Die Geoökosysteme des Nordsee-Wattenmeeres - Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Betrachtungen mit Unterrichtsentwurf


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

54 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

TEIL A: Fachwissenschaftliche Betrachtungen
1. Einflussfaktoren
2. Die Bewohner des Wattenmeeres
3. Das Watt als Lebensraum
3.1 Flora
3.2 Fauna
4. Der Kreislauf im Wattenmeer
5. Der Einfluss des Menschen auf das Wattenmeer
5.1 Schadstoffe im Wattenmeer
5.2 Fischerei im Wattenmeer
5.3 Schiffsverkehr
5.4 Tourismus
5.5 Die Einrichtung von Nationalparks - Beispiel Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.24
5.5.1 Allgemein
5.5.2 Landschaftstypen und Vegetation
5.5.3 Fauna

TEIL B: Fachdidaktische Betrachtungen
1. Lehrplananalyse
2. Lehrbuchanalyse
2.1 Lehrbuchanalyse Terra Erdkunde für Schleswig-Holstein, 5./6. Klasse für Gymnasien33
2.2 Lehrbuchanalyse Terra Erdkunde für Hessen - Band 1 für Gymnasien
3. Unterrichtsentwurf: Einführung in den Lebensraum Wattenmeer (Klasse 5)
3.1 Vorbereitung
3.2 Verlaufsplanung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Die Küstenmorphologie des Wattenmeeres hat sich seit der Entstehung vor etwa 6000 Jahren verändert. Das Wattenmeer ist eines der bedeutendsten Gezeitengebiete der Welt mit einer einzigartigen Flora und Fauna. Trotz der täglich veränderten Lebensbedingungen durch Gezeiten und Wetter haben sich viele Tierarten wie Fische, Säugetiere und Vögen an den Raum angepasst (vgl. GÄTJE & REISE 1998, S. 1). „Das Ökosystem übt eine Vielzahl wichtiger Funktionen aus. Es dient Zugvögeln als Rast- und Futterplatz, Fischen als Kinderstube, gestressten Großstädtern als Erholungsort, Schiffen als Transportweg, Naturfreunden zur Beobachtung und Wissenschaftlern als Gelegenheit, das Wissen über die komplexen Vorgänge in Ökosystemen zu vermehren“ (ASMUS & RUTH 1994, S. 122). Neben den natürlichen Umweltveränderungen des Wattenmeeres ist der Mensch ein wichtiger Einflussfaktor, indem er in das Ökosystem eingreift und dieses verändert. Zum Schutz dieses Naturraums in der Zukunft wurde das Wattenmeer u.a. als Nationalpark erklärt. Am Beispiel des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer wird diese Arbeit näher auf die Flora und Fauna eingehen.

Im zweiten Teil der Hausarbeit folgt die fachdidaktische Ausarbeitung. Am Beispiel von Schleswig-Holstein und Hessen wurden Lehrpläne und Lehrbücher analysiert, um die Relevanz des Ökosystem Nordsee-Wattenmeer im Unterricht zu veranschaulichen. Eine ausgearbeitete Unterrichtsstunde zur Einführung in den Lebensraum Wattenmeer soll Anregungen über die Umsetzung im Unterricht bieten.

TEIL A: FACHWISSENSCHAFTLICHE BETRACHTUNGEN

1. Einflussfaktoren

Zahlreiche Faktoren spielen in der Formgebung eines Ökosystems und dessen Dynamik eine Rolle. Exemplarisch erwähnt seien hier die Temperatur, der Sauerstoffgehalt, die Wasserzusammensetzung, Licht und Feuer. Um auf die Besonderheiten des Wattenmeeres einzugehen, wird sich das folgende Kapitel auf die Betrachtung der ersten drei Faktoren beschränken, wobei bei der Wasserzusammensetzung vornehmlich auf dessen Salzgehalt eingegangen wird.

Zunächst soll aber der Einfluss des wohl charakteristischsten Merkmals des Wattenmeeres beschrieben werden.

