Nimmt man das – nach der rezipierten Zählweise – vierte Gebot des Dekalogs als
Ausgangspunkt dieser Hausarbeit, muss man zunächst feststellen, dass es einem
im Alten Testament in zweifacher Gestalt – bedingt durch die beiden
Dekalogfassungen in Ex 20 und Dtn 5 – begegnet. Das Elterngebot stellt das
zweite der beiden positiv formulierten Gebote im Dekalog dar und das letzte, das
eine eigene Begründung bzw. Motivierung besitzt. Die etwas erweiterte Form des
Deuteronomiums bietet zusätzlich einen Rückverweis bzw. eine Zitatformel und
eine Ausweitung der Motivierung.
Unter den anderen Gesetzestexten des Alten Testaments finden sich sowohl
positive als auch negative Versionen des Elterngebots. So heißt es in Dtn 27,16:
„Verflucht, wer Vater oder Mutter schmäht.“ Im Bundesbuch finden sich darüber
hinaus zwei Einschübe im kasuistischen Stil, welche die Todesstrafe für
Handlungen gegen die Eltern (Schläge, Verfluchung) fordern. Die Todesstrafe für
jemanden, der seine Eltern schlägt, findet sich ebenfalls in Lev 20,9 und Spr
20,20. Dagegen ist mit Lev 19,3 auch eine positive Forderung außerhalb des
Dekalogs gegeben. „Fürchten“ bedeutet hier im Gesamtzusammenhang von Lev
19 „Ehrfurcht haben“. An dieser Stelle erscheinen die Eltern schon beinahe als
Repräsentanten Gottes, denen gegenüber die heranwachsenden Kinder die
gleiche Haltung, die das Volk gegenüber Jahwe einnehmen soll, entgegenbringen
sollen.
Lange wurde das Elterngebot auch in der abendländischen Kultur als
Disziplinierungsmittel für Kinder eingesetzt. Gehorsamkeit gegenüber der
elterlichen Autorität wurde in den Katechismen gefordert und so wirkte dieses
Gebot schon von früh an auf die Kinder – nicht selten als erdrückende Last. Selbst
im Katechismus von 1993 ist zu lesen: „Die Kindesliebe zeigt sich in Folgsamkeit
und wahrem Gehorsam. [...] Solange das Kind bei den Eltern wohnt, muß es jeder
Aufforderung der Eltern gehorchen, die seinem eigenen Wohl oder dem der
Familie dient.“ Darüber hinaus wurde das Gebot dahin ausgedehnt, dass es auch
Autoritäten wie Vorgesetzte, Staat und Kirche umfasst.
Decken sich diese Interpretationen aber auch mit dem Ursprungsimpuls des
Elterngebots im Dekalog oder hatte dieses Gebot im Alten Testament zunächst
eine gänzlich andere inhaltliche Belegung?
In der vorliegenden Hausarbeit soll nun einerseits auf die Frage nach dem
ursprünglichen Inhalt des Elterngebots eingegangen werden.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einführung zum Dekalog
3 Synoptischer Vergleich der beiden Fassungen des Elterngebots in Ex 20,12 und Dtn 5,16
3.1 Vergleich von Ex 20,12 und Dtn 5,16
3.1.1 Der erste synoptische Unterschied: Das Fehlen des Rückverweises in Ex 20,12
3.1.2 Der zweite synoptische Unterschied: Die Differenz im Segenshinweis
3.1.2.1 Die Motivierung in Ex 20,12 und ihre Parallelen in Dtn 5,16
3.1.2.2 Der erweiterte Segenshinweis in Dtn 5,16
3.2 Ergebnis des synoptischen Vergleichs
4 Der ursprüngliche Inhalt des Elterngebots
4.1 Die Stellung des Elterngebots innerhalb des Dekalogs
4.2 Die Adressaten des Elterngebots
4.3 Die Bedeutung des Elterngebots
4.3.1 Das Elterngebot als Begründung elterlicher Autorität und kindlichem Gehorsam
4.3.2 Das Elterngebot als Grundlage der religiösen Erziehung bei den Israeliten
4.3.3 Das Elterngebot als Gewährleistung der sozialen Sicherung der Eltern im Alter
4.3.4 Fazit zur Bedeutung des Elterngebots
5 Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den ursprünglichen Sinn des alttestamentlichen Elterngebots (Ex 20,12 / Dtn 5,16) durch einen synoptischen Vergleich der beiden Überlieferungen sowie durch eine kritische Analyse der verschiedenen exegetischen Deutungsansätze in der alttestamentlichen Forschung.
