“Wir konnten früher, wir konnten später zusammengeführt werden; aber daß wir es gerade in der Epoche wurden, wo ich die italienische Reise hinter mir hatte und Schiller der philosophischen Spekulation müde zu werden anfing, war von Bedeutung und für beide von größtem Erfolg.”
Es hat vorher schon Anknüpfungspunkte gegeben, doch sollten Schiller und Goethe erst im Jahre 1794 soweit sein, miteinander in einen freundschaftlichen und fruchtbaren Kontakt zu kommen, wie er dann im Briefwechsel zwischen 1794 – 1805 dokumentiert ist.
Schiller und Goethe – zwei Gegensätze ziehen sich an. Während Schiller groß und schlank ist, wirkt Goethe kleiner und untersetzt. Als sie 1794 zusammentreffen, ist der eine, Schiller, ein unermüdliches „Arbeitstier“, noch jung, gerade 35 Jahre alt, ständig krank, hat finanzielle Schwierigkeiten, eine Professur an der Jenaer Universität und hat sich gerade literarisch durchgesetzt, während Goethe, ein „Lebensgenießer“, zehn Jahre älter, hypochondrisch aber relativ gesund, finanziell abgesichert ist, sozial höher steht und literarisch weit über Weimar hinaus tonangebend ist. Ihnen bleiben zehn Jahre intensiven, gemeinsamen Schaffens in der Epoche der deutschen Klassik, die sie maßgeblich mitgestalten. Während Schiller nur 45 Jahre alt wird, stirbt Goethe erst nach 82 Lebensjahren.
Im „Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe“ zeichnet sich die große Unterschiedlichkeit der beiden Hauptpersonen vor allem für ihre literarische Vorgehensweise ab, die dennoch für beide äußerst gewinnbringend ist. Sie überträgt sich auf ihr gesamtes literarisches Wirken. Gerade in ihrem beginnenden Briefwechsel 1794 wird nachvollziehbar, worin diese Dialektik der Persönlichkeiten besteht, die beiden sehr bewusst ist und aus der beide fruchtbaren Nutzen ziehen wollen. Schiller bezeichnet seinen Verstand als „symbolisierend“, während er Goethes „intuitiv“ nennt. Schillers Basis ist die deduktiv arbeitende Philosophie, die ausgeht von einer Idee und sich allgemeiner Spekulation bedient. Er ist ein Analytiker, der Typ des sentimentalischen Dichters. Goethe dagegen geht induktiv vor. Seine Basis ist die empirische Naturwissenschaft, die Erfahrung, der sinnliche Eindruck. Seine Kunstproduktion basiert auf einem schöpferischen Akt, sodass er als Typus des naiven Dichters gelten kann. Schiller wird 1795 über diese Typen der Dichtung eine Abhandlung schreiben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Brieflehren Christian Fürchtegott Gellerts und Karl Philipp Moritz‘
2.1 Gellerts Brieflehre
2.2 Moritz Brieflehre
3 Vergleich
3.1 Goethe an Schiller, 14. November 1796
3.2 Schiller an Goethe, 17. Januar 1797
3.3 Schiller an Goethe, 24. Januar 1797
3.4 Goethe an Schiller, 13. Juni 1797
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Briefstil im Briefwechsel zwischen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe anhand ausgewählter Korrespondenzen. Ziel ist es, die ästhetischen Prinzipien der Briefschreiber zu analysieren und deren Übereinstimmungen mit den zeitgenössischen Brieflehren von Christian Fürchtegott Gellert und Karl Philipp Moritz zu prüfen, um einen eigenständigen, klassisch geprägten Briefstil zu identifizieren.
- Analyse der Brieflehren von Gellert und Moritz als theoretische Grundlage.
- Untersuchung von Stilprinzipien in exemplarischen Briefen zwischen Schiller und Goethe.
- Vergleich der ästhetischen Ansprüche der beiden Klassiker mit den theoretischen Vorgaben.
- Herausarbeitung von Besonderheiten im Kontext ihrer engen Arbeits- und Freundschaftsbeziehung.
- Klassifizierung des Briefwechsels als Medium für ästhetische Kunstproduktion.
Auszug aus dem Buch
3.1 Goethe an Schiller, 14. November 1796
Im Brief vom 14. November 1796 diktiert Goethe einem Sekretär ohne anfängliche Ort- und Zeitangabe und ohne Anrede seine ästhetischen Ansprüche an jede Art von Text. Er nimmt zu Anfang Bezug auf zwei „Actenstücke“, die er kritisierend zurückschickt. Zuerst mokiert er sich über einen Text der „Gegner [die] bis jetzt das Element nicht finden können, worin wir uns bewegen“. Hier unterscheidet er klar das Lebenselixier der Künstler Goethe und Schiller von den anderen Autoren, die offensichtlich nicht erkennen können, worauf ihre Dichtkunst basiert. Er stellt dann fest, dass der andere Text nicht in der Lage sei, „eine gewisse höhere Vorstellungsart“ von der „Neigung zu dem erquicklichen Wasser“ zu trennen. Er kritisiert hier die Art zu schreiben, die zwar einen gewissen ästhetischen Kunstanspruch zeigt, dann aber doch eine moralisch-religiöse Schreibweise nicht lassen kann, die Goethe negativ pointiert.
