Die Medizingeschichte in den „Naufragios“ von Alvar Núñez Cabeza de Vaca


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Vorgeschichte

3. Die Medizingeschichte
3.1. Die Wanderung der Spanier und ihr Zusammentreffen mit Indianern
3.1.1. Der Beginn ihres Ärztedaseins
3.1.2. Die Trennung und das Wiedersehen
3.2. Das Ärztedasein der Spanier
3.3. Die Persönlichkeit des Cabeza de Vaca
3.4. Religiöse Aspekte der Medizingeschichte
3.4.1. Der christliche Aspekt in der Episode
3.4.2. Die Figur des Mala Cosa
3.5. Die Frage nach der Wahrheit
3.6. Kulturgeschichtliche Betrachtungen
3.6.1. Kulturelle Analyse
3.6.2. Ethnographische Mimesis
3.6.3. Ethnographische Allegorie

4. Fazit und Ausblick

5. Bibliographie

1. Einleitung

Schiffbrucherzählungen erscheinen dem heutigen Leser als etwas eher Altmodisches, mit dem man in der jetzigen Zeit wenig zu tun hat. Die Rettung auf einsame Inseln mit unbekannten Landschaften nach erlittenem Schiffbruch bekommt immer mehr romantischen, verklärten Charakter. Früher war die Schifffahrt von wesentlich wichtigerer Bedeutung für die Menschen. Man erkundete die Welt auf diese Weise, stellte immer neue geographische Besonderheiten fest, kurbelte durch den Handel per Schiff die Wirtschaft an und lernte neue Kulturen kennen, die man sogleich als neue Kolonien ins Auge fassen konnte. Auf einmal war der Wasserweg offen und selbst große Distanzen konnten so überwunden werden. Dies eröffnete natürlich ganz neue Dimensionen in vielerlei Hinsicht. Gleichzeitig war die Schifffahrt aber von Anfang an sehr gefürchtet, man hatte noch keine weitreichenden Erfahrungen gesammelt und das Meer flößte den Menschen großen Respekt und auch Bangen ein. Das ganze wurde dadurch bestärkt, dass sich natürlich, gerade anfangs, viele Unglücksfälle ereigneten. Diese waren durch den unausgereiften Forschungsstand und durch die Unerfahrenheit der Menschen begründet. Bald waren aus diesem Grund Mythen von Seeungeheuern und Ähnlichem weit verbreitet. Die Seefahrer begannen Karten von Meereswegen, Untiefen, Meerengen usw. zu erarbeiten, die der Orientierung und der Verhinderung von Unglücken dienen sollten. Mit der Zeit wurden die Ereignisse zu See immer genauer festgehalten, der bloße Navigationsplan wurde immer mehr zum Reisebericht, da man den Europäern viel über die neuen Erkundungen mit nach Hause bringen wollte. So entstanden die immer wichtiger und populärer werdenden Schiffbruchschriften, die oftmals zu großer Berühmtheit gelangt sind und uns nun Informationen über die ersten Erkundungen vieler Gebiete überliefern. Selbst heute hat die Faszination von den Themen Schifffahrt und Schiffbruch noch nicht nachgelassen. Der Name Christoph Kolumbus sagt selbstverständlich jedem etwas, auch war jedermann einmal fasziniert von Robinson Crusoe, der allein auf einer Insel sein Überleben sicherte, und auch der Mythos der Titanic gerät nicht in Vergessenheit. Genauso verhält es sich mit Cabeza de Vaca, der als einer der ersten Europäer den amerikanischen Kontinent erkundete und dabei viele neuartige und auch wunderliche Erfahrungen sammelte. Er konnte überleben, da er wie drei andere überlebende Spanier die Indianer von ihren Krankheiten heilen konnte. Dieses umstrittene Thema soll in der folgenden Arbeit näher betrachtet und unter verschiedenen faktischen, spirituellen und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten analysiert werden, wobei daneben auch noch die Reise an sich und die Persönlichkeit des Cabeza de Vaca miteinbezogen werden sollen.