Die Gezeiten bestehen aus zwei wesentlichen Faktoren, die die Flora und Fauna stark prägt: die Wasserbewegung und die wechselnde Wasserbedeckung. Die Wasserbewegung bestimmt über die Sortierung der Sedimente. In stillen Gewässern können sich feinere Sedimente leicht ablagern, während dies bei einer großen Dynamik nicht möglich ist. Dafür können dabei auch größere Teilchen transportiert werden. Auch die für das Wattenmeer typischen Rippelmarken entstehen durch diese Bewegung. Die Wasserbedeckungszeit ist zum einen natürlich für solche Lebewesen essentiell, die ihren Sauerstoff aus dem Wasser beziehen. Dieses kann jedoch bei Ebbe bis zu 12 Stunden fern bleiben (vgl. INSITITUT DER FACHDIDAKTIK BIOLOGIE DER UNIVERSITÄT DÜSSELDORF, Lebensbedingungen im Watt).1

Im Wattenmeer hat die Wasserbedeckungszeit außerdem unmittelbaren Einfluss auf die dort vorherrschende Temperatur. Je länger die Sonne bei Ebbe direkt auf den Meeresboden scheinen kann, umso größer ist die Erwärmung. Diese hängt natürlich auch von der Bodenzusammensetzung (Bodentyp, Porosität, Wassergehalt etc.) ab. So kann es an Sommertagen zu extremen Temperaturunterschieden zwischen den einzelnen Bereichen der Wattfläche kommen. Im Winter lassen sich keine großen Unterschiede feststellen. Die Temperaturunterschiede einer einzelnen Fläche sind dennoch sehr hoch und so müssen die dort lebenden Organismen an diesen Umstand besonders angepasst sein (vgl. BEHRE 1978, S. 10).

Eine weitere Herausforderung, die das Watt als Lebensraum stellt, ist der zum Teil recht geringe Sauerstoffgehalt. Der aus der Nordsee und der Atmosphäre entstammende Sauerstoff kann so zwar im Sand gut gelagert werden, woraus sich eine Oxidationsschicht von mindestens 6 cm ergibt, im Schlick ist der O2-Gehalt jedoch wesentlich geringer. Hier erreicht die Oxidationsschicht lediglich eine Höhe von 1,5 cm. Dort heimische Bakterien verringern den Sauerstoff-Anteil noch weiter (vgl. POSTMA 1977, S. 103).

Abschließend soll noch auf den Salzgehalt des Meerwassers eingegangen werden. Dieser liegt mit einem Schnitt von 29‰ unterhalb des durchschnittlichen Meereswassers. Dies lässt sich durch den Zulauf von Süßwasser aus den Flüssen erklären. Allerdings kommt es zu einer starken Erhöhung der Salzkonzentration, wenn die Verdunstung in den Sommermonaten zunimmt (vgl. SCHUTZSTATION WATTENMEER, Salz im Meer). Dadurch können isolierte Kleinräume des Wattenmeergebietes wie etwa Wattwasserscheiden oder Prielufer eine Salzkruste ausbilden. Im Watt lebende Organismen müssen diese Schwankungen ertragen und bestimmte Regulationstechniken entwickeln, um diese Änderungen tolerieren zu können (vgl. INSTITUT DER FACHDIDAKTIK BIOLOGIE DER UNIVERSITÄT DÜSSELDORF, Lebensbedingungen im Watt).

