„Die tiefste Erfahrung des Menschen ist nicht der Mensch, sondern Gott!“ Dieser Satz des Philosophen
und Physikers Carl Friedrich von Weizsäckers (1912–2007) trifft in den Tagen der Moderne
auf eine Welt, die genau diese Aussage zu widerlegen scheint. „Das Geschehen in der Welt ist nur
durch weltliche Faktoren erklärbar, so denken wir. […] Gott ist kein handelndes Subjekt in der Geschichte
mehr, bestenfalls eine Hypothese am Rand.“ Die christliche Religion, das Glaubenswissen,
sowie die dazugehörige Glaubenspraxis befinden sich in Europa immer mehr auf dem Rückzug.
Gott selbst scheint nicht nur kirchenfernen Menschen, sondern auch den Gläubigen immer
fragwürdiger, da Er nicht erfahrbar in ihrem Leben auftaucht. Die rein immanente Deutung der
Welt scheint Gott mehr und mehr überflüssig zu machen. Zudem lassen Naturkatastrophen wie
etwa Tsunamis, Erdbeben und menschliche Tragödien wie Atomkraftunglücke und Kriege, Gott
selbst als ohnmächtig, gleichgültig oder nicht existent erscheinen. Die Frage des Menschen ruft in
diese Zeit hinein: Wenn es ihn wirklich gibt - wohin ist Gott? In diesen kurzen Gedanken wird bereits
deutlich, dass sich die Frage nach der Erfahrbarkeit Gottes in unserer Zeit mehr denn je stellt.
Der christliche Glaube sagt, der lebendige Gott Israels, JAHWE, habe sich als Christus, in der Person
Jesus von Nazaret ein für alle mal biographisch gezeigt. Gott habe sich der Welt erfahrbar,
dem Menschen begreifbar gemacht. Wenn das wirklich wahr ist, so muss diese Wahrheit dem
Menschen auch existentiell zugänglich sein, damit sie als solche bejaht und geglaubt werden kann.
In meiner Arbeit werde ich diesen Gedanken nachgehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Wohin ist Gott?
2. Was ein Christ glaubt
3. Von der menschlichen Erfahrung zur Gotteserfahrung
3.1. Begriffsbestimmung: Menschliche Erfahrung
3.2. Gott erahnen – ermöglicht in den Grunderfahrungen des Menschen
3.3. Gott erfahren – ermöglicht im Glauben an Jesus Christus
3.3.1. Was bedeutet glauben?
3.3.2. Begriffsbestimmung: Gotteserfahrung
4. Ein Beispiel für eine zeitgemäße Verkündigung: Katechese als Neuevangelisierung
4.1. Die Notwendigkeit einer neuen Form der Glaubensverkündigung
4.2. Die Wiederbelebung des altkirchlichen Katechumenats
4.3. Evangelii nuntiandi – Apostolisches Schreiben von Paul VI.
4.3.1. Das gelebte Zeugnis
4.3.2. Die ausdrückliche Verkündigung
4.3.3. Die Zustimmung des Herzens
4.3.4. Der Eintritt in die Gemeinschaft
4.3.5. Der Empfang der Zeichen
4.3.6. Der Einsatz im Apostolat
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Frage, wie heutige Theologie durch die Vermittlung von Glaubenswahrheiten ausgehend von menschlichen Grunderfahrungen gelingen kann, und zeigt anhand der Katechese als Neuevangelisierung konkrete Wege für eine zeitgemäße Glaubensverkündigung auf.
- Die Analyse menschlicher Grunderfahrungen als Ausgangspunkt für Gotteserfahrungen.
- Die Bedeutung von Glauben und Vertrauen im Kontext der persönlichen Begegnung mit Jesus Christus.
- Die Relevanz des altkirchlichen Katechumenats für die heutige kirchliche Praxis.
- Die Umsetzung einer authentischen Glaubensverkündigung durch gelebtes Zeugnis und ausdrückliche Verkündigung.