2. Die Vorgeschichte

Die Expedition des Statthalters Pánfilo de Nerváez, bei der Cabeza de Vaca als Schatzmeister teilnahm, startete um 1527 mit fünf Schiffen und insgesamt etwa 600 Mann zur Erkundung des Küstenstreifens zwischen „La Florida“ und dem Rio Grande. Dieses Unternehmen erschien von Beginn an als gefährdet. Die Wetterlage war sehr schlecht und es kamen immer wieder neue Probleme mit den Schiffen oder in der Mannschaft auf. Eines der Schiffe ging bereits auf der Überfahrt, andere schon in den Häfen vor Cuba verloren. An der Westküste von Florida teilte sich die Expedition auf und die Besatzung eines der Schiffe ging an Land, während die Übrigen an der Küste entlangfuhren. Diejenigen, die an Land gegangen waren, sollten die Beschaffenheit des Landes und die ansässigen Indianer auskundschaften. Sie eroberten hierbei die Stadt Appalachen. Zu einem späteren Zeitpunkt wollten sie an einem verabredeten Ort wieder mit den Schiffen zusammentreffen, was jedoch aufgrund diverser Probleme und mangelnder Orientierung missglückte. Nachdem die Besatzung an Land bemerkt hatte, dass sie keine Chance hatte, die Übrigen wieder zu finden, erkannte sie, dass sie alleine einen Weg aus der Wildnis zurück zur Zivilisation finden musste. Die Männer versuchten nun mit notdürftig gebauten Schiffen nach Mexiko zu segeln, erlitten jedoch mehrmals Schiffbruch. Viele Besatzungsmitglieder mussten hierbei ihr Leben lassen, darunter auch der Statthalter, einige konnten sich jedoch letztendlich auf die Insel Mal Hado retten. Diese Ereignisse sind ungefähr in der Mitte des Berichts einzuordnen. Unter den Geretteten auf der Insel waren auch die vier Überlebenden dieser Expedition: Cabeza de Vaca selbst, Alonso del Castillo Maldonado, Andrés Dorantes und Estebanico. Diese wurden 1536 an der Südküste, in der Nähe von San Miguel de Culiacán, von spanischen Sklavenhändlern nach Mexiko-Stadt gerettet, wo sie ein Jahr später, nach neun Jahren Überlebenskampf in der Wildnis, schließlich eintrafen.

Die nicht nur für die Seefahrt, sondern auch für die Kenntnis indianischer Kulturen, der Beschaffenheit des Landes in den besagten Gegenden und noch für vieles mehr bedeutsamen Zeugnisse über diese Expedition wurden von den Überlebenden, insbesondere von Cabeza de Vaca, verfasst.[1]

In der vorliegenden Arbeit werden die „Naufragios“ von Cabeza de Vaca zur Rate gezogen.

3. Die Medizingeschichte

3.1. Die Wanderung der Spanier und ihr Zusammentreffen mit Indianern

Nach der anfänglichen Verzweiflung versuchten die Männer auf der Insel Mal Hado, sich alleine aus ihrer Misere zu retten und planten die Route, die sie gehen wollten. Viele starben schon nach kurzer Zeit an den Strapazen, die der Aufenthalt in der Wildnis mit sich brachte. Die Spanier mussten großen Hunger und Durst erleiden, nackt mit beißender Kälte kämpfen, schutzlos widrigen Wetterlagen entgegentreten, und vor allem, was die wohl maßgeblichste Komponente für das Überleben war, mit der ansässigen indigenen Bevölkerung zurechtkommen. Sie mussten die Indianer gut stimmen und ständig darauf achten, sich keine Feinde zu machen. Denn die Indianer waren ihnen weit überlegen, da sie an die Beschaffenheit des Landes, das Leben inmitten der Natur und schwierige Lebensbedingungen gewöhnt waren und damit umzugehen wussten. Sie waren außerdem listig und sehr gut darin, sich zu verstecken und mit Pfeil und Bogen zu schießen. Man sieht, dass die Schiffbrüchigen gegen die Indianer keine Chance gehabt hätten, wären diese ihnen gegenüber schlecht gesinnt gewesen. Schon allein das anfängliche Herantasten an die Indianer war schwierig genug, da die Angst, sofort angegriffen zu werden, immer da war. Außerdem wussten die Spanier wenig von den Indianern und hatten Bilder von grausamsten Kannibalen im Kopf. Für die Indianer waren die Weißen zum einen eine Gefahr, sie betrachteten diese aber auch mit Neugierde und Bewunderung, da es für sie neu war, derartige Menschen zu sehen. Sie fürchteten sich vor Unbekanntem, wollten es aber auch näher erkunden. Das vorherrschende Kommunikationsproblem unterstützte all diese Schwierigkeiten natürlich noch.

3.1.1. Der Beginn ihres Ärztedaseins

Auf der Insel Mal Hado, was auf Deutsch so viel wie ‚Unglücksinsel’ bedeutet, begann schließlich auch das Ärztedasein der Spanier. (Dies wird als Beginn angenommen, ist aber aufgrund von widersprüchlichen Berichten bis heute in der Literatur umstritten.)