- Synoptischer Vergleich der Dekalogfassungen in Ex 20 und Dtn 5
- Stellung des Elterngebots innerhalb der Dekalog-Struktur
- Untersuchung des ursprünglichen Adressatenkreises
- Analyse der Bedeutung als Autoritätsbegründung, religiöse Erziehung und soziale Alterssicherung
- Ausblick auf die heutige Relevanz des Gebots in modernen Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung des Elterngebots
In der neueren alttestamentlichen Forschung werden drei Grundrichtungen der ursprünglichen Bedeutung des Elterngebots diskutiert. Die erste Richtung sieht im Elterngebot die Forderung nach allgemeiner Anerkennung der elterlichen Autorität. Eine zweite Richtung will in diesem Gebot die Forderung ausgedrückt sehen, die Eltern in ihrer Funktion als Tradenten der Verheißung und des Glaubensgutes anzuerkennen, eine dritte die Forderung, die Eltern im Alter zu versorgen.
Das erste Modell geht von einer primären Ausrichtung des Elterngebots auf die „kindliche Gehorsamspflicht“ aus. Dies wird von der altisraelitischen patriarchalischen Gesellschaftsstruktur her begründet: Das Elterngebot „soll die patria potestas absichern, indem es die Kinder grundsätzlich zum Gehorsam gegenüber ihren Eltern verpflichtet“. Die Familie – „die auf der Autorität der Elterninstitution aufgebaut ist“ – als kleinste Einheit der Gemeinschaft des Volkes, musste vor der Gefährdung der inneren Zerrüttung geschützt werden, um „die Einheit, die Wehrfähigkeit und schließlich die Existenzfähigkeit des ganzen Volkes“ zu sichern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Doppelüberlieferung des Elterngebots im Alten Testament und Erläuterung der methodischen Vorgehensweise.
2 Einführung zum Dekalog: Überblick über die Bedeutung, Entstehung und formale Gestaltung des Dekalogs als Gesetzeskorpus.
3 Synoptischer Vergleich der beiden Fassungen des Elterngebots in Ex 20,12 und Dtn 5,16: Detaillierte Untersuchung der textlichen Unterschiede und ihrer chronologischen Einordnung.
4 Der ursprüngliche Inhalt des Elterngebots: Analyse der theologischen Stellung und der soziologischen Bedeutung des Gebots im ursprünglichen Kontext.
5 Schlussbemerkung: Reflexion über die heutige Bedeutung und Aktualität des Elterngebots in modernen sozialen Systemen.
Schlüsselwörter
Elterngebot, Dekalog, Exodus, Deuteronomium, Altes Testament, Exegese, synoptischer Vergleich, elterliche Autorität, soziale Alterssicherung, Religionspädagogik, biblische Tradition, Ethik, Gehorsam, Familie, biblische Überlieferung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das vierte Gebot des Dekalogs (das Elterngebot) in seiner zweifachen alttestamentlichen Überlieferung und hinterfragt dessen ursprüngliche Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unterschiede zwischen der Exodus- und der Deuteronomiumsfassung, die Stellung des Gebots im Dekalog sowie die historischen Deutungsansätze zur elterlichen Autorität und sozialen Sicherung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den ursprünglichen Sinn des Gebots von späteren, etwa durch Katechismen geprägten Interpretationen zu unterscheiden und dessen Funktion in der altisraelitischen Gesellschaft zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den synoptischen Vergleich, um durch die Analyse von Textabweichungen redaktionsgeschichtliche Rückschlüsse auf die Entstehungszeit und -absicht der Texte zu ziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den synoptischen Vergleich der Textfassungen und die anschließende thematische Klärung der Stellung, der Adressaten und der Bedeutung des Elterngebots.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind das Elterngebot, der Dekalog, die Exegese des Alten Testaments, die soziale Alterssicherung und die elterliche Autorität.
Wird das Elterngebot als reines Gehorsamsgebot für Kinder interpretiert?
Nein, die Arbeit stellt dar, dass sich das Gebot im ursprünglichen Kontext an erwachsene, freie Israeliten richtete und nicht primär als Disziplinierungsmittel für Kinder konzipiert war.
Wie bewertet die Autorin die heutige Relevanz des Gebots?
Die Autorin sieht in der Forderung nach Würde und Respekt gegenüber der älteren Generation eine hohe Aktualität, insbesondere angesichts moderner Diskussionen um den Generationenvertrag.
- Quote paper
- Martina Schnetter (Author), 2003, "Ehre deinen Vater und deine Mutter" - Die dekalogischen Fassungen des Elterngebots in Ex 20,12 und Dtn 5,16 und seine ursprüngliche Bedeutung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20243