Holy Ghost 2.0 - Neo-charismatische Bewegungen im Internetzeitalter am Beispiel der Christ Embassy, Nigeria


Bachelorarbeit, 2012
37 Seiten

Leseprobe

Inhalt

I. Einführung

II. Pentecostal Churches in Westafrika
II.1 „Afrikanisches Christentum“ und neo-charismatische Bewegungen
II.2 Entstehung der neo-charismatischen Strömungen in Nigeria
II.3 Popularität

III. Medien
III.1. Entwicklung der Medienlandschaft Nigerias

IV. Das Seelenheil in der virtuellen Welt
IV.1 Christ Embassy, Nigeria
IV.2 Pastor Chris im Web 2.0
IV.2.1 Yookos

V. Der Einfluss des Internets auf das reale Gemeindeleben
V.1 Konventionelle Internetseiten
V.2 Soziale Netzwerke

VI. Konklusion

VII. Anhang

VIII. Bibliografie
VIII.1 Abbildungsverzeichnis
VIII.2 Literaturverzeichnis
VIII.3 Internetquellen

I. Einführung

Über die Grenzen von Nationalität und Ethnizität hinaus agieren pentekostale Bewegungen schon seit Jahrzehnten mit Hilfe von Fernsehsendungen und Radioshows in einem transnatio­nalen, globalen Rahmen. Seit Beginn der 90er-Jahre etablierte sich jedoch ein neues, digitales Medium zunehmend als globale Verbreitungsmöglichkeit von Informationen: das Internet. Unabhängig von Kosten für Sendezeiten und politischen Beschränkungen kann jeder zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt Informationen empfangen und verbreiten. Den letzten Schätzungen von Internet World Stats zufolge hatten 2011 allein in Europa 61,3%[1] der Gesamtbevölkerung Zugang zum World Wide Web. Die Zahlen für Afrika stiegen in den letzten zehn Jahren von rund 4,5 Mio. Nutzern im Jahr 2000 auf ca. 139.875 Mio. im Jahr 2011, d.h. auf 13,5% der Gesamtbevölkerung des Kontinents.[2]

„The Holy Ghost travels well on the Internet“[3] – was schon für Fernsehen, Radio und Printme­dien galt, gilt auch für die neuen digitalen Medien. Zunehmend verlegen pentekostale Denomi­nationen ihre Aktivitäten ins World Wide Web – die meisten betreiben schon seit Jahren eigene Webseiten, sind auf Videoportalen wie beispielsweise YouTube oder in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter vertreten. Neben der Redeemed Christian Church of God ist die Christ Embassy eine der einfluss­reichsten und finanz­kräftigsten neo-charismatischen Denominationen Nigerias. Sie unterhält zahlreiche Auftritte im Internet, ist in den global bedeutendsten Netz­werken vertreten und gründete verschiedene soziale Netzwerke, von denen Yookos, was im Januar 2011 rund 6Mio. Nutzer zählte, das wohl erfolgreichste ist.[4]

Nigeria ist sowohl im Hinblick auf die Entwicklung der Medienlandschaft wie auch im Hinblick auf die Entwicklung der Religionslandschaft ein Sonderfall. In kaum einem anderen afrikanischen Land entwickelte sich eine solch freie und vielfältige Medienkultur. Gleichermaßen pluralisierte sich aber auch die Religionsgemeinschaft. Veränderungen, die im Zusammenhang mit Medien und Religion die lokalen Sozialstrukturen beeinflussten, wurden in den Arbeiten von Matthews Ojo (1988, 1995, 2005, 2008), Ruth Marshall-Fratani (1998), Rosalind Hackett (1998) und Asonzeh Ukah (2003) untersucht. Einen besonderen Fokus auf die Rolle der Medien legen hierbei die Arbeiten von Marshall-Fratani, Hackett und Ukah.[5] Aufbauend auf deren Betrachtungen traditioneller Medien wie Radio, Fernsehen und der stark florierenden und Einfluss nehmenden Produktion von Videofilmen, soll in der vorliegenden Arbeit ein erster Ansatz unternommen werden am Beispiel der Christ Embassy in Nigeria zu zeigen, auf welche Weise und zu welchem Zweck die neuen, digitalen Medien wie das Internet genutzt werden und wie präsent diese im Alltag der lokalen Gesellschaft sind. Darüber hinaus wird ein erster Ausblick gegeben, welchen Einfluss das Internet auf die lokalen Sozialstrukturen der Gemeinde hat. Inwieweit ergänzen oder ersetzen die virtuellen Gemein­schaften die reale Gemeinde? Wie funktioniert der öffent­liche Raum „Internet“ im Hinblick auf Religion? Welche Veränderungen bringt die „Digitalisierung“ der Religion für die Gemeinschaft und das Individuum mit sich?

