Schellings "Philosophie der Offenbarung": Vorlesungen 24 – 27


Hausarbeit, 2007
18 Seiten, Note: 2.0
Agnes Thiel (Autor)

Leseprobe

Philosophie der Offenbarung (Vorlesungen 24 – 27)

1. Einleitung: Wider die Vernunft?

Kant lehrte die Unerkennbarkeit des „Ding an sich“. Daher könne es allein auf der Basis der Vernunft auch keine Metaphysik geben. Schelling glaubt zwar auch, dass Gott unmöglich aus reiner Vernunft erkennbar sei, das also die Vernunft nicht das Letzte ist; aber Schelling geht in eine andere Richtung: was die negative Metaphysik nicht leisten könne, könne durchaus die positive, und zwar indem diese den Gott als reinen Willen thematisiert. Dieser wird aber nicht einfach a priori gesetzt, sondern vielmehr a posteriori. Schelling erkennt also die zwei neuralgischen Punkte der Vernunftphilosophie: den Anfang und das Ende dieser Logik.

Die negative Philosophie dient der Unterscheidung eines rein begrifflichen Gottes (dem Ungrund) vom wirklichen Gott des Alten und Neuen Testaments. Der Gott in der negativen Philosophie ist ein bloßer Begriff ohne wirkliches Handeln und Beginnen. Dies ist laut Schelling unbefriedigend, weil aus Begriffen eben nur Begriffe generieren können. Der Anfang des Denkens ist aber nicht deckungsgleich mit dem Anfang schlechthin. Vor dem Denken rangiert noch der Wille, und zwar der Wille zu denken. Dieser Wille ist für das Denken das schlechthin Unbegreifliche und Unhintergehbare.

Schellings positive Philosophie setzt hingegen das Sein voraus, geht aber dann hinter das Sein zurück und thematisiert die Genese des Seins aus dem erstem Prinzip. Hier unterscheidet er grundsätzlich zwischen drei Hauptepochen der Seinsentfaltung: die Natur, die Mythologie und die Offenbarung. Jede der drei wird nochmals gedreiteilt: die Natur in mineralische, organische und menschliche, die Mythologie in ägyptische, indische und griechische und die Offenbarung in die drei Gestalten des Christentums: das petrinische (= katholische Kirche), das paulinische (= protestantische Kirche) und das johaneische als Zukunftsgestalt. Anders als bei Hegel wird das Absolute nicht erst durch den Durchlauf durch die Geschichte am Ende der Selbstfindung vollkommen, sondern es ist es von Beginn an. Es ist vor allem Werden und hat keinerlei Notwendigkeit, in die Seinsgenese einzutreten. Die Seinsgenese geht aber zunächst über in eine Gottesgenese. Der Schellingsche Freiheitsbegriff kommt hier bei der Freiheit des Absoluten zum Ausdruck. Ontologie und Theologie stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Ergänzung.

In den Vorlesungen 24 – 27 wird eine philosophische Christologie vorgestellt. Sie stellt den Übergang von der Prinzipienlehre zur Gotteslehre. Es wird nämlich beleuchtet, wie aus dem Gott, dem Absoluten, die erste Potenz, sein Sohn Jesus, als zweite Potenz noch vor aller Weltschöpfung hervorgeht. Schellings Grundsatz ist folgender: die (Kantsche, Hegelsche) Vernunft ist nicht der einzige Gegenstand, der Philosophie, zumal sie sich selbst ihren Ursprung nicht erklären kann. Selbst wenn alles „vernunftgemäß“ wäre, bliebe doch die Frage offen: Warum ist überhaupt Vernunft und nicht einfach Unvernunft? Dabei verfolgt Schelling keine radikale Vernunftkritik. Er weiß, dass die Vernunft ein alternativloses Instrument für den dialektischen Prozess der Prinzipienerkenntnis ist. Aber: für ihn ist die Vernunft eben nicht der letzte Baustein des Seinsgefüge, das letzte Element. Außerdem ist das, was ist nicht aufgrund von Vernunft, sondern aufgrund von Freiheit! Freiheit ist ursprünglicher als Vernunft. Freiheit findet aber seine Verwirklichung im Wollen. Dieses Wollen, dessen Aktivität und die daraus resultierende Seinsgenese ist – angewendet auf das Verhältnis von Vater und Sohn – der Hauptgegenstand der Vorlesung 24 – 27. Dem wollen wir uns in der Folge zuwenden.