Hier spielt er auf die Auseinandersetzung mit den Autoren an, die immer wieder eine Sittenlehre in die Kunst einfließen lassen möchten, und Künstler damit in ihrer Freiheit begrenzen. Dann geht er auf die oberdeutsche Litteratur-Zeitung ein, die eine „leichte, oberflächliche, aber wohlmeynende Behandlung des Ganzen“ [gemeint sind die gerade erschienenen Xenien] vorgenommen habe, was „nicht unerwünscht“ sei. Während die Adjektive leicht und oberflächlich als negative Stilprinzipien abwertend gemeint sind, wird die Kritik gleichzeitig mit einer Litotes (doppelter Verneinung) wieder abgeschwächt, da die erwähnte Rezension offensichtlich positiv ausgefallen ist. Doch wird dadurch eine Distanz zur Rezension aufgebaut.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die gattungstheoretische Einordnung der Privat-Briefe ein und erläutert die methodische Herangehensweise der Arbeit anhand ausgewählter Korrespondenzbeispiele.
2 Die Brieflehren Christian Fürchtegott Gellerts und Karl Philipp Moritz‘: Dieses Kapitel stellt die wesentlichen Thesen der Brieftheorien von Gellert und Moritz dar, die als Grundlage für den anschließenden Stilvergleich dienen.
3 Vergleich: Hier erfolgt eine chronologische Analyse exemplarischer Briefe von Schiller und Goethe, bei der deren individuelle Stilmittel und ästhetische Prinzipien untersucht werden.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Schiller und Goethe einen jeweils eigenen, klassischen Briefstil entwickelten, der über die zeitgenössischen Brieflehren hinausweist.
Schlüsselwörter
Briefwechsel, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe, Christian Fürchtegott Gellert, Karl Philipp Moritz, Brieflehre, Stilistik, Ästhetische Prinzipien, Klassik, Briefstil, Literarische Korrespondenz, Individualität, Ganzheit, Kunsttheorie, Briefgattung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert den Stil im Briefwechsel zwischen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe und vergleicht diesen mit den zeitgenössischen Brieflehren von Gellert und Moritz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den ästhetischen Prinzipien der deutschen Klassik, der theoretischen Brieflehre des 18. Jahrhunderts und der Identifizierung spezifischer Stilmerkmale bei Schiller und Goethe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, inwieweit Schiller und Goethe durch die Brieflehren von Gellert und Moritz beeinflusst wurden und ob sie einen eigenen, epochalen, klassischen Briefstil entwickelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine briefchronologische Analyse, bei der exemplarische Briefe anhand der ästhetischen Kriterien von Gellert und Moritz sowie literaturwissenschaftlicher Konzepte untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Betrachtung der Brieflehren und eine detaillierte Analyse ausgewählter Briefe vom 14. November 1796 bis zum 13. Juni 1797.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Briefwechsel, Klassik, Stilistik, Brieflehre, Individualität und ästhetische Prinzipien.
Wie unterscheiden sich die Briefstile von Goethe und Schiller in der Analyse?
Goethe zeigt sich freier, diktiert seine Briefe und nutzt metaphorische Elemente sowie Ironie, während Schiller einen eher analytisch-essayistischen Stil bevorzugt, der Themen intensiv umkreist.
Welche Rolle spielen "Natur" und "Ganzheit" in Schillers Briefen?
Diese Begriffe sind zentrale künstlerische Kategorien für Schiller, die er sowohl auf die Individualität des Künstlers als auch auf die Vollendung des Kunstwerks bezieht.
Warum wird der Briefwechsel als "nicht-privat" eingestuft?
Aufgrund der Veröffentlichung durch Goethe verliert der Briefwechsel seinen Charakter als rein vertrauliches Dokument und wird als "uneigentlicher Privatbrief" zur Literatur im klassischen Sinn.
Wie verändert Goethe im Brief vom 13. Juni 1797 die Briefform?
Goethe deklariert diesen Brief als Gedicht, wodurch die konventionelle Briefform gesprengt wird, um den Gehalt der theoretischen Auseinandersetzung über Ideen adäquat in Form zu gießen.
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- Angela Lorenz-Ridderbecks (Author), 2012, Stilformen im Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202264