Bei allen Veränderungen in einer Gesellschaft handelt es sich immer um langsame und sehr komplexe Prozesse. Aufgrund dessen ist es für diese Arbeit unerlässlich sowohl die Entwick­lung und Entstehung der neo-charismatischen Bewegung in Nigeria wie auch die Entwicklung der dortigen Medienlandschaft mit zu berücksichtigen. Auch der Begriff „neo-charismatisch“, der in anderen Arbeiten oftmals analog zu „pentekostal“ gebraucht wird, soll hier differenziert verwendet werden. Daher wird kurz auf die Entstehung der Pfingst­bewegung in Afrika und dann im Speziellen auf die Entstehung der neo-charismatischen Bewegung in Nigeria eingegangen. Im Anschluss werden, im Hin­blick auf den Medienbegriff im Allgemeinen, einige Überlegungen zur grundsätzlichen Beziehung zwischen Medien und Religion angestellt – auch im Hinblick auf Personalität und Öffentlichkeit. Besonders nach Lockerung der Mediengesetze 1992, bereits einige Jahre vor Ende der Militärdiktatur im Jahr 1999, kam es zu einer explosionsartigen Pluralisierung der Religionsgemeinschaften. Welche Rolle das Internet für eine weitere Transnatio­nalisierung der einzelnen Denominationen spielt, soll schließlich am Beispiel der Christ Embassy gezeigt werden.. Wo durch TV-Evangelismus und Radioshows in den letzten Jahrzehnten das Gefühl einer länderübergreifend vernetzten Gemeinschaft und persönlicher Anteilnahme und Hilfestellung vermittelt wurde, wird dieser Eindruck in sozialen Netzwerken noch weiter verstärkt. Deshalb wird im letzten Teil der Arbeit versucht über einen Vergleich global etablierter Netzwerke wie Facebook und Twitter eine Prognose für das afrika-orientierte Netzwerk Yookos zu geben.

II. Pentecostal Churches in Westafrika

Gerade in Europa zeigen sich die großen Kirchen über sinkende Mitgliederzahlen besorgt. Aktuellen Statistiken zufolge bildet beispielsweise in Deutschland die Katholische Kirche mit rund 30%[6] die größte Gruppe unter den Religionsgemeinschaften, direkt gefolgt von der Evan­gelischen Kirche mit ca. 29%[7] . Insgesamt sind der Religionszugehörigkeit nach in Deutschland 62% der Bevölkerung Christen wogegen Schätzungen zufolge der Anteil der Muslime nur bei 3-5% liegt.[8] Der Anteil der konfessionslosen Menschen wird auf ca. 33-35% geschätzt. Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz sanken die Besucher­zahlen der sonntäglichen Messe allein in Deutschland von rund 6 Mio. im Jahr 1990 auf knapp 3 Mio. im vergangenen Jahr (2011).[9] Auch in anderen Bereichen des kirch­lichen Le­bens geht die Beteiligung der Gemeinde­mitglieder stark zurück. So sanken unter ander­em die Anzahl der Taufen von 293.390 im Jahr 1990 auf 170.339 im Jahr 2010; ebenso gingen die kirchlichen Trauungen stark zurück – waren es Ende der 80er-Jahre noch 110.000 Paare, belief sich die Zahl im vergangenen Jahr auf nur noch 48.524.[10] Diese kontinuierliche Tendenz spiegelt sich auch in den Kirchenaustritten wider, die im Vergleich zu den Wieder- bzw. Neu­ein­tritten um 46% höher lagen als noch vor gut zehn Jahren. Von diesem Negativtrend ist jedoch nicht nur die Katholische Kirche, sondern auch die EKD, die Evan­gelische Kirche in Deutschland, stark betroffen. Auch hier nimmt die Zahl der Mitglieder konti­nuier­lich um rund 0,3% pro Jahr ab.[11]