2. Die Christologie Schellings

2.1 Das Verhältnis von negativer und positiver Philosophie

Schon F. Engels nannte Schelling einen „Philosoph in Christo“, und Feuerbach sah in der Philosophie der Offenbarung nur eine „theosophische Posse“.[1] Schelling ging es weniger um die Lehre des Christentums, sondern vielmehr die Erklärung für dessen Tatsache. Diese gelte es mit philosophischem Handwerkszeug zu erklären. Bezüglich der Christologie erweist sich Schelling tatsächlich als „ein echter Granit“,[2] auch wenn von der Forschung anerkannt ist, dass die Christologie eine zentrale Stellung innerhalb seiner Spätphilosophie einnimmt. Dabei differieren die Urteile darüber von strikter Ablehnung, Ignoranz bis hin zur Anerkennung. Immer wieder wird für die christliche Potenzenlehre attestiert, dass Schelling durch sie nicht wirklich das Menschsein Jesu erreicht habe, ja, dass sie ihm zum (christlichen) Gnostiker mache. Andererseits sah man auch, dass sich in dieser Spätphilosophie soteriologische Macht und die Ohnmacht der Vernunft gegenüberstünden, eine Unterscheidung, die auf die von negativer und positiver Philosophie voraus weise.

Schwierig ist vor allem das Verhältnis von Christologie und dem Absoluten der Prinzipienlehre, z. B. aus der Freiheitsschrift. Das Absolute wird nämlich in der Offenbarungsschrift nicht eigens thematisiert. Früher und später Schelling scheinen hier im Verhältnis der wechselseitigen Ergänzung und Erhellung zu stehen: die Christologie ist die logische Konsequenz der Prinzipienlehre von Ungrund, Grund und Existenz, so wie diese Prinzipienlehre vorausgesetzt werden muss, um den christlich-jüdischen Gott und dessen Offenbarungshandeln mittels philosophischen Mitteln zu verstehen. Auch für die Christologie und mithin die Philosophie der Offenbarung gilt also das Dictum der Prinzipienlehre: „Vom Unbedingten muß die Philosophie ausgehen“.[3] Dabei stellen die einzelnen Etappen der Christologie den immanenten Selbstvollzug des Absoluten dar. Der Fokus liegt hierbei auf der freien Tathandlung.

Dabei darf die Verbindung von Philosophie und Offenbarung nicht etwa auf Kosten einer der beiden gehen. Keine von beiden – so Schelling programmatisch - dürfe Gewalt erleiden. Die beiden Absoluta müssen miteinander konfrontiert und ihr Verhältnis zueinander näher bestimmt werden. Die positive Philosophie, gedacht als Christologie, bedarf der rein logischen Denkungsart einer negativen die Prinzipien und deren Genese thematisierenden Philosophie. Die eine baut auf der anderen auf, die andere setzt die eine voraus. Problem bei der negativen Philosophie ist, dass sie eine reine Begriffsgenealogie darstellt, die keine Wirklichkeit herzustellen vermag. Hier gibt es nur das logische „vor“ und „über“ allem, aber eben kein wirkliches. Dieses Defizit kompensiert die positive Philosophie, indem sie das Offenbarungsgeschehen ̀offenkundig´ macht. Hier findet dann aus dem göttlichen Nus eine wirkliche Sukzession in der menschlichen Geschichte statt. Gegenstand der positiven Philosophie der Offenbarung kann also nur etwas Tatsächliches, etwas Wirkliches sein. Zwischen der Philosophie der Offenbarung und der früheren Philosophie besteht also kein Bruch. Ganz im Gegenteil: es ist die konsequente Weiterführung dafür, dass der Anfang und das Ende aller Philosophie die Freiheit ist. Hier soll die Freiheit als in Tat umgesetztes Ereignis dargestellt werden. Und ebenso kann Christus nur dann die Realisierung der Freiheit unter den Bedingungen des seine Freiheit verfehlenden Bewußtseins sein, wenn er selbst in den Anfang der Freiheit zurückreicht.

2.2 Die Person des Gott-Vaters

Schelling ist es in diesen Vorlesungen darum zu tun, einen Innenblick in die göttliche Substanzenfolge zu bekommen. Er trennt zwischen Gott als der ersten Persönlichkeit und Jesus, der zweiten Persönlichkeit. Dabei entsteht eine Persönlichkeit erst durch eine Selbstabgrenzung. Anliegen ist es zu erklären, wie das Verhältnis zwischen beiden sich näher bestimmen lässt. Dabei verfolgt er verschiedene Diskussionsebenen, setzt sich von anderen Denkern der Gegenwart und Vergangenheit ab und möchte grundsätzlich seine Lehre als konform mit dem Neuen Testament, und hier vor allem mit dem Johannes-Evangelium, verstanden wissen. Ganz besonderes Augenmerk legt er auf die Trennung zwischen der Schöpfung Jesu vor aller Welt, gewissermaßen als Beginn aller Schöpfung überhaupt und der Fleischwerdung Jesu. Hier trenne das Neue Testament nicht genügend, warum es zu den Häresien im Laufe der Geschichte des Christentums gekommen sei.