Inseln gelten im Allgemeinen als bevorzugter Ort für Utopien und für die Einführung neuer, etwas wahnwitziger Ideen, da die Menschen von der übrigen Welt abgeschottet sind und eine besondere Stimmung vorherrscht. Dies war natürlich vor allem früher der Fall. Man kann dort durch Neuanfang gesellschaftliche Prinzipien zeigen.[2]

Ganz am Anfang der Medizingeschichte bei Cabeza de Vaca stand nichts weiter als ein kulturelles Missverständnis: Die Indianer sahen die Spanier als Heiler an. Für die Spanier jedoch bedeutete Arzt zu sein die Ablegung eines Universitätsstudiums und der Besitz bestimmter Papiere: „En aquella isla […] nos quisieron hacer físicos sin examinarnos ni pedirnos títulos […].”[3]

Genauso verhielt es sich mit den Ansichten über die Arten des Heilens: die Indianer kannten das Prinzip der örtlichen Bekämpfung eines jeden Schmerzes, was ihnen einleuchtete und leicht nachzuvollziehen war, die Spanier hingegen waren vielerlei komplexere und undurchsichtigere Heilmethoden gewohnt. Außerdem hielten die Spanier im Gegensatz zu den Indianern wenig von der Naturheilkunde.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Krankenheilungen bei den

Indianern Floridas

CABEZA DE VACA (Termer) 1925: 64.

Cabeza de Vaca und die Übrigen wurden also ohne ihr Zutun plötzlich für Ärzte und Wunderheiler gehalten, was sich einfach durch ihre Andersartigkeit, Neuheit und ihre gesellschaftliche Stellung bei Indianern begründete. Ärzte und Schamanen in indigenen Kulturen waren immer ein wenig andersartige Menschen, Außenseiter und von der Norm abweichende Personen. Diese Anforderungen wurden von den Spaniern erfüllt.[5]

Solche Vorfälle von Medizingeschichten waren in Schiffbrucherzählungen keine Seltenheit, in der „Wahrhaftigen Historia“ von Hans Staden bspw. ist eine ähnliche Episode verzeichnet. Staden wurde von Kannibalen verschont, weil diese der Meinung waren, er könnte einen Einfluss auf den Fortgang ihres Lebens ausüben. Er sollte die Hände auf das Haupt der Kranken legen, um sie zu heilen.[6]

3.1.2. Die Trennung und das Wiedersehen

Die Überlebenden traten nun ihre Wanderung an, jedoch wurde Cabeza de Vaca aufgrund einer Erkrankung bei den Indianern auf der Insel zurückgelassen. Dieser wurde wieder gesund und zog dann mit einigen Indianern weiter. Er agierte während dieser Zeit als Tauschhändler. Am Rio Grande traf er schließlich wieder auf die drei noch überlebenden anderen Christen und entschied sich dann, mit diesen zu gehen. Sie flüchteten vor den Indianern, bei denen die Übrigen gewesen waren und zogen gemeinsam voran.

Der Weg von der Insel Mal Hado

zum Rio Grande, wo sich die Spanier

wieder gefunden haben

ADORNO/PAUTZ 1999: XXVii.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2. Das Ärztedasein der Spanier

Nun entfaltete sich ihre Rolle als Ärzte vollends. Die vier Überlebenden reisten durch viele Gebiete, wo sie verschiedene Indianerstämme kennen lernten, die sie alle als Ärzte betrachteten. Ihre Behandlungen glückten immer und alle Kranken sind unverzüglich genesen. Dadurch genossen sie ein stetig wachsendes Ansehen. Die Spanier hatten von der Medizin, Anatomie oder irgendeiner Heilkunde jedoch keinerlei Ahnung, sie wandelten lediglich Rituale (z.B. das Anblasen der Kranken), die sie bei den Schamanen beobachtet hatten, ein wenig ab und fügten christliche Elemente (z.B. Kreuzzeichen) und Gebete hinzu.

[...]


[1] KIENING 2006: 85.

[2] BITTERLI 1982: 392ff.

[3] CABEZA DE VACA (Maura) 1989: 129.

[4] CABEZA DE VACA (Maura) 1989: 129ff.

[5] KIENING 2006: 87.

[6] STADEN 1964: 107ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Medizingeschichte in den „Naufragios“ von Alvar Núñez Cabeza de Vaca
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Proseminar Literaturwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V202345
ISBN (eBook)
9783656288855
ISBN (Buch)
9783656290292
Dateigröße
1120 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanisch, Literaturwissenschaft, Schiffbruchliteratur, Cabeza de Vaca, Kolonisation
Arbeit zitieren
Sandra Ilg (Autor), 2007, Die Medizingeschichte in den „Naufragios“ von Alvar Núñez Cabeza de Vaca, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202345

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