2. Die Bewohner des Wattenmeeres

Nach EXO (1994, S. 261) wird das Wattengebiet von mehr als 50 Vogelarten zur Brut, Rast, Mauser und Überwinterung genutzt. Für Vögel ist das Wattenmeer ein nahrungs- und abwechslungsreiches Gebiet und dient dabei Zugvögeln als Zwischenstopp zur Nahrungsaufnahme zwischen den Brutgebieten in der Arktis und dem Winterquartier in Afrika (EXO 1994, S. 261). Es unterscheidet sich mit den zwei Faktoren nass und salzig vom Festland. Jede Nahrungsaufnahme im Watt bedeutet für Vögel auch die Aufnahme von Salz. Die Eiderenter nimmt etwa 40 bis 60 g Salz pro Tag mit der Nahrung zu sich. Weder die menschliche Niere noch die Vogelniere können so große Mengen Salz verarbeiten, „jedoch (besitzen Vögel) am Kopf über den Augenhöhlen ein Paar Drüsen, die das überschüssige Salz rasch aus dem Blut entfernen können“ (SWENNEN 1977, S. 149). Mit der für Vögel typischen Schüttelbewegung des Kopfes wird die Salzlösung von Nase und Schnabelspitze entfernt. Wenige Arten wie Möwen oder Ringelgänse fliegen bei Bedarf zu Süßwasserflächen um zu trinken, die meisten Arten nutzen aber salzhaltiges Seewasser. Das Gefieder der Wattvögel ist bei hoher Oberflächenspannung wasserabweisend und bei trockenem Federkleid auch wärmeisolierend. Die Federn verschließen sich bei tauchenden Vögeln dicht zusammen und verhindern ein Eindringen des Wassers. „Gegen Flüssigkeiten mit niedriger Oberflächenspannung wie Alkohol, Benzin oder Öl besitzt das Federkleid überhaupt keinen Schutz; diese Stoffe dringen sofort durch die Federn und verdrängen dort die Luft“ (SWENNEN 1977, S. 149). Von den Gezeiten abhängige Vögel wie Ringelgänse oder Watvögel laufen über den Boden und suchen nach Nahrung. In den Ruheperioden sind die Vögel auf Hochwasserrastplätzen zu finden; diese eignen sich daher gut für Vogelzählungen einer bestimmten Art. Als Rastplätze eignen sich Gebiete, die offen und störungsfrei sind; häufig sind dies bestimmte Flächen am Strand, auf Äckern und in Dünen. Nachts nutzen Vögel diese Plätze kaum, stattdessen sind sie nahe der Wasserlinie zu finden oder stehen im flachen Wasser, um sich gegen Angreifer zu schützen. Andere Vogelarten, zu der die Kormorane gehören, tauchen von der Wasseroberfläche aus oder stürzen aus der Luft hinunter, wie etwa die Seeschwalbe. Diese können jederzeit, unabhängig von den Gezeiten, nach Nahrung suchen. Vorrangig mit den Augen spüren alle Wattvögel die Beute auf, die mit dem Schnabel aufgegriffen wird. Dabei werden Vögel nach Augenjägern, Tastjägern und Stöberjägern unterschieden. Die Möwe gehört zu den Augenjägern, d.h., durch das Anheben des Kopfes das Gesichtsfeld der Möwe vergrößert wird. Dann läuft sie „auf trockenem Boden gebückt, wobei der Schnabel sofort vorschnellen kann, sobald ein Beutetier sich bewegt“ (SWENNEN 1977, S. 154). Tastjäger wie Strandläufer oder Knuts sind Tiere, die ihre Nahrung durch die Berührung des Bodens mit dem Schnabel ertasten während sie sich vorwärtsbewegen. Sobald sich Beute wie Würmer im Boden befinden, wird diese mit dem Schnabel vorsichtig herausgezogen. In der Gruppe der Stöberjäger befinden sich u.a. Steinwälzer, die Gegenstände umwerfen, um die dann freigelegten Tiere, vor allem Krebse, zu verzehren. „Die Zahl der Vogelarten auf dem Watt ist größer als die Artenzahl der wichtigsten Nahrungstiere“ (SWENNEN 1977, S. 156). Um einer Nahrungsverknappung einzelner Arten zu entgehen, können Vögel sich umstellen und andere Beutetiere fressen. Menschen stellen für Vögel kaum eine Konkurrenz dar auch wenn sie die gleichen Tiergruppen nutzen. Bei den Würmen ist der Mensch nur an den größeren Arten (Pierwurm und Seeringelwurm) interessiert, die entweder reichlich vorhanden oder für Vögel uninteressant sind. Das Gleiche gilt, für Krebse, Muscheln und Fisch. „Der Mensch entnimmt dem Watt weniger als die Hälfte der Fleischmenge, welche die Vögel verbrauchen“ (SWENNEN 1977, S. 157). Die Fischerei des Menschen hat jedoch auch Nachteile. Durch die Nutzung des Watts wird beim Pierwurmgraben ein Teil der Natur, große Mengen an Jungtieren oder wirtschaftlich nicht interessante Arten geschädigt (vgl. SWENNEN 1977, S. 149). Die intensiven Zählungen und Beobachtungen von Vögeln liefern Erkenntnisse über das Ökosystem Wattenmeer und die Fähigkeit der Vögel sich an dieses anzupassen (vgl. EXO 1994, S. 261).

