktoren für junge Frauen in der Weimarer Republik.
2 Ausgangssituation der Protagonistin Doris zu Beginn der Romanhandlung: Das Kapitel analysiert die Kindheit und Jugend von Doris sowie die prägenden Erlebnisse, die ihren Aufstiegswillen begründen.
3 Zentrale Stationen der Protagonistin im Romanverlauf: Hier werden Doris' Erlebnisse in der mittleren Stadt, Berlin und dem Wartesaal chronologisch untersucht, um ihre persönliche Veränderung nachzuvollziehen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bestätigt die These einer inneren Entwicklung unter Berücksichtigung konstanter Charakterzüge.
Schlüsselwörter
Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, Doris, innere Entwicklung, Weimarer Republik, Aufstiegswillen, Identitätsfindung, Weibliche Vorbilder, Soziale Mobilität, Literarische Analyse, Frauenbild, Charakterstudie, Gesellschaftliche Einflüsse, Persönlichkeitsreife.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die innere Entwicklung der Romanfigur Doris in Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen" vor dem Hintergrund der Weimarer Republik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Aufstiegswillen der Protagonistin, ihr Verhältnis zu Männern und materiellen Werten sowie die Frage nach ihrer persönlichen Veränderung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, in einer systematischen Analyse zu prüfen, ob und inwieweit bei der Figur Doris im Verlauf der Romanhandlung eine innere Reifung stattfindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematische Untersuchung und chronologische Analyse der Romanhandlung, basierend auf der Ich-Erzählung und aktueller Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Entwicklung, die Analyse der Ausgangslage von Doris sowie eine detaillierte Betrachtung ihrer verschiedenen Stationen im Romanverlauf.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Irmgard Keun, innere Entwicklung, Weimarer Republik, soziale Mobilität, Frauenbild und Identitätsfindung.
Warum spielt die Kleidung für Doris eine so zentrale Rolle?
Kleidung wird von Doris als essenzielle Grundvoraussetzung für ihren gesellschaftlichen Aufstieg und als Statussymbol angesehen, um sich von ihrem kleinbürgerlichen Umfeld abzuheben.
Wie verändert sich Doris' Einstellung zu materiellen Werten gegen Ende des Romans?
Im Laufe der Geschichte, insbesondere in der Krise, relativiert Doris ihre anfängliche Gier nach materiellem Luxus und erkennt, dass dieser für ihr inneres Befinden an Bedeutung verliert.
- Citar trabajo
- Anonym (Autor), 2012, Kontinuierlicher Entwicklungsprozess oder nicht? - Zur Frage nach der inneren Entwicklung der Protagonistin Doris in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202140