Auszug aus dem Buch
4.1. Begriffsbestimmung: Menschliche Erfahrung
Menschliche Erfahrung setzt stets Wirklichkeit voraus. Ganz im Gegensatz zu einer gedanklichen Konstruktion: der Mensch kann sich vieles ausdenken, wie zum Beispiel einen Vampir. Solange er ihm aber nicht begegnet, hat dieser noch keine Realität. Ich kann somit nur etwas erfahren, was auch wirklich existiert. Fahre ich durch ein Land, erfahre und begegne ich einer Wirklichkeit. Fahre ich häufig in dieses Land, werde ich zu einem besonderen Kenner und mir wird auf Dauer von anderen eine Autorität, kraft meiner Erfahrung, zugesprochen. Erfahrung ist also zunächst Wahrnehmung von Wirklichkeit. Diese Wahrnehmung der Wirklichkeit kann jedoch ganz unterschiedliche Ausdrucksformen annehmen. Es gibt die Wahrnehmung von Welt im Außen (Natur, Mensch, Tier, etc.), sowie die innere Erfahrung, die innere Wahrnehmung. „Innere Erfahrung ist Gefühlserfahrung in der Wahrnehmung von Freude oder Angst; sie ist ästhetische Freude in der Wahrnehmung von Harmonie; sie ist ethische Erfahrung in der Wahrnehmung eines Gewissensanspruchs; sie ist religiöse Erfahrung in der Wahrnehmung einer Beziehung zu jenem letzten Grund, den wir Gott nennen.“ Entscheidung hierbei ist der Umstand, dass wir das, was wir in unserem Leben erfahren, äußerlich wie innerlich stets subjektiv beurteilen oder deuten. „Erfahrung ist eine kritisch wertende Beurteilung dessen, wodurch wir betroffen sind.“ Jemand, der die Welt als Schöpfung Gottes wahrnimmt, beurteilt jenes, was ihn betrifft stets anders, also immer von Gott her kommend, als jemand, der die Welt aus einem Zufall entstanden sieht. Wenn der einleitende Satz Weizsäckers wahr ist, dass die tiefste menschliche Erfahrung nicht der Mensch, sondern Gott selbst ist, dann stellt sich die Frage: Lässt sich Gott tatsächlich, als eine konkrete Wirklichkeit, erfahren oder zumindest erahnen?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Wohin ist Gott?: Die Einleitung thematisiert die zeitgenössische Gottesfrage angesichts einer oft immanent gedeuteten Welt und stellt das Anliegen dar, Gott als erfahrbare Wirklichkeit für den modernen Menschen aufzuzeigen.
2. Was ein Christ glaubt: Dieses Kapitel erläutert den christlichen Glauben als Antwort auf die Offenbarung Gottes in der Person Jesu Christi und betont die dialogische Struktur der Glaubensbeziehung.
3. Von der menschlichen Erfahrung zur Gotteserfahrung: Hier wird dargelegt, wie menschliche Grunderfahrungen, etwa durch das Gewissen oder die Natur, Brücken zu einer Gotteserfahrung schlagen können, die durch den Glauben an Jesus Christus ihre Vervollständigung findet.
4. Ein Beispiel für eine zeitgemäße Verkündigung: Katechese als Neuevangelisierung: Dieses Kapitel untersucht die Notwendigkeit einer neuen Glaubensverkündigung und adaptiert das altkirchliche Katechumenat sowie Impulse aus dem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi für eine moderne Katechese.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Überlegungen zusammen und appelliert an eine Theologie, die sich stärker auf die persönlichen Glaubenserfahrungen der Menschen bezieht, um den christlichen Glauben heute lebendig und glaubwürdig zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Gotteserfahrung, Menschliche Erfahrung, Glaubensverkündigung, Neuevangelisierung, Katechese, Katechumenat, Jesus Christus, Glaube, Vertrauen, Evangelii nuntiandi, Gewissen, Offenbarung, Zeugnis, Gemeinschaft, Kirche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach der Erfahrbarkeit Gottes in der heutigen Zeit und wie eine zeitgemäße Glaubensverkündigung diesen Zugang für Menschen ermöglichen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören das Verhältnis von menschlicher Grunderfahrung und Gotteserfahrung, die Bedeutung des Glaubens als dialogisches Geschehen sowie die didaktische und pastorale Umsetzung durch eine Katechese im Geiste der Neuevangelisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum ein Ansatz der Glaubensvermittlung, der bei der menschlichen Erfahrung ansetzt, sinnvoll ist und wie dieser konkret in einer zeitgemäßen Katechese angewandt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theologische und hermeneutische Analyse, die auf philosophischen Grundlagen der Erfahrungstheorie und kirchlichen Dokumenten wie dem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Gotteserfahrung anhand menschlicher Grunderfahrungen sowie in einen praktischen Teil, der das altkirchliche Katechumenat als Modell für eine moderne Glaubensverkündigung fruchtbar macht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Gotteserfahrung, Neuevangelisierung, Katechese, gelebtes Zeugnis, Glaubensverkündigung und die dialogische Begegnung zwischen Gott und Mensch.
Wie unterscheidet der Autor zwischen menschlicher Erfahrung und religiöser Erfahrung?
Der Autor definiert menschliche Erfahrung als notwendige Wahrnehmung von Wirklichkeit, während die religiöse Erfahrung spezifisch als Wahrnehmung einer Beziehung zum letzten Grund, also Gott, verstanden wird.
Warum wird das altkirchliche Katechumenat als relevant für heute erachtet?
Das altkirchliche Katechumenat bietet ein gestuftes Modell der Heranführung an das Christsein, das in einer Zeit, in der der Glaube nicht mehr vorausgesetzt werden kann, einen erprobten Weg zur persönlichen Entscheidung für Jesus Christus darstellt.
- Citation du texte
- Dario Pizzano (Auteur), 2012, Gott erfahren - heute?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202192