Der viel propagierte und gefürchtete „Abfall von der Religion“, der gerade in Mittel- und Westeuropa von den großen Kirchen viel thematisiert wird und sich auch in Zahlen belegen lässt, ist jedoch keineswegs ein globales Phänomen. Wenn man den Blick nach Ost­europa, Nord- und Südamerika oder Afrika wendet, stellt man fest, dass die einzelnen Konfes­sionen und Denomi­nationen hier einen kontinuierlichen und teils sehr starken Zulauf erfahren. Statis­tiken aus den 1980er-Jahren zufolge wurde der Anteil der christlichen Weltbevölkerung auf ca. 30% für das Jahr 2000 geschätzt, wovon wiederum 27,7% den evangelikalen oder charisma­tischen Erneuer­ungsbewegungen sowie der Pfingstbewegung im Allgemeinen zuzurechnen sind.[12] Für den afrikanischen Kontinent geben die Statis­tiken der „World Christian Encyclopedia“ die christliche Bevölkerung Afrikas 1965 mit rund 75 Millionen Menschen an,[13] für das Jahr 2005 wird jedoch von rund 389 Millionen Christen in Afrika ausgegangen.[14] Hofer[15] spricht, ausgehend von derselben Quelle von einer globalen Nord-Süd-Verschiebung des Christentums im Allgemeinen, die sich in Afrika mit einer Zuwachsrate von 2,15% und im gesamten Europa mit einem Negativ­trend von 0,17% manifestiert.

Diese enormen Zuwachsraten sind vor allem bei den sog. Pentecostal Churches[16] zu beo­bachten.[17] Entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA, entwickelte sich die Pfingstbewegung – zu der sich nach Martin rund eine viertel Milliarde Anhänger zählen –zur größten christlichen Orientierung neben der Katholischen Kirche, mit ständig steigen­den Mitglieder­zahlen.[18] Unter dem Begriff „Pfingstbewegung“ werden zahlreiche Denomina­tionen zusammengefasst. Was ihre Entstehung anbelangt, welche für diese Arbeit nur eine nebensächliche Rolle spielt, soll an dieser Stelle auf die Arbeiten von Hollenweger verwiesen werden. In seinem Buch „Charismatisch-pfingstlerisches Christentum“ diskutiert er unter anderem die Wurzeln der Bewegung[19] und deren Vorreiter William J. Seymour und Charles F. Parham.[20] Mit der Azusa-Street-Mission benennt er einen der Ursprungsorte des „Pfingst­lertums“ wie es sich in seinen Grundzügen bis heute bewahrt hat. Bis 1931 kamen hier Menschen aus aller Welt zusammen und es entwickelte sich eine stetig wachsende Gemeinde, die die bis heute charak­teristischen äußeren Merkmale pentekostaler Denominationen aufwies.

Auch die Lehre der einzelnen Kirchen und Glaubensgemeinschaften ist variabel, aber dennoch lassen sich Elemente, die allen gemeinsam sind, benennen, und machen es so möglich, die unzähligen Denominationen unter dem Begriff „Pfingstbewegung“ zusammenzufassen. Eine besondere Rolle spielt neben gemeinsamen dogmatischen Elementen die von Seymour als „Kommunikationskategorien“[21] bezeichnete, münd­liche Struktur. Auch wenn sich alle Denomi­nationen auf das Neue Testament als dogmatische Grundlage berufen, steht die Oralität in Form von Predigt und direkter Kommunikation im Mittelpunkt.

Das zentrale dogmatische Element ist der Heilige Geist. Anhänger der Pfingstbewe­gung defi­nieren sich grundlegend über eine persönlich erfahrene Präsenz des Heiligen Geis­tes, wie sie im Neuen Testament in der Apostelgeschichte 2,4 beschrieben wird. Das Wirken des Heiligen Geistes insbesondere durch die Geisttaufe, Glossolalie, Heilung, Träume und Visionen, steht im Mittel­punkt des Gemeindelebens. Dieses verläuft in der Regel auf zwei Ebenen, zum einen auf einer lokalen und zum anderen auf einer transnationalen. Neben großen, als Massenveranstaltungen angelegten Gottesdiensten, die publikumswirksam mit Musik und Showeinlagen inszeniert und von charismatischen Predigern – die teilweise mehrere Millionen Menschen auf nationaler und interna­tionaler Ebene zusammenbringen – begleitet werden, bilden Hauskreise die lokale Ebene der Pfingstbewegung. Sie sind die Ursprungsorte der einzelnen Denominationen und dort spielen Bibelstudium, theologische Gespräche und das Gemeindeleben vor Ort die Hauptrolle.[22]