Im Wattenmeer gibt es 20 regelmäßig vorkommende Fischarten. Dabei werden sie in vier Gruppen unterteilt: Standfische, Saisongäste, Kinderstube, Zufallsgäste. Standfischen wie Aalmutter, Seeskorpion oder Butterfisch sind nicht auf das Wattenmeer beschränkt, können einen niedrigen Salzwassergehalt vertragen und sind auch in Nordwesteuropa zu finden. In Küstengewässern laichende Fischarten heften ihre Eier auf festen Grund wie Steinen an. Bei den Saisongästen lassen sich zwei Typen unterscheiden: „Arten, die einen großen Teil ihres Lebens im Wattenmeer verbringen, aber im offenen Meer laichen und überwintern“ und „Arten, von denen vor allem erwachsene Exemplare das Wattenmeer besuchen; dabei können Sommer- und Wintergäste unterschieden werden“ (ZIJLSTRA 1977, S. 137). Zum ersten Typ gehören Fische wie Seequappe, Flunder und zwei Sandgrundelarten, die außerhalb des Wattenmeeres laichen und überwintern. Bei der Flunder werden die in der Nordsee gelegten Eier durch die Wasserströmung ins Wattenmeer transportiert. Streifenfisch, Hornhecht und einige Seenadelarten nutzen das Wattenmeer zum laichen, aufwachsen und als Nahrungsraum, überwintern jedoch im Meer. Während die ersten beiden Fischtypen ihre Eier an Algen anheften, findet die Entwicklung der Eier in einem Brutbeutel des Seenadelmännchens statt. Zu der zweiten Art gehören Fische wie Seebarsch, Meeräschen und Makrele, die sich nur während den Sommermonaten im Wattenmeer aufhalten und nach Nahrung suchen. Über die Laichplätze dieser Fische bestehen nur Vermutungen. Bei sinkenden Wassertemperaturen verlassen sie das Wattenmeer wieder. Typische Wintergäste wie Stint und Dreistacheliger Stichling gelangen mit den Süßwasserströmungen im Herbst ins Watt und kehren im Frühjahr in die Mündungsbereiche von Elbe, Weser und Ems zurück. In die dritte Gruppe gehören Fischarten wie Seezunge, Scholle, Hering und Sprotte, „für die das Wattenmeer als wichtigstes Aufwuchsgebiet der Jungstadien, als Kinderstube, fungiert“ (ZIJLSTRA 1977, S. 133). Wie die Standfische kann sich diese Gruppe während des Jugendstadiums sehr gut an den vorhandenen Lebensraum anpassen und ist zahlen- und gewichtsmäßig am Stärksten vertreten, wobei sie ein größeres Gebiet nutzen und von daher kaum eine Konkurrenz für die Standfische darstellen. „Die Kinderstuben-Arten produzieren also nicht nur viele Eier je Laichperiode, sie nehmen im Mittel auch öfter an der Fortpflanzung teil, womit ihre Vermehrungsfähigkeit nochmals verstärkt wird“ (ZIJLSTRA 1977, S. 140). Dies wird durch die lange Lebensdauer (10-20 Jahre bei Scholle, Seezunge und Hering) unterstützt. Die folgende Abbildung zeigt am Beispiel der Scholle den Weg vom Laichplatz bis zum Aufwachsen im Wattenmeer. Die Scholle laicht zwischen Dezember und März im offenen Meer, sodass pelagische Eier „mit dem nordöstlichen Reststrom in das Gebiet (…) außerhalb des Wattenmeeres transportiert werden“ (ZIJLSTRA 1977, S. 138). Zwischen April und Juni gelangt die junge Scholle in das Wattenmeer, wo diese 2-3 Jahre sich entwickeln und aufwachsen. Im Winter leben sie in tieferen Gebieten des Wattenmeeres.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Laichplätze und Kinderstube der Scholle.(nach: Zijlstra 1977, S. 138).

Als Zufallsgäste werden Fische bezeichnet, die nicht an den Wattenmeer-Raum angepasst sind und für die das Watt nicht von Bedeutung ist. Fische aus der Nordsee verbreiten sich bei Temperatur- und Salzgehaltschwankungen gelegentlich in ein anderes Gebiet (vgl. ZIJLSTRA 1977, S. 133 ff.).