Person ist, was sich in einer Natur als individueller Geist offenbart. Eine Person wählt also selbständig aus der Palette an möglichen Eigenschaften diejenigen aus, die für es konstitutiv sind. Mit diesen identifiziert sie sich. Natürlich muss zwischen marginalen, akzidentiellen Eigenschaften (beim Menschen Husten, Schwitzen etc.) und konstitutiven unterschieden werden. Letztere sind vor allem anhand der Handlungen einzusehen. Auch Gottes Personsein wird anhand seiner Taten einsichtig. Dabei braucht jede Person dreierlei: erstens eine sie umgebende Natur, zweitens eine Position, die zwischen sich selbst und der Natur steht und drittens ein Selbstbewusstsein, d.h. ein Bewusstsein von seinem Selbstsein. Persönlichkeit ist demnach eine individuelle Natur, die denkt oder Bewusstsein von sich hat. Wenn Gott sich also von anderem abgrenzen will, muss er im Sinne seines Personseins ein persönliches Bewusstsein entwickeln. Aus der Unendlichkeit muss eine Endlichkeit, aus der Allgemeinheit eine Besonderheit werden. Diese Notwendigkeit zur Abgrenzung ist auch der Grund dafür, dass Gott nur als trinitarisch verfasst gedacht werden kann. Das Persönlichkeitsprinzip besagt, dass eine Person durch seine von anderen abgehobene Selbstheit zu dem wird, was es ist. Auf Gott angewendet heißt das: Gott muss eine eigene individuelle Existenz besitzen. Es muss also neben dem Existenzprinzip, das Gott zum „Wesen aller Wesen“ macht, noch ein anderes, nämlich den Grund, geben, wodurch Gott ein besonders individuelles Wesen wird, nämlich das Individualprinzip.

Für den Schellingschen Personenbegriff sind demnach Selbstbestimmung und strukturelle Einheit konstitutiv. Wenn Gott eine eigene Persönlichkeit sein will, bedarf er eines von ihm selbst unterschiedenen Grundes in ihm. Schelling unterscheidet ja tatsächlich im Rahmen seiner Prinzipienlehre zwischen dem Ungrund als dem unvordenklichen völlig indifferenten Absoluten und der Dualität aus Existenz und Grund, die als Seinsprinzipien Gottes fungieren. Diese beiden sind auch wesentlich für die Sohnzeugung, die nun thematisiert werden soll.

2.3 Die gottimmanente Zeugung des Sohnes

Um Christus und dessen Rolle zu verstehen, muss man an den Ursprung zurückgehen, denn Christus reicht bis hin zum Anfang zurück. Gott ist einer und doch mehrere Personen – wie geht das zusammen? Die Einheit Gottes ist also nichts Selbstverständliches. Die Einzigartigkeit Gottes beruht auf einem Willen, der nie aufhört zu wollen; dabei ist Vater der Anfang, der Sohn der immer Vermittelnde und der Geist das ewige Ende (vgl. UF 146). Denkt man die Trinität vor dem Hintergrund der Einheit, dann überbrückt man die Differenz zwischen abstrakter und ökonomischer Gotteslehre bzw. von „de deo uno“ und „de verbo incarnato.“ (vgl. UF 147). Die Trinitätslehre expliziert dadurch die Selbstdifferenzierung Gottes, was Gegenstand der Christologie ist. Von einem undifferenzierten Absoluten lässt sich kein Anfang nehmen, weil man die Selbstdifferenzierung Gottes nicht einsichtig machen lassen könnte. Die Ungeheuerlichkeit und Radikalität von Schelling besteht gerade darin, mittels der Christologie die trinitarische Dimension des einheitlichen Gottes des Neuen und Alten Testaments zu denken.

[...]


[1] Zu beiden siehe Ch. Danz, Die philosophische Christologie F.W.J. Schellings, Stuttgart 1996, S. 11.

[2] Ebd., S. 12 A. 11. C. Schlegel prägte dieses Wort nach dem Eintreffen Schellings in den Jenaer Kreis.

[3] Schelling, Briefe und Dokumente, II, S. 65. Vgl. auch Ch. Danz, Christologie, S. 147 ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Schellings "Philosophie der Offenbarung": Vorlesungen 24 – 27
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Philosophie des deutschen Idealismus
Note
2.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V202567
ISBN (eBook)
9783656288749
ISBN (Buch)
9783656290612
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutscher Idealismus, Schelling, Christologie
Arbeit zitieren
Agnes Thiel (Autor), 2007, Schellings "Philosophie der Offenbarung": Vorlesungen 24 – 27, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202567

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