Ein Gläubiger, der die Geisttaufe erfahren hat, bezeichnet sich in der Regel als born again. Diese spirituelle Wiedergeburt wird jedoch nicht nur als persönliche Erfahrung, son­dern auch als Verantwortung verstanden. Nach dem Verständnis der Pfingstbewegung erhält der Einzelne mit der Geisttaufe die Befähigung und Aufgabe, selbst aktiv Menschen an den Glauben heranzuführen und ganz nach dem Vorbild der sog. „120“ (Apg 1,15) zu missionieren. Der Missionsgedanke und damit auch ein Streben nach Transnationalität bis hin zur Globalität nimmt eine ganz besondere Rolle im Gemeindeleben ein. So ist es beispielsweise ein durchaus weitverbreitetes Ziel vieler afrikanischer Kirchen, in der westlichen Welt erfolgreich Missions­stationen einzurichten.

Ein weiteres Charakteristikum ist neben dem ausgeprägten Missionierungsgedanken der prosperity gospel, das sogenannte Wohlstandsevangelium. Die Erfahrung der Geisttaufe wird nicht nur als Befähigung zur Lehre verstanden, sondern auch als Versprechen, das Leben in sozialem und finanziellem Wohlstand zu verbringen. Dies gilt als sichtbarer Beweis der Gunst Gottes, welche als vorherbestimmt gilt und dem Verständnis vieler Deno­mi­nationen nach durch Gebete und Verdienste an der Gemeinde verstärkt bzw. vergrößert werden kann. Dieser Gedanke vom Wohlstandsevangelium, der stark an evangeli­kale „Mittelstandskirchen“[23] erinnert, verbreitete sich zunächst in Nordamerika und Europa sehr schnell innerhalb der Pfingst­bewegung. Teilweise tritt er sogar gänzlich in den Vordergrund. Im Allgemeinen zeichnen sich pentekostale Denominationen, vor allem im nordamerikanisch­en und west-europäischen Raum, besonders durch effektive Finanzierungsprogramme und eine durchorganisierte Bürokratie aus, wobei spirituelle Elemente wie Glos­so­lalie und Hei­lung tendenziell eher abgelehnt werden.

II.1 „Afrikanisches Christentum“ und die neo-charismatische Bewegung

In Afrika zeichneten sich schon zu Beginn der Kolonialisierung deutliche Unterschiede in der Entwicklung der religiösen Landschaften in den einzelnen Ländern ab. Mit Zunahme der wirt­schaftlichen und territorialen Interessen der Europäer und der damit verbundenen Koloniali­sierung wurde auch das Christentum verstärkt nach Afrika getragen. Wo beispielsweise unter französischer Herrschaft die französischen Verwaltungsformen eingeführt wurden und diese Politik gerade auch im Hinblick auf die missionarischen Bemühungen der großen Konfessio­nen eine Rolle spielten, setzte man in den britischen Kolonien auf die indirect rule – klas­sische Herrschaftsformen wurden nach Möglichkeit bis zu einem gewissen Grad ins Commonwealth integriert und so unterschieden sich auch die missionarischen Bemühungen deutlich von denen in den französisch oder aber auch portugiesisch besetzten Gebieten. Je nach Herkunft der Missionskirche stand man der Entwicklung anderer Denominationen mehr oder weniger offen gegenüber. Pentekostale Einflüsse verbreiteten sich ganz nach politischer Situation, aber auch abhängig von der Konkurrenz christlicher Konfessionen untereinander (bzw. mit dem Islam), unterschiedlich schnell. Beispielsweise breitete sich die neo-charismatische Bewegung Nigerias erst in den 1980er- und 1990er-Jahren in die franko­phonen Nachbarländer aus. Generell förderten zudem eine verbesserte Infrastruktur, neue Kommu­nikationstechniken und die wirt­schaftliche Öffnung der Region die Ausbreitung und Vernetzung religiöser Gemeinschaften innerhalb des Kontinents.[24] Die Entwicklungen in den einzelnen Län­dern sind jedoch, trotz einer grundlegenden Differenzierung in beispielsweise frankophon und anglophon oder in bestimmte Regionen wie z.B. Westafrika, so vielfältig und von unzähligen regi­onalen politischen und sozialen Faktoren abhängig, dass es nahezu unmöglich ist, von einem „afrikanischen Christentum“ zu sprechen. Demzufolge lassen sich nur wenige allgemeingültige Aussagen treffen.