Im Wattenmeer können aus der Gruppe der Meeressäuger Seehunde und Kegelrobben beobachtet werden. Eher selten sind dazu Ringelrobben zu sehen, die von den skandinavischen Küsten kommen. Für den Seehund stellt das Wattenmeer mit seinem flachen Wasser und den auftauchenden Sandbänken den wichtigsten Lebensraum dar. Die meisten Seehunde verlassen im Winter aufgrund von Nahrungsknappheit (Butt und Garnelen) das Wattenmeer und kehren im Frühjahr wieder zurück, wenn genügende Beute vorhanden ist. Im Juni und Juli werden die jungen Seehunde bei Niedrigwasser auf den Sandbänken geboren, in den ersten Wochen von der Mutter gesäugt, lernen sie aber auch bei gemeinsamen Schwimmausflügen mit der Mutter Nahrung zu jagen. Nach der Stillperiode bilden die älteren und jüngeren Seehunde jeweils eigene Herden bevor im September die Paarungszeit startet, nach der sie sich wieder teilen. Nach dieser Zeit im Wattenmeer beginnt für die jungen Robben ein härteres Leben, es heißt, „zu wachsen und zugleich in Kondition zu bleiben“ (HAAFTEN 1977, S. 143). Ihre Nahrung müssen sie durch die Abwanderung unter schwierigen Bedingungen selbst in der Nordsee suchen; im ersten Winter ist die Sterblichkeitsrate der jungen Robben am größten. „Die pro Tag verzehrte Nahrungsmenge liegt beim erwachsenen Seehund zwischen 5 und 7 kg. Dies scheint viel zu sein - jedoch im Vergleich mit den Mengen, die der Mensch täglich dem Wattenmeer entnimmt und welche die Vögel verbrauchen, ist es nur wenig“ (HAAFTEN 1977, S. 143). Seehunde wurden vielerorts zum Abschuss freigegeben, da diese bei Auftreten in Herden Fischernetze zerstören können. Im niederländischen Wattenmeer ist der Seehund seit 1954 durch das Jagdgesetz geschützt. Danach führte eine nicht ausgenutzte Abschussquote dazu, dass die Seehundbestände erforscht wurden. Erste Schätzungen beliefen sich 1928 auf etwa 1500 Seehunde, die Zahl ist jedoch mit späteren Zählungen nicht vergleichbar. „In den Jahren 1953, 1954 und 1955 wurden etwa 1200 Seehunde gezählt“ (HAAFTEN 1977, S. 143). Zu Beginn durchgeführte Zählungen von Schiffen waren zu ungenau, sodass von Flugzeugen diese Aufgabe im September während der Paarungszeit war genommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt sind im Wattenmeer sowohl alte und junge Tiere als auch Männchen und Weibchen zu finden und erleichtern die Vergleichbarkeit über den tatsächlichen Bestand. Die Zählungen kamen zu folgendem Ergebnis: „gegen Ende der fünfziger Jahre war die Zahl (auf 900) erheblich gesunken, bis 1968 stieg sie auf fast 1500 Exemplare wieder an, worauf die Zahl rasch bis auf etwa 500 Stück in den Jahren 1973/1974 absank“ (HAAFTEN 1977, S. 144). Im Wattenmeer gibt es für Seehunde keine natürlichen Feinde wie Eisbären, sodass einer der Hauptgründe für den Rückgang der Mensch als Jäger ist. Besonders die härteren Lebensbedingungen für junge