Der Journalist und Satiriker Gabriel Laub sagte einmal: „Ich bin Krimileser und denke mit nostalgischer Sehnsucht an jene Zeiten zurück, als Krimis noch keine Literatur sein wollten [...] Ein Krimi muss immer ein Rätsel bieten, eine logische Aufgabe zum Mitdenken, und jemanden der dieses lösen will. Alles was von dieser Aufgabe ablenkt, ist Ballast, abgesehen von falschen Spuren, die das Problem komplizieren. Es ärgert mich, wenn ich mit 20 Seiten einer dünnen Krimigeschichte 180 Seiten unwichtiger Details, [...] Sozialprobleme schwedischer Bauern, Gesellschaftskritik oder deutscher Schulmisere mitlesen muss [...] Auch die Tatsache, dass die Helden eines Buches Verbrecher oder Polizisten sind, macht das Werk nicht zum Krimi. Selbst eine Mordgeschichte tut dies nicht.“
Laubs Etikett passt nur noch auf wenige Kriminalromane, die heute erscheinen. Aber sind sie deswegen keine Krimis? Dies soll am Beispiel von Glavinics „Der Kameramörder“ geklärt werden. Dieses Buch wurde 2001 zwar als Kriminalroman veröffentlich und 2002 sogar mit dem Friedrich – Glauser – Preis ausgezeichnet, welcher neben dem Deutschen Krimi Preis der wohl wichtigste Krimipreis im deutschsprachigen Raum ist, entspricht jedoch nicht allen Kriterien eines „idealen“ Kriminalromans.
Ziel dieser Arbeit ist es also, herauszufinden, ob Glavinics „Der Kameramörder“ der Gattung des Kriminalromans zuzurechnen ist oder ob dies nicht der Fall ist. Hierfür soll zunächst geklärt werden, wie die Gattung „Kriminalroman“ überhaupt definiert ist. Anschließend werden die Kriterien der jeweiligen Untergattungen dieses Genres, nämlich des Detektivromans und des Thrillers gegenübergestellt, um diese danach auf Glavinic’ Werk zu übertragen. Hierbei sollen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Untergattungen und dem Roman „Der Kameramörder“ herausgestellt werden, die ihn entweder zur Gattung des Kriminalromans gehören lassen oder eben nicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Kriminalroman
2.1. Der Detektivroman
2.1.1. Allgemeines
2.1.2. Form
2.1.3. Inhaltliche Elemente
2.1.4. Die Figuren des Detektivromans
2.2. Der Thriller
2.2.1. Allgemeines
2.2.2. Form
2.2.2. Inhaltliche Elemente
2.2.3. Die Figuren des Thrillers
3. Übertragung der Kriterien des Kriminalromans auf das Werk „Der Kameramörder“
3.1. Allgemeines
3.2. Form
3.3. Inhaltliche Elemente
3.4. Figuren
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht gattungstheoretisch, ob Thomas Glavinics Werk „Der Kameramörder“ dem Genre des Kriminalromans zugeordnet werden kann. Dabei wird analysiert, inwieweit das Werk die klassischen Strukturmerkmale und Motive der Untergattungen Detektivroman und Thriller erfüllt oder diese gezielt variiert.
- Gattungsdefinition von Kriminalroman, Detektivroman und Thriller
- Analyse der narrativen Struktur und Erzählweise
- Untersuchung der Figurenkonstellation und Ermittlungsschemata
- Medienkritik und Darstellung von Gewalt als gesellschaftlicher Kommentar
Auszug aus dem Buch
3.4. Figuren
Der Ich – Erzähler enthält sich jeder Stellungnahme oder moralischen Urteils und scheint keine Gefühle zu haben (womit die Auffassung des Kameramörders übereinstimmt, der eines der Kinder auffordert „das Geschehen nicht durch übertriebene Emotionsausbrüche zu stören“). Wovon er berichtet, unterscheidet nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Ereignissen. Er berichtet distanziert, bürokratisch und akribisch in einer detailgetreuen Pedanterie, einem amtlichen Protokoll ähnlich. So habe er wegen der starken Sonnenbestrahlung „eine rosarote Baseballkappe mit der Aufschrift Chicago aufsetzen“ müssen. Die anderen Hauptfiguren unterscheiden sich von ihm, wie aus seinem Bericht zu schließen ist. Sie nehmen zu allen möglichen Dingen Stellung, äußern moralische Urteile und zeigen Gefühle. Die beiden Frauen wirken noch am „humansten“. Heinrich Stubenrauch erscheint als Zyniker, der alle mit seinen Horrorgeschichten und krassen Scherzen schockiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, ob „Der Kameramörder“ trotz seiner Auszeichnung als Kriminalroman die klassischen Gattungskriterien erfüllt.
2. Der Kriminalroman: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Genres, unterteilt in die Subgenres Detektivroman und Thriller, mit Fokus auf Struktur, Figuren und narrative Mittel dargelegt.
3. Übertragung der Kriterien des Kriminalromans auf das Werk „Der Kameramörder“: Dieses Kapitel vergleicht die im vorherigen Teil definierten Genre-Merkmale direkt mit der Erzählweise, den Figuren und der Handlung von Glavinics Roman.
4. Fazit: Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Werk Genre-Regeln spielerisch variiert und durch eine distanzierte, protokollartige Sprache neu interpretiert, anstatt sich strikt in klassische Schemata einzufügen.
Schlüsselwörter
Kriminalroman, Gattungstheorie, Detektivroman, Thriller, Thomas Glavinic, Der Kameramörder, Medienkritik, Gewalt, Erzählstruktur, Analyse, Literaturwissenschaft, analytische Erzählung, Rollenprosa, Whodunit, Genrevariationen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das Werk „Der Kameramörder“ von Thomas Glavinic als Kriminalroman klassifiziert werden kann, indem sie es mit gattungstheoretischen Vorgaben abgleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Definition von Kriminalromanen, die Abgrenzung zwischen Detektivroman und Thriller sowie die medienkritische Darstellung von Gewalt in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Überprüfung, ob das Werk die Kriterien eines „idealen“ Kriminalromans erfüllt oder ob es sich um eine bewusste Variation dieser Gattungsregeln handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine gattungstheoretische Untersuchung durchgeführt, bei der definierte Strukturmerkmale der Subgenres systematisch auf das untersuchte Primärwerk angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Gattungen und eine detaillierte Übertragung dieser Merkmale auf Form, Inhalt und Figurenkonstellation des Romans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Kriminalroman, Detektivroman, Thriller, Medienkritik, Erzählstruktur und Gattungstheorie.
Warum tritt in dem Roman laut der Autorin kein klassischer Detektiv auf?
Die Autorin stellt fest, dass das Fehlen eines Detektivs eines der Hauptargumente ist, warum das Werk nicht dem klassischen Detektivroman zugeordnet werden kann, da dort die intellektuelle Aufklärung des Rätsels im Zentrum stünde.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der Erzählperspektive bei?
Die Arbeit analysiert die distanzierte, bürokratische Protokollsprache des Ich-Erzählers als wesentliches, medienkritisches Stilmittel, das sich von klassischen Kriminalromanen abhebt.
- Citar trabajo
- Julia Frey (Autor), 2012, „Der Kameramörder“ von Thomas Glavinic - ein Kriminalroman?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202454