Ausgehend von der Annahme eines christlichen, religiösen Kontinuums kann man aber festhalten, dass sich aus den Bemühungen einzelner Missionare und den ihnen folgenden Missions­gesell­schaften auf der einen Seite lokale Missionskirchen entwickelten, und diesen gegenüber als Gegen­pol die sog. African Independent Churches entstanden . Diese afrika­nischen Kirchen wurden in Abgrenzung zu den protestantischen, methodistischen, anglika­nischen oder adventistischen Missionskirchen gegründet und vereinen traditionell christliche Elemente mit afrikanischen Traditionen und lokalen, religiösen Elementen. Es gibt allerdings verschiedene Interpreta­tions­ansätze hinsichtlich der Entstehung der African Independent Churches, so werden sie teilweise als Reaktion auf die Dominanz der „Weißen“ interpretiert[25] oder aber als Betonung der indigenen religiösen Kreativität verstanden[26] . Unbestreitbar hatte ihre Entstehung auch mit dem Streben nach politischer, sozialer und religiöser Autonomie zu tun. Zwischen den beiden Polen dieses Kontinuums finden sich bei synchroner Betrachtung noch viele weitere Mischformen. Hierzu sind auch die evangelikalen sowie die pentekostalen Bewegungen innerhalb der großen Konfessionen zu zählen. Viele der heute existenten Denominationen sind Mischformen, die entweder aus ehe­maligen Missionskirchen entstanden oder sich aus unabhängigen afrikanischen Kirchen ent­wickelten.

Einhergehend mit einer Pluralisierung des Christentums nach den Unabhängigkeiten veränderte sich auch dessen Präsenz im öffentlichen Raum. Insbesondere Nigeria nimmt hierbei einen Sonder­status ein. In kaum einem anderen afrikanischen Land entwickelte sich eine solch freie und viel­fältige religiöse Kultur.

II.2 Die Entstehung der neo-charismatischen Bewegung in Nigeria

Eine besondere Ausprägung der Pfingstbewegung ist die neo-charismatische Bewegung. Sie entstand Mitte der 1970er-Jahre und erfährt aktuell die wohl größte Ausbreitung und den größten Zulauf weltweit. Besonders die nigerianischen Denominationen gehören zu den frühesten und dynamischsten des Kontinents.[27] Auf Grundlage der neutestamentarischen biblischen Botschaft stellt die neo-charismatische Bewegung eine Erneuerungs­bewegung dar, deren Schwerpunkt auf Heils­versprechen liegt. Im Grunde spielen vier ver­schiedene Heilsaspekte die Hauptrolle. Neben der physischen Heilung körperlicher Gebrechen aller Art thematisiert die neo-charisma­tische Bewegung auch den Schutz vor dämo­nischen Angriffen und die Heilung von Besessenheit. Auch Lebenskrisen werden als „heilbar“ betrachtet, denn einer der herausragenden Aspekte ist das Versprechen von „Success and Prosperity“[28] . Allerdings steht nicht ausschließlich das Wohl des Einzelnen im Mittel­punkt, auch die Lösung nationaler sozio-ökonomischer oder auch politischer Probleme versteht die neo-charismatische Bewegung als mit Hilfe des Glaubens und der Gemeinschaft lösbare Schwierigkeiten.

Somit besteht die neo-charismatische Bewegung also aus Gemeinschaften, welche die Evange­lisation in Zusammenhang mit Entwicklungskonzepten bringen, die sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft betreffen. Fortschritt und Entwicklung sind Kernge­danken und damit einhergehend ein starker Missionierungswille, beziehungsweise ein starker Drang nach Trans­nationalität und Globalität.