Robben im Winter sowie die Jagd auf die wertvollen Pelze dieser jungen Tiere führte zum Verlust des Nachwuchses. Der Anstieg der Zahlen bis 1968 ist auf die Senkung der Abschussquote 1969/61 und auf die Einstellung der Jagd auf Seehunde 1962 in den Niederlanden zurückzuführen. Dort geschützte Seehunde konnten aber immer noch in Deutschland und den Niederlanden gejagt werden. Eine Kooperation mit den Nachbarländern kam ab 1970 zu Stande, die den Bestand durch Zählungen im Wattenmeer kontrollieren sollte. In Niedersachsen wurden ab 1963 Seehundszählungen durchgeführt aber um eine Vergleichbarkeit sicherstellen zu können ab 1970 mit der gleichen Art wie in den Niederlanden. Die Jagd wurde in Niedersachsen ab 1972 eingestellt, eine Ausnahme bildete der Abschuss von kranken Tieren. Eine 1974 stattgefundene Seehundskonferenz auf Helgoland beschloss die Jagd auf Seehunde in Schleswig-Holstein zu beenden und das Wattenmeer länderübergreifend zu beaufsichtigen. Im dänischen Teil des Wattenmeeres kann der Seehundbestand nur geschätzt werden, da Untersuchungen fehlten. Der erneute Rückgang ab 1968 (Niederlande 1968: 1480, 1969: 1200; Niedersachsen 1968: 1541, 1969: 1347) konnte nicht am Lebensraum Wattenmeer liegen, sondern an der Veränderung des Nahrungsangebots. Insbesondere die Sterberate der jungen Seehunde war stark ausgeprägt. „Einige verhungerten, wahrscheinlich weil sie ihre Mutter verloren, andere ertranken in Reusen oder wurden geschossen. Ferner wurden angeborene Defekte und Parasitenbefall festgestellt“ (HAAFTEN 1977, S. 145). Der Parasitenbefall führt zum Tod, wenn das Immunsystem des Seehundes bereits durch andere Ursachen angegriffen ist. Desweiteren hat eine „Untersuchung von toten Seehunden aus dem Wattenmeer auf giftige Stoffe (…) sehr hohe Gehalte an PBC (polychoriertes Biphenyl), Quecksilber und Selen (ergeben)“ (HAAFTEN 1977, S. 145). Es ist noch nicht sicher, zu welchen Auswirkungen dieser Schafstoffeintrag für den Seehund führen, jedoch werden junge Robben auch durch Faktoren wie Sportboote, niedrig über den Sandbänken fliegende Flugzeuge, Wattwanderungen oder Gas- und Ölgewinnung auf ihren Ruheplätzen gestört. Die direkt durch den Mensch versuchte Störung kann insbesondere in den ersten Wochen des Seehundlebens nur durch eine Schutzzone um die Seehundsbänke minimiert werden (vgl. HAAFTEN 1977, S. 143 ff.). Durchgeführte Zählungen und Schätzungen ergaben, dass „die Gesamtzahl der Seehunde im ganzen Wattenmeer 1974 etwa bei 3740 lag“ (HAAFTEN 1977, S. 147). Schwarz & Heidemann (1994, S. 297) geben an, dass der Bestand 1993 bei etwa 8300 Tieren lag, auch wenn 1988 bei einer Robbenseuche viele Tiere starben und der Anstieg kurz unterbrochen wurde (siehe Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2a: Ergebnisse der Bestandserfassung im Wattenmeer 1993. (nach: Schwarz & Heidemann 1994, S. 297).