Einhergehend mit den Demokratisierungswellen in den 1980-er und 1990er-Jahren nahm die Präsenz vieler Kirchen im öffentlichen Raum stark zu. Gerade in Nigeria entwickelte sich die religiöse Landschaft des Landes durchaus früher und differenzierter als in den Nachbarländern. Die einzelnen Denominationen und Konfessionen des Landes sind annähernd in gleichem Maße vertreten, man geht von einer Verteilung in 49% Christen, 45% Muslime und 6% traditionelle afrikanische Religionen[29] aus.[30] Etwa 40 Jahre nach den ersten christlichen Missionierungs­bestrebungen, die um 1840 begannen, wurden in Zusammenhang mit dem Aufkommen des afrikanischen Nationalismus auch Stimmen in den Kirchen laut, die gegen die Fremdbe­stimmung durch westliche Missionare und für mehr nigerianische Führungskräfte in diesen plä­dierten. Diese Spannungen führten 1888 zum Schisma von Lagos, im Zuge dessen aus einer baptistischen Separationsbewegung die erste unabhängige, baptistische Kirche afrika­nischen Ursprungs hervorging; die Native Baptist Church.[31]

[...]


[1] Siehe World Internet Stats: http://www.internetworldstats.com/stats.htm, (letzter Zugriff am 27.07.2012).

[2] Siehe ebd.: http://www.internetworldstats.com/stats1.htm, (letzter Zugriff am 27.07.2012).

[3] Telefon-Interview mit Pastor Benny Agbo aus Abuja, Nigeria am 18.05.2012.

[4] Nach eigenen Angaben der Netzwerkbetreiber.

[5] Vgl. UKAH 2005: 285.

[6] Vgl. Deutsche Bischofskonferenz 2011: 6.

[7] Vgl. Kirchenamt der EKD 2011: 4.

[8] Vgl. Bundesministerium des Inneren 2009.

[9] Vgl. Deutsche Bischofskonferenz 2011: 17.

[10] Vgl. ebd.: 14f.

[11] Vgl. Kirchenamt der EKD 2011: 12.

[12] Vgl. Burgess et al. 1988: 287.

[13] Vgl. Maxwell 2004: 402.

[14] Vgl. Johnson, Crossing und Ryu 2004: 8.

[15] Vgl. Hofer 2006: 164.

[16] Unter Pentecostal Churches werden alle christlichen Strömungen zusammengefasst, die sich unter dem Begriff „Pfingstbewegung“ (oder Pentecostalism) der christlichen Erneuerungsbewegung zuordnen lassen. Siehe hierzu Hollenweger (1997). In dieser Arbeit wird der deutsche Terminus „Pfingstbewegung“ und analog dazu der Begriff „pentekostal“ verwendet.

[17] Allerdings nahm gerade nach den Unabhängigkeiten auch die Zahl der Muslime stark zu. Mittlerweile streben muslimische Organisationen z.B. in Nordnigeria oder Ghana ebenfalls nach medialer Aufmerksamkeit. Vgl. hierzu den Beitrag von De Witte (2010).

[18] Vgl. Martin 2002: Preface.

[19] Vgl. Hollenweger 1997: 32ff.

[20] Was Hollenweger als „charismatisch-pfingstlerisches“ Christentum bezeichnet, wird in dieser Arbeit bewusst als „Pfingstbewegung“ bezeichnet, da der Begriff „charismatisch“ für die wesentlich jüngere Teilbewegung der neo-charismatischen Pfingstbewegung verwendet wird.

[21] Hollenweger 1997: 32ff.

[22] Martin 2002: Preface; 135f.

[23] Hollenweger 1997: 33.

[24] Vgl. Ojo 2008: 167f.

[25] Vgl. Mary 2008: 11f.

[26] Vgl. Adogame und Jafta 2005: 310f.

[27] Vgl. Ojo 1995: 114.

[28] Ojo 1995: 116.

[29] Unter „traditionelle afrikanische Religion“ werden hier religiöse Gemeinschaften verstanden, die sich nicht am Christentum oder dem Islam orientieren.

[30] Vgl. Ojo 1995: 114.

[31] Vgl. King 1986: 2.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Holy Ghost 2.0 - Neo-charismatische Bewegungen im Internetzeitalter am Beispiel der Christ Embassy, Nigeria
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Sprachen und Kulturen Afrikas)
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V202717
ISBN (eBook)
9783656291022
ISBN (Buch)
9783656294597
Dateigröße
717 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christ Embassy, Pfingstkirche, Pentecostal, Soziale Netzwerke, Yookos, Nigeria, Medien
Arbeit zitieren
Svenja Heneka (Autor), 2012, Holy Ghost 2.0 - Neo-charismatische Bewegungen im Internetzeitalter am Beispiel der Christ Embassy, Nigeria, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202717

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