Abbildung 2b: Entwicklung des Seehundbestandes im europäischen Wattenmeer zwischen 1966 und 1993. Gestrichelte Linie: Schätzwert für 1998 wenn keine Epidemie stattgefunden hätte. (nach: Schwarz & Heidemann 1994, S. 297).

„Archäologischen Funden zufolge waren Kegelrobben in der Zeit von etwa 6000 v. Chr. Bis zu Beginn des Mittelalters die vorherrschende Robbenart im Wattenmeer“ (Schwarz & Heidemann 1994, S. 298). Aufgrund der menschlichen Besiedlung werden im heutigen Wattenmeer nur etwa 200 Kegelrobben auf küstenfernen Liegeplätzen in Holland und Schleswig-Holstein beobachtet. Der Kegelrobbenbestand kann gefördert und erhöht werden, wenn während der Wintermonaten, in der Geburtszeit der Jungen, die Aufzucht an bestimmten Orte ungestört stattfinden kann (vgl. SCHWARZ & HEIDEMANN 1994, S. 296 ff.).

3. Das Watt als Lebensraum

3.1 Flora

Für die Entwicklung2 der Vegetation spielen Inseln eine besondere Rolle, da „eine Insel (…) ein abgerundetes Ganzes (ist)“ und „eine lange Grenzlinie zwischen Meer und Land (besitzt)“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 177). Die Entwicklung neuer Pflanzenarten, die dann nur in diesem Gebiet zu finden sind, ergibt sich durch die isolierte Insellage. „Auf allen Wattinseln zeigt sich der Kontrast zwischen dem süßen, überwiegend trockenen, nahrungs- und mehr oder weniger kalkarmen Kern, dem Dünengebiet, und der salzigen, nassen und nahrungsreichen Randzone, dem Vorland“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 177). Die Wattinseln unterscheiden sich aufgrund ihres Standortes in der Artenvielfalt und in den verschiedenen Typen einer Art. Dieser Effekt verstärkt sich, da „die Dünen der Wattinseln aus relativ kalkarmen Material mit weniger als 1,5 % Calziumcarbonat aufgebaut sind“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 177). Dadurch wird der Vegetationsbestand beeinflusst. „Die Differenzierung und der Artenreichtum sind oft besonders langfristig um so höher, je ärmer der Standort an mineralischen Nährstoffen ist“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 177). Neben dem Nährstoffmangel beeinflusst die Pflanzen der Wattinseln die ruhige oder dynamische Standortdynamik, die als „eines der wichtigsten ökologischen Kennzeichen“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 177) bezeichnet wird. Wobei durch menschliche Aktivitäten, die für den ruhigen Standort, bekannten Arten wie Glanzwurz oder Siebenstern verringert wurden. Arten, wie Strandhafer oder Ackerkratzdistel, können sich dagegen behaupten und weiter verbreiten. In den letzten Jahren zeigte sich, „dass das Standortgefälle umso gleichmäßiger ist, je mehr das höhere Gelände nahrungsarm, trocken und humusreich ist und weiter unten nahrungsreiches, salziges, humusarmes Gelände liegt. Kalkarme an das Meer grenzende Dünen weisen daher meist ein stabiles Standortgefälle und demzufolge einen großen Reichtum an besonderen Pflanzenarten als kalkreiche auf“ (JOENJE & WESTHOFF 178). Die Wattinseln werden als Wattendistrikt von der kalkreichen Festlandsvegetation unterschieden. Besonders in älteren Dünentälern finden sich Glockenheide, Besenheide und Krähenbeere. „Die wichtigsten pflanzengeographischen Elemente sind das atlantische, westliche Element, zu dem Glockenheide, (…), Zindelkraut gehören; das nordische Element mit Krähenbeere, Arktischer Binse, Lorbeerweide; und das boreal-alpine Element mit Arten, die sowohl in Nordeuropa wie auch in den mitteleuropäischen Hochgebirgen vorkommen wie Siebenstern, Sprossender Bärlapp, Bärentraube, Rauschbeere und Kleines Zweiblatt“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 179). Zählungen ergaben, dass auf den Wattinseln etwa 1109 Pflanzenarten zu finden sind. Somit ist „der Artenreichtum auf den Inseln (…) etwa dreimal so groß wie er auf Grund der Flächengröße erwarten werden könnte“ (JOENJE & WESTHOFF 1977, S. 179).

3.2 Fauna

Das Gebiet außerhalb des Deiches wird in unterschiedliche Biotope unterteilt: „das hohe schlickige Watt mit den ersten Pionierpflanzen, die Schlickgras- und Quellerzone, die Salzgraswiese, Salzwassertümpel und Prielränder“ (KÖNIG 1977, S. 203). In den oberen Sedimentmillimetern des schlickigen Watts leben kleine Wattschnecken, weiter unten Schlickkrebse und Seeringelwurm. In der Schlickgras- und Quellerzone wurde das inzwischen im Wattenmeer weit verbreitete Englische Schlickgras angepflanzt, welches jedoch als Nahrung für Kleintiere oder als Versteck kaum von Bedeutung ist. Dagegen dient die Blütenpflanze des Quellers vielen Tieren (Vögeln, Insekten, Raupen) als Nahrung. In den Salzwiesen gibt es eine reiche Fauna.

[...]


1Aufgrund der zumeist unbekannten Angaben zum Entstehungsjahr einer Internetseite, werden solche Quellen als Zitatangabe im Fließtext in dieser Arbeit lediglich mit dem Autor und den Titel angegeben.

2Dieses Kapitel kann aufgrund der reichhaltigen Vegetation im Wattenmeer nur auf einige Aspekte eingehen.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die Geoökosysteme des Nordsee-Wattenmeeres - Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Betrachtungen mit Unterrichtsentwurf
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V202486
ISBN (eBook)
9783656285717
ISBN (Buch)
9783656287384
Dateigröße
1983 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geoökosysteme, nordsee-wattenmeeres, fachwissenschaftliche, betrachtungen, unterrichtsentwurf
Arbeit zitieren
Tina Hellwig (Autor), 2011, Die Geoökosysteme des Nordsee-Wattenmeeres - Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Betrachtungen mit Unterrichtsentwurf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202486

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